Zwischen Hut und fliegendem Haar

Am späten Nachmittag fahre ich zurück zu Schwesterchen. Warm ist es und müde bin ich und so sehe ich das Paar erst als ich nach der Wasserflasche in der ewig großen Tasche suche und dann sehe ich sie doch. Ein Mann und ein Frau sitzen mir genau gegenüber. Anfang Dreißig vielleicht. Er trägt eine dunkelblaue Leinenhose, ein weißes Jackett mit marineblauer Krawatte, ein sorgfältig vernachlässigter Bart und auf dem Kopf ein Hut wie Humphrey Bogart. Seine Freundin hat ein luftiges Sommerkleid an: dunkelblau-grau und auf dem fliegenden Rock Blumenornamente, Lilien und Rosen und ich glaube auch Margariten. Auch sie trägt einen Hut, breitkrempig, wenn auch ohne Schleife. Hutgesichter wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall haben sie beide nicht, aber sie beide sind Menschen, die einen Hut tragen, weil man eben ein Hut trägt, denn ganz sicher sind die beiden zu einem Sommerfest im Garten der Eltern oder Schwiegereltern eingeladen und sicher wäre es akzeptabler ohne Unterwäsche als ohne Hut zu erscheinen. Der Mann seufzt und sieht auf sein Telefon. Seine Freundin aber zieht sich mit langsamen Bewegungen die Lippen nach. Fuchsiarot. Ihr Freund will sie dabei auf die Nasenspitze küssen, aber das kommt nicht gut an, sondern sie dreht den Kopf hastig weg und schlägt ihm auf die Hand. Er wird rot. Ein Hut, aber das sage ich ihm nicht, reicht noch nicht um dort dazu zugehören, wo noch der bitterste Scheidungskrieg nicht anders als mit einer hochgezogenen Augenbraue begonnen wird. Unterdessen aber, die Frau besieht ihr Gesicht in einem kleinen Perlmuttspiegel, steigen zwei Frauen zu. Sie sind, es lässt sich nicht überhören Cousinen. Sie haben wasserstoffblonde Haare und einen Hut tragen sie nicht. Dafür hat die eine der Beiden, einen Overall mit aufgedruckten Ananassen an und die andere ein weißes Kleid mit pinken Blumen. Auch sie wollen zu einem Sommerfest und sie kichern aufgeregt, denn Overall und Kleid haben ein gewaltiges Dekolleté und die beiden Cousinen zupfen am Stoff herum und überlegen ob wohl John oder Jake sie zum Tanzen auffordert und mit dem Telefon machen sie Bilder und lustige Kussmünder dazu. Sie lachen und eine der beiden Cousinen knufft die andere in die Seite und ruft: „Ich freu mich so.“ Dann lachen die beiden Cousinen und versichern sich gegenseitig, dass John und Jake auf jeden Fall heute Abend geküsst werden müssen. Die Frau mit Hut aber, die inzwischen perfekt nachgezeichnete Lippen hat, sieht mit angewidertem Blick zu den beiden Frauen neben ihr hinüber. „Geschmeiss“, sagt ihr Blick und dann rümpft sie das porzellanfarbene Näschen um ihre Gemütslage erst noch zu unterstreichen. Dann beugt sie sich zu ihrem Freund vor und macht eine abschätzige Bemerkung, vermutlich über die hergezeigten Brüste oder die falsche Bräune auf den Beinen und ihr Freund, der doch eben noch versuchte ihre Nasenspitze zum Leben zu erwecken, nimmt den Faden auf und auch er versucht ein überheblich, herablassendes Kichern und hämisches Gackern, doch seine verzogene Augenbraue gelingt nur fast: zu fröhlich sind die Frauen, zu schön ihre Brüste und die Cousinen haben zu dem sehr lange Beine und bonbonfarbene Nägel. Die Frau mit Hut aber macht den Rücken steif und tupft sich einen Hauch Parfum hinter die Ohren. Ihr Blick bohrt sich in den Fußboden und die beiden Frauen eben ihr sind nicht einmal mehr Luft. Ihr Freund dreht den Hut in den Händen und will ihr etwas Witziges auf dem Telefon zeigen, doch sie verzieht nur ein ganz klein wenig die Oberlippe. Er küsst sie auf die Schulter und sie schnipst den Kuss auf den Fussboden da bleibt er liegen. Die beiden Cousinen stehen auf, zupfen sich spärlich Stoff zurück, wirbeln sich durch die Haare, kichern und stöckeln auf irrsinnig hohen Schuhen der U-Bahn Tür zu. Die Frau mit Hut kramt wieder in einem Täschchen. Ihr Freund sieht den beiden Cousinen ein bisschen zu lang hinterher. „Laufen Sie“, will ich ihm zurufen, laufen Sie, die beiden Frauen sind wunderbar. Die beiden Frauen mögen chinesische Glückssymbole auf dem Knöchel tragen, aber die beiden Frauen die kennen das leben und halten es trotzdem aus, und immer noch können sie lachen. Die Träume sind den beiden Cousinen noch nicht abhanden gekommen und die beiden Frauen können einen tropfenden Wasserhahn reparieren und Plastikfingernägel wieder ankleben. Diese Frauen tragen ihr Herz auf der Zunge und haben es nicht unter leeren Formeln begraben. Diese Frauen sind öfter ausgelacht worden, als wir beide zusammen und strahlen noch immer. Diese beiden Frauen sind lebenspraktisch und diese Frauen haben starke Hände, einen echten Rücken und gegen Windmühlen haben die beiden bestimmt schon mehr als einmal gekämpft. Aber schon schließen sich die Türen wieder und der Mann bleibt zurück, mit dem nun etwas zerknautschten Hut in den Händen. Sogleich rügt seine Freundin ihn und er setzt sich den Hut wieder auf. Sie sieht erleichtert auf und rümpft noch einmal die Nase. Wieder steht der Zug, wieder öffnen sich Türen, ihr Freund bekommt Schultertuch und Bolerojäckchen überreicht, sie steht auf und er geht ihr nach. Die Türen öffnen sich und auf dem Bahnhof steht eine Frau, dreißig Jahre älter als sie aber unverkennbar ihre Mutter. Die gleiche Haltung, und auch fast dasselbe Kleid. Sie küsst ihre Tochter auf die Wangen, ihr Freund erhält immerhin zwei Luftküsse und zwei weitere Taschen. Dann fährt der Zug weiter und ich mache noch einmal die Augen zu und höre von fern die beiden Cousinen laut und herzlich lachen.

14 thoughts on “Zwischen Hut und fliegendem Haar

    • Bestimmt! Ich sehe nur im Moment viele der kühlen, vernünftigen Ehen in meinem Freundeskreis zersplittern und vielleicht gilt es manchmal doch etwas zu riskieren?

  1. So eine schöne Geschichte über das Leben und die Menschen mit und ohne Herz.
    Die Cousinen erinnern mich an C., einer Nachbarin. Die sehr gebildetet Umgebung gab nur Verächtliches von sich. Nein, klug im eigentlichen Sinne war sie nicht, kannte aber das Leben und hatte ein Herz wie ein Bergwerk. Manchmal kam sie verzweifelt vorbei, wenn sie etwas nicht konnte, oder brachte mir Essen, wenn ich krank war. Ab und an brachte sie auch das Baby, wenn sie es nicht mehr aushielt, wenn es schrie. Und später kam das kleine Mädchen von selbst herangewackelt. C. wusste, wie man sich gerade so über Wasser hãlt und doch Mensch bleibt.
    Ach, eines Tages zog sie weg, keiner wusste wohin.
    Danke für’s Erinnern.

  2. Schön geschrieben. Wie wäre es wenn Sie die gleiche Begegnung aus Sicht der Frau mit Hut schreiben? Dann wäre ihr Verhalten wahrscheinlich völlig normal und die Cousinen wären White Trash. 🙂

  3. @guinness

    Wir Leser/innen des Fräuleins schätzen doch vor allem ihre Sicht der Dinge.
    Dass „das Sein das Bewusstsein bestimmt“ ist doch jedem klar, oder?

  4. Hut, alleine das Wort ist so vielschichtig. Behütet sein bedeutet, dass Menschen auf einen Acht geben oder gegeben haben. Dazu bedarf es nicht einmal eines Hutes. Auf der Hut sein, denn etwas Gefährliches lauert irgendwo. Etwas, das auch keinen Hut tragen muss, aber wohl könnte. Behutsam mit Jemanden oder Etwas umgehen. Mit dem Hut zum Beispiel, der für den nächsten Spaziergang, das nächste Event, sorgsam in der Hutschachtel verstaut wird. Und dann sorgen Hüte und Nichthüte für dieses feinen Geschichten, die aus deinen alltäglichen Beobachtungen entstehen. Davor ziehe ich meinen Hut! Ach, ich besitze ja gar keinen.
    Liebe Grüße,
    Elvira

  5. Cousinen hin oder her – die eigentlich entscheidende Frage lautet aber doch: Muss der Mann den Hut in der U-Bahn ablegen, oder darf er ihn aufbehalten?! Schließlich handelt es sich ja der Form nach bei einem U-Bahn Wagon um einen geschlossenen, überdachten Raum. Andererseits – in Abwesenheit von geeigneten Huthaken in den meisten modernen U-Bahnen: wohin mit dem guten Stück? Auf den Nachbarsitz legen, auf die Gefahr hin, dass er vom Hinterteil eines unachtsamen Zeitgenossen plattgedrückt wird? In den Händen halten (und gleichzeitig Pappkaffeebecher und Smartphone balancieren)? Auf den Schoß legen und die ganze Zeit die Oberschenkel dicht zusammenhalten, wie ein Konfirmant vor der Zulassung zum ersten Abendmahl? Die Diskriminierung Hut tragender Männer durch hinterhältige Raumausstatter, die aus purer Bosheit geschlossene, überdachte Räume ohne Huthaken erschaffen, müsste endlich mal öffentlich mit dem gebotenen Nachdruck thematisiert werden.

    Ich zähle auf Sie, Read On.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.