Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Die verehrte Frau Brüllen fragt an jedem 5. des Monats was man so macht und da in Irland Feiertag ist, kann ich endlich einmal mitmachen. Voilà, ein Tag im Leben des seltsamen Fräuleins:

Um 6 Uhr in der Früh falle ich nachtschichtmüde kopfüber ins Bett. Ich träume von einem spitzem Metallkegel, der kopfüber mitten im Garten steht und den ich hartnäckigzu erklimmen versuche. Daraus aber wird nichts, denn der riesige Kegel ist so glatt, dass ich wieder und wieder abrutsche und in das nasse Gras falle. Gerade als mir im Traum die Idee kommt doch eine Leiter an den Kegel heranzustellen, macht es RUMMS. Schlagartig bin ich wach. Nachdem im letzten Jahr bei einem heftigen Sturm die Schindeln vom Dach flogen, fürchte ich beständige Wiederholung. Mit wirren Haaren, dicken Wollsocken, einem ausgeleierten T-Shirt und pinken Hosen bekleidet, stürze ich die Treppe hinunter und kreische: „Das Dach, das Dach!“ Doch das Dach zuckt nicht einmal mit der Wimper.
In der Küche treffe ich dafür auf den Tierarzt. Vor ihm liegt der Karton mit der Küchenmaschine, die auf dem Flurschrank lagert. „Mädchen“ sagt der Tierarzt erschrocken „habe ich dich geweckt?“ „Tierarzt“ sage ich, „dieser Rumms hat selbst Neptun und seinen Hofstaat geweckt.“ Der Tierarzt sieht unglücklich auf den Karton zu seinen Füßen. „Mädchen“ sagt er, „ich bin verzweifelt“. „Gleich“, sage ich „Tierarzt, erst muss ich Zähne putzen.“ Die Uhr zeigt Elf. Ich putze mir die Zähne und während ich meinem Spiegelbild die Zunge herausstrecke, erinnere ich mich, dass ich doch am Freitag Cottage Cheese und Ananas gekauft habe und dies ein formidables Frühstück abgäbe. Ich stecke meinem Spiegelbild etwas vergnügter die Zunge heraus und ziehe mir etwas an.

Zurück in der Küche sitzt der Tierarzt mit verzweifeltem Gesicht am Küchentisch und rauft sich die Haare. „Read On“ ruft er „du musst mir helfen.“ Sagt der Tierarzt Read On zu mir, muss etwas wirklich Schwerwiegendes vorgefallen sein. „Ich finde den Zettel nicht mehr“, klagt der Tierarzt. Der Tierarzt müssen Sie wissen hält übermorgen einen Vortrag in Toronto und schreibt seit Tagen schon fluchend an seinem Vortrag. Nun hatte der Tierarzt also während ich schlief, einen Geistesblitz, einen Einfall dergestalter Natur, dass er diesen Gedanken auf ein gelbes Post-It notiert habe, um diesen ja nicht wieder zu vergessen. Dann habe er die Katze gefüttert und den Hund gekrault und als er sich umdrehte sei der Zettel verschwunden gewesen. „Ach was“, sage ich, „ein Zettel verschwindet nicht einfach so.“ Der Tierarzt greint. Dann suchen wir. Ich sehe in den Toaster und in den Ofen, ich durchwühle den Kühlschrank und hebe alle Teppiche an, ich sehe in den Schmutzwäschekorb und in die Kleiderschränke, der Tierarzt hebt alle Blumentöpfe an und durchwühlt die Besteckschublade, ich sortiere alle vortragsvorbereitenden Papierhaufen auf dem Küchentisch, der Tierarzt schüttelt alle Kissen auf, doch auch um 12 Uhr 30 bleibt der Post-It Zettel spurlos verschwunden. Der Tierarzt greint etwas von Weltformel, die er Unglücksrabe auf diesem Zettel notiert habe. Ich seufze, denn ich würde sehr gern Cottage Cheese mit Ananas essen und Milchkaffee trinken. Aber es hilft ja nichts, ich nehme einen Tritt und durchwühle draußen im Garten die Papiertonne. In der Papiertonne sind jedoch sehr viele, gelbe Post-It’s zu finden, denn ich notiere unter der Woche sehr viele, sehr banale Dinge und leider nie die Weltformel auf den Klebezetteln und grabe mich durch „ Buch abholen“, „Brief D.“, „Eier, Zucker, Mehl“ und das gleich bergeweise. Gerade als ich nach einem zusammengeknüllten Zettel taste, muss die faulste aller Katzen, die ganze Nachmittage verschläft zwischen meine Beine springen, ich verliere den Halt und falle kopfüber in die Papiertonne. Die Papiertonne kracht mit einem lauten „RUMMS“ nach hinten und der Deckel der Papiertonne knallt mir mit Schwung auf den Kopf. Der Tierarzt kommt aus dem Haus gelaufen: „Hast du den Zettel?“ fragt er mich noch Atem holend. Ich zähle sehr langsam bis 30 bevor ich aus der Papiertonne herausklettere. „Liebling, sage ich, „ich schlage vor du gehst jetzt und zwar jetzt sofort zu Kälbchen, bevor ich etwas sage oder tue , was ich nicht heute, oder morgen aber vielleicht in zehn Jahren bereuen könnte.“ „Der Katze sage ich, „kannst du gern den Weg in den Garten zeigen.“ Der Tierarzt verlässt den Garten rückwärts. Als ich das Papier zurück in die Tonne geschaufelt habe, ist das Haus leer und sehr, sehr ruhig. Der Hund hat sich in den Oberstock verkrochen. Die Katze sitzt mit verdrossener Miene im Garten. Ich fülle einen Waschlappen mit Eiswürfeln und kühle mir die angehauene Nase und Oberlippe. Dann endlich Milchkaffee. Ich zähle noch vier Mal sehr langsam bis dreißig, dann lässt das hartnäckige Gefühl die Sachen des Tierarztes auf die Straße pfeffern zu wollen nach. Ich hebe ein Sofakissen auf und bis die Milch warm ist, spüle ich die Teetasse des Tierarztes aus. Unter der Teetasse klebt ein gelbes Post-It. Darauf stehen vier erratische Abkürzungen. Ich klebe den Zettel mit Tesa auf der Tischplatte fest, mit Milchkaffee und einem Marmeladenbrot krieche ich auf das Sofa, auf dem sonst die Katze residiert und schließe die Augen. So fühlt sich die Freiheit an. Dann rufe ich die C. an und lasse mich von ihr trösten. Es ist 14.00 Uhr und der Tierarzt klopft sehr vorsichtig an. „Mädchen, es tut mir so leid.“ Aber ich sage nichts, sondern schiebe sehr, sehr langsam, so wie die italienischen Mafiosi im Film, den Zettel zu ihm herüber. Der Tierarzt wird wirklich rot. Ich lege mich noch einmal hin und der Tierarzt bringt endlich diesen Vortrag zu Ende.
Dann packt der Tierarzt seinen Koffer. Ich sehe ihm zu und lese ein bisschen in Sally Rooney’s „Conversations with Friends“ herum. Zu meiner Überraschung ist mir das Buch ziemlich egal. Dann laden wir Koffer und Tasche in den treuen, alten Volvo und ich fahre den Tierarzt zum Flughafen. Der Tierarzt streicht sehr vorsichtig das Haar hinter meine Ohren als wir vor dem Check-in Schalter von British Airways stehen. „Mädchen“, sagt er „darf man dich denn küssen?“ Ich nicke und irgendwann pfeifen die Jugendlichen, die des Spracherwerbs wegen nach Spanien fahren. Der Tierarzt gibt seinen Koffer auf und ich fahre zurück aufs Dorf. Am Hafen sehe ich auf die Segelschiffe. Klabautermannwetter, denke ich und bete für das Dach. Zurück zu Haus, esse ich Cottage Cheese mit Ananas und hole neue Eiswürfel aus dem Gefrierfach, als ich mit der Zeitung in Richtung Sofa wanke, rückt die Katze respektvoll zur Seite und der Hund kaut auf einem Gummiknochen. Als ich aufwache ist es 19 Uhr, ich rieche an den Rosen und als ich nach oben sehe, fliegt ein Flugzeug genau über dem Haus hinweg. Ich winke dem Tierarzt hinterher.

Mehr und andere Tage finden Sie hier

9 thoughts on “Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

  1. Weia. Wenn sich etwas partout nicht finden ließ, pflegte meine schlesische Urgroßmutter einen Socken unter ein Stuhlbein zu klemmen und dreimal zu sagen: „Teufel, nimm die Pratzen weg!“
    Es funktioniert. Häufig beißt es einem dann regelrecht in die Nase.

    Funktioniert die Küchenmaschine noch? Und gab es während der Vorbereitung für den Vortrag wieder Kekse, die der Tierarzt vor lauter Stress unbemerkt aufaß?

    Gute Besserung Ihrer armen Nase und Oberlippe!

    • Ha, Was Sie für eine weise Großmutter haben. Das will ich einmal ausprobieren.

      Die Küchenmaschine ist äußerst robust und hat schon mehr als einen Sturz unbeschadet überstanden, leider habe ich nicht daran Kekse zu backen. Wie man es macht….

      Die Besserungswünsche nehme ich dankend an.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.