Sonntag

Um fünf Uhr rufe ich mein Schwesterchen an. Schwesterchen wohnt in London mitten in der Stadt. Schwesterchen seufzt und dann schweigen wir lange am Telefon und ich höre lange und ganz genau meiner großen Schwester beim Atmen zu. Es gibt nur wenig Geräusche die mich so beruhigen wie das ein- und ausatmen meiner Schwester. Atem holen, wenn einem schon die Worte fehlen, nach dieser Nacht.

Um 6 Uhr gehe ich hinunter zum Meer. Grau und kalt ist das Meer und auch als ich in die kalten Wellen laufe, das Wasser über meinem Kopf zusammenschlägt und ich hinausschwimme in die morgenkalte See bin ich anders als sonst nicht getröstet vom Wind und dem salzigen Wasser, der rauschenden Brandung und dem weiten Himmel über mir. Nur kalt und taub krallt sich das Wasser an meine Fersen und als ich schließlich schon fast wieder das Ufer erreiche, zieht mir eine Welle den Boden unter den Füßen fort. Vielleicht ist das die gefürchtete neunte Welle. Ich habe nicht genug Atem und nicht die richtigen Worte, die Welle zu fragen. Am Strand bohre ich die Füße in den kalten Sand. Der Muschelkalk knirscht unter meinen Füßen. Ein scharfe Muschel schneidet mir die Fußsohle auf. Ich sehe nicht hin, sondern laufe einfach weiter und weiter, bis zu mir nach Haus.

Der Tierarzt und ich tragen den Tisch in den Garten. Das bunte Tischtuch flattert im Wind. Sonnenschein und Vogelzwitschern. Dabei verlangt so ein Tag doch nach tiefen, grauen Wolken und schwarzen Regentropfen. Ein großes Tuch der Trauer müsste sich doch über die Erde legen, ein Tuch so dicht und von so unendlicher Größe, dass die Welt innehielte, sich nicht weiterdrehte, stehenbliebe unweigerlich und unverrückbar und sich die Trauer, die Verzweiflung und die Schmerzen zwischen Kabul und London Bahn brechen könnten. Die Welt selbst bliebe stehen und legte ein schützendes Tuch über die Toten.
Der Himmel aber bleibt blau, ich gieße Tee auf und der Tierarzt sitzt auf dem Küchenstuhl und hört die Nachrichten im Radio. Wir haben keinen Fernseher und das Internet hier auf dem Land reicht mit ein bisschen Glück für einen geschrieben Text, aber nicht für ein Bild. So sitzen wir vor dem Radio und der Tee wird kalt. Das Tischtuch flattert im Wind. Wir tragen die Teetassen hinaus und sehen schweigend in die große Kastanie, Blätterrauschen, Rosenblüten fallen auf den Tisch und in der Küche noch immer die Stimme des Radiosprechers: die neuesten Erkenntnisse. Wir drehen die Teetassen in unseren Händen. Im Kirchhof, der an den Garten grenzt läuft der Priester wieder und wieder an der Mauer entlang, vorbei an der langen Reihe verwitterter Grabsteine. Hier liegt James O’Neill, Carpenter, Verdun 1916, der Priester bliebt stehen und sieht lange auf die verwitterte Tafel und James O’Neill. Schließlich kommt er zu uns herüber. Ich hole eine dritte Teetasse. Der Priester schüttelt den Kopf: „Ich muss etwas sagen, ich muss etwas sagen in der Predigt, ich weiß nicht was ich sagen kann.“ Wir nicken und der Priester zeigt mit dem Kopf herüber zu James O’Neill, Carpenter, Verdun 1916. „Nachgesehen, habe ich einmal sagt er, was es auf sich hatte mit jenem James O’Neill und einen Brief habe ich gefunden, den letzten Brief vielleicht an seine Mutter, er schrieb ihr: Mutter, dieser Krieg wird niemals enden, denn es gibt zu viele Lebende. „Der Priester schlägt die Hände vor die Augen. Wir schweigen still. Die Lebenden und die Toten. Der Priester ringt nicht nur nach Worten, der Priester in den langen, einsamen Runden um den Kirchhof herum, ringt um G*tt. Von fern die Radiosprecherstimme, wieder wird der Tee kalt und der Tierarzt und ich stehen vor der Platte für James O’Neill, stehen still vor den Toten dieser Nacht, die so lebendig waren, wie James O’Neill, der dem Krieg nicht entkommen sollte.

Ich schneide einen Strauß gelber Rosen ab. Dann fahren der Tierarzt und ich ins Krankenhaus. Eine Freundin von ihm liegt im Sterben. Leukämie. Ich lege ihr Rosenblüten in die Hände. Wir sitzen neben ihr und der Tierarzt hält ihre Hand. Das Zimmer ist hellgelb gestrichen, die Sonne taucht ihr Gesicht in goldenes Licht und der Tierarzt erzählt ihr flüsternd von einem spannenden Fall in dem ein Wolf an Heimweh erkrankte. Es ist eine lange und komplizierte Geschichte und doch ist mir als sei ihr Händedruck fester als vorher, als wolle sie den traurig-erschütterten Wolf selbst einmal gründlich examinieren und vielleicht gar dem Tierarzt aus der Verlegenheit zu helfen, kein Rezept zur Heilung eines untröstlichen Wolfes zu haben. Der Tierarzt küsst ihre Hand und dann gehen wir schweigend durch das fast leere Krankenhaus zurück auf den Parkplatz. Keiner von uns will den ersten Satz sagen. Keiner will sagen, was wir beide wissen, seine Freundin wird nicht mehr aufwachen, nicht heute, nicht morgen und auch nicht bald.

Dann fährt der Tierarzt mich in die Stadt, ein anderes Krankenhaus, eine neue Nachtschicht. Regen zieht auf und ich steige aus. „Gib auf Dich acht“, sagt der Tierarzt. Ich nicke. „Bis morgen früh“, sage ich , steige aus und laufe los.

15 thoughts on “Sonntag

  1. Das „Like“ zu drücken, fiel meinem Finger etwas schwer. Denn der Grund deines Textes wiegt schwer. Ich weiß nicht mehr, welchen Trost wir finden können, wenn selbst ein Priester nach Worten suchen muss. Meinen Trost fand ich bisher in der Musik. Das Meer ist zu weit weg, zumal ich im Wasser ungern den Boden unter den Füßen verliere. Schon die erste Welle wäre mein, im wahrsten Sinne des Wortes, Untergang. Aber auch die Musik tröstet mich nicht. Um wieviel mehr müssen die Opfer, die Familien und die Freunde nach Trost dürsten. Überall auf der Welt. Ich muss oft an die Menschen denken, von denen wir nie etwas hören werden. Menschen, die dem täglichen Terror zum Opfer fallen. Und doch dürfen wir nicht in Trauer verharren. Wir müssen weiterleben und uns gegen den Terror, gegen jede Ungerechtigkeit, stellen. Denn sonst sind auch wir Opfer.
    Liebe Grüße,
    Elvira

    • Ich glaube und das ist auch richtig so, es kann auf so etwas niemals eine angemessene Reaktion geben, denn die Schrecklichkeit ist zu groß um sie zu profanisieren. Nach Trost suchen und hellen Momenten bleibt eine große Aufgabe unserer Tage.

  2. Die Welt war immer alles zugleich, ein Hort des Schreckens und der Liebe, Schönheit, Freude, Menschlichkeit im besten Sinne. Mir hilft nur ein Glaube, der an Aufklärung. Deshalb habe ich größte Bewunderung und Respekt für Ihre Arbeit. Sie tun, was getan werden muss. Und wenn die Verzweiflung zu groß wird hilft uns nur, sich im vertrauen Kreise der Familie und Freunde umzudrehen, denn von dieser Art Menschen gibt es auch viele, überall in der Welt. Das hilft.

    • Aufklärung und nicht nur in Hinblick auf Sexualität erscheint mir eine enorme Ressource und eine Imprägniermittel gegen Hass und Wut, aber ob man damit Leute erreicht, die nichts dabei finden, mit einer Machete auf Menschen einzuhacken, fällt mir sehr schwer anzunehmen.

  3. Ein blauer Himmel, ein flatterndes Tischtuch, das Rauschen der Blätter, Rosenblüten – all das ist auch ein Teil dieser Welt, in der nicht alles so ist wie es sein könnte, wie es sein sollte. Aber wenn wir uns auf die kleinen schönen Augenblicke konzentrieren, uns ein wenig zurücklehnen, in den blauen Himmel schauen und auf die Rosenblüten und dem Rauschen der Blätter zuhören – das kann Trost spenden und es zeigt uns, dass die Welt trotz der traurigen und grausamen Vorfälle ihre Schönheit nicht verloren hat.

  4. Und dann geht man auf eine Geburtsstation und sieht das Glück der Eltern, Großeltern, etc. man sieht wie die Sonne wieder aufgeht und wie Menschen wieder lachen und leben können. Ihre Großmutter ist das beste Beispiel, dass das Leben stärker als der Tod ist.
    You’ll Never Walk alone. Manchmal hilft ein Lied.

  5. „Ich muss etwas sagen, ich muss etwas sagen in der Predigt, ich weiß nicht was ich sagen kann.“

    „Ich weiß nicht was ich sagen kann“. Genau das, so hoffe ich, hat der Priester gesagt. Und hoffentlich wird er Ruach, die hl. Geistin um ihren Beistand bitten, die von der christlichen Dreifaltigkeit : Vater-Sohn-Hl. Geist, verdrängt wurde. Ähnlich verhält es sich wohl auch mit Pfingsten, als Ereignis der Geistsendung,
    welche ich als Feier der Verständigung und des Verständnisses und des zueinander- in- Beziehung- sein in all unserer Verschiedenheit betrachte.

  6. „Ich bin der Geist, der stets verneint!
    Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
    Ist wert, daß es zugrunde geht“ … ist die Geisteshaltung, aus der heraus Attentäter wie die von London, Manchester, Berlin oder Nizza ihre Taten begehen. Eine Verbitterung, aus der sich ein Wunsch nach Rache an der Existenz an sich speist. Es ist der Grund für Kains Brudermord, und die Möglichkeit dafür ist in jedem Menschen angelegt. Das ist die schlechte Nachricht.
    Aber es gibt auch gute Nachrichten. Nämlich dass die menschliche Fähigkeit zu Tapferkeit, Güte und Hilfsbereitschaft mindestens so stark ausgeprägt ist, wie die zu Feigheit, Grausamkeit und Verrat. So z.B. der Polizist, der sich – da gerade nicht im Dienst – den Attentätern mit bloßen Händen entgegengestellt hat. Oder der Verkehrspolizist, der die Attentäter nur mit einem Schlagstock bewaffnet angegriffen hat.
    Jeder Mensch hat die Wahl, welchen Weg er oder sie einschlägt.

    • Sie haben natürlich Recht, dort wo die Finsternis am tiefsten ist, scheint das Licht am Hellsten. Aber ich strauchele bei der Erklärung, dieser Taten die den Mord selbst zum Lebensziel erklärt und wie ich finde kein Äquivalent zu sozialer oder ökonomischer Frustration hat, sondern Gewalt als Gewalt feiert.

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