Vor aller Augen

Der Tierarzt will einen Film sehen. Ich will nicht mit. Die B. will mir von ihrer unglücklichen Liebe zur H. erzählen. Ich mag die H. mehr als die B. und mag die Geschichte nicht hören. Der K. will mit mir in einem Club zu einer Frau, die davon singt wie nah der Winter ist. Ich will nichts vom Winter und seinen kalten Händen wissen. Die J. will mit mir scharfen Thunfisch essen, aber ich habe keinen Hunger. Ich sage allen ab.
Einen Termin außerhalb der Innenstadt habe ich zu dem und als ich das Gebäude endlich verlasse, bin ich so müde, dass ich mir nicht genau vorstellen kann, wie ich wohl zurück in die Stadt komme und ich laufe auf den nächstbesten Pub zu, der Stühle vor die Tür gestellt hat und setze mich einfach hin. Dann stehe ich doch noch einmal auf und bestelle eine große Flasche, kaltes Sprudelwasser und ein Glas mit klirrenden Eiswürfeln und zwei Scheiben Zitrone. Der Mann hinter dem Tresen sieht so müde aus wie ich. Ihm fehlt ein Frontzahn und vielleicht reißt auch deswegen der tätowierte Tiger auf seinem Oberarm das Maul mit den scharfen Zähnen so weit auf, um die klaffende Lücke zu verdecken. Der Mann schneidet Zitronenscheiben auf und nickt mir zu: „Setz Dich doch“ sagt er und wir nicken uns über die Müdigkeit hinweg zu. Ich setze mich hin und sehe auf die Straße. Ein Mann sammelt Zigarettenkippen auf und setzt sich auf die Bordsteinkante, dann zählt er die Stummel, sucht nach einem Feuerzeug und als er es findet, zündet er die längste Zigarettenspitze an. Von der anderen Straßenseite und meinem Stuhl aus betrachtet, sieht es so aus als stiege der Rauch direkt aus seinen Fingerspitzen hervor. Der Mann mit dem Tiger auf dem Oberarm stellt die Flasche, das Glas mit Eis und einen Teller mit Zitronenscheiben vor mir auf den Tisch. Die Tischplatte ist schmierig, und der Aschenbecher voll. Er wischt mit dem Zipfel einer Schürze auf der Tischplatte herum , bis zwei Frauen in bunten, engen Tops und Paillettensandalen Bier bestellen wollen. Der Mann auf dem Bordstein hat inzwischen den zweiten Zigarettenstummel angezündet, zwei Kinder schütten sich Tütchen mit Brausepulver in den Mund. Ein zweiter Mann durchwühlt die Mülltonnen auf der Suche nach Essbarem vielleicht und sein zweiter Schuh hat keine Sohle mehr. Die beiden Frauen haben inzwischen Bierschaum zwischen den Lippen und rufen:“ Mach doch mal Musik an.“ Der Mann hinter dem Tresen dreht das Radio auf, ich lutsche eine Zitronenscheibe und die beiden Frauen auf den Barhockern schnippen mit den Fingern. Die drei Männer aber, die im Innenraum des Pubs sitzen, sehen nicht auf, sondern spielen mit abgegriffenen Karten um einen Stapel Münzen. Eine Frau schreit von der anderen Seite auf einen nur für sie sichtbaren Gegenüber ein, viele Fenster der Häuser haben eine Pappscheibe hinter ein zerbrochenes Fenster geklebt und in den Hauseingängen stapeln sich schwarze Müllsäcke, um die sich die Krähen scharren und hartnäckig mit ihren Schnäbeln die Plastikhülle zerhacken. Der Geruch von Fäulnis und lange schon nicht mehr entsorgten Windeln liegt über der Straße. Die Frauen, die jetzt in den Pub kommen, tragen schweres Parfüm und bestellen süßen roten Wein mit Eiswürfeln und schwarzem Strohhalm. Auf den Dächern der Häuser wachsen Ahornbäume und die Teerpappe wellt sich, eine Frau sitzt auf den Stufen, die zu ihrem Hauseingang führen und raucht, neben sich eine fleckige Kaffeetasse. Die Männer tragen ausnahmelos Jogginghosen und die Frauen tragen alle enge, sehr enge, zu enge Elasthantops. Ich zerbeiße eine zweite Scheibe Zitrone und die Frauen neben mir lachen oder weinen, so genau weiß man es nicht, über einen ‚feckin eejit’. Ich mache die Augen zu, das kalte Glas hinter der Hand und die Zitrone scharf auf den Lippen. Als ich die Augen wieder öffne, steht ein Schatten vor mir am Tisch. Erst einen Schluck kaltes Wasser späte, wird der Schatten zu einer Frau in einem gestreiften Zebraoverall. „Hast Du Make-up dabei?“, fragt die Frau mich. Ich schüttle den Kopf. „Und Puder?“ wieder muss ich verneinen und die Frau starrt mich durchdringend an. „Fünf Euro?“, fragt sie kaum hörbar und ich fische einen zerknitterten fünf Euro Schein aus meiner Hosentasche. Die Frau dreht sich um und geht. Ich mache die Augen wieder auf und zu. Die Eiswürfel schmelzen im Glas und ich gieße Wasser nach. Eine dritte Zitronenscheibe. Die Frau im gestreiften Overall ist zurück, sie ist nicht länger allein, sondern zieht eine Freundin hinter sich her. Die beiden Frauen setzen sich an den Tisch der am nächsten zur Straße steht und der Mann hinter dem Tresen überlegt, ob er die Frauen nach ihrer Bestellung fragen soll. Dann überlegt er es sich anders. Ich sehe die Frauen an. Die Frau im gestreiften Overall redet auf ihre Freundin ein. Die Freundin mit langen, schwarz gefärbten Haaren, billigen Ohrringen und einem grünen Military-Parka über dem Rock hat ihre linke Hand in ein Geschirrhandtuch gewickelt. Je länger ich auf das Handtuch sehe, desto stärker färbt sich das Handtuch dunkelrot. Weder die Frau, noch ihre Freundin aber sind nicht um die blutende Hand besorgt. Die Frauen holen einen kleinen Kosmetikspiegel aus einer Handtasche und dann sehe ich es auch: die Frau im Zebraoverall, die mich nach Make-up fragte, zeigt ihrer Freundin wie sie ihr blaues Auge, die zerplatzte Augenbraue und den grün verfärbten Wangenknochen überschminkt hat. Dann holt sie eine Tube Flüssigmakeup, aus der Tasche, bevor sie noch einmal aufsteht, in den Pub hineinläuft und mit Händen voll Toilettenpapier zurückkommt. Der Mann hinter dem Tresen bringt den Frauen, die zur Radiomusik wippen neuen, süßen Wein. Die Frau mit der blutenden Hand starrt in den Taschenspiegel und dann wischt ihre Freundin ihr das Gesicht mit Toilettenpapier ab. Die Frau blutet aus der Nase, blutet von einer Schnittwunde auf der Wange, und ihr linkes Auge ist fast vollständig zugeschwollen. Ihre Freundin schmiert Makeup über ihr Gesicht und versichert ihr, dass Sie super aussehen würde. Perfect. Pretty and tough. Die Frau starrt noch immer in den Spiegel. Blut tropft vom Handtuch auf den Boden unter dem Stuhl. Dann stehe ich auf und gehe zu den Frauen herüber. „Ich kann mit euch nach drüben in die Klinik gehen, sage ich und deute auf das durchweichte Handtuch. Die Frauen sehen mich entsetzt an. „Warum?“ fragen sie mich, es sei doch alles in Ordnung. Ich lasse ihnen trotzdem eine Karte da. Ein Telefon klingelt. Die Frauen versichern dem Anrufer, dass sie gleich kommen würden. Die Frau im Zebra-Overall versichert ihr Freundin, dass sie perfekt aussähe. Beautiful. „Er liebt mich doch?“ fragt die Freundin. „Natürlich“, erwidert sie, natürlich liebt er dich. Dann sieht auch sie noch einmal in den Spiegel und betastet ihren Wangenknochen. Schließlich klingelt das Telefon wieder und die Frauen stehen auf und gehen davon. Der Mann hinter dem Tresen kommt mit einem Scheuerlappen und wischt das Blut unter dem Stuhl auf. Die Eiswürfel sind längst geschmolzen, die Zitrone ist schal und der Rest Wasser längst warm geworden. Ich stehe auf und nehme die Bahn zurück in die Innenstadt. Der Tierarzt steht vor dem Kino. „Wie war der Film?“ frage ich. Der Tierarzt erzählt mir von Wonder Woman. Unbesiegbar. Hervorragend im Nahkampf. Eine Tiara, die auch ein Boomerang ist. Dann muss ich lachen. Ich lache so lange und so laut bis ich nicht mehr aufhören kann zu weinen.

13 thoughts on “Vor aller Augen

    • Es ist nicht weniger kompliziert, wenn man schon als Kind mißhandelt wurde, Gewalt also Normalität oder sogar das Synonym für Aufmerksamkeit und Zuwendung ist. Häusliche Gewalt wird oft über Generationen weitervererbt und sie kommt keineswegs nur dort vor, wo Zigarrettenkippen aufgesammelt werden.

      • Nein, diese Art von Gewalt ist schichten- übergreifend, nur sind die Möglichkeiten die Spuren zu verdecken sind andere. Es greift mich unendlich an.

    • Danke für das Video – das bringt es gut auf den Punkt. Ein weiterer Grund kann sein, nicht zu wissen, wohin man mit den Kindern kann. Gerade wenn Kinder da sind, ist es mit der Trennung ja lange nicht vorbei… Verfahren werden häufig wegen Geringfügigkeit eingestellt (so man frühzeitig den Absprung geschafft hat) und um einen Umgang auch nur einzuschränken, reicht dann die häusliche Gewalt als Argument nicht mehr.

      Liebes Fräulein, haben Sie vielen Dank fürs Hinschauen und Nachfragen! Ich hoffe, das restliche Wochenende wird erfreulicher und friedvoller für Sie.

      • Es ist ein so fruchtbares Thema. Sie haben Recht, Kinder aber auch ökonomische Abhängigkeit ist ein Faktor. Nein, man darf nicht wegsehen.

  1. Once I had a loved one who wouldn´t leave for years, until he almost killed her. Decades later he called, telling her he changed and still loved her, needed her and could they meet again. To my utter surprise she didn´t tell him to go to hell, but was very, very tempted. That taught me it also works like an addiction, and there will be the fear of a relapse for a lifetime. Thanks for offering your help, nothing else one can do.

    • It is harrowing and it leaves me absolutely sad. The emotional pressure linked to often extreme violence is absolutely horrifying. It certainly is one of the worst addictions only possible.

  2. Grauenhaft. Nach dem Film verstehe ich es ein bißchen besser, warum die Frauen bleiben.
    Einem Freund ist es auch passiert, dass ihn seine Frau schlug. Er, ein Bär von einem Mann, hat nie zurück geschlagen. Irgendwann hat sie die Polizei geholt, er hätte versucht sie zu schlagen, was nicht stimmt. Er hat sich nicht getraut die Wahrheit zu sagen.

    • Es ist grauenvoll und eine der schrecklichsten Abhängigkeitsformen, die es gibt. Was für eine Volte, in der sich die Täterin noch als Opfer stilisiert. Sickening.

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