Hineingefallen

Gestern lag in der Regenrinne ein ertrunkener Vogel. Begraben ist der Vogel, der so tief fiel unter der alten Kastanie, die direkt an das Kirchhofmäuerchen grenzt. Eine der mattschwarzen, glänzenden Federn liegt nun in der Tonschale auf dem Küchenschrank. Das Küchenfenster geht direkt zur Kastanie heraus. Heute zwischen zwei langen Sitzungen hatte ich Zeit für dreißig schnelle Bahnen im Schwimmbad der Universität. 30 Bahnen lang Zeit um zu überlegen wo ich schon überall hineingefallen bin, nicht genug Zeit um zu überlegen, ob ich aus allen Untiefen wohl auch wieder herausgekommen bin, aber es hilft ja nichts, wenn die Zeit eben schneller läuft als man selbst. Hineingefallen also in Pfützen, große und kleine, in einen Priel an der Nordsee, beinahe nur in ein Moor, mehrmals bekleidet in Seen und einmal von einer heftigen Böe erfasst von der Arca ins Mittelmeer hinein. Hineingefallen in offene Arme. Ebenso oft habe ich mich in fest verschlossene, brettharte Arme fallen lassen. Die Arme gaben niemals nach. Hineingefallen bin ich in Bücher und ihre Bewohner: „Nein, blieb doch bei Anna dem Blumenmädchen“ rief ich Thomas Buddenbrook voller Entsetzen zu, doch er war schon weiter, und später sah ich ihm zu, wie er toll vor Schmerzen auf die Straße fiel. Vom Rad auf Straßen gefallen, ja das kann ich gut, einmal gefährlich nah an eine Böschung. Hineingefallen in Menschen, in ‚sone und solche ‚und zu oft in solche, die alles fallen ließen, am Ende auch mich. Hineingefallen in Franz Kafka mit einer erschreckenden Wucht. Noch immer stehe ich eigentlich auf einem Prager Bahnhof und rufe ihm zu: „Fahren Sie doch, so fahren Sie doch“ und dass Franz Kafka und Milena Jesenská sich buchstäblich verpassten, ist mir niemals aus dem Kopf gegangen. Hineingefallen in Geschichten in so vielen Nächten und hingefallen über scharfe Ecken in ihnen und in denen, die sie schrieben oder lebten, manchmal ist das ja wirklich dasselbe. Hineingefallen in Herzen und Rippen und hineingefallen bis tief unter die Haut. „Du bist mir zu viel“ schrie mehr als einer und wieder war ich hingefallen und sah nur die blauen Flecken noch nicht. Hineingerollt oder zusammengerollt in einen Straßengraben, da flogen Schüsse ( Islamabad, 2011 ). Mit dem Gesicht in die Erde gedrückt, in die geöffnete Hand atmend, ein kleiner, brauner Vogel, bewegungslos und irgendwann doch wieder aufgestanden. Vielleicht sind in jenem Straßengraben ja braune Federn von mir liegen geblieben und jemand hat sich eine aufgehoben, wer weiß das schon? Niemals jedoch hineingefallen in eine dreistöckige Hochzeitstorte, dafür in einen Eimer Brennesselsud. Hineingefallen in einen Berge Schnee und viele, viele Male in eine duftende Wiese. Gefallen auch in einen Schober mit Heu. Hineingefallen auch in Federbetten und nie wieder so gern in ein Bett, wie das meiner Großmutter. Hineingefallen in Alpträume, die so regelmäßig über mich herfallen wie der Wecker früh am Morgen.

Hineingefallen in Briefe und nicht nur in solche, die von der Liebe handeln. Gut bekommen sind mir die wenigsten und eines Tages hoffe ich, lasse ich sie gehen. Hineingefallen in den Abgrund: Abschiedsbrief. Kein Ende dieses Abgrunds in Sicht. Hineingefallen vor Müdigkeit in einen Wäschekorb und öfter als mir lieb ist auch in die Badewanne. Hineingefallen in Notenpapier. Schumann. Chopin. Beethoven. Schönberg. Bach. Wie kann man in Bach nicht hieninfallen wie in einen unendlichen Strudel? Ich konnte es nicht und meine Hände klebten zitternd auf der Klaviatur.

Hineingefallen mitten in mich hinein, oder sollte man besser sagen hineingefahren, ein blankes, scharfes Messer, Süd-Sudan 2013. 8 Zentimeter lang war die Klinge. Die Narbe ist länger. Das Messer habe ich behalten. Es liegt in der Werkzeugkiste. Fahre ich mir über die Narbe, und das tue ich oft, glaube ich manchmal ein Loch täte sich auf, dort liegt die Angst noch immer vergraben, nicht die Angst vor dem Messer, sondern die ganze Angst, die Angst die ich hatte und die ich haben werde, ist wohl damals als mir für einen langen Moment die Rippen offen standen, die Angst in mich hineingefahren und haust jetzt zur Untermiete zwischen Zwerchfell und Rippenbögen. Wer würde es ihr schon verwehren? Hinein gefallen wieder und wieder in schöne Wörter ( alldieweil, Morgentau und Regenwand), in grün-blau-grau-braune Augen, in einen Wasserfall, in warme Hände und eiskalte Zehen. Hineingefallen wieder und wieder in alles und nichts. Hineingefallen in Bergseen ohne Grund und in die Vergangenheit, auch ohne Grund. Hineingefallen in Indien, wirklich hineingefallen, nahezu ahnungslos und das hieß hingefallen wieder und wieder hingefallen. Immer wieder aufgestanden. Irgendwann verstanden, dass man hinfallen muss. Leichter geworden ist es nicht. Hineingefallen also auch in die Leben der Anderen. Ich hoffe: nicht überfallen. Hineingefallen in die ersten Atemzüge meiner Nichte. Noch immer atme ich mit ihr mit. Das kleine Bündel Mensch in meinen Armen. Die große Schwester in meinen Armen und hineinfallen in das kleine, neue Leben auf dem Arm, so viel Glück, so viel Liebe, dass wir vergessen haben, welcher Arm zu wem gehört und auf dem ersten Bild meiner Nichte, die heute eine kleine Königin ist, glaubt man ein Tintenfisch umarme sie. Überall Arme. In die Welt hineinfallen, das tun wir alle, ich wünschte es wären mehr Arme für alle da. Hineingefallen in Windböen, echte und solche mit metaphorischer Note. Gemocht habe ich sie nie diese Böen und Menschen, die sich am Gegenwind erfreuen, stellen mir meistens ein Bein. Hineingefallen noch in die dümmste Falle und hineingefallen seit vielen Jahren in ungezählte Ströme Wasser. Heute in ein ganz leeres Schwimmbad. 30 Bahnen aber sind schon um und ich muss weiter.

Auf der Anrichte aber liegt eine schwarze Feder bis zum nächsten Mal. Hineinfallen.

12 thoughts on “Hineingefallen

  1. Wie schön, diese Sammlung des Falls, der Fälle, des Fallens, inclusive des Wiederaufstehens. Die Betrachtung von dieser Seite aus gefällt mir sehr. Die Narben an meinem Körper erzählen ähnliche Geschichten. Mittlerweile kann ich sie liebevoll annehmen. Ich brauche dann eben keine Tatoos.

  2. Am frühen Morgen nach Christi Himmelfahrt in den Sog Ihrer Worte geraten, fallen mir Rilkes Worte ein, die aufzufangen vermögen:

    „Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
    als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
    sie fallen mit verneinender Gebärde.
    Und in den Nächten fällt die schwere Erde
    aus allen Sternen in die Einsamkeit.

    Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
    Und sieh dir andre an: es ist in allen.

    Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
    unendlich sanft in seinen Händen hält.“

  3. Liebes Fräulein Readon, danke. Ich hauche Ihnen, falls Sie es denn mögen, eine Kuss auf die Stirn. Einen zarten. Alternativ hätte ich noch Pflaster mit Pinguinen drauf! Geben Sie gut auf sich acht! Silke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.