In die Dunkelheit

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Nein, eine Geste ist niemals angemessen. Eine Geste reicht niemals aus. Immer liegt in der Geste schon die zitternde Hand der Hilflosigkeit und des unaussprechlich großen Unvermögens sich angemessen zu verhalten. Immer ist die Geste der Versuch etwas zum Ausdruck bringen, was unaushaltbar ist. Davon erzählen die roten Stoffherzen, die Plüschtiere, die Zellophanrosen, die letzten Briefe, deren Tinte bald verläuft, die Kränze mit ihren Schleifen und den gemalten Bildern. Keine Geste kann das Entsetzen mildern, den Schreck verringern und gegen die große, unendliche, schwarze Wolke Traurigkeit die so viele Menschen nicht nur heute, aber besonders heute überfällt, wiegt eine Geste nicht viel. Die Geste hat der Einsamkeit des Verlustes nichts entgegenzusetzen. Nein, die Geste ändert nichts, nein es geht nicht alles so weiter, nein nichts wird wieder gut für die Väter und Mütter, Schwestern, Brüder, Onkel und Tanten, die Großmütter und Großväter, Geliebten, die Freunde und den Hund der wartet. Der wartet ja auch. Nein, nichts wird gut und besser, nicht morgen, nicht übermorgen und auch nicht in zwanzig oder vielen Jahrzehnten. Es gibt keine, keine einzige Geste, die darüber hinwegtäuschen könnte, es gibt keine Rede, keine Wörter, deswegen bleiben immer nur Worthülsen übrig und rote Plüschherzen, die nie aufhören wehzutun, ausgerechnet ein Herz, ein Herz für das eines Anderen. Es gibt nichts was hilft, diese entsetzlichen Lücken vernarben nie. Die Geste ist eine Zumutung. Die Geste muss eine Zumutung sein. Die Geste tritt auf der Stelle und will, dass was nicht geht: die Schatten zurück holen aus dem Dunkel, die Zeiger zurückdrehen, die Geste will an der Unmöglichkeit festhalten. Die Geste muss es tun. Die Geste tritt auf der Stelle und die Geste bleibt stumm. Die Geste gesteht sich ein, dass Wörter ebenso wenig adäquat wie ausreichend ist. Die Geste hat zitternde Hände, ein bleischweres Herz und da steht sie die Geste, es ist ihr unmöglich umzukehren und das Schweigen wiegt schwer. Nein, es gibt keine Geste, die der Einsamkeit der Trauer begegnen könnte, nichts ist gesagt und nichts ist erklärt, eine Geste soll nicht als Trostpflaster, als festes Klopfen auf den Rücken, als Burschikoses „Halt durch“ gelten, sondern als ein Moment in der die Dinge aus der Zeit fallen dürfen, ohne etwas sein und symbolisieren zu müssen, was niemand begreifen kann. Eine Geste erhebt keinen Anspruch.

Ich weiß nicht ob man ein Licht in der Dunkelheit sehen kann, ich weiß nicht wie viele Lichter es braucht bis zum nächsten Morgen, ich weiß nicht wie viele Lichter es braucht bis zum Morgen danach. Heute Abend aber will ich trotz allem eine Kerze ins Fenster stellen. Ein Licht in die Nacht hineinstellen, also. Es kann nicht mehr, es soll nicht mehr, es darf nicht mehr als ein Licht sein. Es ist eine kleine Geste.

10 thoughts on “In die Dunkelheit

  1. Danke für Deine Worte. Wir Menschen brauchen Gesten und sind uns trotzdem unserer Hilflosigkeit bewusst. Das merkt man ja schon, wenn ein Familienmitglied oder enger Bekannter viel zu zeitig eines natürlichen Todes stirbt. Aber nach einem so furchtbaren Terroranschlag ist die Hilflosigkeit noch ein Stück größer. Da war es nicht »das Herz«, das vor der Zeit versagt hat. Da starben junge Menschen durch hasserfüllt gezündeten Sprengstoff.

    • Es lässt einen nicht los. Die Kinder und die Eltern, die ihre Kinder begraben. Dass ist doch nicht zu ertragen. Es ist doch einfach nicht zu ertragen. Es ist eine unendliche Hilflosigkeit, die einen überfällt.

  2. „Ein Licht in die Nacht hineinstellen, also. Es kann nicht mehr, es soll nicht mehr, es darf nicht mehr als ein Licht sein. Es ist eine kleine Geste.“
    Mich hat diese *kleine Geste“ berührt und mir das Gedicht *Memento* v. Mascha Kaléko wieder in den Sinn gerufen, ebenso „Ein Leben nach dem Tode“ von Marie-Luise Kaschnitz.
    Alles auch ’nur Worte‘, die ähnlich der Geste, keinen Tod ungeschehen machen können, doch ohne all diese
    wären die geliebten Toten gänzlich verloren und die Lebenden auch.

  3. Und vielleicht ist eine Geste mehr ist als eine hilflose, vielleicht sogar sinnlose Reaktion. Ich hatte das Gefühl, dass durch Ihre Geste das Leid und die Trauer anerkannt werden, ihre Existenz erkannt und bestätigt wird. Und auch, dass die Geste der Trauer erlaubt einen definierten Raum in unserem Leben ( oder in diesem Fall Ihrem) einzunehmen ohne zu überwältigen. Auf mich wirkt das wie eine der größten Formen des Mitfühlens (und ich bin dankbar dafür).

  4. Unendlich berührt von Ihren Worten – und erst kürzlich auch Gesten setzend, die die Leere nicht füllen, aber hoffentlich etwas erträglicher machen können. Danke für die liebevolle und zarte Weise, Unsagbares in Sprache zu kleiden.

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