Grünes Glück

IMG_1935

Trotz der ziemlichen Kälte am Morgen besteht die D., die auf einen Sprung vorbeischaut, im Garten zu frühstücken. Liebe Gäste lässt man gewähren und reicht ein dickes Wollplaid zum Nusszopf und der Marmelade. Weil es sich noch dazu, um die liebe D. handelt, bekommt sie auch noch ein paar dicke Socken und ich mache ihr zu Ehren das letzte Glas Stachelbeermarmelade auf. Im Gras zwitschert die Amsel und meine alte Freundin die Wildtaube gurrt leise, sie will ja nicht stören und frühstückt Rosinen auf dem Brett über der Regentonne. Die D. seufzt. „Wirklich sagt sie Süße, ich beneide dich um deinen Garten.“ „Uff, sage ich und denke an die vielen, vielen Morgen an denen ich vor Sonnenaufgang schon im Garten harke, jäte, grabe, gieße, schneide und immer noch lacht die Wildnis aus vollem Halse über meine Mühen. „Aber D. sage ich, Du hast doch deine Datscha.“

Die D. nämlich ist vor einigen Jahren aus dem schönen München und dem elterlichen Haus mit dem riesigen Walnussbaum im Garten in eine Wohnung mit Balkon aber ohne Grün in Charlottenburg verzogen, dem H. ihren Mann zuliebe, der seine Midlife Crisis nicht mit einer Geliebten, sondern mit dem Umzug in eine neue Stadt kurieren wollte. Der H. jedenfalls schimpft seitdem den ganzen Tag auf Berlin und verehrt die Stadt an der Isar als sie die Heiligkeit selbst. Die D. aber fand Freunde, gründete eine Firma und vergass München, nur die Sehnsucht nach dem elterlichen Walnussbaum, die blieb ungestillt. Dann aber hörte die D., dass immer mehr Menschen, die Gartenzwerge nicht Monets Seerosen vorziehen und Hobbyfunker aus Leidenschaft sind, sich ein Stück Gartenglück in einer Laubenkolonie erpachten. Der Wunsch nach Mutter Erde und dreckigen Fingern also wuchs und wuchs auch in der lieben D. und eines schönen Tages übernahm sie ein Stück Land in einer Gartenkolonie, die wir hier der Einfachheit halber einmal „Grünes Glück“ nennen wollen. Es ließ sich gut an für die D., die nach der Arbeit gern mit dem Rad in ihre Laube fuhr, sich die Füße in der Sonne wärmte und nach Herzenslust Sträucher und Blumen pflanzte, sich Erdbeeren von der Hand in den Mund wachsen ließ und ein Vogelhaus in den Apfelbaum hängte. Gegen den seltsamen Nachbarn, der im Unterhemd Rasen mähte und Scherben gegen die Vogelbrut auf das Dach platzierte half eine Buchenhecke und gegen die „100 besten Militärmärsche der NVA“, die die ansonsten ganz passable Nachbarin zur Linken und ihr Gemahl auflegten während sie dem Unkraut zu Leibe rückten, konnte mit Ohropax begegnet werden. So also ließ sich wenn nicht Alles, so doch Vieles zum Guten wenden und mit Stolz sah die liebe D., der ich gerade ein zweites Stück Nusszopf auf den Teller lege auf ihr Stück begrüntes Land. Dann aber entschloss die D., denn die Sommer sind kurz und der Berliner Winter sehr, sehr lang und von zäher Kälte auch morgens noch bevor sie zur Arbeit fuhr auf eine Stunde im Garten zu werkeln und den Tag mit Rosenduft in der Nase zu beginnen. Wer will es ihr verdenken? Doch auch die anderen Laubenpieper sahen in der Morgenstunde die rechte Zeit, und so sah die D. nicht etwa allein die Sonne, sondern den Nachbarn im Unterhemd, der die Rasenkanten trimmte und schlimmer noch mit einem auf den Rücken geschnallten Giftkanister gegen die „Schädlinge“ vorging, denn dies Stück Land erklärte er der verdutzten D. gehöre ihm und ihm allein. Über die Hand der D. läuft derweil eine Spinne. Hier bei mir im Garten am Rande der Stadt wohnen ja neben der Igelfamilie, der Kröte ( noch nicht aus dem Süden zurückgekehrt ) in der alten Gießkanne, der alten Freundin Wildtaube und ungezählten Vögeln, so viele Insekten und Spinnen, dass die örtliche Grundschule immer wieder mit Kindern vorbeikommt. Die Kinder sind heute ja immer alle sehr, sehr gut angezogen und fürchten sich vor den Regenwürmern, aber wenn sie dann mit ihren Bechergläsern endlich durchs Gras robben und Getier beobachten, dann dauert es nicht mehr lang und schon bestaunen sie Spinnen, Hummeln, Würmer und wollen alle, dass der Marienkäfer auf ihrem Finger landet. Der grandiose Nebeneffekt dieser Naturstunden ist, dass die durstigen Kinder nicht nach Cola schreien, sondern Wasser mit Himbeersirup, den ich in Massen herstelle, herunterstürzen, denn der nächste Sommer mit seiner Himbeerschwemme kommt bestimmt. Ich hoffe, dass die Kinder noch immer Spinnen in den Hosentaschen mit nach Hause nehmen, denn wenn die Welt schon nicht besser zu machen ist, dann doch wenigstens nicht immer nur noch steriler. Aber schon schweife ich ab, denn in der Laubenkolonie „Grünes Glück“ ist die Natur vor allem eins: Gegner. Die D. sah betrübt auf ihre Rosen und den Nachbarn mit der Giftspritze. Aber dann schien die Sonne und die D. sagte sich, besser als nur der kleine, ewig verschattete Balkon in Charlottenburg ist es allemal. Aber dann eines Morgens die D. trank gerade Kaffee vor ihrer Datscha und hielt die Füße ins taufrische Gras,  doch dann hörte sie ein „Schnipp“ und dann ein „Schnapp“, und ein dumpfes „Plopp“ erst dachte die D., dass die NVA-Nachbarn vielleicht das Gras mit der Nagelschere in Stellung brachten wie einst der Pionierappell die Kinder, aber die D. sollte sich irren und eine Nagelschere macht vielleicht „Sirrrr“ und „Simmm“ aber erzeugte wohl kaum ein metallisch-klirrendes „Schnipp“ und „Schnapp.“ Die D. jedenfalls tappte zum Gartenzaun. Herr und Frau Nachbarin in Trainingsanzügen robbten tiefgebeugt über den Rasen, in den Händen große, silberne Scheren. „Morgen Nachbarn“ rief die D. und winkte. Die Nachbarn sahen kaum auf. „Psst Frau D.“, riefen sie, „die Biester sind schneller als man denkt.“ Die D. beugte sich noch ein Stück weiter zum Gartenzaun vor und endlich verstand auch sie: die Nachbarn jagten Schnecken. Aber nicht einfach so oder gar um sie auf den Kompost zu befördern, oder meinetwegen über den Gartenzaun zur D. zu schleduern, sondern Schnecke für Schnecke packten sie mit gelben Gummihandschuhen bewehrt und zerschnitten die Schnecken dann mit den scharfen, silbernen Scheren genau in der Mitte, um sie dann mit einem „Plopp“ in einen metallenen Kübel fallen zu lassen. Die D. aber drehte sich um und übergab sich ins Rosenbeet. Am gleichen Tag noch kündigte sie ihre Parzelle in der Laubenkolonie „Grünes Glück“. Die Nachpächter haben die Rosenstöcke sogleich planiert.

Die D. schüttelt den Kopf und seufzt. Ich seufze mit ihr und lege ihr noch ein Stück Nusszopf auf den Teller. „Hör Süße, sage ich, Du kannst kommen wann immer du willst und wenn Du magst pflanzen wir einen Nussbaum. Der Garten ist schließlich groß genug.“ Die liebe D. nickt. Dann muss ich aber wirklich los, die alte Freundin Wildtaube sage ich, ist eine gute Zuhörerin und streue ihr noch eine Hand Rosinen hin Die Wildtaube gurrt und die D. zieht trotz der Kälte ihr Schuhe aus und vergräbt die Füße im weichen, duftenden Gras.

24 thoughts on “Grünes Glück

  1. Wenn man München mag, dann ist Berlin schwierig. Und umgekehrt.
    Wenn Sie die D. bitte nach getaner Arbeit bei Ihnen noch zu mir schicken könnten. Ich kann beschwören, noch keine Schnecke geteilt zu haben.

  2. Gärten als Lehrbücher des Lebens verfügen stets auch über Nachbarn. Schnipp-Schnapp-Schnecke-tot-Nachbarn sind natürlich von einer ganz besonderen Art, doch gibt es auch unterhalb dieser sehr speziellen Todes-Linie noch genug unliebsame Überraschungen.
    Vor einiger Zeit wurden hierselbst unmittelbar hinter dem hundertjähirgen Gartenzaun einige Wohnungen zu Eigentumswohnungen umgewidmet, und in eine solche zog bald schon eine junge Famile ein. Sie war noch keine Woche da, als ich ein Brieflein bekam, in dem in recht forderndem Ton die Fällung von recht großen und alten Bäumen verlangt wurde. Die neuen Nachbarn waren nämlich der Meinung, die Bäume führten bei ihnen zu einer Verschattung. Daß besagte Bäume nicht auf ihrem Grundstück, sondern auf meinen stehen, schien sie in ihrem Verlangen keineswegs zu irritieren.
    Nun habe ich den neuen Nachbarn nicht erzählt, was die Esche im Glauben der Germanen für eine Stellung besaß, auch nicht, was der Volksglauben zu falsch verschnittenen Eichen und Eiben zu sagen hat und was es eigentlich für Gründe gibt, an einem neu gebauten Haus Flieder- und Holunderbäume zu pflanzen, – man will ja schließlich nicht wunderlicher erscheinen, als man ohnehin schon ist …

    Aber natürlich wurde dennoch den Bäumen auf meiner Seite kein Ästchen gekrümmt. (Im Gegensatz zu jahrzehntealten Obstbäumen auf der anderen Seite, die ganze Generationen durch ihre Blütenmeere im Frühjahr und Süßkirschen wie Birnen im Sommer erfreut hatten.)

    Und so blieb, weil er die richtige Seite gewählt hatte, auch unser Walnußbaum stehen …

    (Sagen Sie Ihrer Freundin D. bitte, daß es in Gottes schöner Welt auch andere Nachbarn gibt und noch so manchen alten Walnußbaum. Sie zu finden, lohnt die Suche.)

    • Die Bäume waren ja, wenn ich richtig verstehe, schon lange vor den Nachbarn da. Vielleicht hätten diese sich besser eine Wohnung ohne hoch aufragende Nachbarn gesucht? Das ist ja, wie man aufs Land zieht und sich über den Geruch der Misthaufen beschwert, oder neben eine Kirche, und verlangt, dass die Kirchenglocken ausgeschaltet werden.

    • Verrückt, wie sehr die Menschen lebendiges Grün fürchten und alle diese grauen und toten Koniferen pflanzen, vor allem Nussbäume halten ja auch Mücken im Sommer ab. Wie schön, dass Sie ein Baumfreund sind und Wunderlichkeit ist eine besondere Auszeichnung, die man gar nicht genug loben kann.

  3. Was für eine schöne Geschichte.
    Die NVA- Märsche sind ja gruselig. So unter Preußen hat es ein bairisch sozialisierter Mensch sicher schwer.

    Hier in der Gegend ist das Rodungsgen weit verbreitet in der Bevölkerung. Nur wir, wir sind nicht infiziert. Und haben alte Apfelbäume, zwei Birnbäume, einen Walnussbaum und zwei Kirschbäume. Dann noch viele Nadelbäume und zwei Ahörner. Wann wir sie denn zu fällen gedenken, fragt die Nachbarschaft. Nie, sagen wir. Ja, dann haben sie aber Laub, sagen sie. Ja, sagen wir. Und warum haben sie so viele Vögel im Garten?, fragen sie. Tja, sagen wir.
    Im Frühjahr stehen sie dann am Zaun und schauen auf das Blütenmeer. Nein, reinkommen wollen sie nicht.
    Schnecken? Ich glaube, die Vögel fressen die.

  4. Ach, Herr Fischer, das passt ja wieder zu den Berichten, dass auf das Land geflohene Städter, dort angekommen, sich gestört fühlen vom morgendlichen „Kikeriki“ des Hahns.

    Schnippschnappschnecke geht natürlich gar nicht. Könnte ich niemals. Aber…….leider fühle ich mich in meinem kleinen Garten auch von ihnen belästigt, sie richten schon einigen Schaden an. Wer kennt eine vertretbare Art, sich ihrer zu erwehren?

  5. Indische Laufenten sollen Schnecken fressen – vermutlich auch nichts für zartbesaitete Gemüter, aber Kreislauf der Natur pur.

  6. Wittzig, Sie schreiben ganz wie eine alte Dame, so dachte ich die ganze Zeit, als ich Ihre Beiträge zuerst las, aber dann las ich immer wieder: Sie sind ein Mädchen. Woher kommt das? Das viele Lesen, vermute ich mal. Von der Schreibe her würde man meinen: so 50+?!!

    • Nein, ich bin nicht vierzig und auch nicht fünfzig und auch nicht achtzig. Allerdings ist Deutsch eine Fremdsprache und die Sprache meiner Großmutter, mein Deutsch ist das von 1900 und außerhalb dieses Blogs spreche ich gar kein Deutsch.

      • Dann umgeben Sie ganz persönlich in Berlin gar keine Berliner? Naja, wär ja auch wirklich was Neues! Schadeschade. 1900er Sprache ist aber sehr schön, die würd ich auch gern können; ui, dann müssen Sie aber doch schon ziemlich alt seyn 😀

      • Mein guter Schulfreund K. – im Alter von 10 Jahren mit seinen Eltern vor einem Militärputsch aus Korea nach Deutschland geflohen – hatte sich sein Deutsch im Wesentlichen durch das Studium von Thomas Manns Romanen angeeignet. Inzwischen hat sich das natürlich verschliffen, aber wann immer ich Thomas Manns Bücher zur Hand nehme, was dieser Tage eher selten vorkommt, rufen sie in mir die Erinnerung an verträumte Teenagergespräche und den Geruch von Kimchi wach …

      • Bitte weiter dieses ‚alte Deutsch‘ benutzen. Finde es sehr schön, wenn versunkene Worte wieder hier
        zur Sprache kommen. 🙂

  7. Ihre arme, liebe Freundin D.!!!! Ich finde es großartig, dass sie den schrecklichen Laubenpiepern entronnen ist und ganz sicher, wird sie ein grünes, friedliches Stückchen finden…..

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.