An allem,( wirklich) allem sind nur die Ärztinnen schuld.

Neulich einmal habe ich gelesen, dass das Unglück der Welt im Grunde darauf zurückzuführen ist, dass es zu viele Ärztinnen und nicht genug Ärzte gäbe. Denn wie alle Welt wisse, so der Tenor interessieren sich Frauen nur für Schuhe und Handtaschen nicht aber mehr für eine Praxis in der Provinz und so sie sich doch durch das Physikum schlafen, arbeiten sie dann nur von Montag bis Mittwoch und das auch nur von 9-12, denn am Nachmittag gilt es die Nägel zu lackieren und beim Tänzchentee eine gute Figur zu machen. Nun ist es aber auch so, dass ich nicht nur auf katastrophale Liebesgeschichten mit Chirurgen zurückblicken kann und der zweite von meinen drei Berufen etwas mit Medizin zu tun hat, sondern meine liebe C. ist genau eine solche als faul und feige gescholtene Landärztin und, da bekanntlich stimmt was in der Zeitung steht, lohnt es sich doch die Probe aufs Exempel zu machen und da trifft es sich gut, dass ich heuer aushelfe in der Praxis meiner lieben C., deren drei Grazien ( anderswo bekannt als medizinische Fachangestellte ) momentan unpässlich sind.

Um 6.30 Uhr trinken wir beide also einen Becher Kaffee, und sperren die Praxis auf. Um Sieben Uhr ist die Praxis voller Patienten und meine liebe C. hat schon zehnmal gesagt: „Der Nächste bitte.“ Ich nehme Blut ab, springe zwischen Sprechzimmer und Anmeldung hin-und her und schreie nebenher ins Telefon. Dazwischen gehe ich der lieben C. zur Hand. Es kommt eine Frau mit akuten Magenkrämpfen, der Dachdecker zum Verband wechseln, eine ältere Frau bekommt schlecht Luft, ein Mittvierziger klagt über Herzrasen, und dann kommt eine aufgeregte Mutter mit ihrem Bub an der Hand, der seinen Asthmainhalator verlegt hat. Der Kinderarzt der kleinen Stadt hat nämlich am Freitag zu. Ich drucke Rezepte aus und als der Dachdecker sich einen Termin zum Fäden ziehen geben lässt, beugt er sich vor: „Du Read On sagt er“ ich weiß was du immer sagst, aber meiner ist wirklich länger als alle anderen.“ „Ach Dachdecker“ sage ich während das Telefon schon wieder klingelt, der bundesdeutsche Penis ist sechzehn Zentimeter lang.“ Der Dachdecker verlässt die Praxis mit roten Ohren, aber einem neuen Verband. Es kommen: Verdacht auf eine Prellung, Verdacht auf Krätze, eine nässende Wunde, Salmonellen, und einer Frau fällt ein, das sie doch Vorgestern zum Impfen bestellt war. Der Hautarzt und der Orthopäde wie auch alle anderen Fachärzte der kleinen Stadt haben Freitag schon seit Jahr und Tag keine Sprechstunde mehr und so kommen die Leute eben zur lieben C. „Kannst du den Lungenfunktionstest machen, ruft die C. Ich nicke und weiter geht es. Ein Mann mit schwerer Diabetes kommt zur ‚Madentherapie’, Fliegenlarven werden dabei zur Entfernung nekrotischen Gewebes eingesetzt. Ein anderer Mann hat seine Überweisung zum Physiotherapeuten verloren und benötigt eine Neue. Eine Frau übergibt sich in eine eilige hingehaltene Nierenschale: „Ich habe Angst, dass ich schwanger bin“, weint sie. Sie habe doch gerade erst einen neuen Job angefangen. Die. C. zieht sie vor. Eine demenzkranke Patientin, weiß nicht mehr ob sie ihre Tabletten genommen hat. Ein Mann ist von der Leiter gefallen und kann sich nicht mehr erinnern, wie es zu dem Unfall kam. Verdacht auf Lungenentzündung. Eine schwangere Patientin hat Krämpfe und keine Kinderbetreuung. Die Kinder bekommen Stifte und Papier und malen, bis Oma kommt, der Mann arbeitet auf Montage in den Niederlanden. Aber immer geht es weiter und weiter: Bronchitis, chronische Rückenschmerzen, ein eingeklemmter Nerv, Ohrenschmerzen, ein zugeschwollenes Auge ( der Augenarzt geht Freitags Nachmittags immer zum Angeln. Denn am Freitag Nachmittag beißen die Fische am Besten.) Der Parkinson-Patient war im Krankenhaus, dort hat man bei der Entlassung vergessen, ihm die Braunüle aus dem Handrücken zu entfernen. Nun macht es die C. Gleich nach ihm kommt eine Frau, die schweres Rheuma und eine papierdünne Haut hat. Beim Versuch sich ein grossflächiges Pflaster abzuziehen, hat sie sich die Haut abgerissen und das Pflaster hängt noch immer an ihrem Ellenbogen. Eine halb Stunde judiziere ich an dem Pflaster herum. Derweil überschlägt sich das Telefon. Inzwischen hat die C. die Medikation einer Krebspatientin neu eingestellt, zweimal Fäden gezogen und ein EKG gemeinsam mit dem Patienten ausgewertet. Es folgen Patienten mit enorm erhöhten Blutdruck, und die Frau, die seit Jahr und Tag von ihrem Mann „ eine fängt“, kommt für einen Verband und eine Tasse Tee. „ Er meint es nicht so“, sagt sie seit Jahr und Tag.

Es kommt eine Frau mit Schwindelanfällen, die sich als Angstattacken herausstellen und natürlich ist die Aufnahmestation der Psychiatrie überlastet. Aber ich kann gut Krach machen, und schließlich findet sich wenigstens für das Wochenende ein Bett. So geht das weiter und weiter. Es kommen große und kleine Krankheiten, es kommen Sorgen und Unsicherheiten und Schmerzen. Es kommen immer wieder Geschichten durch die Tür. Es kommen müde und traurige, wütende und entspannte, ungeduldige und natürlich- ICH BIN ABER PRIVATPATIENT-Rufer. Eine Frau bringt eine Packung Eier. Herr Zingarelli, der die Eisdiele des Ortes betreibt, hat sich die Hand am Eisspatel verletzt. Erst gibt es einen Verband und verspricht uns einen himmelhohen Eisbecher für später. Den ganzen Tag kommen und gehen Menschen. Es kommen auch die Menschen, die man sonst nur bei RTL vorführt, aber die haben auch ein richtiges Leben und kranke Kinder. In diesem Falle fünf Kinder, eines mit Magenschmerzen, ein anderes schreit. Die Kinder heißen natürlich Jakkeline und Kevin-Matteo und die Eltern haben Mühe mit dem Lesen, dem Schreiben und dem Leben an sich. Aber die Eltern und man wird erinnert an einem Nachmittag in einer kleinen Praxis lieben ihre Kinder genauso wie die Eltern der Kinder, die auf keinen Fall mit Jakkeline spielen sollen. Jakkeline brüllt wie am Spieß und ihr Vater, dessen Deutsch ich nicht verstehe, obwohl es seine und nicht meine Muttersprache ist, himmelt Jakkeline an und sagt immer wieder: Was du für eine schöne Stimme hast, Jakki. Wir können dann feststellen, dass nicht nur Anhimmelei, sondern auch eine frische Windel gegen das Geschrei hilft und Fencheltee müsste auch gegen die Magenschmerzen helfen, besonders wenn das Kind sehr viel Cola getrunken hat.

Die C. aber verzieht nicht ein einziges Mal das Gesicht, sondern die C. hat für jeden, selbst für den Privatpatientenrüpel noch ein Wort übrig. In der Mittagspause teilen wir uns eine Avocado und trinken kalten Kamillentee. Ich esse meine Avocado am Telefon. „Ich habe schon zehn Mal angerufen“ schreit die Frau am Telefon, die doch morgen verreisen will und der nun einfällt, dass ihr noch eine Impfung fehlt. Ich rufe bei der Apotheke an. Um fünf Uhr am Nachmittag, mache ich meine Aufklärungssprechstunde. Um fünf Uhr sitzen also die Jungs auf den Stühlen, aber niemand will über Penislängen sprechen, sondern alle zeigen mir verwackelte Videos aus Schweden. Alle schreien und reden und alle wollen wissen, wo Schweden ist. Und dann erzählen sie wie es war, als die Bomben bei ihnen explodierten, in Städten und Dörfern, die uns so unbekannt sind, wie ihnen Schweden. Der älteste Teilnehmer, der in den Aufklärungssprechstunden nie spricht, aber beugt sich plötzlich vor und krempelt die Jeanshose hoch, dort wo sie und ich ein Knie haben, hat er einen Stumpf und eine Prothese und wir sehen auf den Stumpf und wir wissen schon und wissen doch nicht und überhaupt gibt es nicht genug Worte für das was hinter den Videos und den Stümpfen liegt.

Die liebe C. macht unterdes die Hausbesuche für die sie kein Auto braucht. Dann machen wir die Hausbesuche für die man ein Auto braucht. 12 Namen stehen auf der Liste und die letzte Patientin, es ist kurz vor halb acht Uhr am Abend. Die Frau ist demenzkrank und eigentlich sollte ihre Betreuerin uns die Tür öffnen. Aber die Tür öffnet niemand, dafür hören wir die alte Frau rufen. Der Nachbar hat einen Schlüssel und es stellt sich heraus, dass die Betreuerin schon seit zwei Tagen nicht mehr aufgetaucht sei. Die Frau liegt verängstigt, eingenässt und verwirrt im Bett. Haben sie schon einmal versucht Kurzzeitpflege an einem Freitag Abend kurz vor Acht zu organisieren? Ich schon. Um 21 Uhr fahren wir über die Dörfer zurück in die kleine Stadt. Komm Liebe, sagt die C. lass uns auf einen Teller Spaghetti zu Herrn Zingarelli gehen. Ich nicke und müde lächeln wir uns an.

Dafür, dass Ärztinnen alle nur halbtags arbeiten und den Berufsstand selbst ruinieren sind wir seit dreizehn Stunden auf den Beinen. Aber natürlich ist das nichts im Vergleich zur guten, alten, zur goldenen Zeit als man Ärzte niemals nach fünf Uhr am Abend zu stören hatte, denn gestorben wird bekanntlich immer und wirklich es waren Halbgötter in Weiß, die vollmundig tönten: „Hier rettet der Chef noch selbst“, nur nicht am Wochenende und schon gar nicht am Freitag Abend, wenn Doppelkopf gegen den Bürgermeister gespielt wird. Als Frau Zingarelli um 21. 30 Uhr zwei Teller mit dampfenden Spaghetti vor uns hinstellt, und wir gerade zur Gabel greifen, kommt Herr Zingarelli mit blutender Hand im Geschirrtuch angelaufen. „Ich geh schon“, sage ich zu meiner lieben C. und hole die Arzttasche aus dem Auto.

22 thoughts on “An allem,( wirklich) allem sind nur die Ärztinnen schuld.

  1. Ach, Schweden! Ausgerechnet. Would you believe it? Während ich lese, dass manche Trump-Anhänger ihn für seine prophetische Weitsicht anhimmeln, bekomme ich keine geringe Lust, ihn wegen Anstiftung zum Terror anzuzeigen. Aber er geniesst Immunität, nehme ich an.
    Das war jetzt off topic, nicht wahr? Entschuldigung, die Wut macht mich auch dumm.
    Was ich sagen wollte: Passen Sie auf sich auf, Fräulein ReadOn, zünden Sie die Kerze nicht an beiden Enden gleichzeitig an. Sie gehen zu hart mit sich selbst um, auch junge Menschen müssen sich mal entspannen. Wie halten Sie diesen Rhythmus nur aus?

    • Would you believe it. Ich dachte auch gestern sofort an diese Geschichte und auch die medial hochgejazzte Parodisierung der Unschärfen und den Zusammenhang zu den Drohkulissen, die Trump ja sehr bewusst einsetzt. Das ist schon schauderhaft wie man es auch dreht und wendet. Gar nicht off topic, ich finde elephants in the room nicht gut.

      Ich kann nur schnell und schneller. Im Vergleich zu meiner Großmutter, die ja meine Messlatte ist, bin ich von schauderhafter Faulheit.

  2. Echte Sorge-Arbeiterinnen, das Frl. Read on und die liebe C.
    Das ist es, was letztlich die Welt zusammen hält, dieses füreinander da sein und sorgen. ❤

  3. Nicht zu vergessen der Patient, der sein Stuhlröhrchem verlegt hat und die Probe nun im Marmeladenglas bringt, aus dem die MFA nun wiederum das Röhrchen befüllen muss. Und der Diabetiker, der sich vor Tagen ein Steinchen in die Fußsohle getreten hat, und der alles aus der Schulung vergessen hat ( war doch nur ein kleiner Kiesel!) und sich nun wundert, warum die Wunde einfach nicht heilen will. Dass er einen Zeh verlieren könnte, oder mehr, sagen wir ihm erstmal nicht. Und ja, es gibt sie immer noch, die Patienten, die explizit nur zu einem Arzt wollen. In unserer Praxis arbeiten drei Ärzte und zwei Ärztinnen. Alle machen einen tollen Job!

    • Wunderbar, Ihre Aufzählung. Man muss es wohl mit Humor nehmen, auch wenn einem manchmal nicht danach ist. Ich finde auch- natürlich gibt es immer schwarze Schafe- aber es gibt schon sehr viele engagierte Ärzte, Schwestern, Pfleger und all die vielen anderen, ohne die kein Krankenhaus und keine Klinik liefe. Meine Großmutter sagte immer, ohne eine Perle von Zugehfrau nützt die beste Fachkenntnis nichts. Recht hatte sie.

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