Der Herrenreiter

Still liegt die Straße vor mir im frühen Morgenlicht.Es ist kurz nach halb Sieben. Die Pendler haben sich in alle vier Winde zerstreut und auch ich gehe mit Büchern bepackt die Straße hinunter.Eine Kehrmaschine fährt kreiselnd über das Pflaster, ein Zeitungsverkäufer sperrt seinen Kiosk auf und die Gemüsehandlung am Eck bekommt Tomaten geliefert. Halb sieben Uhr ist es erst und der Tag selbst gähnt noch ein wenig und ich gähne auch, ja selbst der Mann vom Zeitungskiosk reckt sich und streckt sich. Blank ist der Morgen, milder Himmel und blasses Licht, eine Ecke Morgenrot sogar und in den Blumenkübeln recken die Stiefmütterchen ihre Köpfe. Schon biege ich nach links und passiere das alte, ehrwürdige Dubliner Postamt, noch heute kann man dort Briefmarken kaufen, vor allem aber erinnert es an das Anfang vom Ende der englischen Kolonialherrschaft in Irland. Noch einmal gähne ich und plötzlich vernehme ich hinter mir ein leises Surren, ein Zischen gar.
Kaum drehe ich mich um, wird mir alles klar: hinter mir nähert sich ein Herrenreiter. Nein, die Herrenreiter des Jahres 2017 kommen nicht mehr auf einem schwarzen Rappen daher, sie tragen keinen schwarzen, hohen Zylinder wie einstamls die Herrenreiter die am Morgen durch den Hyde Park preschten oder Unter den Linden entlang galoppierten. Aber ein Herrenreiter ist er doch, der Mann auf dem Fahrrad, der sich mit leisem Surren nähert. Wie die Herrenreiter anderer Tage sitzt er aufrecht und mit geschwellter Brust auf seinem- nun eben stählernem Ross- Cannondale steht in blitzenden Buchstaben auf rotem Lack geschrieben. Cannondale ist heute das, was einmal der Schimmel Wotan war. Während jener schnaubte, quietschen die Bremsen, denn was ein Herrenreiter ist, der bremst nur in letzter Sekunde vor dem Kisten schleppenden Lieferanten. Denn ein echter und wahrer Herrenreiter, der kennt nur vorwärts und niemals zurück. Keine Konfrontation ist dem Herrenreiter zu gering und während Wotan am Zügel stieg, bricht vom Cannondale eben das Hinterrad aus. Ein Herrenreiter gibt kein Pardon. Was dem Herrenreiter warmes Kulmbacher Bier und eine behagliche Zigarre waren, das ist dem Herrenreiter der Neuzeit die glimmende Zigarettenspitze, die er im hohen Bogen auf das Pflaster wirft. Soll doch die Kehrmaschine sich mit solchen Kleinigkeiten befassen. Hier sprengt ein Herrenreiter vorbei. Der Herrenreiter- so wandeln sich die Moden- aber trägt keine Lederhandschuhe mehr, sondern riesige Kopfhörer auf den Ohren, daraus dröhnt lauter Gesang. Ein Herrnreiter will schließlich angekündigt werden, prescht er hoch zu Ross dahin. Alles andere wäre Verschwendung, natürlich trägt der Herrenreiter keinen Helm. Wie alle Welt weiß, ist nichts leichter zu kränken als die Ehre eines Herrenreiters.
So prescht der Herrenreiter auch am bücherschleppenden Fräulein vorbei. Er sitzt nicht im Sattel, nein er thront, alles an ihm ist Anspannung und Muskelspiel, ist gezähmter Wille und mühelose Eleganz, dass dabei das Fräulein zur Seite springen muss, nehme nicht Wunder, denn wenn einst Wotan am Zügel stieg, mussten die Gouvernanten mit Hans und Franz und Grete am Arm eben in die Pfütze springen. Seit wann hat sich je ein Herrenreiter mit solchen Lässlichkeiten abgegeben? Schon hat der Herrenreiter mich überholt, sein Können stellt er in Schlangenlinien und gewagten Kurven unter Beweis, selbst die Möwen verziehen sich krächzend auf die Bäume. Alles stehe und staune: ein Herrenreiter weilt unter uns.
An der nächsten Querstraße aber verläuft die Trambahn, die hier auf den hübschen Namen LUAS hört quer zum Straßenverlauf und justament biegt Selbige um die Ecke. Ist dies nun ein Grund für einen Herrenreiter hoch zu Ross, beflügelt vom milden Morgen und lauter Musik, vom schneidigen Cannondale über Stock und Stein getragen ein Grund abzubremsen, ja gar anzuhalten? Dies entspräche vielleicht der Natur eines ängstlichen Fräuleins, auf dem Rücken eines Ponys klammernd aber doch niemals einem wahren und echten Herrenreiter. Hätte denn Wotan jemals gezögert, ginge es darum ein Rennen zu gewinnen? Nein, nein und dreimal nein. Gemäß des alten Herrenreiterehrenkodexes also legt auch dieser,unser morgendlicher Herrenreiter alle Kraft in die Pedale, das Rad bricht vorwärts, die Speichen klirrren, gut geölt zischt die Kette, ein höherer Gang, da mag die Trambahn auch noch so vorwurfsvoll schellen- ein Herrenreiter will vorbei- vorübergebeugt wie bei einer Hatz im Englischen Garten liegt der Herrenreiter über dem Lenker, doch oh- das Rennen ist schon verloren und mit einem dumpfen RUMS knallt der Herrenreiter gegen die Trambahn.
Das Cannondale hat seinen Reiter abgeworfen und liegt mit verdrehtem Lenker und rotierenden Reifen auf der Straße. Es ist als hätte der schöne Wotan sich die Fesseln verstaucht. Ach, Herrenreiter! Ach, Cannondale, welche Weh.
Hinzu kommt der fluchende Trambahnfahrer, dessen Achtung vor Herrenreitern deutlich zu wünschen übrig lässt. Keine Achtung, kein Benehmen: „Freundchen“, dir will ich es geben!, statt Bewunderung für den Schneid des Herrenreiters. Wäre dies 1900 so wäre die Trambahn einer Brauereiwagen gewesen und der Bierkutscher hätte Schwielen an den Händen und beim Wort Polizei nur gelacht. Hier aber setzt es weitere Flüche und Häme dazu. Tritt da der Trambahnführer nicht auch gegen das gestürzte, jämmerlich daliegende Cannondale? Ein Schmock, der sich an Wotan vergreift. Der Herrenreiter inzwischen berappelt, und offensichtlich- das Glück ist den Herrenreitern gewogen- ohne größeren Schaden, keift ganz nach Herrnreiterart zurück. Doch auch die Trambahn scheint unversehrt. Inzwischen hupen Autos ob der versperrten Straße und mit grimmigen Blick kehrt der Trambahnfahrer ins Führerhaus zurück. Dann ruckt die Bahn an. Der Herrenreiter aber ist ein Bild des Jammers, wo eben noch stolze Schönheit war, ist nun geducktes Elend. Die Kopfhörer zerborsten, die Jacke voll Straßendreck, aber ein Herrenreiter trägt seine Blessuren mit Würde und kennt keinen Schmerz.
Schlimmer jedoch wiegt der Zustand des Cannondale. Eine dicke Acht hat das Vorderrad davongetragen, zerkratzt ist der rote Lack, missmutig hebt der Herrenreiter das Fahrrad auf. Ein letzter Blick geschlagen ziehen Ross und Reiter von dannen. Gebückter, trauriger und ganz und gar von Gram gebeugt hat man jemals, auch nicht um 1900 einen Herrenreiter seinen Wotan mit schleifenden Zügeln zurück zum Stall führen sehen.

11 thoughts on “Der Herrenreiter

  1. Hm, auch Straßenbahnschienen brachten schon so manchen Herrenreiter zu Fall…
    Mögen Ihnen allen eher Radfahrer begegnen, die beweglich in der Hüfte und im Kopf sind und auf diese Weise Fußgängern, Autofahrern und der Tram souverän ausweichen!

    • Ich bin immer völlig fasziniert von dem grundlegenden Optimismus den die meisten Menschen hegen und es tatsächlich auf eine Kollision mit einer Tram ankommen lassen. Irre!

  2. Liebes Fräulein ReadOn,
    Ihre Geschichten verzaubern meinen Alltag. Ich danke Ihnen herzlichst, dass Sie Ihre Gabe zu Schreiben nutzen um Ihre Leser zu beglücken.
    Hochachtungsvoll!
    Frau H aus DA

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