Reisen in die deutsche Provinz-Das Museum Barberini, Potsdam

 

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Museum Barberini

Am Samstag Nachmittag aber langweilt sich die kleine Königin, die auch meine Nichte ist, furchtbar. Mögen ganz normale Menschen, denen langweilig ist auf dem Sofa sitzen und in der Nase bohren, so verhält es sich mit königlicher Langweile ganz anders. Bär der treue Kanzler nämlich fliegt in hohem Bogen durch die Luft und das eben begonnene Memory-Spiel wird unter Wutgeheul vom Tisch gefegt, finde ich die siebente Kammerzofe das Paar roter Äpfel und nicht die kleine Regentin. Überhaupt muss eine Königin auch dann und wann die Grenzen des Königreiches verlassen, und verwandten Herrscherhäusern einen Besuch abstatten. So holen wir das Oldsmobile aus dem Schuppen, hinterlassen der Königinmutter eine royale Depesche und fahren nach Potsdam herüber. Wir singen italienische Liebeslieder, denn der Himmel ist grau und der Lido ist fern der Spree und außerdem kann man gar nicht laut genug singen im Leben. Schließlich stellen wir das Oldsmobile sicher ab und die kleine Königin richtet ihre Krone, ich reiche den Roller ( viel praktischer als die ewige Kürbiskutsche und ich trage den rehabilitierten Kanzler Bär, und renne neben der kleinen Königin her. Grau ist Potsdam, da trifft es sich gut, dass die kleine Königin einen glitzernden Tüllrock und eine pinke Daunenjacke trägt und ich immerhin einen dunkelroten Mantel, denn der Potsdamer selbst hält es eher preußisch nüchtern und fast alle Potsdamer haben beige Anoraks und etwas missmutige Gesichter, dabei ist es doch Samstag. Aber schon sind wir am Schloss, das jetzt Landtag ist vorbei und stehen vor dem Museum Barberini, denn das wollen wir besehen. Die kleine Königin findet zwar, dass das Museum kein richtiges Schloss ist, aber die hohen Treppen und der Museumswächter, der eine Verbeugung vor der kleinen Königin andeutet, können etwaige Zweifel zerstreuen und das Museum Barberini ist wirklich schön. Hell und luftig, fast schon als wehte wirklich ein italienischer Wind durch die Räume.

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Blick auf die Nikolaikirche

Da gerade erst eröffnet, ist das Museum auch sehr, sehr voll, aber eine kleine Königin ist sehr geschickt dabei, im Slalom den Beinen auszuweichen, die finden, man müsse sich am Samstag Nachmittag mit der Kamera vor den Bildern postieren, damit auch noch der Letzte merkt, dass hier ein ambitionierter Hobbyfotograf am Werk ist, aber dann stehen wir schon vor den Bildern und die kleine Königin zieht mich zu einem Sommerbild von Max Liebermann: „Guck mal sagt sie, die Frau mit dem Hut, die sieht auch die ganze Zeit auf ihr Telefon.“

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Max Liebermann, vielleicht der eigentliche Erfinder des gesenkten Smartphone Blicks?

Wir überlegen dann doch noch einmal, ob man um 1900 vielleicht auf ganz andere Sachen geschaut haben mag und die kleine Königin befindet mit Inbrunst: „Bestimmt haben die Frauen alle dem König geschrieben.“ Warum nicht, dann will die kleine Königin wissen, warum die Frauen alle Hüte trugen und niemand sonst im Raum, wir wandern durch die Räume und die kleine Königin und ich planen anhand von Liebermann und Monets Gartenbildern einen Schlosspark: Gladiolen auf jeden Fall, Schwertlilien aber nur in feuerrot, eine Margeritenwiese, natürlich ein Seerosenteich und von Gustav Klimt lässt sich selbst die kleine Königin überzeugen, dass drei Birken auf einer Wiese eine gute Sache sind. Liebermann aber bleibt ihr Favorit: sie steht lange vor dem Bild des Küchengartens mit seinen Kohlköpfen und Obstbaumspalieren und neigt den Kopf zur Seite: Dann will sie wissen, warum so viele Menschen auf der Welt Hunger haben. Die kleine Königin hört mir seufzend zu und schließlich gehen wir zu den Segelbooten, die immer wieder Motiv der Impressionisten waren, hier aber nicht im Süden, sondern in Nordfrankreich im hellen Licht in den Wellen schaukeln. Wir suchen uns ein Boot aus, von dem wir glauben, es trüge uns sicher um die Welt. Ich erzähle der kleinen Königin von meinem Urgroßvater, der um die ganze Welt fuhr und mein Großmutter und ihren Schwestern das Segeln beibrachte. Wir vergleichen Bootstypen und als wir vor den großen schweren Schonern stehen, die erst mit der Dampfschifffahrt von den Weltmeeren verschwinden, erzähle ich vom Sklavenhandel und die kleine Königin sagt zum treuen Bär ganz entrüstet: „Das darf man doch nicht machen.“ Bär und ich nicken. Dann wird die kleine Königin müde und klettert in meine Arme und mit ihr auf den Armen, sehe ich die Skulpturen der Sammlung an und stehe noch einmal lange vor dem Denker, so oft reproduziert, so oft gesehen, aber immer wieder und vollständig weggerissen von dem was in dieser Figur liegt. Als ich einen abschließenden Blick auf die DDR-Kunst werfe, wacht die kleine Königin wieder auf und wir versuchen draußen an Mattheuers Jahrhundertschritt, bevor wir in die Nikolaikirche gehen. Dort singe ich für die kleine Regentin: „Oh wie wohl ist mir am Abend“, aber schon zischt es von hinten: „Ruhe bitte.“ Protestanten haben es auch nicht immer nur leicht und wir gehen lieber hinaus besehen Atlas mit der goldenen Kugel auf dem Rücken, und von der Last der Welt kommen wir zu den Gesetzen der Schwerkraft und dann auch zu Fortuna, die nicht minder glänzend sich im Wind vor- und zurückdreht, denn nicht umsonst ist sie die Wankelmütigste unter den G*ttinnen. Noch einmal sehen wir hinüber zum Museum Barberini, neu und glänzend im späten Licht.

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Gekrönte Lampen.

Kurz bevor die gekrönten Straßenlaternen angehen, machen wir uns auf den Weg zurück zum Oldsmobile. Auf dem Wege jedoch machen wir natürlich bei einem Eissalon Halt, denn eine kleine Königin muss sich stärken und der verständige Eisverkäufer erkennt sofort, dass auf den Eisbecher mit Früchten eine Extra Portion bunte Streusel gehören. Die kleine Königin nickt erfreut und lässt auch Kanzler Bär und mich probieren. So gestärkt schließlich gondeln wir zurück, zufrieden und ganz und gar nicht mehr gelangweilt, drehen wir das Autoradio lauter. Immerhin ist dieses Oldsmobile eine königliche Karosse. Zurück daheim malt die kleine Königin sofort einen Plan für die künftige Schlossparkgestaltung und nur Schwesterchen sieht mich kritisch an: „Habt ihr etwas Ordentliches gegessen, ihr beiden?“ Ich nicke: „Viel Obst, Süße“ sage ich und zwinkere der kleinen Königin zu, dann falle ich zurück auf das Sofa, wie es sich für etwas erschöpfte Kammerzofen nicht ganz gehört.

Museum Barberini, Humboldtstraße 5-6, 14467, Potsdam, täglich außer Dienstag, alles weitere hier.

 

15 thoughts on “Reisen in die deutsche Provinz-Das Museum Barberini, Potsdam

  1. ….is immer wieder zum Schmunzeln, wie Berliner meinen, alle andere sei Provinz. Ich habe den äußersten Westen ud Süden Berlins als viel provinzieller erlebt als Potsdam, aber zum Glück ist das Ansichtssache. Beigefarbene Mäntel tragen übrigens nur Touris, denn Potsdamer kommen nicht auf die Idee, am Samstag ins Barberini zu gehen. Ihre himmelblau bemäntelte Berlinerin

    • Ha, das ist hübsch, ich wohne ja in Berlin im äußersten Südwesten und bin eine bekannte Provinzliebhaberin, ich finde Potsdam sehr schön, aber der DDR Wind, der in manchen Ecken weht, den finde ich schwierig. Himmelblau, wunderbar dann erkennen wir uns bestimmt!

      • Ohja, vor diesem Wind muss man fliehen, so bin ich denn beruflich auch weg von hier, da ham Se völlig recht, Madame Farbenfroh

  2. Ich war heute drin und bin hingerissen, sitze in Gedanken noch vor den Seerosen, die dort ja bald hinterm Haus in echt zu sehen sein werden, ach…

  3. „Dann will sie wissen, warum so viele Menschen auf der Welt Hunger haben. Die kleine Königin hört mir seufzend zu ….“
    Die Antwort auf die Frage der kleinen Königin interessiert mich, damit ich sie all den kleinen Königinnen und Königen in meiner Familie weiter geben kann.

  4. Ich bin ja erklärte Verfechterin der Idee, Kindern etwas zutrauen und ich erkläre vor allem, dass der Hunger menschgemacht ist und tiefe und lange Strukturen hat, was mit globalen Marktzirkeln, Umweltveränderungen, Korruption in den Produktionsländern und Gier in den Importländern zu tun hat, die seit Jahrzehnten einen Teufelskreis in Bewegung halten. Und ich erkläre auch, dass es Hunger eben nicht geben müsste und es an uns liegt das in vielen Hinsichten für Veränderung zu sorgen. Wie immer und wie fast alles, fängt es mit Aufklärung an…..

  5. Muss auf meinem „Titellos“-Blog nun auch eine Tierarzt-Geschichte erzählen, weil wir ja Namen nicht brauchen, nicht? „Der Tierarzt blablabla…“ klingt schon seltsam, aber das sind ja auch besondere Geschöpfe, der meine kümmert sich vor allem um Seehunde und stammt aus Griechenland, aber das muss ich erstmal alles sammeln und dann erzählen, ich komme mit so vielen Eindrücken immer schlecht zurecht, und es ist wie mit Filmen: da bleiben Bruchstücke innder Luft hängen und fliegen wie Seifenblasen – und dann muss man sie bündeln, aber versuchen Sie das mit Seifenblasen, ha 😀

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