Trauermarsch

Am vergangenen Mittwoch Abend stehe ich im Dorfladen und staple Kartoffeln, Lauch und Milch auf der Ladentheke, dann kaufe ich doch noch Ziegenkäse, denn mir ist nach Quiche am Abend. ( Kurz vor Pessach habe ich ohnehin immer das Bedürfnis mich in Mehl zu wälzen und noch mein Müsli zu panieren.) Da beugt sich die Frau des Krämers vor und sagt: „Mit dem Nachbarn aus dem blauen Haus geht es zu Ende.“ Die Frau des Krämers, die doch sonst eine Frau der klaren Worte ist, überfällt beim Tod ein Hang zur Metaphorik. Als ich schließlich die Einkäufe in den Korb staple und ich mich zum Gehen wende, sieht sie mich noch einmal nachdenklich an: Fräulein Read on, ich hab es schon im Januar gesagt, der Schnitter reitet über die Dörfer.“ Dann schüttelt die Frau des Krämers den Kopf und redet über ihre Pechsträhne beim Bingo. Ich aber laufe zurück ins Oberland und bin vor allem sehr, sehr müde. Am nächsten Tag aber ist der Nachbar aus dem blauen Haus schon tot. Die Frau des Krämers berichtet mit schluchzender Stimme von den letzten Minuten des Nachbars in seinem Bett ( das Frühstück noch auf dem Tisch.) Ich kondoliere der Frau des Verstorben und muss mich sehr zusammennehmen, auf die Karte nicht „Liebe blaue Frau“ zu schreiben, denn im Dorf kannte man sie nie anders als unter diesem von der Frau des Krämers keineswegs nur freundlich gemeinten Namen. Dann aber hatte mich die Woche wieder fest im Griff. Gestern aber war ich früher zu Haus als üblich und saß im windschiefen, alten Haus am Schreibtisch und nicht im Büro und gerade als ich beschloss eine Tasse Tee zu brühen und nach der Keksdose auf dem Regal angelte, fingen die Glocken St. Sylvesters an zu läuten, dabei war es weder 12 noch 18 Uhr. Die Beerdigung, dachte ich und von weitem schon konnte ich den Trauerzug der langsam die Straße hinaufschritt erahnen. Eine schwarze Limousine mit weißem Gesteck auf der Motorhaube führte den Zug an, der Sarg aber war nicht Inneren des Autos verborgen, sondern die Söhne und Neffen des Mannes aus dem blauen Haus, trugen den Sarg auf den Schultern. Schwitzend und mit hochroten Gesichtern, denn die Sonne schien keineswegs milde, sondern brannte unbarmherzig streng für einen Tag in März. Schluchzend läuft die blaue Frau gestützt auf die Frau des Krämers hinter dem Sarg und dann folgen der Priester, zwei Messdiener und schließlich das ganze Dorf in Schwarz gekleidet, als lange Reihe. Die Dorfbewohner aber die nicht hinter dem Sarg herlaufen, stehen vor den Türen, ziehen den Hund oder fahren mit dem Auto an den Straßenrand. Sie alle schlagen ein Kreuz passiert der Sarg ihre Schwellen und sehen betreten auf den Boden nähert sich der schluchzende Trauerzug. Schließlich nimmt die Trauergesellschaft auch den steilen Anstieg, der zu mir ins Oberland führt. Auch ich stehe vor dem Haus, mitten in der gleißenden Sonne, aber ich schlage kein Kreuz vor der Brust, sondern jüdisch-praktisch reiche ich den Sargträgern Taschentücher an, die diese gern annehmen, denn ihre Augen tränen nicht vor Ergriffenheit, sondern von der Anstrengung den Sarg auf den Schultern hinauf ins Oberland zu wuchten. Für einen Moment treffen meine Augen, die des Priesters, der mir fremder ist als sonst in seiner Soutane, dem etwas schleppenden Gang, den Gebeten und der mir fremd erscheint auch in diesem Trauermarsch, dessen Heulen und Schluchzen und Flehen um Seele und Leib sich so unterscheidet vom kühlen Blick des Priesters, mag er auch flankiert sein. von zwei Messdienern mit roten Gesichtern.

Erst später fällt mir auf, dass es der Priester ist, der als Einziges nicht schwitzt, und schnell die Augen abwendet von mir, die ich im Sonnenlicht an der Hauswand stehe. Für einen Moment überlege ich ob der Priester, dessen Glauben nichts Frömmelndes und nichts Volkstümliches hat, hier nicht genau so fremd ist wie ich. Noch nie habe ich und der Priester geht bei mir ein und aus ein Kreuz vor der Tür schlagen sehen, er hat keine Heiligenbildchen wie die Frau des Krämers im Auto befestigt und in seinem Arbeitszimmer hängt ein Bild seiner Mutter aber nicht des Papstes. Betet er vor Tisch, dann ausschließlich mit kühler Ernsthaftigkeit und als die Frau des Krämers behauptete einen heiligen Fingernagel im Nachtkastel liegen zu haben, erzählte mir der Priester davon als einer absurden Kuriosität und wir beide hatten schließlich einen Schluckauf vor Lachen. Aber schon ist der Trauerzug an mir vorbei und biegt in den Kirchhof ein. Ich gehe nicht mit zum Gottesdienst, sondern folge der Trauergemeinschaft erst wieder auf dem Friedhof. Das Quietschen der Kirchentüren nämlich höre ich auf dem Sofa liegend. Auf dem Friedhof dann erneute Gebete, der Priester schwenkt Weihrauch, das Schluchzen gerade abgebbt, hebt wieder an, als der Sarg in der Erde verschwindet. Neue Gebete und alter Gesang. Reihum werfen wir Erde auf den Sarg und die Frau des Krämers und die blaue Frau schluchzen um die Wette. Hat der Priester nicht einen säuerlichen Gesichtsausdruck? Aber lange bleibe ich nicht, sondern lege nur einen Blumenstrauß auf das Grab des Mannes aus dem blauen Haus. Dann laufe ich langsam über den Friedhof zurück nach Haus, schon sitze ich wieder am Schreibtisch, die Trauergesellschaft sehe ich noch einmal als große, schwarze Wolke am Haus vorbeiziehen. Erleichtert die Sargträger, gefasst auch die blaue Frau und die Frau des Krämers: der Pub des Dorfes ist für die Trauergäste reserviert.

Später, es wird schon dunkel und ich richte gerade Käse und Brot ( vor Pessach, ich sage ihnen, zählt jede Scheibe doppelt ), da klopft der Priester. „Kommen Sie doch herein“, sage ich und hole einen zweiten Teller aus dem Schrank. Der Preister zeigt auf die Flasche Wein in seiner Hand. „Stört es Sie, wenn ich trinke?“ Ich schüttle den Kopf und als wir auf den dunklen Kirchhof schauen, sehe ich hinüber zum Priester, der in Sakko und Hosen auf dem Sessel sitzt, mit übereinandergeschlagenen Beinen und dem Kopf in eine Hand gestützt. „Fremd waren Sie mir Priester“, sage ich im Halbdunkel des Zimmers. Für einen Moment schweigt der Priester und sieht mich an: Ach Fräulein Read On, ich bin mir doch selber fremd.“ Dann müssen wir lachen, nicht lauthals, nicht dröhnend, nicht scheppernd, sondern leise und vor allem gemeinsam.

8 thoughts on “Trauermarsch

  1. Eine tiefe und durchaus beängstigende Warheit über die conditio humana gelassen ausgesprochen. Wie gut auch immer der Priester auf Beerdigungen sein mag – er scheint ein formidabler Gesprächspartner zu sein.

    • Ich mag den Priester sehr gern, er ist ein kühler und kluger Beobachter und als ich ihn kennenlernte, habe ich gedacht, er mache einen Scherz als er mir sagte er sei Priester. Ich bin sehr froh ihn kennen zu dürfen und war selbst ein bisschen erschrocken über meine Irritation.

  2. Bereits bei der Geschichte: „Ein Sonntag in Irland“ stellte sich mir die Frage, wie es mit der Stellung der Katholischen Kirche bei Ihnen vor Ort aussieht? Zwar zeigt dieser ‚Trauermarsch‘ dass Ritus und Liturgie
    (wie vergilbte Bilder)noch präsent sind, glücklicherweise jedoch die autoritäre Macht der Institution am Schwinden zu sein scheint.
    Vielleicht rührt das sich selbst fremd sein des Priesters aus dem Umstand, dass er einen Platz in der klerikalen Hierachie einnimmt, die er selbst nicht für gut heißt?

    • Das Dorf ist sehr klein und sehr alt. 95 Prozent der Dorfbewohner sind über 60. Es gibt einen tiefen Volksglauben, der sich in Ritualen und Festen manifestiert-Hochzeiten, Kommunion und Beerdigungen werden kirchlich organisiert, und die älteren Dorfbewohner gehen zur Messe und dann gibt es ein großes Altersgefälle, das die Generationen danach mit der Kirche nicht mehr dasselbe verbinden. Der Skandal um den Kindesmissbrauch und der Behandlung von außerehelich schwangeren Frauen in den Magadlen’s Houses und jetzt die Babyleichen in Tuam haben der Kirche hier enorm geschadet. Der Priester hat aber den größten Teil seiner Laufbahn in Rom und Italien verbracht und ist eben zurück nach Irland versetzt worden, die schneidende intellektuelle Schärfe, die er auch im Glauben hat, wird hier mit großer Irritation aufgenommen, wo die Leute nach Riten suchen.

      • Römische Studien und pastorale Praxis zusammen zu bringen ist natürlich eine echte Herausforderung
        für einen Priester mit intellektueller Schärfe.
        Mit einer guten Portion Befreiungstheologie und Humor könnte es gelingen. 😉

        Das Fossil Amtskirche hat allerdings nicht nur in Irland an Glaubwürdigkeit verloren. Auch hierzulande gibt’s nicht wenig zu bemängeln. Sei es, dass die Trennung von Thron und Altar noch nicht vollzogen ist, sei es,
        dass die Männerkirche nicht sehen will, dass das Patriarchat zu Ende geht.

      • Die Kirche steht vor großen Herausforderungen allerdings muss man auch ihre Beharrungsfähigkeiten bewundern. Der Priestermangel wird sicherlich in den nächsten Jahre eine der großen Themen und in vieler Hinsicht bietet es auch Chancen sich von Strukturen zu lösen.

  3. Die blaue Frau und die Frau des Krämers, köstliche Schilderung dieses ‚Trauerpaares‘,
    und ein sehr schönes Bild vom ‚Trauerzug als schwarz vorbeiziehende Wolke‘.

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