Angesehen: Elle

Ich gehe fast nie ins Kino. Selten öfter als ein- oder zweimal im Jahr. Zu schnell sind die Bilder mir, oft ist der Film schon zu Ende, bin ich noch beim dritten Bild und noch viel öfter erschließen sich mir die Bilder nicht, schon schlafe ich ein oder lege lange Listen kommender Tage an und nicke abwesend fragt man mich, ob mir der Film gefiele.
Eine einzige Ausnahme gibt es, ich gehe immer dann ins Kino gibt es einen Film mit Isabelle Huppert. So sitze ich am Samstag Abend nicht mit Buch im Sofaeck, sondern neben dem Tierarzt im Kino. Elle heißt der Film und sie, Isabelle Huppert ist dieser Film. Alle anderen Rollen, alle Szenen, alle Motive, all das könnte auch verschwommen sein, denn sie sind überflüssig, immer ein fast schon schroffer Gegensatz zu ihr, zu dieser Frau, die in diesem Film Michèle heißt. Es geht, aber das können sie anderswo besser  nachlesen, um eine Vergewaltigung, aus der eine Geschichte aus losen, miteinander verbundenen Enden wird. Aber all das sehe ich nicht, denn ich sehe ja vor allem Isabelle Huppert zu, die ja keine Rolle verkörpert, sondern eine Möglichkeit darstellt. So kann es sein, das kann eine Frau sein und sagen, so geht es und es geht auch ganz anders, es ist alles ganz anders, denn wir sind nie nur wir, sondern in uns liegen Biographien der anderen und nur Bruchstücke und Splitter davon zeigen wir in dem was wir unser Leben nennen der Welt. Isabelle Huppert anzusehen, ist ein Blick in einen verschwommenen Spiegel, denn anders als für andere Sprachen gilt für Französisch noch immer das, was für andere Sprachen nie gelten wird, ich verstehe die Sätze, die sie sagt, nicht allein im Wortsinne, sondern in ihren Andeutungen, in ihrer Melodie, die ich mitgenommen habe in andere Sprachen, auch noch als ich meinen Akzent verlor. Ich höre meine Mutter, ich höre meine Mutter schon lange nicht mehr, aber hier auf der Leinwand, höre ich sie noch einmal in einem Satzanfang, ich schließe die Augen, aber nicht vor dem Geschehen, das wäre zu einfach. Ich sehe Isabelle Huppert und ich sehe meine Handbewegungen gespiegelt, eine Haarsträhne hinter das Ohr geschoben, eine angdeutete Augenbraue nach oben verzogen, links von mir sitzt eine Französin, und in ihr liegt die gleiche Handbewegung, wir sehen uns an, wir sehen Isabelle Huppert. Ich weiß nicht, ob es richtig ist zu sagen, dass dies ein Film mit Isabelle Huppert ist, es sind Bilder von Isabelle Huppert. Eins dieser Bilder: ein Sturm dräut und die schweren türhohen Fensterläden schlagen klappernd gegen die Hauswand. Der Nachbar kommt herüber ihr bei der Befestigung der Läden zur Hand zu gehen und dann beugt sie sich hinaus in den tobenden Wind, ein nur angedeutetes Lächeln, ein wenig fliegendes Haar auch, aber in ihrem Gesicht, unter den halbgeschlossenen Augen, ist Isabelle Huppert, Ikarus und Amazone und niemand wunderte sich schlösse sie die Augen, stieße sich vom Boden ab und flöge davon. Nichts wäre realistischer, als wenn sie es täte, aber sie schließt die Tür, und noch bevor sie sich wieder dem Nachbarn zuwendet, hat sie uns gezeigt, die wir dort vor ihr sitzen im dunklen Zimmer, was eine Möglichkeit sein kann. Ein anderes Bild schon am Ende des Filmes: Isabelle Huppert steht als Michèle auf einer Firmenfeier. Der Abend ist das was man erfolgreich nennt. Gläserklirren, feine Kleider, gelöste Stimmung wie man so sagt und sie und ihre Geschäftspartnerin, stehen zusammen. Dann plötzlich und ohne Vorwarnung, ähnlich als sagte bemerkte sie etwas über das Wetter, ein paar Schuh, erzählt sie ihrer Freundin, dass sie die letzten sechs Monate mit deren Mann geschlafen habe und wieder ist es ein Bild, keine Handlungsebene der ewig gleichen Schemata, es ist eine Möglichkeit. Sehen Sie so kann es sein, so kann radikale, schonungslose Ehrlichkeit aussehen. Ob das auszuhalten wäre, sei damit nicht gesagt, aber die Möglichkeit immerhin, die Möglichkeit besteht. Isabelle Huppert macht es vor. Nein, leicht anzusehen ist das nicht, die Folge dieser Möglichkeiten, in ihren Andeutungen, die uns verunsichern in uns selbst, wieder und wieder, wie wir ihr gegenübersitzen, zwei Stunden eingeschlossen mit dieser Frau, deren Möglichkeit Isabelle Huppert für uns ergründet. Glaubt man sich sicher, auf vertrautem Terrain und schon dreht sie sich weg, dreht sie sich weiter, schon steht eine neue Möglichkeit vor uns, schon erinnern wir uns unserer Möglichkeiten, schon wird uns kalt und der Blick in den Spiegel, verschwimmt, denn natürlich lässt sie den Spiegel beiläufig fallen, und erst später, viel später merken wir, wo genau wir uns eine Scherbe eingetreten haben. Es ist das Vertraute in dieser Frau, die ja nicht von jener schauspielerinnenhaften Schönheit ist, die immer wieder durch Lächeln und Brust raus und Bauch rein manifestiert werden muss, sondern es ist eine verstörende Vertrautheit, und eine großartige Fremde, denn natürlich ist Isabelle Huppert keine Allerweltsfrau, sondern das sie auch das sein kann, ist nur eine Möglichkeit. Selten aber will ich jemanden so unbedingt ansehen, und gleichzeitig wegsehen, weil es nicht auszuhalten ist, diese Präsenz, die in so alltäglichen, banalen Gesten in einem „Bon“ und einem „Ouf“ alles erzählt, auch und vor allem das was sich nicht erzählen lässt, erzählt sie während sie den Reißverschluss eines Kleides herunterzieht. Man möchte sich verstecken vor diesen Bildern und immer noch näher heran, es ist ein gieriges und fast schon unverschämtes Ansehen wollen, das mich überfällt, wenn ich sie sehe, diese Isabelle Huppert. Dann endet der Film, ein letztes Bild, natürlich geht sie ohne sich umzudrehen, ich aber verberge meine zitternden Hände in den weiten Manteltaschen und eine halbe Stunde braucht es im Auto neben dem Tierarzt bis Englisch in meinen Kopf zurückkehrt. Vollmond über den Dächern, der Tierarzt spricht über den Film, ich denke an Isabelle Huppert und streiche mir die Haare zurück hinters Ohr. Die Handlung des Films habe ich schon wieder vergessen, die Bilder hingegen nah unter der Haut.

Elle
France/ UK, 2016

15 thoughts on “Angesehen: Elle

  1. Kennen Sie den Film Amateur von Hal Hartley aus dem Jahr 1994? Isabelle Huppert spielt eine ehemalige Nonne, die ziemlich erfolglos versucht, sich mit dem Schreiben von pornographischen Stories über Wasser zu halten. Eines Tages findet Sie einen verletzten Mann auf der Straße, der sein Gedächtnis verloren, aber eine Vergangenheit hat, die nicht ohne ist.

    • Huppert soll, nachdem Sie Hartleys Frühwerk „trust“ gesehen hat, so begeistert gewesen sein, dass sie mit den Worten „I trust you!“ direkt auf ihn zugegangen sei und und unbedingt einen Film mit ihm machen wollte (so habe ich es damals gehört).

      Ob es sich gelohnt hat … ich jedenfalls war von „Amateur“ enttäuscht – und es lag definitiv nicht an Huppert! Vielleicht waren meine Erwartungen einfach zu hoch, denn nach „The Unbelivable Truth“, „Trust“ und „Simple Men“ war Hal Hartley die Lichtgestalt meiner damals gerade erwachenden cinematographischen Leidenschaft. Vielleicht würde ich den Film heute milder beurteilen. Ich habe mir später noch Hartleys „Flirt“ und „Faye Grim“ angesehen – und war jedesmal von neuem enttäuscht.

      Wie dem auch sei, ich würde – wie Huppert – jedem (zumindest jedem hoffnungslos romantisch veranlagten) Filmliebhaber Hartleys Frühwerk sehr an’s Herz legen!

      • Isabelle Huppert kann nie enttäuschen. Ich bewundere aber sehr Ihrer beider Filmkenntnis, die ja wahre Fachkenntnis ist. Wie bleiern hingegen meine backfischhafte Schwärmerei für Isabelle Huppert!

  2. Christiane Peitz beschrieb übrigens seinerzeit in der „Zeit“ ganz gut, warum Ihnen die Figuren in den Filmen Hal Hartleys gefallen könnten: Der Zweifler.

    Ich mochte Hartleys The Unbelievable Truth und Trust sehr gern, in beiden spielte Adrienne Shelly die weibliche Hauptrolle. Sie fiel leider 2006 in ihrem Büro in New York einem Raubmord zum Opfer. Der Täter hatte einen Suizid vorgetäuscht, ihr Ehemann hat sie gefunden, die Tochter war zwei Jahre alt. Shelly hatte für ihre Regiearbeiten erste Preise gewonnen und wartete damals darauf, ob es ihr Film Waitress in die Auswahl vom Sundance Festival schafft.

    • Was sind das nur alles für Geschichten. Die Tochter war zwei Jahre alt und der Ehemann hat sie gefunden. Wenn das nicht reicht, um die Welt anzuhalten, dann weiß ich auch nicht-

    • Ein Drama! Der Mörder war als Handwerker in ihrer Wohnung und hat Geld aus einer Brieftasche genommen, die in der Küche lag (wenn ich mich recht erinnere). Sie hat ihn auf frischer Tat ertappt und zur Rede gestellt. Der Handwerker, der sich illegal in den USA aufhielt, hatte Angst aufzufliegen – und aus einem vermutlichem Gelegenheitsdiebstahl wurde ein sinnloser Mord.

      Ich habe diese Frau über alles geliebt für ihre Rollen als Audrey und Maria in „The Unbelievable Truth“ und „Trust“.

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