Nach Norden

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Am Morgen aber nicht zum Zug gerannt, statt dessen den treuen, alten Volvo bestiegen, nordwärts diesmal. Schon liegt das Dorf hinter mir, im Rückspiegel noch einmal schiefergrau der Kirchturm St. Sylvester, dann fliegen andere Dörfer vorbei, der treue Volvo beklagt sich kaum, schon liegt Drogheda hinter uns, dann Dundalk, vergessene Städte, Grenzorte, vernachlässigt seit Jahrzehnten allen beschwörenden Reden aus Dublin zum Trotz. Dann Schafe, Kühe, schiefergraue Häuser, die Wiesen auch im März irisch-grün, die Grenze bei Newry, noch merkt man den Landeswechsel nur an der miles statt Kilometerzahl. Benzin für den Volvo, Kaffee für mich. Weiter und immer weiter. Portadown und dann endlich Belfast. Die Anfahrtsskizze zur dem Tierarzt befreundeten Kollegin an die Windschutzscheibe geklemmt, der Volvo erweist sich als treuer Freund und lässt sich auch am steilen Hang nicht lange bitten. Roter Backstein, weiße Balken, auf dem Eisenzaun schwarze Zacken. Endlich da. Ich lassen den Türöffner zweimal gegen die Tür schlagen. Blau ist die Tür. Die Frau hinter der Tür ist von strenger Kühle. „Sie sind ja ein Mädchen“, ruft sie noch bevor ich sagen kann: „Fräulein Read On sehr erfreut.“ Große ist die Tierärztin, ein weißer Kittel, raspelkurze Haare, noch einmal schüttelt sie den Kopf: „Ein Mädchen.“ „Wollen Sie mit mir Arm drücken?“ frage ich und immerhin bleibt mir nun das dritte „Mädchen“ erspart. Endlich werde ich auch den schweren Karton mit tierärztlichem Bedarf los, den ich versprach zu übergeben. Die Tierärztin macht Tee. Si e schüttet Kekse auf einen Teller mit gesprungenem Rand. Resopalstühle. Auf der Untertasse Pferde,-Hunde oder Katzenhaare. Vielleicht auch alle zusammen. Die knallroten Fingernägel an ihrer Hand trommeln auf die Tischplatte. Der Geruch von Desinfektionsmittel und Barry’s Tee. Die Tierärztin sieht meinen Blick auf ihren Fingernägeln. „Der schwarzen Ränder wegen“, sagt sie, ich hatte sie nicht gefragt. Sie erzählt vom Tierarzt. „Er sei ganz anders als ich glaube“, sagt sie, dann lacht sie tief und dunkel. Anekdoten aus Studientagen. Dazu schlecht verborgene, offene Absichten. Ich sehe aus dem Fenster. Die Tierärztin schwärmt von einem Veterinärball aus anderen Tagen. „Nichts für Mädchen“, fügt sie hinzu. Vor dem Fenster repariert ein Mann ein Neon-Kreuz. Die Kirche selbst ist ein zwischen die Häuser gepresster grauer Block. Der Mann konzentriert auf das Kreuz, die Tierärztin auf längst vergangene Nächte. Schuljungen laufen vor dem Fenster vorbei, gescheitelte Köpfe, marine-blaue Schuluniformen, rosa Kaugummiblasen vor ihren Gesichtern. Frauen mit Einkaufstaschen, keine von ihnen kaut Kaugummi, keine hat eine rosa Schleife im Haar. Ernste Gesichter, ernst ist es auch der Tierärztin mit ihrer Erzählung: goldene Jahre seien es gewesen. Sie und er. Er und ich, was für ein Abstieg. Weiße Röcke tragen die Frauen vor dem Fenster zu ihren ernsten Gesichtern, schwarze Strümpfe, schwarz-grau-beige Schuhe. Regen und dann Sonnenschein. Nass glänz das Pflaster. „Wir wissen nichts über andere Menschen“, verabschiede ich mich von der Tierärztin, längst ist der Tee kalt, sie allein aß von den Keksen. „Schickt er mir doch ein Mädchen“, höre ich sie sagen, dann fällt die Tür ins Schloss. Vorsichtig manövriere ich den Volvo zurück in die Stadt. Noch hängen die Wahlplakate die einen Sonderstatus für Nord-Irland in der EU fordern an den Laternen. An einer Ampel sehe ich eine Modigliani-Frau. Seit Jahren schon begegnen sie mir immer wieder. Unverhofft fast immer, so auch hier, an einer Straßenkreuzung, steht sie eine Hand ins schwarze Haar geschoben, ein grünes Samtjäckchen, die Nase gen Himmel, eckig das Kinn, die Augen jettschwarz, die aufgeworfenen Lippen ganz nach Modigliani geformt, ein kleines Handtäschchen an goldener Kette baumelt über ihrer Schulter, schaukelt im Wind. Sie schließt die Augen im Sonnenschein. Hinter mir aber hupen die Autos, der Volvo heult empört auf. In der Universität, universitäre Dinge. Der angereiste finnische Kollege erinnert sich an ein Gespräch einmal in Oslo begonnen. Ich könnte schwören, ich hätte ihn nie gesehen, lieber aber nicke ich. Hände schütteln, bekannte Gesichte, veratmete Luft. Sind da nicht Hunde,-Pferde oder Katzenhaare auf meinem Mantel? Ungeduldig klopfe ich sie ab, dann für eine halbe Stunde nach draußen. Milde Luft. Ein Oxfam –Laden, neben einem Wettbüro, ein Schnellimbiss: Chinesisch-Koreanisch-Indisch, passend dazu eine „All- you-can-eat Offerte“. Eine Gruppe Bauarbeiter reibt sich die Hände, ich kaufe eine Flasche Wasser, eine Banane und einen Stapel Bücher bei No Alibis. Der Volvo wartet treu im Sonnenlicht. Wer weiß vielleicht liest er ja im Bücherstapel herum. Die Nachmittagssonne tritt auch in das Konferenzzimmer hinein, die Anwesenden gähnen einvernehmlich, Schlussworte, Abschiedshonneurs. Freitag-Abend. Der finnische Kollege will auf ein Bier, ich nach Hause, schon zieht der Finne mich mit. Ich starre ins Wasserglas, der finnische Kollege erzählt mir eine komplizierte Geschichte über eine Hochzeit, die nicht mit einem „Ja-Wort“ endet, ob er der Bräutigam war mit den Ringen noch immer in der Tasche, will ich nicht fragen, sondern fahre den schlingernden Finnen ins Hotel. Dann zurück durch die Dunkelheit. Erst Dvořáks Bagatelles op. 47 im Ohr, dann müder werdend, irgendein Sender, der im Dreivierteltakt zum Mithopsen auffordert, eine halbe Banane und die gleichen Städte, endlich bekannte Namen, absehbare Kilometerzahlen, dann das Meer zur Linken, Fenster auf, auf schlingernden Wegen durch größere Dörfer und schon sehe ich St. Sylvester, das Dorf ist still, bei mir Zuhause ist Licht, Fenster zu und Motor aus. „Du bist zurück mein Mädchen“, sagt der Tierarzt.

13 thoughts on “Nach Norden

  1. er/es ist nicht wie Sie denken – ganz anders als Sie meinen, (merkwürdige Zufälle gibt es, hat der Tierarzt das nicht vor kurzem anläßlich eines Kalbs in der Küche auch gesagt?) – nichts für kleine Mädchen…: da hat was gesessen. Ich hoffe, dem Kalb geht es gut. Hat er schon einen Namen?

      • Bei „Osterglocken“ und „Elisabeth“ hat es bei mir im Ohr geklingelt – https://www.youtube.com/watch?v=Jzw8OmVeh7o – beim zweiten Lesen hab‘ ich dann doch geschalten, dass vermutlich die Blümchen (Narzissen, wie wir sie nennen) Gefahr laufen, in Elisabeths Magen zu landen, wenn sie ihnen zu nahe kommt… irisch-grüne Wiesen, wie sehr mir dieses Bild doch noch in Erinnerung ist – hach, es wird wieder höchste Zeit, Reisepläne zu schmieden! 😉

      • Ja, da sagen Sie was. Wie soll man die Vergangenheit besiegen/schlagen/überwinden/wasauchimmer, egal was Faulkner dazu meint. Oy vey!
        (Seitdem ich bei Ihnen dieses Oy vey! gelesen habe, muss ich lachen, wenn ich mir vorstelle, Herr Trump würde das mit dem Gesichtsausdruck sagen, den er benutzt, um loser! zu sagen. So ist es nicht gemeint, ich weiss, aber ich muss dennoch lachen.)

    • Drogheda ist zu trauriger Berühmtheit im Jahr 1649 gelangt als Oliver Cromwell dort landete und hat über den Boyne direkt Verbindung zum Meer und Dundalk hat direkten Seehafen.

  2. Hi! Ein sehr schöner Beitrag! Hat mir doch irgendwie den Sonntag versüßt! Danke dafür! Ich wünsche dir noch viele solcher unvergesslichen Abenteuer und natürlich einen schönen Tag! Bin momentan auch im urlaub, allerdings nicht so „spontan“ wie du :D….so ich bestell mir jetzt erstmal nen Cappuccino und denke nach! ::D:D Ganz viele Grüße aus meinem hotel in schenna ! Maren

  3. Man kann nichts erzwingen und nichts festhalten, und wir alle sind von unserer Vergangenheit gezeichnet, im Guten wie im Schlechten. Das habe ich spät im Leben gelernt. Hätte ich es beizeiten gelernt, wäre mir und anderen vieles erspart geblieben. Denken Sie nicht mehr an die dumme Tierärztin mit den roten Krallen, Sie können die Vergangenheit nicht ändern. Die Gegenwart, und vielleicht auch die Zukunft, das sind aber Sie und der Tierarzt.

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