Der Stein des Anstoßes.

Meine Großmutter praktizierte nur für kurze Zeit in der Poliklinik der kleinen Stadt, in der sie lebte. Bald schon eröffnete sie eine eigene Praxis, zum Entsetzen des Direktors der Poliklinik. Ihre Approbation hatte meine Großmutter schließlich in Israel erhalten, ihren Facharzt am Hadassa-Hospital in Jerusalem gemacht und ihre Doktorarbeit zu einen Zeitpunkt verteidigt, als die DDR- Führung Frauen riet doch Traktoristin zu werden. Meine Großmutter hängte ein Bild von Magnus Hirschfeld in den Praxisraum, befestige ein Schild mit ihren Sprechzeiten an der Tür und kaufte ein gebrauchtes Vorkriegsmotorrad für Hausbesuche. Aus dem Fenster ihres Sprechzimmers konnte sie das Haus des Poliklinikdirektors sehen. Der Direktor der Poliklinik ließ Jalousien an seine Fenster anbringen um den Stein des Anstoßes, die Privatpraxis auf der anderen Marktseite nicht sehen zu müssen. Meine Großmutter machte die Fenster auf. „Frische Luft“ das war ihr stetes Credo „hat noch niemals geschadet.“ Am Anfang sah sie lange auf den Marktplatz, denn der Direktor der Poliklinik wollte ein Exempel statuieren, aber die Ausstattung der Poliklinik war schlecht und meine Großmutter hatte Medikamente aus dem Westen, einen sauberen Kittel und ehe man sich versah, war meine Großmutter Frau Doktor geworden und die Praxis von nun an immer voll.
Der Direktor der Poliklinik hasste meine Großmutter von ganzem Herzen. Meine Großmutter winkte ihm vom Motorrad aus zu. Sie trug maßgeschneiderte Lederhandschuhe , die ihr eine Patientin ohne Geld aber mit schwerer Diabetes schneiderte. Der Direktor der Poliklinik schäumte: „Dekadenz und Bourgeoisie.“ Meine Großmutter kräuselte ihre Oberlippe. Schon mit sechs Jahren hatte sie doch beherzt zur Küchenschere gegriffen und sich die schweren Zöpfe abgeschnitten. 1928. Ihr Vater war begeistert: „Die moderne Frau.“ Er ging mit ihr zum Friseur und sie bekam einen Bubikopf. In der ganzen Stadt ging er damals herum mit dem sechsjährigen Mädchen auf seinen Schultern: „Das Mädchen wird Matura machen.“ Er würde Recht behalten. Der Direktor der Poliklinik besorgte Lederhandschuhe aus dem Intershop für seine Frau. Meine Großmutter stellte seine Geliebte als Arzthelferin ein. Der Direktor schäumte. Meine Großmutter behandelte die Migräne seiner Frau: „ Der Herr Direktor darf davon nichts wissen.“ Meine Großmutter hielt still. Die Geliebte des Direktors bekam ein Kind. Der Herr Direktor wollte davon nichts wissen. Meine Großmutter besorgte einen weinroten Kinderwagen aus dem Westen, der in ihrem Fall eben Israel hieß. Die Jalousien im Haus gegenüber aber blieben unten. Meine Großmutter stellte einen jungen Mann ein, der als systemkritisch galt. „Was wollen sie mit dem?“ fragte der Direktor der Poliklinik. Meine Großmutter zog die linke Augenbraue nach oben. „Es braucht gutes Personal, eine Praxis zu führen.“ Der Direktor schlug die Tür hinter sich zu.
Der junge Mann aber übernahm die Anmeldung, vergab Termine, putzte das Messingschild vor der Tür und heiratete schließlich die Geliebte des Direktors. Der Direktor der Poliklinik schickte keine Blumen. So vergingen die Jahre, der Direktor der Poliklinik nahm sich eine neue Geliebte, die Arzthelferin bekam ein zweites Kind und an jedem 8. März sperrte meine Großmutter am Nachmittag die Praxis zu. Ihre Mitarbeiter aber lud sie ein zu sich nach Haus zu Sachertorte und Kaffee. Der Direktor der Poliklinik aber berief an jedem 8. März eine Versammlung der Poliklinik ein. Eine Tasse Kaffee und zwei Schinkenbrötchen pro Frau. So stellte sich der Staat der Werktätigen, Großzügigkeit vor. Lange Reden und kleine Prämien. Der Direktor aber der sich eins, zwei, drei, mehr Schnäpse in den Kaffee goss, schrie je länger der Abend dauerte, umso lauter gegen meine Großmutter an, die sich mit ihrer privaten Praxis am anderen Ende des Marktes als wahrer Schädling des Volkes erwiesen hatte, keine sozialistischen Werte verinnerlichte, dekadent sei und sich nicht einmal am Internationalen Frauentag solidarisch zu den Werktätigen verhalte. Meine Großmutter servierte derweil Kaffee in Meißener Tassen, mein Großvater spielte Klavier und die Kinder spielten Ball im Garten. Der Direktor der Poliklinik machte anzügliche Witze, und lachte laut über den Mann an der Anmeldung. Über sein Kind schwieg er sich aus. Wieder verging Zeit, am 8. März des folgenden Jahres saß meine Großmutter zum letzten Mal mit ihrer Arzthelferin, ihrem Mann und den beiden Kindern bei Kuchen und Kaffee zusammen. In der Nacht verließen sie das Land. Republikflucht, nannte man das im solidarischsten aller Länder, natürlich wurde das Paar verraten, denn nichts blieb verborgen in diesem Land, das mit besten Wissen und Gewissen, und ganz nach Belieben Menschen zerbrach, im Zeichen der internationalen Solidarität. Nur der Frau und ihren beiden Kindern gelang die Flucht. Ihren Mann aber fand man erhängt in seiner Zelle. Am nächsten Morgen durchsuchte die Staatssicherheit die Praxisräume. „Beihilfe zur Republikflucht.“ Grinsend sahen auch der Direktor der Poliklinik und seine Frau zur Tür herein. Das Gesicht von Magnus Hirschfeld hatte einen Sprung. Meine Großmutter trug es zum Glaser. Als sie schließlich aus dem Gewahrsam der Polizei entlassen wurde, räumten ihr Mann und sie die Praxis auf. Im Haus des Direktors der Poliklinik brannte noch immer Licht. Anderntags sperrte sie die Praxis wieder auf. Die neue Arzthelferin und die neue Sprechstundenhilfe und alle die ihnen folgten in den nächsten Jahren, die bald Jahrzehnte wurden, berichteten direkt an die Stasi und dem Direktor der Poliklinik, der ja nicht umsonst in die Staatspartei eingetreten war. Das Bild Magnus Hirschfelds aber blieb den Arzthelferinnen und auch der Stasi ein Rätsel. Sie vermochten einfach nicht herauszufinden, wer der Mann auf dem Bild gewesen sein könnte. Einmal fragte die Frau des Poliklinikdirektors, die noch immer ihre Migräne bei meiner Großmutter behandeln ließ. Meine Großmutter aber antwortet: „Ein Mann aus einem anderen Deutschland.“ In der Stasiakte hieß bald darauf: Die Ärztin stellt imperialistische und klassenfeindliche Propaganda in ihren Praxisräumen zur Schau. Meine Großmutter lachte und warf die Briefe, die ihr in dieser Sache zugingen, ungeöffnet in den Papierkorb.
Noch immer sperrte meine Großmutter ihre Praxis an jedem 8. März zu, aber die Arzthelferinnen und ihre Familien lud sie nicht mehr zu sich nach Hause ein. Die Arzthelferinnen erbaten sich von meiner Großmutter doch an den Feierlichkeiten zum Internationalen Frauentag in der Poliklinik teilnehmen zu dürfen. Meine Großmutter hielt niemanden von Schinkenbroten ab. Der Direktor der Poliklinik lobte den ehrlichen, sozialistischen Ethos der Arzthelferinnen. Eine Prämie bekamen sozialistisch akkurat die vorwiegend männlichen Kollegen und die Frauen warme Worte.
Meistens sperrte meine Großmutter am Abend des 8. Märzes noch einmal ihre Praxis auf,selten habe sie so viele betrunkene Männer auf den Straßen gesehen, wie am Internationalen Frauentag sagte sie, denn dem Brigadeethos der Männer ihren weiblichen Kolleginnen gegenüber sei nicht so sehr mit sozialistischem Schwung denn mit Alkohol auf die Sprünge geholfen worden und meine Großmutter klammerte eben die Wunden. Irgendwann wankte auch der Direktor der Poliklinik gestützt von seiner Geliebten über den Marktplatz seinem Zuhause zu, hinter den Jalousien die Ehefrau mit Hauptweh im Bett. Noch in der Nacht des Mauerfalls aber sagte meine Großmutter mir, habe der Direktor der Poliklinik die Stadt verlassen und auch seine Frau habe nie wieder von ihm gehört.

19 thoughts on “Der Stein des Anstoßes.

  1. Warum ist ihre Großmutter in die DDR gegangen und geblieben. Was immer sie von ihr schreiben lässt nicht darauf schließen, dass sie von dem System überzeugt gewesen wäre.

    • Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage, meine ich (in der DDR geboren und aufgewachsen). Es gab viel Gutes und viel Schlechtes und jeder musste abwägen, wie er damit klarkommt.

      • Klar. Soweit ich es verstehe war es hier eine bewusste Entscheidung. Es war nicht ihre Heimat und sie hatte schon sehr viel mitgemacht bis sie in der DDR ankam.

    • Die Gründe nach Deutschland zurückzukehren, hatten etwas mit dem Scheitern in Israel zu tun, mit der vergeblichen Hoffnung Familie möge aus den Lagern zurückkommen und das es die DDR wurde, war ein Zufall, das war ja deutlich vor dem Jahr 1961. Nein, meine Großeltern waren keine überzeugten DDR Bürger, sie waren aber zerbrochene Menschen und die Antwort kann hier aus vielen Gründen nur eine angedeutete sein.

  2. Eine großartige Frau und eine große Story. Ist sie auf dem Header zu sehen? Ist das Fräulein im Vordergrund? Am Frauentag darf man doch neugierig sein, besonders wenn man ganz dicht zusammensteht darf man, oder nicht?

  3. Ob die Frau des Direktors wohl nach des Gatten Verschwinden immer noch Migräne hatte?
    Danke für diesen, für all die wunderbaren warmherzigen Texte.

  4. Merke: Traue keiner politischen Bewegung, die Dir das Paradis auf Erden verspricht, und Dich dann mit Schinkenbrötchen abzuspeisen versucht!

  5. Magnus Hirschfeld – hätte der Direktor gewusst wer und was der Mann war, hätte es (wahrscheinlich) noch mehr Geschrei, Überwachung, Verdächtigungen und Missgunst gegeben.
    Zitat Anfang
    …als die DDR- Führung Frauen riet doch Traktoristin zu werden…
    Zitat Ende
    Also Traktoristen bin ich nicht geworden, aber einen Traktorführerschein und eine Erlaubnis Mähdrescher zu fahren habe ich!
    Danke für diese Geschichte.

    • Vielen Dank!
      Ja, die Kultur der Verdächtigungen war eine einsame Spitzenleistung der DDR. Ich finde es ja wunderbar, dass Sie Traktor fahren können, ich bin nur allergisch gegen das allzuoft instrumentalisierte Frauenbild der DDR, das bis heute erstaunliche Karriere macht.

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