Sonntag

Früh morgens noch einmal durch den stillen Garten. Noch immer Frosthaut auf den Pfützen. Eichhörnchen in den Bäumen, die Rothkehlchen und Meisen wippen auf den Apfelbaumzweigen, in den Kiefern wohnt der Wind. Eine letzte Scheibe Honigbrot, der Tierarzt quält sich an einer, ich esse zwei, ein letztes Mal die Tassen spülen. Die Bücherberge in Tasche verteilen und dann die Straße hinunter. Die Autobahn, die wir aus dem S-Bahnfenster sehen ist fast leer, nur die grünen Flix-Busse fahren vorbei. Vor ein paar Wochen habe ich ein Bild gesehen, da fotografierte ein Reisender einen Busfahrer, der auf Knien die Bustoilette schrubbte. Der Reisende beschwerte sich über die dadurch auftretenden Verzögerungen der Abfahrt. Ich weiß nicht wie man diesen Zustand von Schamlosigkeit und eiskalter Hundeschnauze erreicht. Aber die Fassungslosigkeit über den Gestus dieses Bildes verlässt mich nicht.

Fast leer ist der Flughafen, das Flugzeug verspätet, der Tierarzt schläft gegen meine Schulter gelehnt, ich lese und versuche nicht gleichzeitg zu atmen und die Seiten umzublättern. Schlafende soll man nicht stören. Einer der Sicherheitskontrolleure lacht keckernd über einen Kollegenwitz und kann nicht mehr aufhören, lacht und lacht und weint irgendwann fast vor dem Gelächter, dass ihn fest beim Nacken fasst und nicht mehr loslässt. Irgendwann kommt das Flugzeug doch. Ein letzter Blick auf Berlin. „Fehlt dir das?“ fragt der Tierarzt. Ich schüttle den Kopf. „Nein, sage ich Tierarzt mir fehlt die Stadt nicht, aber ich vermisse das Leben, das es einmal in dieser Stadt gab.“ Der Tierarzt aber sieht zu mir herüber. Vielleicht erinnert er sich, so lange ist das ja auch noch nicht her, als immer mehr von ihm im kleinen windschiefen Haus im Oberland blieben, erst Zahnbürste, dann Bücher, dann ein blauer Schal, schließlich auch Rasierzeug und warme Socken, und vor allem er selbst, ich in der Tür stand und ihn fragend an ansah. „Du bleibst also?“ oder so ähnlich fragte ich ihn und der Tierarzt sah mich an, ähnlich fragend und sich vielleicht auch ein wenig versteckend vor meiner Antwort. Aber die war nicht besonders, war nicht ausschweifend, auch nicht witzig oder ironisch gelungen. Genickt habe ich wohl, den Zweitschlüssel aus dem Kästchen geholt und dem Tierarzt herüber geschoben. „Keine Geigen sagte ich, keine Rosen, keine Versprechen, kein Himmel“, vielleicht habe ich auch etwas anderes gesagt und der Tierarzt ist trotzdem geblieben, geblieben bei jemandem der immer noch und im eigentlichen Sinne wohl in Berlin auf dem Stuhl sitzt und die Scherben zählt, die Splitter nicht findet und wartet und wartet und wartet.

Ein Teil nur ist eben weitergezogen, sitzt jetzt im Flugzeug, mein Schlüssel zu diesem Leben liegt im windschiefen Haus nah an der irischen See und der Tierarzt neben mir hat den Schlüssel in der Tasche. In Dublin hat es geregnet, der alte und treue Volvo steht in der Garage. Die engen Straßen, hohe Ecken, tiefe Pfützen, die blasse Sonne schon tief am Himmel, der Tierarzt macht das Fenster auf, als wir schließlich das Meer erreichen, dann sind wir schon im Dorf. Die Frau des Krämers winkt. „Hallöchen“ trilliert der Tierarzt. Die Frau des Krämers sieht ihn verwundert an. „Das ist alles ihre Schuld, sagt sie zu mir, dass der Tierarzt erst ihre Tochter verschmähte und jetzt auch noch ausländisch spricht“ Ich nehme die Katze in Empfang und der Tierarzt seinen Hund und überreiche ihr Pralinen und einen Marmorkuchen, nebst violetten Tulpen. Dann schämt sich die Frau des Krämers doch für einen Moment. Aber als der Tierarzt sagt: „Dit is Berlin“, blinzelt sie mir finster zu. Die Katze springt aufs Fensterbrett und schläft sofort ein, der Hund kaut auf einem Socken, ich rufe Schwesterchen an und sehe die Post an, richte Bücherstapel und suche dies und das. Der Tierarzt aber hält das Gesicht in den Sturm und den leise einsetzenden Regen, ich lehne meinen Kopf an seinen Rücken, der Tierarzt hält meine immer kalten Hände und so werden wir langsam nass. „Wieder da“, sage ich. „Danke“, sagt der Tierarzt.

7 thoughts on “Sonntag

  1. Ein paar Geigen höre ich schon, und da ist auch blauer Himmel. Und viel Wärme.
    Nun, wir brauchen Menschen, die ein Stück des Weges mit uns gehen. Es ist so schön, wenn jemand den Mut hat zusagen “ Ich komme mit Dir mit.“

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