Sonntag

Am Morgen, endlich wird es früher hell im Garten, Zweige verschnitten. Allem Sonntag zum Trotz. Erst die Apfel- und Quittenbäume, schließlich die Kirsche und all die anderen Obstbäume. Eine reichlich wacklige Angelegenheit auf der alten Holzleiter mehr schwankend als stehend. Die Krähen hocken gespannt auf der Kastanie. Ich bin mir sicher, sie haben längst Wetten abgeschlossen, ob ich wohl in den Ästen der Kirsche hängenbleibe oder den Apfelbaum herunterrausche. Ra-Ra-Ra schreien sie kreischend und trotz ihres schwarzen Gefieders und den eleganten Flügeln, klopften sie sich lauthals lachend auf die Schenkel, über so jemanden wie mich. Für heute aber noch einmal Glück gehabt, die alte Leiter hält durch.

Hinüber zu den Rosen, die wild, ach allzu wild über Zaun und Gartentor ranken, ungestört und unbeeindruckt, all meinen Versuchen zum Trotz ihrer Herr zu werden. Trotz Handschuhen schneide ich mir die Hände blutig an den langen und spitzen Dornen. Lang ist die Rosenhecke und selbst die Krähen in der Kastanie beginnen sich zu langweilen und fliegen eine um die andere davon. Schließlich habe ich mich bis zum Gartentor vorgeschnitten, klipp-klapp macht die Schere und die Ranken winden sich tückisch um meine Füße. „Mag sein zischen die Rosen, dass du Geduld du mit deiner Schere, aber wir waren schon immer hier, wir werden bleiben, und eines Tages vielleicht nicht heute aber einmal doch, bringen wir dich zu Fall“ Wahrscheinlich haben sie Recht. Für den Moment aber liegen die Rosenranken vor mir auf dem Weg und die rote Nachbarskatze sitzt auf dem Pfeiler und gähnt. Ein Nach-der-Jagd Gähnen ist das, ein Gähnen das sagt: man kann zufrieden sein und ich gähne gleich mit, denn es mag nicht mehr früh sein, aber lang war der Morgen mit der Schere, den Bäumen und den Rosenzweigen.

Gerade als ich mit dem Rechen die Zweige zusammenharke, steht ein Mann vor dem Gartentor. Ein Anzug aus heller Wolle, über einem alten Regenmantel, etwas zu derbe Schuhe aber um ein feiner Herr genannt zu werden. „Hier sagt er“ und zeigt auf die Rosen über dem Torbogen, hier habe ich vor vielen, vielen Jahren einmal ein Mädchen geküsst. Die Rosenzweige auf dem Boden seufzen theatralisch, die Katze auf dem Pfeiler stellt die Ohren auf, ich nicke, aber der Mann fährt sich über die Wange. „Es ist nicht gut gegangen“ sagt er und schüttelt den Kopf. Der Name des Mädchen, das heute wohl eine alte Frau sein muss, sagt mir nichts. „Nein sage ich, ich bin keiner Nachbarin Tochter“ und der Mann bückt sich schließlich und hebt eine Rosenranke auf, lange dreht der den Rosenzweig in den Händen, „ihre Augen sagt er waren anders als alle anderen Augen.“ Noch einmal nickt er mir zu, dann dreht er sich um und schon ist verschwunden. Selbst als ich ein paar Schritte den Gartenweg hinunterlaufe, um ihm hinterher zu sehen, kann ich ihn nirgendwo entdecken. Verraten sich Gespenster an ihren Schuhen?

Kalt ist mir plötzlich, trotz der fahlen Wintersonne, die in der Erle hängt und schon ein bisschen Frühling spielt. Ich versperre das Gartentor und trinke heißen Tee. Bücherstapel vom Tisch in den Rucksack, denn morgen früh geht es zurück. Ein Telefonat mit Schwesterchen, ein kleiner Narzissenstrauß auf dem Tisch, für F.’s Mutter am Telefon ein Geburtstagslied singen. Ich wünsche mir nur, dass hier doch heiratet, sagt sie mir. Ich lache und sage nicht: „Ja, ich auch.“ „Der Bäcker sagt sie unverdrossen, macht auch sehr feine Hochzeitstorten.“ Ich singe noch einmal für sie und spreche mit dem ehemaligen geschätzten Gefährten. „Nein, sage ich, nichts Neues, nur zerschnittene Hände, Wintersonne und die dürren Rosenzweige auf dem Boden.“

Müde bin ich und doch habe ich den Nachbarn Krapfen versprochen, also doch wieder aufstehen und weiter und weiter. Schließlich ein Krapfenberg auf dem Tisch, endlich auch er bei den Nachbarn.

Lange in der Badewanne gelegen, immer noch müder und immer nur müde, mit halbgeschlossenen Augen aus dem Fenster in die Baumwipfel sehen. Leiser Landregen. Schon lange sitzt die Katze nicht mehr auf dem Pfeiler.

 

19 thoughts on “Sonntag

  1. Diese poetische Kraft. Woher haben Sie das? Ich bin immer wieder erstaunt. Ein Satz wie: „Kalt ist mir plötzlich, trotz der fahlen Wintersonne, die in der Erle hängt und schon ein bisschen Frühling spielt.“, das ist einfach großartig. Oder „Verraten sich Gespenster an ihren Schuhen?“ Genial. Und ich teile solches Lob nicht leichtfertig aus. Hoffentlich werden Sie noch lange schreiben.

  2. Schon wieder so eine wunderbare Schilderung, ich könnte gar nicht sagen ‚eine Schilderung wovon?‘. Ein Stück Tag, ein Stück Leben (außen & innen), ein Stück Welt. Love to read it.

  3. „Hier sagt er“ und zeigt auf die Rosen über dem Torbogen, hier habe ich vor vielen, vielen Jahren einmal ein Mädchen geküsst. Die Rosenzweige auf dem Boden seufzen theatralisch, die Katze auf dem Pfeiler stellt die Ohren auf, ich nicke, aber der Mann fährt sich über die Wange. „Es ist nicht gut gegangen“ sagt er und schüttelt den Kopf.“
    Tja, nicht wenige „Dornröschen“ in heutigen Zeiten bedürfen nicht mehr unbedingt eines Prinzen, der sie wachküsst. 🙂

  4. Ach, wenn ich so schreiben und beobachten könnte … dabei habe ich just am letzten Samstag zum Obstbaumschnitt im Garten auf der Leiter gestanden. Und auch lange in der Badewanne gelegen. Was für ein merkwürdiger Zufall.

    Beobachtet habe ich Blindschleiche dabei so wenig, dass ich wohl nur „Bäume sind geschnitten“ in mein Blog getippt hätte. Und weil das ein bisschen wenig wäre, habe ich gar nichts darüber geschrieben …

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