Eine halbe Morgenstunde

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Morgens, kurz vor halb sechs für vier Minuten auf den Balkon. Noch liegt die Nacht mit beiden Armen und gebeugtem Kopf über der Straße. Auf Zehenspitzen also, denn die Nacht soll man nicht wecken, Körner streuen für die alte Freundin Wildtaube, die seit Jahren schon mit Leinenserviette unter dem Flügel früh am Morgen auf dem Balkonsims, erst frühstückt und dann die Zeitung liest. Ich aber die Kälte der Nacht noch unter den Sohlen, leise und die knarrenden Dielen auslassend also ins Bad. Kalt läuft mir das Wasser über die Hände, selbst die Kiefern vor dem Badezimmerfenster schütteln den Kopf. Gänzlich unerwartet aber sitzt du mit angezogenen Knien auf der Fensterbank. Legst mir eine Hand zwischen die Rippen. Fällst mit deinem Kopf auf meinen Rücken und wanderst mit deinen Händen bis hinter mein Ohr. Merkwürdig ist das flüsterst du leise und deine Hand hält meine Rippen fest, dass du dich nicht vor kaltem Wasser erschrickst, aber immer vor warmen Händen. „Ich bin nicht handzahm“ sage ich und du lachst leise , „Nein, sagst das bist du nicht, deine Rippen noch scheuen zurück“, du ziehst die andere Hand aus meinen Haaren zurück, mir tropft kaltes Wasser vom Gesicht über die Zehen und du hältst mir das Handtuch hin. Die andere Hand aber wandert noch einmal von den Rippen den Rücken hinauf und bleibst dort liegen. Ich putze die Zähne, und du sitzt auf der Fensterbank mit wippenden Beinen, siehst mich Wasser trinken aus dem Hahn, immer ein wenig zu gierig, eine alte Gewohnheit aus einem anderen Land, da versiegte der Hahn auch schon früh am Morgen und ich habe das nie vergessen können. Ob aus der Wasserflasche, der Karaffe oder dem Hahn am Morgen, das erste Glas Wasser muss ich herunterstürzen, der ewige Durst jener Jahre lebt immer noch in mir, lebt vielleicht genau zwischen den Rippen, auf denen deine Hand noch immer liegt. Eine Spur des verschütteten Wassers bleibt auf den Fliesen zurück. Ausziehen, den Morgenmantel an den Haken. Kommode auf. Kommode zu. Alles unter deinen Augen, die Kiefernzweige können an mir nichts mehr Finden. „Störe ich dich?“ fragst du. „Ansichtssache“, sage ich und wieder lachst du und wieder wandern deine Hände von meinem Schlüsselbein zu meinen Rippen. „Ich weiß“ nicht sage ich, ob du dich an mir festhalten kannst. Du nickst und dein warmer Atem legt sich zu meinen kalten Rippen. Dann Strümpfe und Kleid, um endlich die Haare zu entwirren, du wärmst dir das Wasser für die Rasur, wickelst dich in meinen Morgenmantel, gähnst und lachst schon wieder:  „Deine Rippen, sagst Du sind selbst in diesen Mantel eingegraben.“ „Mag sein sage ich“, lege die Uhr um, denn die Uhr tickt, vielleicht auch zwischen meinen Rippen. Ich nicke der alten Freundin Wildtaube zu, die geruhsam Körner pickt, setze Wasser auf, hole die Zeitung herein, als der Wasserkessel gerade pfeift. Drei Löffel Kaffeepulver in die eine Kanne, zwei Löffel Tee aus der silbernen Dose in die alte Kanne, Müsli in die Schalen, die Zeitung aufgeschlagen, Apfel und Banane in die Tasche geworfen, die Schuhe geputzt, zwei Seiten Zeitung, Kaffee und Tee aufgiessen, den letzten Granatapfel aufschneiden, du pfeifst aus dem Bad, ich trage dir eine Tasse hinüber, aber schnell nur im Vorüberlaufen eben, deine Hände sind beschäftigt, meine Rippen atmen auf. Schlüssel und Telefon, dann schlägt es Sechs Uhr. Die Nachrichtensprecherin verliest, dass der Journalist Deniz Yücel in Untersuchungshaft genommen wurde. In der Türkei fürchtet man sich vor Worten wie vor einem fliegenden Stein, sage ich dir und lege mir die Nachricht zwischen die Rippen, man vergisst so schnell. Du lehnst in der Tür und ich laufe los. Sieben Minuten nach Sechs, sagt die Uhr.

Reisen in die deutsche Provinz-Bauhaus in Dessau.

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Sonnenseite

Vor vielen Jahren aber als ich zum ersten Mal im Dessau im Bauhaus war, da ging ich enttäuscht von dannen: dieser karge Block dort also mit Direktorenzimmer und einer Ausstellung zu Industriedesign machte mich gähnen und nur weil es meine Großmutter war, murrte ich nicht, sondern starrte durch die Fensterfront und hörte abwesend zu wie sie von den damals noch unrestaurierten Meisterhäusern wie von einem gebrochenen Herzen sprach.
Ich glaubte damals meine Großmutter würde sich irren. Das Bauhaus war doch in Tel Aviv, war die Wohnung von Y. gleißend, hell und weiß, mit einem Balkon und schreienden Katzen im Hinterhof. Wie viele Shabbat-Wochenenden habe ich dort verbracht, auf dem Sofa durch das die Sonne langsam wanderte, bewegungslos fast, immer nur hin und wieder die Platte auf dem Plattenspieler umdrehend. Jacqueline du Pré spielte Brahms. Y. erzählte mir Geschichten aus einer fernen, lang untergegangen Welt und mein Kopf lag auf ihrem Schoss. Im Hof spielten Kinder, in der Küche nebenan sang eine Frau, Wäsche wurde hastig abgenommen vor dem Entzünden der Kerzen, wir aßen Wassermelonen und Feta-Käse mit getrockneten Tomaten. Warm waren die Nächte und ich schlief auf dem Sofa, an der Wand ein Bild von Paul Klee und in der Küche ein Druck von Lyonel Feininger. Bevor der Shabbat begann aber holte der D. die schöne Frau Sheinkin mit dem Motorrad ab, und die ganze Nachbarschaft sah zu wie sie mit weiten, fliegenden Röcken die Treppen herunterlief und dem D. in die Arme fiel. Hinter den Fenstern kicherten die Frauen hämisch und die Männer sahen neidisch auf das Motorrad und schon waren die beiden verschwunden. Die schöne Frau Sheinkin aber, die man öfter im Treppenhaus traf, hatte etwas Irritierendes an sich. Trug sie einen karierten Rock, so konnte man sicher sein, dass ihre Bluse gestreift war und trug sie Hosen, so doch niemals passende Socken und auch heute im Zug nach dem Tierarzt, mir gegenüber der Tierarzt in rahmengenähten Schuhen und die liebe C. im blauen Kleid muss ich an die schöne Frau Sheinkin denken mit ihren klimpernden Armreifen und den schnellen Schritten im Treppenhaus, das war das Bauhaus, ein bisschen verwohnt, warm dabei, Kräutergärten auf den Balkonen, Bücher zum Mitnehmen im Treppenhaus und Geheimnissen, großen und kleinen in den Wohnungen, und immer die Sehnsucht nach den fernen Ländern, die lag auch zwischen der Y. und mir.
Später erst, fand ich zurück zum Bauhaus fern von Tel Aviv und schon hält der Zug in Dessau und wir wenden uns linkerhand vom Bahnhof dem Bauhaus zu, schon lösen wir Karten und gehen die lange Straße hinunter die heute wieder nach Walter Gropius heißt. Zu unserer Rechten, Wohnungsbau der 30er Jahre. Die letzten Häuser, die einmal Junckers für seine Mitarbeiter baute, stehen leer und sind so stumm wie die Straße selbst.

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Im Dreieck über dem Fenster der „Fliegende Mensch“, das Junckers Symbol 1924 von Peter Drömmer entworfen.

Schon aber nähern wir uns der halbhohen, weißen Mauer, welche die Meisterhäuser umrahmt und heute gibt es sie wieder, die einmal von Mies von der Rohe erdachte Trinkhalle ( 1970 abgerissen ). Mies im Herzen wohl immer Rehinländer geblieben, glaubte an der damals wohl staubigen Straße ließe sich gut Limonade verkaufen.

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Trinkhalle nach Mies van der Rohe

Und dann steht man schon unmittelbar vor den Häusern, die eine andere deutsche Geschichte erzählen. Diese Häuser eben die vom Beginn der Moderne künden und die nicht so sehr funktional wie human vom Wohnen erzählen. Aber es wäre nicht deutsche Geschichte, läge nicht auch zwischen diesen Häusern ein Fleck von großer Dunkelheit. Das Direktorenhaus, das Haus von Walter Gropius also nämlich ist eine Replik, ein Hohlkörper, denn das Original wurde vom Druck einer Mine zerstört, genau wie das Haus von Laszlo Moholy-Nagy. Die Ruine des einstigen Gropiusbaus erwarb ein Ehepaar 1954, doch verbot ihnen die DDR das Gebäude wieder aufzubauen. Stattdessen ging alles seinen sozialistischen Gang. Ein DDR geprüftes Eigenheim entstand über dem Weinkeller von Walter Gropius. In den anderen Häusern wohnten noch bis weit nach 1990 Mieter, die ob nun mit gutem Gewissen oder auch nicht, das Haus in Grund und Boden wohnten, er einistige Kern ließ sich nur mehr erahnen.

Im Haus aber von Lyonel Feininger, dem einzigen der Bauhausdirektoren, die nicht 2.000 Reichsmark Miete an die Stadt zahlen mussten, weil er Walter Gropius beruhigen konnte und die Stadtväter bei ihm Kunst aussuchten, praktizierte bis in die 1960er Jahre ein Arzt und dann wurde das Haus Poliklinik. Die DDR brauchte keine Meister, sondern Werktätige und die sollten bloß nicht auf Ideen kommen, schon gar nicht auf Ideen, die wenn auch nur noch im Entfernten nach New York und freier Welt rochen. Wir aber beginnen mit dem Haus in dem Paul Klee und Wassily Kandinsky wohnten. Eine Künstler WG der anderen Art und oh so schön. Hier ist sie wieder die Sonne aus Tel Aviv, nur anders eben in Form einer goldenen Wand. Hellrosa Wände und ein Raum einmal ganz in schwarz, nur noch als Fotografie, aber was für wilde Jahre und die schöne Frau Sheinkin hätte es geliebt. Wassily Kandinsky brachte barocke Bauernschränke mit aus Murnau hier ins nüchterne Mitteldeutschland. Ich habe es Wassily Kandinsky nie vergeben, dass er Gabriele Münter so hängen ließ, aber man verliebt sich sofort in die Wohnung, in die Treppenläufe und die schönen schweren Klinken. In das Atelier mit seinen Fenstern, in das Blau und Rot und in das Schlafzimmer, das nicht groß aber auch nicht klein, sondern genauso geschnitten ist, dass nur die Liebe durch das Schlüsselloch passt, aber nicht die Alpträume und erst recht nicht die kalte Angst. Der Balkon schient geradewegs ins Freie zu führen, ein Schritt und schon ist man hinaus in die Welt getreten. Was so ein Haus alles kann. Ein Haus für Träumer mit ernsten Absichten, eins nach dem anderen, einst gebaut für das andere Deutschland. 1932 Kandinsky war schon in Düsseldorf und seine Frau Nina im Sanatorium, kamen die Nazis und verwüsteten die Wohnung, zertraten die Bilder, zerschlugen die Möbel und so kommen in Deutschland die Alpträume immer durch die Haustür hinein, nie durch das Schlüsselloch.

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Treppenhaus

Der Tierarzt fragt indes die Frau an der Kasse, ob Lyonel Feininger wohl eine Katze besessen habe oder Walter Gropius morgens mit dem Hund über den Hof gegangen sei? Die Dame weiß nichts über die Hausiere der Bauhausbewohner. „Zwei Söhne hat Feininger gehabt und Oskar Schlemmer kam mit drei Kindern.“ Irritiert fragt mich der Tierarzt ob in Deutschland Kinder auch als Haustiere gälten. Ich verneine dies und der Tierarzt schaut beruhigter umher. Wir stehen vor Fenstern und Treppenaufgängen, Lichtschaltern und Terrassentüren, die Februarsonne schließlich kommt doch und taucht alles in goldenes Licht. Die Sonne wirft Kiefernschatten an die Häuserwände und ich stehe noch einmal oben im Zimmer von Paul Klee. Unten im Haus höre ich den Tierarzt und die liebe C. miteinander lachen. Für einen Moment halte ich das Gesicht in die Sonne und schließe die Augen. Mag sein es läuft eine Katze über den Hof und fährt dort drüben nicht ein Motorrad um die Ecke. Für einen Moment bin ich ganz sicher, die Frau dort unten im Garten wo einmal Nina Kandinsky Rosen pflanzte, dort steht die schöne Frau Sheinkin, mit Ringelstrümpfen zum gepunkteten Kleid. „Kommst Du?“, fragt der Tierarzt gegen den Türrahmen gelehnt. Ich nicke und laufe endlich die Treppe hinunter und wir gehen langsam am Haus von Oskar Schlemmer und El Muche vorbei, zurück zum als Kubus restaurierten Haus Walter Gropius und sehen noch einmal zurück auf die sonnenbeschienen Häuser des anderen Deutschlands, das einmal hier in Dessau liebte und lebte und träumte und uns, wenn auch mit gebrochenem Herzen mitzieht zu seinen Splittern und einer Wand aus Gold.

Sie ahnen schon, ich lege Ihnen einen Besuch der Dessauer Meisterhäuser sehr ans Herz. Alles was es zu wissen und zu bedenken gilt, findet sich hier.

Atemzug

Nach der Nachtschicht gleich zum Flughafen. Die Idee sich noch für zwei Stunden aufs Sofa zu legen, ist schon lange verschwunden in der Nacht, hat sich aufgelöst und kommt nicht mehr zurück. Dafür steht der Tierarzt am Flughafen, ein stiller Schatten, ich sehe mich im Autofenster und sehe lieber nicht hin. Also Nachtdienst abstreifen, Taschen ins Auto und Taschen aus dem Auto heraus und den klapprigen, alten Volvo ins Parkhaus bringen. In den Glasscheiben des Flughafens spiegeln wir uns, der stille und verschwindend, dünne Mann und ich. Der Schatten im Spiegel verzieht spöttisch die Lippen: „du hast mir gerade noch gefehlt.“ Im Flugzeug kann ich nicht schlafen, zu nah sind die Bilder der Nacht und ich sehe in ein Buch hinein. Jede Seite ein Stück weiter weg von der Nacht? Kann man denn wirklich Seiten zwischen sich legen? Über Amsterdam färbt sich der Himmel lila. Der Tierarzt schüttelt denn Kopf als die Stewardess ihm ein Stück Kuchen offerieren will. Der Mann der am Gang sitzt, sieht den Tierarzt kopschüttelnd an. „Sie sind ja ein richtiger Hungerhaken“, bemerkt er und mustert den Tierarzt von oben bis unten. Seine Frau schreit vom anderen Gangplatz herüber: „Wegen Ihnen ist schlechtes Wetter, Sie haben nicht aufgegessen.“ Der Tierarzt sieht irritiert zu mir herüber. „Lassen Sie das doch „sage ich zu dem Mann und der Mann blafft: Sie haben wohl keinen Humor, was?“ Der Tierarzt fragt: „Finden die mich dick?“ Ich schüttle den Kopf. Man kann die Welt auch nicht im Flugzeug von sich fernhalten. Erst Frankfurt. Dann Berlin.

In der S-Bahn gibt Berlin alles. Flaschensammler streiten sich um zwei Sternburg Bierflaschen, die durch die S-Bahn rollen, ein Mann in Badeschlappen und Fellweste,aber ohne Hose schreit „Jesus liebt dich“, eine Gruppe betrunkener Australier schreit auch, aber mit Jesus haben sie es nicht so. Ein Straßenfegerverkäufer kommt mit seinem Hund. Ich krame nach Münzen und der Tierarzt will, dass ich dem Mann sage, dass sein Hund die Krätze hat. Ihr Hund hat die Krätze sage ich. Der Mann funkelt mich böse an. Dann entlädt sich ein Fluch von Schimpfwörtern über mir. Der Mann glaubt ich wolle seinen Hund entführen. Dann zieht er den Hund fort von mir. „Dit is Berlin“, sagt der der Tierarzt beeindruckt. Neben „Gesundheit“ ist dies des Tierarzts liebster deutscher Satz. Dann kommt eine Kindergartengruppe in die S-Bahn. Die Kindergärtnerinnen zählen durch. „Das ist jetzt Preußen in der DDR-Version“ sage ich zum Tierarzt, denn die Kindergärtnerinnen bellen „Zweierreihen“ und haben so schon den Kindergarten „Roter Stern“ auf die Zukunft einegschworen. Aber zacki-zacki Marcel ruft die Kindergärtnerin, Marcel aber inspiziert den Fußboden und die Kindergärtnerin schreit: „Pfui“ und „Schluss jetzt“. In der Berliner S-Bahn kann man so Deutsch lernen, dass man sich nach spätestens einer Woche als Offiziersanwärter melden kann. Dann am Grunewald vorbei und schon steigen wir aus, leiser Landregen.

Meine Augen tränen vor Müdigkeit. Zuhause angekommen, deckt der Tierarzt mich zu und setzt sich auf die Bettkante und legt mir die Hand auf die Stirn. Ich bin doch nicht mehr acht Jahre alt sage ich, aber der Tierarzt will davon nichts hören. „Mach die Augen zu sagt der Tierarzt“ und schon verschwimmt die Welt. Ich träume von einem Ozeandampfer, auf dem ich auf einem schlingernden Klavier Chopinwalzer spiele, denn nur die Musik so sagt mir der Kapitän hielte das Schiff über Wasser. Ich halte den Atem an und wache hustend auf. Einatmen. Ausatmen.Weiteratmen.
Inzwischen ist die Sonne über die Hausdächer gestiegen und sitzt mit baumelnden Beinen auf der Regenrinne. Unten im Garten sitzt der Tierarzt auf dem Gartenstuhl, die Füße verschränkt und die Augen geschlossen, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, kahl ist der Garten noch immer, aber für einen Moment ist der Tierarzt kein Schatten, sondern einzig und allein goldenes, glänzendes, warmes Licht.

Frische Brise

Der Tierarzt steht am Fenster und nickt. „Ein frischer Wind“ sagt er und dreht sich zu mir um. Vor dem Fenster fliegen derweil die Mülltonnen der Nachbarn aus dem Unterland über die Straße, die Möwen rudern verzweifelt im Wind und das eiserne Gartentor schwingt quietschend auf und zu. „Du meinst den Sturm, Tierarzt? sage ich und zeige auf die so eben vorbefliegenden Plastikflaschen. Aber der Tierarzt schüttelt nur den Kopf. „Von Sturm kann doch keine Rede sein.“ Er müsse es doch wissen, schließlich sei er in einer wahren und wirklichen Sturmnacht geboren wurden. Da knickten die Bäume um wie Streichhölzer, da wurde es tiefe, finstere Nacht und der Dorftierarzt, der ihn auf die Welt brachte, hätte nicht mehr unterscheiden können, ob er seine Lunge ausprobierte, so heulte, so fauchte, so zischte, so knallte der Wind in jener Nacht. Kälber seien in dieser Nacht über die Häuser geflogen und Schafe erst in Schottland wieder an Land gegangen und so fährt der Tierarzt fort, könne nicht die Rede davon sein, dass er das Licht der Welt erblickt habe, sondern er sei ein wahrlich Sturmgeborener und deswegen könne er mir versichern, dass dieses Lüftchen dort draußen, wirklich und wahrhaftig nicht als Sturm gelten könnte. Ich sehe den Tierarzt zweifelnd an, denn draußen vor dem Fenster rollen zwei weitere Mülltonnen geradewegs auf das Gartentor zu. Der Tierarzt aber hat sich schon abgewandt und wägt ab, welche Hemden er mit nach Berlin nehmen will. Der Tierarzt lebt nämlich in der Annahme in Berlin seien die Männer erstaunlich gut angezogen, trügen maßgeschneiderte Hemden und rahmengenähte Schuhe und lachten schon am Flughafen mit ausgestreckten Fingern über einen Tierarzt vom Lande, mag er auch ein Kind des Sturmes sein. Meinen Ausführungen, dass in Berlin, Männer mit Jogginghose in die Oper gehen, wollte er keinen Glauben schenken. Die Frau im Radio indes kündigt meterhohe Wellen und Sturmböen des Sturmtiefs Doris an. „Papperlapp“ sagt der Tierarzt und wägt ab, ob ein Wollpullover mit oder ohne Zopfmuster in sein luggage holdall wandern soll. „Doris“ schnaubt er niemals hieße ein richtiger Sturm Doris, seinerzeit hätte der Sturm nicht wie eine Gouvernante geheißen, sondern mindestens Draco, der Zerstörer oder so ähnlich. Auf der Straße neigt sich ein Baum zur Seite und kippt längsüber auf die Schafsweide. Der Tierarzt sucht den Schuhspanner. Ich gehe nach oben, denn ich sehe vor meinem inneren Auge schon das Dach davonfliegen. Lieber verschließe ich die Fenster mit den Haken, denn der Tierarzt kann sein luggage holdall wieder auspacken, drückt der Wind uns die Scheiben ein. Das Meer schäumt und bricht sich in dunklen, unheilvollen Wellen am Strand, dort wo sonst die sieben Boote des Dorfes liegen, ist nur eine schwarze Wand aus Wasser zu sehen während die Mole gänzlich verschwunden ist. Auf dem Bett liegt ein weiterer Kleiderberg. „Ich wusste gar nicht, dass Du auch in Berlin einziehst“, sage ich zum Tierarzt, der nach einer violetten Krawatte sucht.“ „Ich will mich vor der lieben C. eben nicht blamieren, murmelt der Tierarzt und ich schüttle den Kopf: Tierarzt sage ich, die C. hat dich kniehoch im Mist stehend mit deinem vielfach geflickten Wetterfleck gesehen. Der Tierarzt winkt ab. Er habe, fährt er aus, die Vogue für Men besehen, dort seien nicht nur ausnehmend viele sehr gut angezogene Männer zu sehen gewesen, sondern diese lebten allesamt in Berlin oder gedächten in Kürze nach Berlin zu ziehen. Noch bevor ich den Tierarzt angemessen darüber ins Bild setzen kann, dass des Berliner Mannes liebstes Accessoire nicht ein leichter Mantel von Chanel ist, sondern das Wegbier, kracht es laut und vernehmlich vom Kirchhof gegenüber. Der Schuppen in dem der Priester, Gartengeräte verwahrt ist, vom Wind gegen die Steinmauer gedrückt worden und liegt als Holzhaufen des Elends stumm im Kirchgarten. Der Tierarzt aber runzelt nur unwillig mit der Stirn und wendet sich wieder dem luggage holdall zu. Dann klingelt das Telefon. „Für dich Tierarzt“ rufe ich und der Tierarzt nimmt wohl oder übel den Hörer in die Hand. Zwei Minuten später steigt der Tierarzt in die Gummistiefel und nimmt den Wetterfleck aus Loden vom Haken. Es gibt ein Problem mit den Schafen sagt er und als er die Tür nach draußen öffnet, drückt der Wind sie von außen zu und es braucht unsere vereinten Kräfte, bis der Tierarzt das Haus verlassen kann. „Fahr vorsichtig“, sage ich zum Tierarzt, aber der Tierarzt winkt ab. Eine steife Brise nichts weiter sagt er und wird vom Wind prompt in Richtung Auto gepustet. Schlingernd fährt er vom Hof. Gegen acht fällt der Strom aus. Gegen zehn kommt der Tierarzt zurück. Aus den Gummistiefeln läuft Wasser, der Wetterfleck hat einen neuen Riss und der Tierarzt sieht zerzaust aus, allerdings nicht wie in einer Fotostrecke, sondern wie Robinson Crusoe nach sieben Tagen und acht Nächten auf dem Floß im schäumenden Meer. Der Tierarzt klappert mit den Zähnen. Ich reiche Wärmflasche und warme Socken ( selbstgestrickt und garantiert nicht en vogue an.) Der Tierarzt schlürft heißen Tee und erschrickt mich mit seinen kalten Händen, der wind zischt durch die Fenster und pfeift unter den Dielen. „Auf jeden Fall die schwarzen Hosen von Comme des Garcons“ sagt der Tierarzt nach der zweiten Tasse und muss sich wiederholen, denn der Wind brüllt draußen vor dem Fenster. „Also wirklich sagt der Tierarzt“, bevor er sich wieder dem luggage holdall und den schwierigen Kleiderfragen der Berliner Reise zuwendet, wenigstens im Radio hätten sie den Sturm doch ankündigen können. Ich nicke und schiebe ganz beiläufig einen Band von Doris Lessing in Richtung Reisetasche: „ A Ripple from the Storm.“ Dann steige ich auf den Dachboden, noch einmal nachzusehen, ob das Dach wohl hält.

Read On.

Woanders ist es auch schön.

Bekanntlich war ich berüchtigte Katastrophenschülerin und Lehrer warfen mir von jeher nur diesen speziellen Blick zu, den sie im Lehrerseminar ausführlich trainieren und der sagt: „Niemals wird dich auch nur jemand zum Blumen gießen beschäftigen Du Taugenichts, Du.“ Ich kenne diesen wirklich Blick sehr gut. Der Biologieunterricht indes, den über Jahre eine ältliche Matrone gab ausgezehrt von langen Jahren hinter dem Katheder, und dem ausgestopften Wiesel hinter ihr, zeigte in endloser Abfolge Dias von Insekten auf einem schnarrenden Apparat, der oft heißlief und die Dias anschmorte. Dann musste der Physiklehrer kommen und helfen. Der Physiklehrer nannte den Dia- Apparat ’sein schönes Mädchen‘ und die Biologie-Lehrerin errötete. Wir schüttelten uns und niemand von uns wagte zu auch auch nur davon zu träumen, dass in einem anderen Land und in einer anderen Schule eine Lehrerin wie Frau Croco, die Würmer  zu den Schülern bringt und das ist schon sehr, sehr gut und unvergesslich und lernen können auch noch Katastrophenschülerinnen wie ich etwas. (Ich bin mir sicher Frau Crocos Postfach im Lehrerzimmer ist voller Liebesbriefe.)

Berlin hat viele Seiten und leider auch einen Möbelstrich  Oy vey.

Als nunmehr allerletzter Mensch der Welt habe auch ich Didier Eribons Buch „Rückkehr nach Reims“ gelesen. In die Magengrube fährt einem dieses Buch, denn es ist unversöhnlich und nur sehr wenigen Menschen gelingt wohl der Blick des Chirurgen auf seine Eltern. Hier gibt es eine mich sehr nachdenklich gestimmt habende Rezension  und auch das schon ältere Interview mit Eribon ist schon sehr lesenswert, denn es zeigt, dass auch Eribon im Grunde nicht weiß, warum seine Mutter Front National wählt und es ist sicher an der Zeit die liebgewordenen Gewissheiten der französischen Linken, dass es so schlimm schon nicht kommen werde, mit der Realität abzugleichen.

Henrietta Street ist eine Straße in Dublin, die direkt ins 18. Jahrhundert führt, selten legt sich die Geschichte so wie dort wie ein Mantel um die Schultern und wie diese Vergangenheit aussah und warum es Erinnerungsorte braucht, will dieses Museum zeigen.

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Henrietta Street, Dublin

Dieses Gedicht wieder und wieder und noch einmal gelesen.

„Wirklich“ sagt Schwesterchen zu mir am Telefon. Du kannst nicht immer nur völlig erratische Musikstücke empfehlen. Niemand will ständig Rachmaninoff hören.“Ach so, sage ich“ und sage es schnippisch und mit hochgezogener Augenbraue, die Schwesterchen leider nicht sehen kann. Schwesterchen ist ungerührt. Erinnerst Du dich noch wie Du damals dem B. der übrigens wirklich in dich verliebt war, Schumann ans Herz gelegt hast? „Habe ich nicht, sage ich, „sondern ich habe dem B. damals eine Debussy Bearbeitung von Debussy ans Herz gelegt. „Und sagt Schwesterchen, hat er dich noch einmal angerufen?“ Ich schüttle den Kopf. „Siehst Du“ triumphiert Schwesterchen und lacht. Dann pfeift sie doch tatsächlich dieses Lied. „Ich dich auch, Schwesterchen, ich dich auch“, sage ich und lege auf.

Ein Spalt im Universum

Manchmal verschiebt sich das Universum um einige Zentimeter und wer in den Spalt gerät, der sich dann auftut, der nehme sich besser in Acht. Mit dem Universum selbst sollte man es sich besser nicht verscherzen. Die Ursachen für ein missgestimmtes Universum kenne auch ich nicht. Mag sein, dass die Sterne sich beschimpfen, den Mond ein böser Husten plagt oder vielleicht G*tt selbst feststellt, dass die letzte Kopfschmerztablette von 2014 ist, aber das Universum ist uns keine Rechenschaft schuldig und so bleibt uns wohl nichts anderes übrig als die Zähne zusammen zu beissen bis das Universum sich wieder beruhigt.

Schon als ich in aller Frühe im Taxi zum Flughafen fuhr, schwante mir nichts Gutes. Nicht nur, dass das Taxi stank als sei es eigentlich ein Testlabor für die Konsistenz blauen Rauchs, nein der Taxifahrer selbst, der bellend hustete und in einem langen Monolog wirre Thesen über das Wesen des Rechtssatates aufstellte, dabei die Zähne bleckend als sei er eine Hyäne auf Urlaub, ließ mich weiteres Unbill erwarten. Natürlich stritt ich heftig mit dem Taxifahrer, der erregt aufs Lenkrad hieb über meinen Unwillen zu akzeptieren, dass die Todesstrafe doch die Lösung nahezu aller Probleme wäre. Dann machte ich das Fenster auf, um dem Qualm loszuwerden und mir war, als funkelte der Mond hämischer als sonst, aber ich mag mich irren, war ich doch abgelenkt von der Tirade des Taxifahrers. Auch auf dem Flughafen angekommen, wollte es nicht besser werden. Fliegt man sonst mit einem der ersten Flüge, ist es still und sehr freundlich, alle Welt gähnt, und überhaupt ist man nachsichtig und freundlich mit den eigenen Unzulänglichkeiten und denen der anderen alle Gürtel, Flaschen und Geräte preußisch-zackig in die grauen Wannen zu kippen. Gestern aber war alles anders. Kaum reihte ich mich in die Schlange ein brüllte und schrie ein Mann am Schalter auf die Schalterdame ein. Frechheit, Frechheit also und Unverschämtheit und Beschwerde bei allen Chefs aller Flughäfen, beim Regierenden persönlich ( er kenne den gut ), und ja wenn es sein müsse ginge er bis in die aller-allerhöchste Instanz ( wäre das G*tt und wie gut kann man diesen kennen? ), die Schalterdame sah den Mann müde an, wiederholte die 8kg-nicht 25kg für Handgepäckregelung und als das alles nichts nützte gegen den Beschwerdefluss und den Mann, der mit rotem Gesicht drohte und brüllte, blies sie rosa Blasen mit ihrem Kaugummi und dann kam der Mann vom Sicherheitsdienst und bald schon hörte man den Mann nur noch von Weitem schreien: Frechheit.

Im Flugzeug aber hat das Universum noch immer kein Nachsehen. Kaum sitze ich also und ziehe ein Buch aus der Tasche, nähert sich ein Mann. Ende dreißig mag er sein, einen Rucksack oder eine Tasche hat er nicht, dafür aber mehrere ALDI Plastiktüten, die er vor die Brust gedrückt hält und auf den Mittelsitz wirft. „Er sitze hier“, lässt er mich wissen und ich nicke. „Warum auch nicht, sage ich.“ Aber der Mann hat keinen Sinn für Späße, sondern verfrachtet einige der Tüten in die Anlagefächer, zwei Tüten aber behält er bei sich und als ich aufsehen, fällt mir auf, dass der Mann nur einen Schuh anhat. Nun bin ich so hemmungslos altmodisch, dass es mir der Trend zum Ein-Schuh natürlich entginge, aber verwundert bin ich doch, schließlich ist es noch immer erst Februar.“ Ihnen fehlt ein Schuh“, sage ich also zu dem Mann, der gerade sehr vertieft in einer der Tüten wühlt. „Auf meine Frage antwortet er zunächst nicht. Er sei Schriftsteller sage er und hält mir eine laminierte Broschüre hin: „Mein Kampf mit dem Andromedanebel“ oder so ähnlich lautet der Titel. 9 Euro das Stück, aber er würde sie mir auch für sieben Euro verkaufen. Ich lehne bedauernd ab und zeige auf mein Buch. Der Mann sieht mich verständnislos an, ungefähr so als hätte ich einen Zettel mit Lottogewinn zerrissen. „Ihr Schuh“ versuche ich es noch einmal, um es dann für die nächsten eineinhalb Stunden zu bedauern. „Mein Schuh“ echot der Mann. „Mir fehlt ja ein Schuh.“ Der Mann zieht daraufhin alle Tüten aus dem Gepäckablagefach nach unten und durchwühlt sie auf das Grundsätzlichste. Neben einer Tüte voller Müll ( alte Kabel, Bonbonpapier und verschiedene Kleidungsstücke ) sind alle anderen Beutel bis zum Rand mit Broschüren über Ufo-Invasionen und andere außerirdische Erscheinungsformen angefüllt. Ich wiederum krieche ganz Schatzsucherin auf dem Boden herum, um den zweiten Schuh etwa in einer der Vorderreihen zu lokalisieren. Als ich wieder auftauche ist mein Platz unter Broschüren und Müll begraben. Der Mann schwitzt inzwischen stark und wühlt weiter verzweifelt in den Tüten. „Hören Sie sage ich“, haben sie ihre Schuhe bei der Sicherheitskontrolle noch angehabt? Der Mann weiß es nicht. Er ruft seine Mutter an. Inzwischen drängen immer mehr Menschen in das Flugzeug und die Tüten belegen inzwischen zwei Sitzreihen. Die Mutter bläkt durch das Telefon: Ramon-Jürgen ick hab hier selbst ne Krise. Über den Verbleib der Schuhe weiß sie nichts beizutragen: Wie oft hab ick dir schon jesacht, du musst dich endlich selber kümmern?“ Der Mann springt auf und tippt wahllos Passagieren auf die Schulter: „Haben sie meinen Schuh gesehen?“ Ich werfe die Broschüren zurück in die Tüten. Die Stewardess schreit durch das Telefon: „Hat jemand einen weißen Turnschuhe in Größe 48 gesehen?“ Niemand hat einen Turnschuh gesehen und auch ein Anruf der Stewardess bei der Sicherheitskontrolle führt zu keinem Ergebnis. Der Schuh ist und bleibt verschwunden. Schließlich kehrt der Mann zurück und beginnt erneut in den Tüten zu graben. Ich sitze auf ungefähr zehn Zentimetern Sitzfläche der Rest ist bedeckt von den Habseligkeiten des Mannes neben mir. Der wiederum beginnt nun zu weinen ob des verlorenen Schuhs. Ich suche hektisch nach Taschentüchern und finde natürlich nur Kopfschmerztabletten ( abgelaufen natürlich seit 2014, da sage noch einer G*tt habe keinen Humor.) Der Mann schluchzt und ich finde endlich die Taschentücher. „Finden sie den Schuh“ flehe ich die Stewardess an.“ Die Stwardess sieht verstört auf den Mann und die Broschüren hinab. „Andromeda-Nebel“ sage ich, 9 Euro, die Stewardess verspricht ihr Bestes zu tun. Der Mann inzwischen etwas beruhigter, rennt wieder durch das Flugzeug und befragt jeden nach dem Verbleib seines Schuhs. Ich hingegen durchwühle noch einmal das Gepäckfach, und zieh die verbliebene Plastiktüte hervor. Darin mehr Müll, als ich einen weiteren Stapel Broschüren hervorziehe, macht das Flugzeug einen Satz und ich stoße mir das Knie an der Sitzlehne und etwa dreißig Sekunden später, bevor ich noch angemessen fluchen kann, trifft mich ein weißer Turnschuh am Kopf.
Der Mann strahlt. Ich nicht.
Bevor wir dann aber das Flugzeug verlassen, flüstert er mir verschwörerisch zu, dass er eigentlich einen kleinen Kühlschrank habe mitnehmen wollen, aber er habe keine passende Tüte gefunden. Ich danke dem Universum, dass es mir die Stirn nicht mit einem Kühlschrank zerschmettert hat.
Der Tag aber der sich in Dublin anschließt verläuft so gewöhnlich, so unspektakulär, so normal, so ganz und gar in den vorgegebenen Bahnen, selbst der ewig verspätete Zug ist pünktlich, dass ich annehme die Sterne haben sich vertragen, der Mond einen klaren Schnaps getrunken und nicht zuletzt G*tt selbst endlich die Notfallapotheke erreicht und das Universum verläuft in den ruhigen, immer gleichen Bahnen, die sich um uns nicht bekümmern und gänzlich unberührt sind von unseren Wegen.

Sonntag

Am Morgen, endlich wird es früher hell im Garten, Zweige verschnitten. Allem Sonntag zum Trotz. Erst die Apfel- und Quittenbäume, schließlich die Kirsche und all die anderen Obstbäume. Eine reichlich wacklige Angelegenheit auf der alten Holzleiter mehr schwankend als stehend. Die Krähen hocken gespannt auf der Kastanie. Ich bin mir sicher, sie haben längst Wetten abgeschlossen, ob ich wohl in den Ästen der Kirsche hängenbleibe oder den Apfelbaum herunterrausche. Ra-Ra-Ra schreien sie kreischend und trotz ihres schwarzen Gefieders und den eleganten Flügeln, klopften sie sich lauthals lachend auf die Schenkel, über so jemanden wie mich. Für heute aber noch einmal Glück gehabt, die alte Leiter hält durch.

Hinüber zu den Rosen, die wild, ach allzu wild über Zaun und Gartentor ranken, ungestört und unbeeindruckt, all meinen Versuchen zum Trotz ihrer Herr zu werden. Trotz Handschuhen schneide ich mir die Hände blutig an den langen und spitzen Dornen. Lang ist die Rosenhecke und selbst die Krähen in der Kastanie beginnen sich zu langweilen und fliegen eine um die andere davon. Schließlich habe ich mich bis zum Gartentor vorgeschnitten, klipp-klapp macht die Schere und die Ranken winden sich tückisch um meine Füße. „Mag sein zischen die Rosen, dass du Geduld du mit deiner Schere, aber wir waren schon immer hier, wir werden bleiben, und eines Tages vielleicht nicht heute aber einmal doch, bringen wir dich zu Fall“ Wahrscheinlich haben sie Recht. Für den Moment aber liegen die Rosenranken vor mir auf dem Weg und die rote Nachbarskatze sitzt auf dem Pfeiler und gähnt. Ein Nach-der-Jagd Gähnen ist das, ein Gähnen das sagt: man kann zufrieden sein und ich gähne gleich mit, denn es mag nicht mehr früh sein, aber lang war der Morgen mit der Schere, den Bäumen und den Rosenzweigen.

Gerade als ich mit dem Rechen die Zweige zusammenharke, steht ein Mann vor dem Gartentor. Ein Anzug aus heller Wolle, über einem alten Regenmantel, etwas zu derbe Schuhe aber um ein feiner Herr genannt zu werden. „Hier sagt er“ und zeigt auf die Rosen über dem Torbogen, hier habe ich vor vielen, vielen Jahren einmal ein Mädchen geküsst. Die Rosenzweige auf dem Boden seufzen theatralisch, die Katze auf dem Pfeiler stellt die Ohren auf, ich nicke, aber der Mann fährt sich über die Wange. „Es ist nicht gut gegangen“ sagt er und schüttelt den Kopf. Der Name des Mädchen, das heute wohl eine alte Frau sein muss, sagt mir nichts. „Nein sage ich, ich bin keiner Nachbarin Tochter“ und der Mann bückt sich schließlich und hebt eine Rosenranke auf, lange dreht der den Rosenzweig in den Händen, „ihre Augen sagt er waren anders als alle anderen Augen.“ Noch einmal nickt er mir zu, dann dreht er sich um und schon ist verschwunden. Selbst als ich ein paar Schritte den Gartenweg hinunterlaufe, um ihm hinterher zu sehen, kann ich ihn nirgendwo entdecken. Verraten sich Gespenster an ihren Schuhen?

Kalt ist mir plötzlich, trotz der fahlen Wintersonne, die in der Erle hängt und schon ein bisschen Frühling spielt. Ich versperre das Gartentor und trinke heißen Tee. Bücherstapel vom Tisch in den Rucksack, denn morgen früh geht es zurück. Ein Telefonat mit Schwesterchen, ein kleiner Narzissenstrauß auf dem Tisch, für F.’s Mutter am Telefon ein Geburtstagslied singen. Ich wünsche mir nur, dass hier doch heiratet, sagt sie mir. Ich lache und sage nicht: „Ja, ich auch.“ „Der Bäcker sagt sie unverdrossen, macht auch sehr feine Hochzeitstorten.“ Ich singe noch einmal für sie und spreche mit dem ehemaligen geschätzten Gefährten. „Nein, sage ich, nichts Neues, nur zerschnittene Hände, Wintersonne und die dürren Rosenzweige auf dem Boden.“

Müde bin ich und doch habe ich den Nachbarn Krapfen versprochen, also doch wieder aufstehen und weiter und weiter. Schließlich ein Krapfenberg auf dem Tisch, endlich auch er bei den Nachbarn.

Lange in der Badewanne gelegen, immer noch müder und immer nur müde, mit halbgeschlossenen Augen aus dem Fenster in die Baumwipfel sehen. Leiser Landregen. Schon lange sitzt die Katze nicht mehr auf dem Pfeiler.

 

Heiß, heißer, Suppe!

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In Ehren gehalten wie Onkel A. wird auch die einhenklige Suppenschüssel

Nach der Aufklärungssprechstunde aber laufe ich schnell über den Marktplatz, zweimal links, dreimal rechts, dann ums Eck und schon an der Straßenecke rieche ich es: meine liebe C. hat ihre berühmte Suppe gemacht. Einen Rindermarkknochen nämlich kocht die liebe C. über Stunden auf kleiner Flamme, wirft Möhren und Erbsen, dazu und macht die besten Grießklösschen mit frischem Thymian und Ei, aber die kommen erst ganz zum Schluss in die Suppe. Dann zieht die C. ein braunes Gewürzfässchen nach dem anderen vom Regal und salzt hier ein bisschen,pfeffert dort, greift in so viele Tiegel und Töpfe bis sie irgendwann ganz und gar zufrieden ist mit der Suppe und dann muss die Suppe ziehen. ( Die Suppe allerdings kann nur so lange ziehen, wie ich noch nicht zurück bin.)

Schon also renne ich die Treppe hinauf, werfe Schal und Mantel über einen Stuhl, küsse die C. zweimal rechts und zweimal links, greife nach dem Löffel und beuge mich über den Topf. Dann ist es für eine ganze Weile still. Die C. lacht. Wir werden dich bald in das Fräulein Suppentopf umbenennen sagt sie und ich werde rot. Die C. holt warmes Brot aus dem Ofen und ich schöpfe uns die heiße Suppe in die Teller, Shabbat Shalom und dann schlürfen wir die glühende, wunderbare Suppe. Denn das ist Teil des Ganzen: Heiß muss die Suppe sein, einem die Zungenspitze ansengen und einen durchwärmen von Kopf bis Fuß in nicht mehr als 30 Sekunden. Die Haare müssen einem zu Berge stehen vor wohliger Wärme und die Wangen glühen rot wie hundertjährige Äpfel. Nie habe ich verstanden, wie Leute Suppe essen können, die mit gespitzten Mund die Suppe kühlen und fürchten sie mögen vergehen an der Glut, die jedem richtigen, echten und wahren Suppentopf innewohnt.
Ich nämlich komme aus einer Familie der Heißesser, schon bei meiner Großmutter dampften die Kartoffeln, so dass die Fenster beschlugen, Wiener Schnitzel, die sie einer gewaltigen gusseisernen Pfanne in brutzelnder Butter briet, zischten und fauchten, landeten sie mit Schwung auf dem Teller, der Grießkoch blubberte unter dem schweren Federbett und meine Großmutter legte noch eine heiße Wärmflasche obendrauf, niemals hätte meine Großmutter einen Braten anders als resch aus dem Ofen auf den Tisch gebracht und das Chili, das meine Großmutter konnte brachte Bauarbeiter zum Weinen und Stahl zum Schmelzen. Der Tee ( mit Kandis natürlich ) ließ das Glas knacken und die Hühnersuppe meiner Großmutter war ein Vulkan, der selbst einem weitgereisten Rabbi Schweißperlen auf die Stirn trieb. Meine Großmutter blieb unbeeindruckt. Nur einmal bat ein Gast um Kühlung der Speise, meine Großmutter aber warf ihm einen Blick zu, der von nichts Gutem kündete und sonst für Gäste, die mit dem Fischmesser ein Steak teilen wollten, reserviert blieb . „Ich kann nicht kalt kochen, sagte sie und der Gast sah verzweifelt auf seinen brodelnden Teller hinab. Wir aber die Heißesser schlürften genüsslich und schüttelten verständnislos den Kopf. Später erst sind mir Kaltesser begegnet. Der F. zum Beispiel rennt regelmäßig mit dem Teller zum Fenster um- man stelle sich das einmal vor- die Suppe zu kühlen und als ich vor Jahren in Madrid zum ersten Mal überhaupt kalte Suppe kredenzt bekam, unwissend aber und voller Vorfreude den Löffel tief hineintauchte, nur um auf einmal kalte Gurken und Tomaten in meinem Mund zu finden, hielt mich nur die Erziehung meiner Großmutter-Contenance mein Kind- davon ab, die Suppe auf den Tisch zu speien. Kalte Suppen aber kann ich nichts anderes als Misstrauen entgegenbringen. Kalte Suppen sind nur dem Namen, nicht aber dem Wesen nach Suppen. Sie trösten nicht, sie riechen nicht nach der Speisekammer, in ihnen liegt keine Seele, keine Familiengeschichten, wie die von Onkel A., der uns Kindern den Suppenkasper verdeutlichen wollte, dabei zu arg am Tischtuch riß und geistesgegenwärtig, nicht Leib noch Leben rettete, sondern die Suppenschüssel packte und so will es die Legende noch im Flug, mit gewaltigem Schlürfen und Schmatzen die natürlich wie bei Heißessern üblich, kochende Suppe verschlang. Ob das nun wirklich wahr ist, weiß ich nicht. Wohl wahr ist aber, dass Onkel A. immer rote Ohren hatte und die auf den Verzehr der guten Suppen schob und auch die Suppenschüssel, die heute in meinem Geschirrschrank steht, hat nur mehr einen Henkel. Ach, was waren das für Zeiten als auch ich unter überzeugten Heißessern lebte. Der Tierarzt aber der nicht isst, sondern pickt wie ein Vögelchen, hat den ersten Löffel Suppe erst dann verzehrt, wenn die Suppe längst Kaltschale geworden ist. Der Priester, mein sonntäglicher Mittagsgast pustet wie der irische Nordwind über das Roastbeef und rührt die Katrtoffeln erst an, wenn sie kalte Steine auf dem Teller geworden sind. Manchmal sieht er zweifelnd zu mir herüber: „Fräulein Read On sagt er dann, Sie verbrennen sich doch die Zunge.“ Ich meinerseits sehe voll Unglauben auf seinen Teller, auf dem nichts mehr brutzelt, keine Butter schäumt und keine Kartoffeln mehr dampfen. Zwar nicke ich freundlich zum Priester hinüber, aber im Grunde meines Herzens bin ich erleichtert, ein wahrer und echter Heißesser zu sein, Teil einer langen Kette von Menschen, die Speisen nie anders als brennend heiß verzehren. Onkel A. schließlich war derjenige, der am lautesten mit dem Suppenlöffel auf den Tisch schlug und anhob zu singen : vos habn mir tsu mitog haynt, fragt Yossele der mamen./mir vilt zikh ezen mamenyu, kartofzup mit shvomen. Wir sangen mit ihm und zuckten nicht mit der Wimper als uns der erste Löffel die Augenbrauen versengte, denn so muss es sein, nur so findet man in das Herz einer jedenSuppe.
Schließlich sind es wir die Heißessser, die auf die Frage nach heiß, heißer…. nie mit am heißesten, sondern immer mit „ Suppe!“ geantwortet haben, das Gesicht immer schon tief über den dampfenden Teller gebeugt, während auf dem Herd schon die Kartoffeln bollern und die Butter laut brutzelnd und prasselnd in der Pfanne zu schmelzen beginnt.

Reisenotizen

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Frankfurt im Vorüberwehn

Am Morgen zum siebenten Mal nachsehen: Pass, Schlüssel, Telefon und Bücherstapel. Geschirrgeklapper, die Müllabfuhr kommt, der Priester hat sich ausgeschlossen und sucht Trost. Immerhin bekommt er Tee und Hefezopf. Ich sehe zum achten Mal in die Tasche, der Tierarzt sucht die Autoschlüssel. Dann fahren wir los.

„Komm zurück, sagt der Tierarzt.“ Ich nicke. Für zwei Minuten, meine Hand an seiner Wange, dann hupen Taxifahrer und ich muss los. Im Flugzeug fällt ein Mann schlafend auf meine Schulter und wen die G*tter lieben, der wacht auch nicht auf, erwehrt man sich des fremden Kopfes auf der Schulter. Gläser klirren, eine Frau sucht einen Ring, ich lese in Paul Austers neuem Buch. Immer wieder vergesse ich, wie sehr ich Paul Auster mag.

In Frankfurt kommen zwei Stewardessen mit ernsten Gesichtern auf mich zu. Der Flug nach Berlin ist gestrichen. Ich renne. Zuerst zur S-Bahn zum Frankfurter Hauptbahnhof und dann weiter und schneller, treppauf und treppab, an den Gleisen entlang und schließlich der Zug fährt gerade ein, falle ich dem Schaffner vor die Füße. „Hoppla“ sagt er und ich atme zischend aus. Rückwärts aus Frankfurt heraus, den Blick erst auf die graue Stadt und dann in den Taunus hinein. Deutscher Märchenwald, dichte Tannen und irgendwo zwischen den Hängen ein Haus aus Lebkuchen oder eine Köhlerhütte und des Nachts tanzen die Irrlichter in den Schluchten. Fulda und Kassel und ich erinnere mich genau an die Reisen mit meiner Großmutter. Wir, die wir beide auf Wanderschaft gingen, Göttingen natürlich, wir standen vor dem Haus von Max Planck und in Göttingen strandete meine Großmutter nach dem Krieg, ein paar Wochen bloß, ein DP-Camp, wir suchen den Ort vergeblich. Noch immer sehe ich sie im hellen, gestreiften Sommerkleid auf einem Felsstein sitzend. Noch einmal deutsche Gedichte, deutsche Geschichten, ihre und meine Geschichte. Sie nahm mich bei der Hand und wir liefen und liefen, kilometerweit kaum einmal trafen wir Menschen. Später noch und noch immer noch heute bin ich in dem Versuch gescheitert jemanden zu finden, in dessen Schritt ich einfiel wie in den ihren, selbstverständlich und ohne zu Zögern. Weimar und die Wartburg, Bad Tölz und Kochel am See, wir gingen noch einmal durch Deutschland, ein Land aus ihren Geschichten, das es nicht mehr gab, aber noch einmal zwischen Seen und Tälern, zwischen Rhein und Main waren wir Juden auf Wanderschaft, taten wir so als sei die Liebe der Juden zu Deutschland nicht schon lange nur noch Geschichte. Es waren die Sommer unserer Wanderschaften, die einzigen Male in denen ich in Deutschland nicht die Fremde war und meine Großmutter, die mir Kompass geblieben ist, wurde mir Landkarte. Erst später las ich Lenz’ Spaziergang im Gebirg und noch später Paul Celans Gespräch im Gebirg. Ich verstand sofort.
In Göttingen wird der Zug wieder voller und der Mann, der neben mir sitzt, sieht medizinische Ratgebervideos und fährt sich sorgenvoll wieder und wieder über den Bauch.

Irgendwann endlich hält der Zug in Berlin. Der Bahnhof ist fast menschenleer, in der S-Bahn schließlich bin ich bald allein, nur eine Bierflasche rollt durch den Zug. Schließlich steigt ein Straßenfegerverkäufer ein, ich krame nach einem 2 Eurostück und der Mann erklärt mir er könne Musik machen. Talent soll man bekanntlich loben, wo immer man es trifft und der Mann holt eine Mundharmonika heraus und spielt „Alle meine Entchen“. Ich bedanke mich und schon verschwindet der Mann irgendwo in der Nacht.

Endlich Schlüssel in Schloss und der Bücherstapel auf den Tisch. Müde bin ich, zum Umfallen müde, aber für einen Moment sitze ich doch noch im Sessel. Eine alte Zeitung vor meinen Füßen, die Rosen lange schon vertrocknet, es knarren die noch immer die sechste und die achte Diele, dunkel ist es im Zimmer, nur von der Straßenlaterne fällt Licht herein, still ist es hier am Ende der großen Stadt, eine einsame Katze mag sich hierher verirren, doch kein Wanderer wartet und schon streckt die Nacht ihre Finger aus, findet mich hier im Sessel und zieht mich zu sich heran.

Dresden.Unter der Asche.

Der Tierarzt sitzt am Küchentisch und liest. Konzentriert liest er , denn der Tierarzt ist ein ernsthafter Mann. Niemals würde er wie ich, drei Bücher auf einmal lesen und dazu noch einen Apfel und Nussschokolade essen. Der Tierarzt sitzt schweigend über das Buch gebeugt und liest. Victor Klemperers Tagebücher, mein Weihnachtsgeschenk an ihn. Ich indes stehe an der Anrichte und schäle Kartoffeln und Möhren, denn schon braust die Orgel und das heißt das bald der Priester zum Sonntagstisch kommt. Der Wind brüllt und im Radio spielt jemand das Dritte Klavierkonzert  von Rachmaninoff. Dann sieht der Tierarzt auf. „Ist Dresden eine schöne Stadt?“, fragt er und mir fällt das Messer aus der Hand. Aber der Tierarzt fragt mich noch einmal und ernsthaft: „Ist Dresden eine schöne Stadt?“ Ich sehe den Tierarzt an.

Vor drei Jahren war ich das letzte Mal in Dresden, auf dem Weg nach Prag wie so oft. Die Wohnung von A. zweifellos schön, an der Elbe gelegen und ich lief morgens am Fluss entlang, viele Kilometer. Natürlich möchte ich dem Tierarzt sagen, ist Dresden eine schöne Stadt. Ein Spaziergang auf dem Weißen Hirsch. Schöne Häuser, geleckte Straßen, überhaupt immer wieder das Elbufer, Schloss Pillnitz und abends zum Konzert in die Frauenkirche. Ich habe vergessen welches Konzert. Rachmaninoff aber war es nicht. Ich saß schräg links neben einem Engel mit Trompete. Das Grüne Gewölbe. Natürlich schön. Schön ist kein Wort für die Prachtentfaltung. Der Audioguide schallerte dementsprechend auch von Raum zu Raum lauter, dass jetzt das Schönste und Allerschönste und Besonders Schöne käme. Ich stellte ihn ab und bewunderte die halbautomatische Spinne und langweilte die liebe C. glaube ich gründlich mit Ausführungen über die Kakaokultur am sächsischen Hof. Wir fuhren nach Hellerau und ich war im Glück. Kafkas wegen und weil die Sonne schien. Die C. und ich aßen Eis und später saßen wir wieder an der Elbe mit A. und Freunden und aßen sehr, sehr guten Käse aus Pfund’s Molkerei. Der Tierarzt nickt und ich streiche mir über die Stirn, denn den Satz Dresden ist eine der schönsten Städte der Welt, den die Stadtführerin sagte, der blieb an mir hängen, ein Haken in der Haut.

Nicht nur weil er forsch vorgetragen war, trotzig fast, sondern weil er auf eine Frage antwortete. Meine Frage war: „Lesen Dresdner Schüler Viktor Klemperers Tagebücher?“ Die Antwort der Stadtführerin war: „Nein.“ Und dann „Dresden ist eine der schönsten Städte der Welt.“ Ich sah die Stadtführerin an und dann verließ ich die Stadtführung und als ich fortging, da fragte ich mich ob Dresden nur dann schön sein kann, wenn es andere Städte es nicht sind oder nur beinahe, ob die Schönheit, die teuer erkaufte Schönheit nur besteht, als ein Einzelnes. Ich weiß es nicht. Ich ging in die Loschwitzer Straße, dort standen die Judenhäuser in denen auch Klemperer und seine Frau auf das Ende warteten. Ihr Ende, nicht das der Stadt. Als Klemperer und seine Frau auf die Loschwitzer Straße hinuntersahen, da mögen sie vielleicht auch eine jener Jugendstil-Figuren gesehen haben, die so oft zwischen Paris, Dresden und Budapest Europa mit Stier zeigen. Aber vielleicht haben Victor und Eva Klemperer vor Angst gar nichts mehr gesehen. Ich erinnere mich noch genau wie ich vor vielen Jahren zum ersten Mal in Klemperers Tagebüchern las. Ich fand sie furchtbar. Banal und dann das ewige Damoklesschwert Hausbau. Ich hatte mir mehr versprochen. Mit vierzehn glaubte ich Leid seine heroische Erfahrung und dürfe niemals von fehlendem Klopapier berichten. Ich beschwerte mich bei meiner Großmutter und mit hochtrabendem, vierzehnjährigen Ton, anklagend also fragte ich sie warum sie kein Tagebuch geführt habe in jenen Jahren. Sie aber sah mich kühl an und schwieg lange: „Es habe in Auschwitz kein Papier gegeben“, sagte sie und ich schämte mich. Schämte mich zum Erbrechen. Erst Jahre später las ich die Tagebücher erneut, las sie als das nie geschriebene Tagebuch meiner Großmutter, wie Klemperer an der Assimilation zerbrochen, sie die preußischste unter den deutschen Juden, ich las mit klopfendem Herzen. Ich las und las und las und ich kann nicht sagen, dass Dresden eine schöne Stadt ist, gesehen von der Loschwitzer Straße aus, in der noch einige wenige Familien ausharren im Februar 1945. Ich komme nicht weg, mit den Füßen nicht und den Gedanken. Schließlich findet mich die C. Ich sitze auf dem Bordstein auf den Knien das aufgeschlagene Tagebuch. Die Dresdner Alte Synagoge abgebrannt 1938, die Steine zur Straßenpflasterung verwandt, sage ich zu C. und die C. zieht mich zu sich heran.

Wir gingen in eine Ausstellung. Paul Klee im Orient und in den Vitrinen liegen Postkarten, die Klee an seine Frau schrieb, ein Tagebuch der Liebe. Dresden hat mit dem Albertinum eine wunderschöne Kunstsammlung. Auf dem Balkon der A. sahen wir auf die Elbe hinunter und aßen Kuchen. Kreutzkamm. Einstmals königlicher Hoflieferant. Die Dresdner Silhouette im Sommerlicht. Canaletto Bilder. Dresden als glänzende Schönheit. Auf meinen Knien das Tagebuch. Der Sommer in Dresden 1943 ist auch schön. Nur die Verhaftungen, Mittwoch der und Donnerstag ein Anderer stören das Panorama und Klemperer beginnt in einer Tee-Ersatz Fabrik zu arbeiten. Natürlich haben wir uns in Dresden die berühmte Yenidze Zigaretten Fabrik angesehen. Heute frage ich mich, ob die Proteste auch die Minaretttürme mit einschließen, damals fragte ich mich das nicht. Ich überlegte ob Kafka die Türme wohl schon bei der Einfahrt aus Prag bemerkt hat oder auch nicht. Wir essen schlecht am Neumarkt zu Abend. Ein gräulicher Bänkelsänger scherzt grob und ich bin zu ungeduldig für seine Scherze und müde, vielleicht auch das.

„Klemperer hat, sagt der Tierarzt während des Krieges, Kartoffeln und Kohl gegessen.“ Ich denke an meine Großmutter, die in Auschwitz alles gegessen hat, auch Dinge, die man nicht essen kann. Meine Großmutter hat sich das nie verziehen, diesen rohen Hunger und niemals wieder hat meine Großmutter nur mit den Händen gegessen, sondern immer mit Besteck und Leinenserviette, selbst ein Ei auf der Zugfahrt. Am 13. Februar 1945 gibt es in Dresden noch hundert Juden. Am Abend des 13. Februars wird Dresden bombardiert. Am 13. Februar 1945 sind alle Juden Europas schon tot und meine Großmutter zieht mit den Gerippen der anderen aus Auschwitz fort und wird sich für Monate auf einem Friedhof verborgen halten, der sehr weit weg von Dresden liegt. Victor und Eva wiederlegen die Wahrscheinlichkeit des Todes und Victor Klemperer schreibt in sein Tagebuch diesen einen Satz, der sich mir eingegraben hat: „Dresden. Modernes Pompeji.“ Das schreibt der Jude Klemperer und es wird viele Jahre dauern, Jahrzehnte vielleicht bis die Deutschen oder die Dresdner vielleicht ist das gleich, etwas aufschreiben, aber dieser Satz ist das Wahrste was je geschrieben wurde über Dresden. Die Zerstörung Dresdens begann doch wie die Pompeijs nicht mit dem Knall der ersten Bomben, sondern als feiner Haarriss im Jahr 1933, zog sich langsam durch die Mauern, bis dann alles zerbarst in dem unfasslichen Schrecken jener Februarnacht. Nein, ich kann nichts weiter als düstere Fassungslosigkeit empfinden angesichts der zerborstenen Häuserwände und der abgebrannten Straßenzüge.

Pompeij die Mutter aller Zerstörung, das grundsätzliche und gänzliche Begraben alles Bestehenden und die Flucht, denn Victor und Eva Klemperer verschwinden aus dem Trümmerfeld und: „Ich bin wie ein Gespenst“ schreibt Klemperer. Ich bin wie ein Gespenst. Dresden ist eine Opferstadt hört man wieder und wieder sagen. Ich glaube nicht, dass diejenigen die das sagen als erstes an Victor Klemperer denken, und ich denke an jenen Nachmittag auf dem Balkon mit Elbblick zurück. In Hiroshima sagt der Tierarzt, der viele Jahre in Japan lebte, empfinden die Opfer Scham und sprechen nicht, in Dresden aber ist die Ursache des Krieges nur eine Nuance, ist die Schönheit, die über Pompeij gelegt worden ist, wie ein Tuch, das gegen die nagende und bohrende Erinnerung abschirmen soll. In all den aufgebauten und auch abgerissenen Dresdner Bauten liegen oft nur als winzige Splitter, plötzliche Erinnerungen und Gespenster verborgen. Dresden ist Pompeij geworden und niemand weiß, was passiert wäre, hätte man das vor Jahrhunderten zerstörte Pompeij wieder aufgebaut. Dresden ist wieder schön, ist wieder da und ist trotzdem Pompeij geblieben, unter dem Schutt und der Asche liegt Europa begraben, und jeder Neuankömmling so scheint es, sei allein schon durch seine Anwesenheit, durch seinen möglichen Zweifel an der Schönheit Dresdens in der Lage, die Stadt selbst zum Einsturz zu bringen. Es reichen drei Busse oder ein Jude, jedwede Erinnerung an den Haarriss, der sich in zwölf Jahren durch die Stadt zu ziehen begann.

Meine Großmutter sammelte Meissner Porzellan und mahnte zur Vorsicht. Ich liebte die Tasse mit den Rosen und meine Großmutter, die mit den Veilchen. Wir, die wir Weimar und Erfurt, Meissen und Görlitz und Dessau und Jena besuchten, nach Dresden sind wir nie gemeinsam gefahren. Ich weiß nicht warum.

Ein letztes Mal bevor wir nach Prag fuhren vor drei Jahren, die C. und ich, gingen wir in die Loschwitzer Straße und trafen Freunde in Tolkewitz, wieder nah an der Elbe. Warm war der Tag, wir kauften Granatapfelsaft und Orangen bei einem Gemüsehändler am Eck. Die C. wollte gern Erdbeeren haben und ich wartete im dunklen Ladenraum. Der Verkäufer Vietnamese, aber mehr noch Dresdner mit breitem sächsischen Akzent beklagte die Hakenkreuzschmierereien an seinem Laden. Über der Kasse hing ein vergilbter Zeitungsartikel. Ein grobkörniges Bild zeigt den Mann wie er zwei Buben, die auf dem Eis eingebrochen waren, herauszog. „Sie sind ein echter Held“, sagte die C., die solche Sätze sagen kann, und sie zum Glück auch sagt. Der Mann strahlte und schenkte uns eine riesige Melone. An anderen Morgen fuhren wir nach Prag. An einer Ampel halten wir neben einem italienischen Restaurant. Pizzeria Napoli. Dresden ist Pompeji geworden, niemals wieder wird es nur Dresden geben können, so ist das.

Niemand hat so über Dresden geschrieben, so schmerzhaft, so schön, so einfach und so selbstverständlich wie Victor Klemperer, den man in Dresden nicht liest. Doch er ist der tektonische Sockel dieser Stadt. Dresden. Modernes Pompeji, sage ich zum Tierarzt in der Küche, das Buch liegt aufgeschlagen auf dem Tisch, die Mohrrübenschalen neben mir, der Wind und die Orgel, Glockengeläut, das Klavierkonzert lange schon zu Ende. „Fahr mit mir nach Dresden, sagt der Tierarzt. Ich sehe ihn an und zögere zu lang. „Überleg es dir“, sagt der Tierarzt, streicht über meinen Rücken und deckt den Tisch.