Fieberhaft

In der Nacht aber geträumt ein Gnom oder Troll säße auf meinem Brustkorb und hämmerte mit einem silbernen Löffel, Tonleitern an meinen Rippen entlang. Schmerzhaft ist das nicht, nur sehr eintönig eben und als ich mich zwinge die Augen zu öffnen, um den Gnom um einen Taktwechsel zu bitten, starrt mich die Katze missmutig an. Ohne Silberlöffel, aber mit ihrem Schwanz pocht sie ungestört weiter. „Katze“, sage ich der Tierarzt schläft heute Nacht nicht hier.“ Empört miaut die Katze und verdächtigt mich bestimmt, ich hätte den Tierarzt im Schrank versteckt. Dem ist nicht so und da die Katze auf meine Gesellschaft keinen gesonderten Wert legt, schleicht sie schließlich die Treppe herunter und rollt sich auf dem Sessel zusammen. Ihr Schwanz bewegt sich keinen Millimeter mehr.

Irgendwann schlafe ich wieder ein. Am Morgen plötzlich hohes Fieber. Aber ich habe keine Zeit darüber nachzudenken, sondern muss mich wie immer beeilen. Im Zug heftiger Schüttelfrost, der mir kalt in den Nacken atmet. Man lässt sich nicht gehen, sagt meine Großmutter von Fern und ich wickle mich dichter in den blau-grauen Schal. In Dublin, nasser und feucht-kalter Wind, einen Moment lang sehe ich mich schon ausgleiten, aber dann stolpere ich doch nur und gehe etwas langsamer weiter. Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken mich unter meinem Schreibtisch zusammenzurollen. Meine Großmutter spitzt spöttisch die Lippen und ich atme langsam gegen den Schwindel an.

Im Seminar trinkt ein Student mit schlürfenden und schmatzenden Lippenbewegungen, Milch aus einem Zweiliterkarton. Seinen Kopf lehnt er weit zurück in den Nacken und setzt den Milchkarton nicht ein einziges Mal ab ab. Ich sehe unter den Tisch, ob sich dort nicht irgendwo eine Milchpfütze bildet, aber ich täusche mich und endlich setzt der Student den Karton wohlig schmatzend ab. Mit beiden Händen wischt er sich den Milchbart ab und kramt nach seinen Unterlagen. Die anderen Studenten schlürfen aus Kaffeebechern oder Wasserflaschen, in denen Schrumpfköpfen gleich welke Zitronen- und Gurkenscheiben schwimmen. Contenance flüstert mir meine Großmutter zu und ich atme tief durch bevor wir endlich beginnen.

In der Mittagspause mit B. verabredet. Nudelsuppe, sagt er und ich nicke. Doch als die dampfenden Suppenschüsseln vor uns auf dem Tisch stehen, wird mir schlecht. Ich winke ab und schiebe die Schüssel so weit weg von mir wie es nur geht. Zum Glück hat der B. Hunger für Zwei und löffelt meine Suppe ebenfalls aus. Am liebsten legte ich den Kopf auf die Arme, aber der B. erzählt mir von seiner komplizierten Scheidung und wer will ihm da aufmunterndes Nicken versagen? Von hinten flüstert mir meine Großmutter ins Ohr: „Sitz bloß gerade Kind.“ Ich drücke den Rücken durch.

Auf dem Rückweg zur Universität sehe ich den Mann wieder, der seit zwei Jahren regelmäßig auf der Straße steht, auf einer Israel-Fahne herumtrampelt und auf Rücken und Bauch zwei Plakate umgehängt hat, die Juden als Kinderschlächter und Weltherrscher in groben Posen zeigt und dazu krakeelt der Mann wie von Sinnen vor allem von der Weltbedrohung Zions und dem mörderischen Juden an sich. Unermüdlich in sich endlos wiederholenden Schleifen, so als sei in seinem Magen ein Lautsprecher installiert, der unermüdlich von vorn zu quäken beginnt. Rau und heiser ist die Stimme des Mannes und mit einem unangenehmen krächzenden Bellen trägt er nimmermüde seine Schimpftiraden vor. Als ich den Mann zum ersten Mal bemerkte, rief ich die Polizei herbei. Die Polizisten bemerkten kühl, dass der irische Staat die Meinungsfreiheit seiner Bürger schütze. Heute aber hat der Mann sich ein neues Plakat vor den Bauch geschnallt. Es zeigt das Mädchen Anne Frank, lächelnd und heiter in die Kamera sehend und unter dem lachenden Mädchengesicht verdammt der Mann heiser krächzend den neuen amerikanischen Präsidenten. Trump ist nackt bis auf eine Israelfahne und Steve Bannon hält eine Stürmer-artige Postille in der Hand und tanzt lachend auf einem Hakenkreuz. Der Mann kräht, dass der „Muslimban“ eine jüdische Verschwörung sei und immer wieder zeigt er auf das lachende Mädchen Anne Frank. Weißglühend tobt die Wut in meinem Magen aber schon steht meine Großmutter hinter mir, legt mir den Arm auf den Rücken und zieht mich weg.

Am Nachmittag sitze ich in Mantel und Schal gehüllt und versuche gegen das Rauschen in meinen Ohren, dem Vortragenden zuzuhören. Es gelingt so mittel und dies ist keineswegs die Schuld des Vortragenden. Urplötzlich aber steckt mir ein Lachen in der Kehle. Kein freudiges, aufmunterndes oder herzhaftes Lachen, sondern ein Biest von Gelächter, das mir in die Rippen sticht, mir mit den Fingern das Zwerchfell zusammendrückt und sogar bis an meine ewig kitzeligen Fußsohlen herunterreicht. Schließlich verschwinde ich ins Bad und werde von einem grässlichen Gelächter geschüttelt, ein Lachen das mit Steinen um sich wirft, diabolisch und schmerzhaft. Ein Lachen, das mich frierend und kalt und noch schwindeliger als ohnehin schon zurücklässt. Für einen Moment lang lehne ich die Stirn an die kühle Fensterscheibe. Kind, sagt meine Großmutter und schüttelt den Kopf: „Steh bloß wieder auf, hörst Du?“
Dann zurück zu Vortrag und den Wattebergen in meinem Kopf.

Am Abend dann endlich zu Haus. Mit Mühe, Jacke und Stiefel ausgezogen, nur um rückwärts auf das alte, grüne Sofa zu fallen. Auf dem Plattenspieler Schuberts Erste Symphonie, die genau so scheppert und die Wirklichkeit ins Merkwürdige verzerrt, wie dieser Tag auch mich seltsam lozierend zwischen Traum und Wirklichkeit schwanken lässt. Dann wird alles schwarz. Später aber glaube ich, dass meine Großmutter neben mir auf dem Sofa sitzt und einen kühlen Waschlappen auf meine Stirn legt. Aber als ich endlich die Augen öffne, ist ihr Gesicht schon verschwunden. Statt ihrer legt der Tierarzt seine Hand auf meine Stirn. „Danke, Tierarzt“ will ich sagen, aber schon zieht die Dunkelheit mich zu sich zurück. „Du hast Fieber, höre ich ihn sagen, aber vielleicht hat der Tierarzt auch etwas ganz anderes gesagt. Dann wird alles endlich still.

Ländliches Idyll

img_1180Der Gast reckt und streckt sich, gähnt und verschränkt die Hände hinter dem Kopf. „Wirklich“ sagt der Gast und gähnt noch einmal herzhaft. Diese Ruhe hier bei euch auf dem Land. Man schläft doch ganz anders als in der Stadt. Überhaupt sagt der Gast und nickt wohlgefällig, schön ist das hier bei euch. Mit dem Haus Read On, hast du richtig Glück gehabt wo findet man denn noch so etwas Uriges? Ich nicke und sage nicht, dass man im Dorf die Sterne deshalb so gut sieht, weil die Straßenbeleuchtung schon seit Jahren defekt ist und sich niemand für die Reparatur zuständig fühlt. Es ist eben einfach dunkel.

Nimmst Du Milch zum Tee?, frage ich lieber und sage nicht, dass im letzten Herbst die Schindeln, eimerweise vom Dach flogen und die Reparatur ein gar nicht mal so kleines Vermögen verschlang. Ich erzähle aucht nicht, dass die Vermieterin eines Tages nicht mehr ans Telefon ging und irgendwann ein Brief der NAMA im Briefkasten lag. Seitdem überweise ich meine Miete an die Institution, die alle Geisterhäuser der irischen Finanzkrise verwaltet und im Backbuch zwischen Nussecken und Käsekuchen liegt der Zettel,der mich darauf hinweist, dass ich im Fall eines Verkaufs des Hauses unmittelbar auszuziehen hätte. Ich nicke noch einmal und der Tierarzt bringt die ofenwarmen Scones. Ommmm und Nommm sagt der Gast und wir reichen Butter und Marmelade zum Gebäck.„Ach, das Landleben, sagt der Gast“ und schwärmt ( zu Recht ) von den Backkünsten der Frau des Krämers, der schmackhaften Milch und der goldgelben Butter. „Ach, seufzt der Gast wohlig. So ein richtiger, kleiner Laden wo man sich kennt, ist ja doch etwas anderes. Keine anonymen Schlangen, sondern ein gemütlicher Schwatz beim Einkauf.“ Ich lege dem Gast einen zweiten Scone auf den Teller und sage lieber nicht, dass der Krämer und seine Frau vom Laden nicht leben können. Der Krämer schiebt Schichten in der Cadbury Schokoladenfabrik, und jeden Sommer nehmen die Beiden, spanische Jugendliche auf, die Englischkurse belegen. Der Krämer und seine Frau sind an die 70 Jahre alt und wollen ihre Ruhe.Ihre Vorstellung eines gelungen Abends ist Shepard Pie und Coronation Street im Fernsehen. Die Jugendlichen betrinken sich am Strand und der Krämer muss Nachts mit der Taschenlampe los, sie suchen gehen. Der Laden hat sieben Tage die Woche geöffnet und nur am Sonntag während der Messe geschlossen. Urlaub haben der Krämer und seine Frau schon seit vielen Jahren nicht mehr machen können, denn auch in Irland kaufen die Leute ihre Scones längst für 70 Cent bei Tesco und nicht mehr für 1, 95 Euro bei der Frau des Krämers, die selber backt. Schön, dass es dir schmeckt, sage ich und nicke dem Gast zu. Der Gast verdreht die Augen zum Himmel: Diese Scones sind ein Gedicht.Ich erzähle nicht, dass in meinem ersten Jahr hier im Dorf niemand mit mir ein Schwätzchen hielt und die Himbeerscones, deren Krümel der Gast sich gerade von den Fingerspitzen leckt, immer schon aus waren, kam ich in den Laden.

Ein Ei, frage ich? Der Gast stimmt zu. „Mensch Tierarzt“, sagt der Gast. „Du hast doch einen wunderbaren Beruf. Frische Luft und die Tiere, alle das ganze Jahr auf der Weide, du bist wirklich zu beneiden. Der Tierarzt nickt und schenkt Tee nach. Er sagt lieber nicht, dass die Bauern hier alle hoch verschuldet sind und in der Apotheke Antibiotika für die Schweine und Kühe kaufen. Meist geht das mit der Selbstmedikation nicht gut. Der Tierarzt soll dann kommen und die Tiere mit Antibiotika behandeln. Es gibt längst nicht mehr genug zu tun für einen Landtierarzt und so fährt der Tierarzt etwa 100 Kilometer am Tag von Hof zu Hof. Gern wenn die Kühe kalben, auch Nachts. Die Aktenordner mit den Außenständen sind dicker,als die mit den bezahlten Rechnungen.An drei Tagen in der Woche arbeitet der Tierarzt im Zoo. Mehr Idylle kann er sich nicht leisten.

Dann stehen wir auf und gehen vom Oberland hinunter ins Dorf, bis hinunter ans Meer. Spiegelglatt ist die See nach dem gestrigen, heftigen Sturm und der Gast lässt sich vom Wind ins Gesicht wehen und breitet die Arme aus. Wunderbar sagt er und stahlt. Die Luft und das Meer. Der Salz und der knirschende Sand unter den Füßen, lobt er und strahlt und lässt sich vom Tierarzt erklären wo einmal die Schmuggler Goldmünzen vergruben, bis sie über ihre Gier die Flut vergaßen und niemand sie mehr lebend fand. Der Gast und wir wandern die Dünen entlang, und der Gast sammelt Muscheln und Steine. „Wirklich sieht er uns an und stemmt die Arme in die Hüften. Ihr lebt wirklich mitten im Paradies.“

Wir lächeln leise und sagen nicht, dass jeden Morgen kurz vor sechs der älteste Dorfbewohner mit schwarzen Müllsäcken zum Strand hinuntergeht und das einsammelt, was die Müllkippe Meer eben so an den Strand spült: Autoreifen, Benzinkanister, Plastiktüten mit Müll gefüllt, Flaschen und Schuhe, Stoßstangen, selbst einen Kühlschrank hat der Nachbar schon aus dem Meer gezogen und entsorgen lassen. Da ich ganzjährig draußen im Meer schwimmen gehe, treffe ich den Nachbarn morgens fast immer und lasse mir stets die schwarzen Müllsäcke zeigen. „Schlecht steht es, Fräulein Read On“ sagt er und schüttelt den Kopf. Schon wieder Hundewelpen und Katzenbabies in den Plastiktüten, sagt er und wir beide seufzen tiefimg_1177Der Gast aber ist schon weiter gelaufen in Richtung der Klippen, grünschwarz glänzen die Stein im Wasser, ich halte Ausschau ob nicht heute die Meerjungfrau kommt, und der Tierarzt erzählt dem Gast wie er zwölfjährig mit einem Freund in die Höhle paddelt, um nach dem Piratenschatz zu suchen. Schließlich aber zieht der Himmel zu, schon beginnt es zu regnen und wir laufen zurück ins Dorf. Noch einmal sieht der Gast sich um: „Wirklich idyllisch“, sagt er und schließt auf zu uns.

Read On.

Woanders ist es auch schön.

Die formidable Trippmadam sucht nach Gründen für Schlaflosigkeit. Ein Text den man am besten mit der Taschenlampe unter der Bettdecke liest, denn er ist von schauriger Schönheit. Seien sie gewarnt, mit diesem Blog lassen sich ganze Nächte lesend verbringen. Das ist dann aber wiederum eine andere Art von Schlaflosigkeit.

An Ruhe ist auch hier nicht zu denken. Wie immer ist die Frage wann es genug ist, nicht einfach zu beantworten.

Die wunderbare Kiki nimmt ein Fernglas zur Hand und sieht in die mögliche Zukunft. Nein, rosig ist sie nicht. Aber dazu braucht man keine Glaskugel mehr.

Wem die Zukunft schon nicht gehört, der kann immerhin noch ins Kaffeehaus gehen und Doron Rabinovici hat aufgeschrieben warum gerade das Kaffeehaus ein Menschenrecht ist.

Angesichts einer Nachrichtenlage aber in der ein Präsident stets mit dem Twitterfinger am  Abzug beständig  neue Ungeheuerlichkeiten verbreitet, scheinen mir Gedichte umso wichtiger, umso kraftvoller und widerständiger gegen das Gebrüll. Dieses Gedicht will mir seit Tagen nicht aus dem Kopf.

Bekanntlich fahre ich sehr viel Zug. Jede Morgen nämlich mit der ersten Bahn vom kleinen Dorf in die Stadt. Immer beschließe ich mich mich wenigstens für fünf Minuten zu verlieben. Oft aber bin ich müde, viel zu müde selbst für die Liebe in Gedanken oder der Mann mir gegenüber bohrt sich in der Nase und natürlich hat der Zug keinen Speisewagen.

Portrait des Fräuleins als Hühnerschreck

Leise pfeifend laufe ich vom Bahnhof die Dorfstraße hinunter. In Gedanken beglückwünsche ich mich, dass ich gestern trotz Müdigkeit noch Brot gebacken habe, der Tierarzt immerhin Rührei isst und damit ein freier Abend vor mir liegt. Badewanne und Buch summe ich und freue mich darauf in Nathan Hills sehr großartigem Buch Nix weiterzulesen. Außerdem hat die liebe C. mir ein Paket voller Nussschokolade geschickt. Nur Milch muss ich noch kaufen, erinnere ich mich selbst und hüpfe trotz der schweren Büchertasche vor mich hin. Schon von weitem aber sehe ich, dass das halbe Dorf versammelt vor dem einzigen Laden steht. Je näher ich komme, desto größer wird auch die Menge aufgeregter Dorfbewohner, deren Wortführerin natürlich die Frau des Krämers ist. „Fräulein Read On“ schreit sie als ich näher komme, etwas Schreckliches ist passiert!“ „Feuer, Wasser, Wind?“, frage ich aber die Frau des Krämers schüttelt den Kopf. „Die Gänse sind ausgebrochen und jagen die Hühner.Oh, sage ich und seufze in Richtung des betroffen Hühnernachbars und des neben der Frau des Krämers stehenden Gänsebesitzers. Wann genau die Feindschaft zwischen den Gänsen und den Hühnern ausgebrochen ist, kann niemand mehr sagen. In den Dorfannalen sucht man das Stichwort Gänsekrieg vergeblich und die Frau des Krämers, die inoffizielle Chronistin, weiß auch nicht mehr als wieder und wieder zu betonen, dass es eben schon immer so gewesen sei. Der Hühnerbesitzer aber zetert und wehklagt über seine von den Gänsen wer weiß wohin gehetzten Hühnerdamen. Er fordert den Bau einer Mauer. Scharfe Proteste der Gänsefraktion folgen sofort.

Ich nicke noch einmal sehr betroffen, lasse die Milch , Milch sein und will weiter nach Haus in Oberland gehen, um endlich zu Badewanne und Buch zu kommen. Da biegt der Tierarzt in die Ecke. Er hält einen, meinen leeren Wäschekorb in der Hand. „Read On“ sagt er dich schickt der Himmel. “Mich lieber Tierarzt sage ich, rufen Buch und Badewanne.“ Aber der Tierarzt will davon nichts wissen. „Ich brauche deine Hilfe.“ „Nein, sage ich und nochmals nein.“ Aber wieder überhört der Tierarzt mich vollständig und nimmt auch mein Kopfschütteln nicht zu Kenntnis. „Du musst die Hühner fangen, während ich die Gänse jage.“ Ich schüttle den Kopf. Auf gar keinen Fall, fange ich Hühner. „Bitte“ sagt der Tierarzt und das ganze Dorf echot: Bitte Fräulein Read On, Sie müssen die Hühner fangen.“ Noch einmal sehe ich vor meinem inneren Auge, Badewanne und Buch. Mit versagender Stimme wimmert der Hühnernachbar: Bitte Fräulein Read On, bringen sie mir meine Mädchen wieder.“ Ich knurre missmutig. Die Frau des Krämers bemerkt wohlwollend, dass sich nun meine ewige Joggerei endlich einmal auszahle. Ich knirsche mit den Zähnen.

Der Tierarzt überreicht mir Wäschekorb und ein Paar Gartenhandschuhe.“ Wohin sind die Hühner gerannt?, will ich wissen. Tumult. Geschrei. Beschuldigungen. Die Hühner sind in Richtung Oberland geflüchtet, sagt er und“ Danke Read On“. Ich sage lieber nichts mehr und stapfe davon. In meinem Garten sind die Hühner nicht, auch nicht auf der Schafsweide, die hinter meinem Haus beginnt und ich renne weiter, hinauf zu den Klippen. Hoffentlich liegen die Hühner nicht schon zerschmettert im Meer. Das erste Huhn sehe ich nass in einer Pfütze hocken. Ich nähere mich in gebückter Haltung. Das Huhn zetert, ich schnappe nach dem Huhn, in der Hand halte ich indes nichts als ein paar weiße Federn, inzwischen nähern sich immerhin die anderen Hühner. Sie gackern spöttisch. Ich sprinte erneut auf das Huhn zu. Ich erwische einen Flügel und dann liege ich in der Pfütze. Gelächter des versammelten Hühnerhaufens. Ich wünsche mir die Gänse herbei. Beim dritten Mal endlich bekomme ich das Huhn oberhalb des Flügels zu fassen und verfrachte es in den Wäschekorb. Ich werfe eine Decke über das Huhn. „Jetzt ihr“ sage ich zu den Hühnern. Die Hühner gackern und rennen weiter. Hühner sind gerissen und sehr, sehr schnell. Nach dem dritten Huhn habe ich einen aufgeschlagenen Ellenbogen. Ein Huhn finde ich unter einem Strauch. Es schreit Zeter und Mordio. Die Schafe sehen empört zu mir herüber. Ich verfluche das Dorf und die Hühner. Zwei Hühner rennen im Kreis wie die Berserker, ich will ihnen den Weg abschneiden, bleibe an einer Wurzel hängen und liege nun mit dem Bauch voran in der schlammigen Pfütze. „Tierarzt knurre ich, du schläfst heute Nacht auf dem Sofa.“ Die Hühner im Wäschekorb wollen fast bersten vor Lachen. Ich buchstabiere sehr langsam Kochtopf und endlich ist Ruhe im Karton Wäschekorb. Dann endlich erwische ich eines der Hühner an den Beinen und wie ein Wilddieb trage ich das Huhn zum Korb. Die Hühner stimmen, ich bin mir ganz sicher Venceremos  an. Ich kann nur noch schnauben. Das letzte Huhn aber hockt hämisch auf einer Felskante, die tief in den Abgrund führt und da ein Paket ungeöffneter Nussschokolade auf mich wartet, habe ich wenig Lust ausgerechnet jetzt in die wild wogende irische See zu stürzen. Ich erinnere mich einer alten Brezel in meiner Tasche , renne zur Tasche und bete das Huhn möge dort bleiben, wo es ist. Dann locke ich das zeternde Huhn mit Krümeln von der Abbruchkante fort. Die Hühner im Korb heulkreischen etwas von unerlaubter Vorteilsnahme. Ich aber schnappe nach den Beinen des Huhnes und endlich, endlich sind alle Hühner im Korb. Eingeschnappte Stille und ich bleibe einfach liegen und befühle meine Knochen. Dann wird mir kalt und ich rapple mich hoch und wuchte den Wäschekorb mit Hühnern zurück ins Unterland. Die Hühner strafen mich mit schweigender Verachtung. Ein Danke hätte auch gereicht, zische ich zurück. Der Hühnernachbar kommt auf mich zugelaufen und weint vor Erleichterung um seine Mädels und begrüßt sie mit Namen. Wer bitte nennt ein Huhn Eliza? Endlich wieder hühnerlos, sitze ich auf den Stufen des Ladens, die Frau des Krämers, die Hände in die Hüften gestützt sagt zum Tierarzt, der als Gänsemagd um die Ecke biegt „Es muss Liebe sein“ und mit dem letzten Rest Atem, den ich noch habe, ächze ich: „Es ist Wahnsinn.“ Betroffen sieht der Tierarzt zu mir herüber. Die Frau des Krämers tätschelt ihm beruhigend die Schulter. Das Fräulein Read On meint das sicher nicht so.“

Bettelmann Hahn

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Dublin sommert. St Stephen’s Green Park Dublin.

Dublin sommert so vor sich hin. Schäfchenwolken und Sonnenstrahlen wohin man auch sieht. Die B. und ich verlagern unsere Mittagspause nach draußen in was auf Deutsch so schön mit städtischer Grünanlage bezeichnet wird und wirklich kein Park ist. Da sitzen wir also mit vielen anderen Anzugträgern, die über Akten ein Sandwich kauen und halten die Gesichter in die warme Sonne. Kinder jagen Tauben. Der Springbrunnen ist angestellt. Schulklassen üben gelangweilte Gesichter. Mütter schieben Kinder spazieren ,alte Ehepaare sammeln Erinnerungen auf , einige Frauen machen Yoga und zwei Mädchen neben uns erzählen sich ihre letzten Romanzen. 15 Grad hat es hier in der Sonne und wärmer wird es in Irland eigentlich nicht einmal im August.
Die B. erzählt mir von ihrem Kuba-Aufenthalt und den sauertöpfischen Beamten, die mit gelangweilten Gesichtern hinter dem Schalter sitzen und sich jeder Zugänglichkeit verweigern und den vielen Buchläden, die für Pfennigbeträge sozialistische Erbauungsliteratur verkaufen: Eintopfrezepte für den Sieg des Kommunismus und Mies van der Rohe und das sozialistische Haus. Bestimmt gibt es dort auch einen Band „Topfpflanzen-Der Bitterfelder Weg“ aber wir essen lieber Tiramisu, die eigentliche Antwort auf die Ideologen aller Coleur ist wohl immer schon Dekadenz gewesen. Die B. seufzt und ich seufze und in der winterlichen Sommerfrische strecken wir die Beine aus und die B. macht für einen Moment die Augen zu. Zur Linken nähert sich eine Frau mittleren Alters und von weitem schon ist zu erkennen, dass sie bettelt. Auf eine Krücke gestützt und in einen unförmigen Umhang gewickelt unter dem verschlissene Jogginghosen hervorsehen, die Füße in dicken Wollsocken, die in einem Paar ausgetretener Sandalen stecken, schiebt sie sich mehr vorwärts, als das sie geht. Unter ihren schlurfenden Füßen wirbelt der trockene Staub auf und die Frau hustet, ein scharfes Krächzen, immer wieder bleibt sie stehen und stützt sich auf der Krücke ab. Help the homeless ruft sie in einem eigentümlichen Sprechgesang, es ist ein Wehklagen, das sie da ausstösst. Help the homeless ruft sie wieder und wieder und dann I want to buy food. Schließlich nähert sie sich auch unserer Bank mit ihrer Klage und dem Pappbecher in dem nichts klimpert und klingelt. Für einen Moment zögere ich unter den halbgeschlossenen Augen, hier in der Sonne, die mir die Wangen wärmt, der lauen Luft, der Mittagsmüdigkeit und der schwebenden Leichtigkeit eines Sommertages mitten im Winter. Aber dann legt sich die Hand meiner Großmutter auf meine Schulter, wie damals in der kleinen Stadt in der ich bei ihr die langen Sommerferien verbrachte und wir auf dem Markt standen und Erdebeeren einholten. Da näherte sich uns ein Bettler, der in der kleinen Stadt von allen nur Bettelmann Hahn geheißen wurde, wohl deshalb weil die bunten zusammengewürfelten Kleidungsstücke, die er trug, zum Beispiel ein violettes Samtjackett über einem grünen Regenmantel und gelben Galoschen, wohl an einen Hahnenkamm erinnerten. Aber wohl auch weil in kleinen Städten niemand einfach so davon kommt. Bettelmann Hahn also näherte sich schlurfenden Schrittes, die Augen auf die Straße gerichtet, denn seine ohnehin schmale Gestalt wurde durch einen Buckel weiter nach unten gedrückt , den Arm hatte er auf einen kaputten Regenschirm gestützt.
Bettelmann Hahn aber hörte man nicht wehklagend singen, sondern da ihm fast alle Zähne fehlten, klang sein „Eine kleine Spende bitte für einen armen Mann“ wie ein Stoßseufzer. Ich obwohl doch in einem Land lebend in dem Armut ein so brutales, ein so zerstörendes Antlitz hatte, so unweigerlich zum Alltag gehörte, ich fürchtete mich vor Bettelmann Hahn und versteckte mich im weiten Sommerrock meiner Großmutter. Meine Großmutter aber ließ Feigheit nicht gelten und zog mich hervor. „Morgen, Bettelmann Hahn“ sagte sie und schob mich nach vorn: „Das ist mein Enkelkind Read On. Sie ist zu Besuch für die langen Sommerferien.“ Bettelmann Hahn nickte und deutete einen Diener an. Mich schauderte, denn ich glaubte Quasimodo selbst, sei hier mitten auf dem hellen Marktplatz auf einmal erschienen. Dann gab meine Großmutter, Bettelmann Hahn die Hand, drehte sich um, nahm meine Hand und legte sie in die arthritisch verkrümmte Hand des alten Mannes. Bettelmann Hahn sprach mit meiner Großmutter und hielt meine Hand, dann wühlte er in dem grünen Regenmantel, fand zwei Karamellbonbons und legte sie mir in die Hand. Für die kleine Mademoiselle sagte er und lächelte zahnlos und ich lächelte endlich zurück. Meine Großmutter legte ihre Hand auf meine Schulter und nickte. Unterdessen hatte sie Bettelmann Hahn ein Fünfmarkstück in die Hand gedrückt, beiläufig fast, als käme es darauf nicht an, als sei einzig das Wetter, die Qualität der Erdbeeren und das Rheuma, das Bettelmann Hahn plagte von Bedeutung. Dann gingen wir weiter, wahrscheinlich aßen wir Eis und hielten die Gesichter in die Sonne. Bettelmann Hahn habe ich noch oft getroffen und stets blieb ich ich die kleine Mademoiselle. Ich hatte verstanden. Zurück in Dublin, auf de rParso mache ich endlich die Augen auf der Bank, die Frau steht unmittelbar vor mir, ich krame nach Münzen und während ich noch suche, lobe ich die Sonne, frage nach ihrer Gesundheit und lege die Münzen in ihre Hand, ganz genau so wie damals als ich begriff, dass man hinsehen muss, wieder und wieder, ob nun im Sonnenschein oder im Schatten. Dann wacht auch die B. auf, die Frau ist längst weiter, nur von Ferne hört man ihr singendes Klagen und die B. und ich müssen zurück ins Büro.

Kalte Füsse

Immer aber wenn das Flugzeug nördlich der walisischen Küste langsam zu sinken beginnt, bevor es Anflug auf Dublin nimmt, beuge ich mich vor und sehe aus dem Fenster. Ob es mir wohl diesmal gelingt, das kleine irische Dorf in dem ich lebe auszumachen? Den Leuchtturm nämlich, den ich aus dem Schlafzimmerfenster sehe, kann ich immer entdecken und auch die Dorfstraße glaube ich zu sehen, aber dann wenn ich den Kirchturm suche und nach dem Schieferdach meines Hause schaue, verliere ich erst das Dorf und dann auch den Leuchtturm aus den Augen und bald sinkt das Flugzeug tiefer und tiefer und schon rollt es auf der Landebahn und kommt zum Halten. In Dublin ist der Himmel hellblau und weich und mir ist, ich könnte fast schon den Frühling riechen, dabei sagt das Kalenderblatt doch laut und unüberhörbar: Winter. Aber auf den Straßen tragen die Leute Sonnenbrillen, Kinder jagen Sonnenstrahlen und ich zähle bestimmt fünf Männer mit Eis in der Hand. Die Studenten halten ihre Gesichter in die Sonne. Das würde ich auch gern, aber der Tag, mag er auch noch so himmelblau sein, zieht an mir und lässt mich nicht wieder los und ich sehe erst wieder aus dem Fenster, sitze ich im Zug nach Haus. Niemand außer mir steigt an der dem Dorf am nächsten gelegenen Bahnstation aus und vor dem Bahnhof wartet ans Auto gelehnt der Tierarzt. Groß und schmal und mit verschränkten Armen, neigt der Tierarzt den Kopf zu Seite und nickt mir zu: „Du bist zurück.“
Schon fahren wir am Meer entlang. Die dunklen Felsen zu unserer Linken, schroff und mattschwarz führen geradewegs hinunter zum Meer. „Hältst Du kurz an?“, frage ich den Tierarzt und der Tierarzt nickt wieder und parkt den alten Volvo am Straßenrand. „Komm“ sage ich und ziehe mir im Laufen die Stiefel aus und die Socken gleich mit dazu. Fast bis an Knie kremple ich mir die Hosen herauf. Nass klebt der Sand an meinen Füßen und der Tierarzt zögert für einen Moment. „Ernsthaft?“, fragt er und ich nicke ihm zu, bis er sich auch Schuhe und Strümpfe von den Füßen streift und dann ziehe ich den Tierarzt mit mir ans Wasser. Schwarz und dunkel ist die See, tief und kalt schlägt sie uns um die Knöchel, ein wenig taumeln wir, denn das Meer gibt nicht nach. Das kalte Wasser macht uns atemlos. So eisig ist das Wasser, dass es uns scharf in die Knöchel schneidet, beißend und unnachgiebig und ich bin sicher, dass uns sofort Eiskristalle an den Fußsohlen wachsen, durchsichtig und eisig klar.Der Tierarzt neben mir schnappt nach Luft. „Du bist verrückt“, sagt er leise, aber ich schüttle den Kopf und ziehe den Tierarzt näher zu mir. Nein, sage ich nur und halte die Hand des Tierarztes fester.
Ich will mich erinnern, an das eisige Wasser und deine Hand, in vielen Jahren vielleicht von einem anderen Ufer, will ich diesen Abend aus einer Rocktasche ziehen und noch einmal neben dir stehen, in den Wellen, mit Wind im Haar und deiner Hand in meiner. Wir, ausgerechnet wir die verlorenen Kinder stehen hier mit dem Kopf in den Wolken und den Füßen in der schäumenden See.

Klar ist die Nacht und fast wolkenlos, mild dazu als sei es April. Wir zählen die Sterne und erst als der Tierarzt ernstlich beginnt mit den Zähnen zu klappern, rennen wir los, vergessen fast Schuhe und Socken und mit sandigen Füßen sind wir zehn Minuten später daheim Die Katze sieht uns verwundert an, wie wir atemlos und mit roten Füßen, Sand in der Diele verteilen. Der Tierarzt sucht nach den dicksten Socken und ich fülle die Wärmeflasche auf. Bald schon sieht man vom Tierarzt nur noch eine rote Nasenspitze unter dem wollenen Plaid. Ich richte eine schnelle Suppe und während ich noch die Teller wärme, beginnt der Tierarzt erst leise, denn den Tierarzt hört man fast nie, zu kichern, bald aber schon lacht er und schüttelt sich, krümmt sich und lacht und lacht ein Lachen, dass unter den Rippen sitzt und ihn nicht aufhören lässt ,sogar die Katze nun endgültig verstört, springt von seinen Füßen. Noch später, nach Suppe und Butterbrot, als der Tierarzt in der Badewanne liegt, lacht er und lacht, lacht wild und wunderbar. Später noch, mitten in der Nacht wache ich auf und der Tierarzt schläft mit kalten Füßen aber einem Lächeln auf den Lippen weiter. Ich trinke ein Glas kaltes Wasser in der Küche, noch immer aber liegt Salz auf meinen Lippen und ganz bestimmt glitzern Eiskristalle auf meinen Füßen und als ich zurück ins Bett gehe, sehe ich noch einmal herüber zur leise, rauschenden See und dem blinkenden Leuchtturm, nah und doch so fern, weit draußen, inmitten der wilden Wogen.

Frauensache

Heute nach einem Malheur in dem eine Packung Eier eine nicht ganz unwesentliche Rolle spielte, musste ich in den Supermarkt. Nun werden Sie sagen, so etwas ist selbst für Ihre Verhältnisse Fräulein Read On doch zu banal. Aber ich bin wirklich nur sehr selten im Supermarkt, bin ich doch in der trefflichen Lage, eine Biokiste vor die Tür gestellt zu bekommen, Obst bei Herrn Yilmaz zu kaufen, mit ihm, der Käsefrau und dem Blumenmann zu ratschen und alles andere eben im Bioladen einzuholen. Dass dies nicht selbstverständlich, weiß ich wohl und weiß es zu schätzen. Wäre also das Malheur mit den Eiern auf der rutschigen Spülleiste nicht gewesen, wäre ich also kaum in den Supermarkt gelaufen.img_1042-3

Natürlich ist so ein Supermarkt am Samstag gerappelt voll. Mit meiner Packung Eier stand ich für fast zwanzig Minuten in einer länger und länger werdenden Schlange und sah eben so vor mich hin und da fiel es mir auf: im Supermarkt arbeiteten nur Frauen. Einzig der Marktleiter mit seinem bulligen Gesicht, dem öligen Lächeln und der scheußlichen Krawatte, dessen Foto neben der Uhr hängt, wie einmal im alten Österreich, Franz Joseph überall zwischen Wien und Triest, ist keine Frau. Dafür sah ich gleich am Eingang zum Supermarkt, wo ein Schild auf dem Ähren prangen mit: „Frische Backwaren“ wirbt, wie eine Frau mittleren Alters, ein sperriges, metallenes Gerät, das sich als so eine Art fahrender Ofen erwies und zur Warmhaltung der frischen Backwaren gedacht ist, in der engen Regalreihe zu manövrieren sucht. Mit hochrotem Gesicht, die Frau reichte ungefähr bis an die Mitte des rollenden Ungetüms zog sie, sich reckend, die heißen Bleche aus dem Ofen und schüttete die Brötchen in zur Selbstbedienung gedachte Plastikbehälter. Dann sortiert sie neue halbgefrorene Brötchen auf die Bleche stemmt sie in den Ofen und zerrt das Gerät erneut zur Seite, bis es wieder durch einen schrillen Pfeiffton verkündet, dass neue Brötchen aufgebacken sind. Indes scheitert die Kassiererin an einer Rückbuchung, denn ein Herr mit grauem Hut will anstatt zwei Packungen Billigfusel nun nur noch eine Packung bezahlen. Die Kassiererin, eine junge Frau mit pinken Plastikohrringen bekommt rote Flecken auf den Wangen und sie ruft gellend: Nathalie, ick weiß nicht weiter. Dit is janz große Scheiße mit der Kasse hier. Nathalie, die Frau die mit den heißen Blechen hantiert schreit: Mensch echt jetzt, Yvonne, ick bin hier mit die Bleche und dann krachen die heißen Bleche auf den Boden und die Frau, die Nathalie heißt flucht, denn eins der Bleche ist an ihr die Beine geraten. Die Schlange an der Kasse flucht und droht und schimpft und eine Frau, deren Wagen fast birst, zetert, sie werde sich beschweren. Dann kommt Nathalie und hilft Yvonne mit der widerspenstigen Kasse. In ein knarzendes Mikrofon, ruft sie: „Eine zweite Kasse!“ Dann geht sie zurück zu den Blechen. Vielleicht ist sie vierzig Jahre alt. Das ist schwer zu sagen, denn Frauen wie sie, haben schon lange einen harten Zug um den Mund und schon ihre Mütter haben ihnen erklärt, dass es im Leben nichts umsonst gibt. Vielleicht warten zuhause zwei Kinder und schon lange kein Mann mehr auf die Frau, die jetzt die Bleche zusammenräumt und die Augenringe hat in denen alle Träume begraben liegen. Aber vielleicht ist auch alles ganz anders und die Frau, die Nathalie heißt wohnt allein in einer Neubauwohnung und in der hellbraunen Schrankwand stehen vielleicht Nippesfiguren oder ein Hund aus weißem Porzellan.

Indes wird es nichts mit der zweiten Kasse, denn die Frau, auch sie jung und schmal und sehr, sehr zart, steht dort wo die Schlange endet und zieht einen Palettenwagen hinter sich her. Der Wagen ist hoch beladen mit Getränken, genauer mit in Plastik verschweißten Sprudel und Colaflaschen. Die Frau verschwindet hinter dem Berg von Flaschen und dann schneidet sie mit einer einfachen Küchenschere, die Bänder auf und beginnt die in Sechser-Packs verschweißten Flaschen vom Wagen in die Regale zu schichten. Sie hat weder Handschuhe, noch genagelte Schuhe, keine Trittleiter oder was auch immer hilft, um schwere Getränke Paletten von einem Wagen zu wuchten. Ein Mann, der mit seinem bulligen Gesicht, ein jüngerer Bruder des Marktleiters sein könnte, lässt sich von der Frau unter dröhnendem Gelächter einen Bierkasten auf den Einkaufswagen wuchten. „Selbst ist die Frau“ baldowert er und aus seinem Handy an den Gürtel geklemmt schallert es „I am sexy and I know it!“ Die Frau aber wuchtet weiter Flaschenpack um Flaschenpack in die Regale. Indes aber ist die Kassenschlange kurz vor der offenen Revolte und selbst die Kassiererin befürchtet, dass Kunden ihre Lauchstangen zu Schwertern umfunktionieren und beugt sich wieder über das schnarrende Mikrofon und ruft, nein fleht um Hilfe, fleht nach Kasse 2. Nach bangen Minuten kommt die Frau, die Nathalie heißt gelaufen und es gibt Gerangel, wer denn nun wie zugangsberechtigt zu Kasse 2 sei. „Keinen Zentimeter weiche ich“ keift ein Frau, deren hässlicher Terrier, vor dem Supermarkt ununterbrochen kläfft. Irgendwann stehe auch ich vor der Kassiererin, die einen harten Husten hat und „Deutschlandcard? ( Ich weiß gar nicht was das ist) mehr bellt als fragt. „Ihr Husten sage ich gehört auskuriert.“ Aber die Frau mit den pinken Plastikohrringen sieht mich an und sagt: „Dit können se ja ma dem Chef erklären.“ Ich sehe hinauf auf das Bild des feist lächelnden Marktleiters, der mit „seinem Namen für das Frischeversprechen bürgt“, nicke der Frau zu, nehme das Wechselgeld und die Packung Eier. Noch als ich die Eier greife, pfeift der Brötchenbackautomat erneut. Die Frau, die Nathalie heißt, schließt die Kasse und im Vorübergehen, sagt sie zu Yvonne, der Kassiererin: „Das Lager muss auch noch jemacht werden.“ Dann zieht sie erneut die heißen Bleche aus dem Ofen.

Manchmal durch ein Missgeschick bloß, rutschen einem vier Eier durch die Finger und im Supermarkt besorgt man sich Ersatz, zwanzig Minuten nur muss man warten und schon wirft man einen Blick in einen Abgrund, der einen schwindelig macht und dabei ist es nur ein Supermarkt, einer von vielen, in denen die Frauen allein packen, stapeln, kassieren, aufräumen, putzen, abrechnen, die pöblenden Trinker besänftigen, die verfaulten Obstkisten sortieren, sich um das Leergut kümmern und natürlich wie könnte es anders sein, dem Marktleiter zu Rechenschaft verpflichtet, fehlen am Ende des Tages siebzehn Cent. Dann gehe ich nach Haus und bin sicher, so schnell nicht zurück in einen Supermarkt.

Drei Jahre, danach.

An der Tür gibst du mir die Wohnungsschlüssel. Ich nicke und Du sagst nichts. „Ich melde mich“ sage ich und stehe noch einen Moment vor dem Haus. Kalt ist es, ein feuchter Nebel legt sich über alles und verschluckt bald schon dich. Ich drehe den Schlüssel in meinen Händen und gehe hinauf. Die ganze Wohnung ist schon leer. Nur dieses eine Zimmer ist noch immer verschlossen, noch immer da. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss. Drei Jahre hat er bei mir im Schlüsselkorb gewartet, hat gewartet auf diesen Tag. Auf den Tag an den du mich anrufen würdest und sagtest: „Kannst du kommen“ und schon vor drei Jahren wusste ich, von wo auch immer, ich würde kommen.

Der Tag an dem du mir den Schlüssel gabst, war ein heißer, stickiger Junitag. Wir, die mit dir auf dem Friedhof standen, schwitzten in schwarzen Kleidern und Anzügen. Der Pfarrer fragte mit balsamierter Stimme: Wie beerdigt man ein Kind?“ Dann folgten lauter banale Sätze, die nichts mit deinem Kind und nicht mit dir und nichts mit uns allen zu tun hatten, die so obszön und falsch waren, wie die brennende Sonne, die uns alle schwindelig machte. Vielleicht war dieser bodenlose Schwindel das einzig angemessene Gefühl. Damals in den dunklen Wochen, die kamen, gabst du mir den Schlüssel zu seinem Zimmer. Ich verstand und ich sagte: ich werde kommen. Du gingst, fort aus Berlin, und natürlich ging alles unter. Deine Frau ging, dein Beruf ging und wir ich weiß nicht, ob wir dich hätten enger bei uns halten sollen, aber da warst du schon fort und immer wieder hörte ich von Dir aus Canada oder Neuseeland und irgendwann erzählte mir F., dass du wieder als Arzt arbeiten würdest. Ich wartete und du riefst an. Ich drehe den Schlüssel im Schloss herum und als ich die Tür öffne fliegt ein Krähenschwarm nach oben. Ich sage den Namen deines Kindes, das doch nicht denken soll, es würde nicht gefragt. Ich muss üben bis mir sein Namen wieder von den Lippen kommt und ich stehe im Türrahmen und sage: „Mäuschen, erinnerst du dich noch an mich, ich bin es Read On, die für dich das Faultiergesicht machte, diese schreckliche Grimasse über die du dich kringeln konntest vor lachen. Ich glaube du erinnerst dich. Ein halber Sonnenstrahl im Fenster. Mäuschen, sage ich, komm wir machen das zusammen und dann stehe ich im Zimmer. Drei Jahre. Auf dem Schrank sitzt das Äffchen, das schenkten F. und ich dir zur Geburt und es guckt so drollig ganz genau wie du. Die nächsten Stunden packe ich Kinderkleider ein, staple Bilderbücher in Kartons, sortiere Spielzeug in Kisten und erzähle mit dir Mäuschen, denn nichts ist unangenehmer als wenn jemand ungefragt in den eigenen Dingen wühlt. Ich erzähle dir von deinem Vater mit dem ich damals dein Zimmer strich und der die weltbeste Bolognese kochte. Ich erzähle dir alles was ich weiß von ihm und das ist weniger geworden in den letzten Jahren, aber niemand Mäuschen hat ein Recht so viel zu wissen, wie nur du. Unten auf der Straße kommt die Müllabfuhr und ich baue dein Bett auseinander. Du hast nicht gern in ihm geschlafen und das kann ich gut verstehen, denn als ich so klein war, wie damals du, schlief ich am liebsten neben meiner Großmutter und niemals habe ich besser geschlafen als neben ihr. Du warst ein weise Kind und schliefst wie alle Kinder es tun am liebsten und besten neben deinen Eltern ein. Ich nehme das Äffchen vom Schrank und es baumelt mit den Beinen. „Mäuschen“ sage ich und denke an dich, denke nur an dich, das ist der Schrank schon ein Berg voller Leisten. Denke an die quälenden Nächte im Krankenhaus und dein kleines Gesicht, so verloren und so unendlich mutig. Immer verlangtest du nach dem Faultiergesicht. Für niemanden, habe ich es seitdem gemacht und die Nichtenkinder gaben irgendwann auf. Das war mein Gesicht für dich und im leeren Zimmer mache ich es wieder für dich und für dich allein. Du lachst. Ich wusste es. Bilder, dein Lieblingsbuch, ein paar Sachen und Lieblingsstücke, kommen in einen extra Karton. Eines Tages, Mäuschen, es ist nur ein Frage der Zeit, kommt er zurück zu deinem Vater und deiner Mutter. Sie werden mich schelten, dass ich genau das Falsche behielt. Wie immer Mäuschen bin ich auf deine Nachsicht mit mir angewiesen. Irgendwo im Haus spielt jemand für Elise. Ich singe es also mit für dich. Damals Mäuschen, als da so viel Schmerzen waren in dir und wir so hilflos vor dir standen, da sangen wir alle wechselnd Nacht für Nacht. Wir singen anders heute und Mäuschen, wir singen lauter heute, damit du uns auch hören kannst. Dann kommen die schweren Jungs, die Karton um Karton verladen und in ein Kinderheim fahren. Du warst ein so großzügiges Kind und niemals habe ich dich sagen hören: „Meins“.

Die Kartons sind verladen und ich unterschreibe einen Zettel, den ich nicht wirklich sehe und dann ist der Raum leer, bis auf das Äffchen und Dich und dich und immer so weiter.Eine Taube gurrt auf der Fensterbank und ich denke an dich und denke und denke. Danke Mäuschen, sage ich dir noch einmal ins Ohr. Den Schlüssel lasse ich in der Kinderzimmertür und die Tür bleibt offen. Erst unten bei den Mülltonnen, weine ich und denke, damals in dieser klebrigen Hitze, dass ich hätte nach vor gehen müssen und dem schauderlichen Pfarrer hätte zur Seite drängen sollen, denn niemand kann ein Kind begraben, niemand kann Dich Mäuschen beerdigen, niemand kann über die Leere hinwegkommen, die ist seit dir und niemand hätte das über dich, dich lachendes, gurrendes, singendes Kind je sagen dürfen. Erwachsene glaube ich versagen immer an den wirklich entscheidenden Stellen, aber Mäuschen wir sind voller Sehnsucht nach Dir und später sitzen dein Vater und deine Freunde zusammen, deine Mutter ruft an und alle, Mäuschen, wir alle sitzen und lachen und weinen und irgendwo sitzt du, in der Mitte immer da, wo man am besten sieht, am sichersten schläft, alles hört und umgeben ist, von immer warmen Händen, unsere Hände, Mäuschen suchen nach dir und werden dich finden.

Im Schnee

img_1015-1Mit dem Winter und mir ist es ja so eine Sache. Aufgewachsen in Breiten in denen es oft seit Jahrzehnten nicht mehr geregnet hat und niemals schneit, ist der Winter mir mit seiner klirrenden Kälte, Schnee und spiegelglattem Eis immer fremd geblieben. Mich schaudert davor mit einem Schlitten, Berge herunterzurasen und mögen andere von Skiabenteuern schwärmen, sehe ich riesige Lawinen die Abhänge herunterrasen, die Bäume umknicken, nur um schliesslich auch Skifahrer wie Streichhölzer zu zerdrücken. Niemand konnte so wie Onkel A. vom Mädchen mit den letzten drei Schwefelhölzchen erzählen, noch heute erinnere ich wie mir frostige Schauer über den Rücken liefen, deklamierte er, dass sie nun gar kein Hölzchen mehr habe und meine Großmutter, die mir vom bucklicht Männlein und dem flackernden, blauen Irrlicht las, trug ihr übriges dazu bei, dass ich mir die Hölle nie als glühenden Kessel vorstellte, sondern immer als einen Palast aus Eis und Schnee, in dem die Einwohner nicht als Eiszapfen lutschen und vor Lawinen flüchten, aber natürlich angeführt vom Irrlicht im ewigen arktischen Eis verloren gehen.

So nimmt es nicht Wunder, dass schneit es selbst im flachen Berliner Randgebiet, mein Bein zuckt, selbst wenn die Uhr erst 5.15 Uhr zeigt. Vor meinem inneren Auge sehe ich Fußgänger auf dem Schnee vor der Straße ausgeleiten und mit verdrehten Gliedern um Hilfe schreien, Schulkinder schlagen sich die Nasen blutig und der von mir meist gehassteste Radfahrer Berlins, der grundsätzlich auf dem Fußweg fährt und anstatt zu klingeln, plärrt: „Hey, Sie Ziege, Platz da“ fällt kopfüber in eine Schneewehe und ich kann, sollte dieser Fall eintreten nicht dafür garantieren, dass ich ihm milde und nachsichtig aufhelfe. So hülle ich mich in Mantel und Schal und steige in ein Paar Stiefel, die so aussehen als sei Rübezahl in ihnen über das Riesengebirge gestiegen und kehre Schnee und streue Sand. Ganz still liegt die Straße im dichten Schnee und die Welt hat etwas Gedämpftes. Ganz hinten dort wo die Straße auf die Rehwiese mündet, flackert ein blaues Licht und bestimmt will mich das bucklicht Männlein in eine Tannenschonung locken. Aber dann gerade als ich mich vergewissern will, kommt der Nachbar zur Linken aus dem Haus. Er flucht. Er flucht sogar sehr. Sein Auto nämlich, auch genannt das Schlachtschiff, ein sehr, sehr alter Mercedes hat ein eingefrorenes Schloss. Nachbar sage ich, warten sie, ich hole T1-Spray. Wer T1 Spray und Tampons in der Tasche hat, ich schwöre ihnen überlebt selbst eine Nacht in der Lawinen dräuen und die Pinguine tanzen. Natürlich lässt das Schloss sich problemlos öffnen und freudig braust der Nachbar davon. Natürlich braust der Nachbar nicht, denn auf dem Schlachtschiff prangt ein roter Aufkleber: „Ich fahre nicht schneller als 100 km/h. Das nicht ist doppelt unterstrichen. Sollten sie also Fragen zum Benzin sparen haben, mit dem dem Nachbarn zur Linken können sie auch das abgelegenste Skigebiet mit minimalem Verbrauch erreichen. Dann aber ist es sechs Uhr und ich muss Frühstück richten für die Vogelgesellschaft die allmorgendlich auf dem Balkon erwartungsvoll die Schnäbel reckt.

Am Nachmittag klingeln die Kinder von nebenan. „Duuuuuu Read On“ können wir in deinem Garten, einen Schneemann bauen?“ „Jaaaaa“, sage ich und dann kommt F. Der F. will auch einen Schneemann bauen und will natürlich, dass ich auch einen Schneemann baue. Ich steige wieder in die Rübezahlstiefel. Natürlich baut niemand einen Schneemann, sondern biege ich um die Ecke, fliegen mir lauter Schneebälle unter Gekicher entgegen. Angeführt wird die Bande natürlich von F. Ich werfe also Schneebälle und der F. schaufelt wie ein Besessener Schneebälle, die er der Kinderschar als Munition anreicht. Irgendwann liege ich im Schnee auf mir hüpfen sieben Kinder und F. springt wie ein Berserker um mich herum und kreisch,: „Ergib dich der Übermacht!“ „Niemand denke ich, während ich versuche ein Kinderknie aus meinen Rippen zu entfernen, ist so sehr acht Jahre alt wie Du F.“ und für einen kurzen Moment denke, wie es wäre wenn, aber das verbietet sich von selbst, denn wenn ist schon lange vorbei.

Dafür lerne ich, dass wer von einer Schneeballarmee besiegt wird, Kakao und Waffeln anrichten muss und bald sitzen sieben Kinder und als achtes F. mit roten Wangen, vor Kakaotassen und verschlingen Waffelberge. Erzählst du uns eine Geschichte Read Ooooooon?, fragen sieben Kinder und natürlich F. Schon bald also sind wir nicht mehr in Berlin, sondern folgen dem bucklicht Männlein mit seiner flackernden Laterne und irgendwo im Riesengebirge treffen wir Rübezahl, den Herrn der Berge , der Lawinen schleudert, den Wilddieb verfolgt und noch im tiefsten Schneesturm- selbst ohne T1 Spray niemals verloren ist. Schließlich klopfen die Eltern und für einen Moment glauben sieben Kinder und auch der F., dass der Berggeist selbst Einlass begehrt. Dann beginnt es wieder zu schneien und ich nehme noch einmal Besen und Sandeimer mit vor die Tür.

Seitenscheitel

Am Freitag Morgen sitzt F. der freundliche Gefährte früherer Tage mit grimmiger Miene am Frühstückstisch und besieht sich im Teelöffel. Alles in Ordnung F.? frage ich also über den Rand der Zeitung hinweg, denn der ehemalige, geschätzte Gefährte hieße nicht so, läge mir sein Wohlergehen  nicht am Herzen. Der F. rauft sich die Haare. Der F. nämlich hat anders als ich nicht Haar wie ein Shetlandpony, das störrisch fällt wie es will, sondern einen Lockenkopf, der jeden Satyr vor Neid erblassen ließe. Gestern aber fuhr sich F. missmutig durch sein prächtiges Haar und befand, dass diese Locken zu unernst, ja unseriös wirkten und keinesfalls dazu geeignet seien, bei anderen Chefärzten, dem Verwaltungsdirektor, oder gar einem geschniegelten Vertreter der Ärztekammer einen festen, ernsthaften und seriösen Standpunkt zu vertreten. Ich falte die Zeitung zusammen und sehe dem F. beim Haare raufen zu. Ach, F. denke ich, Du, der du für die Kinder im Krankenhaus einen Luftballon hinter dem Ohr hervorzauberst und mit den Reinigungsfrauen schäkerst bis sie erröten wie die jungen Mädchen, du der du mit den alten Patientinnen, auf die Toilette gehst, weil die Schwester doch auch nach dem dritten Klingeln nicht kommt und dabei so hartnäckig mit ihnen flirtest, dass sie dir sagen: „Aber nicht gucken, junger Mann!“, du wirst doch niemals ein grauer Anzugträger werden mit glattem Haar und glitschigem Charakter. Weißt du nicht mehr, wie du nach einer diesen Höllenschichten, nach Hause kamst, um mich für eine Patientin, die das Krankenhaus nie wieder verlassen würde, einen Kuchen backen ließest? Du, der du den weinenden Schwesternschülerinnen erst Kakao und dann Nachhilfe im Kathederziehen oder Zugang legen gibst, glaubst es komme auf die Haarlänge an? Aber wohlweislich, nicke ich Dir nur zu, seufze mit dir und laufe los, denn der Tag wartet auch nicht auf mich. Spät am Abend, liegt ein Zettel auf dem Tisch: Friseurtermin, 17 Uhr, aber 17 Uhr ist lange schon vorbei, du im Krankenhaus und ich mit anderen Dingen befasst. Am Samstag Morgen schläfst du noch. Ich fahre auf den Markt und ratsche mit Herrn Yilmaz, kaufe Käse, Brot und einen Topf mit Traubenzillas. Dann treffe ich die B. auf ein Stück Torte und als ich zurück nach Hause komme, sitzt du am Schreibtisch. Von hinten siehst du aus wie ein frischgeschorenes Lamm. Sehr seriös sage ich, jeder Verwaltungsdirektor wird vor dir auf die Knie sinken und keine einzige Stelle einsparen. Der F. aber ächzt. Wo einmal wilde Locken waren, ist jetzt ein strammer Seitenscheitel. Der F. sieht mich unglücklich an. Vor ihm auf dem Schreibtisch steht das aufgeklappte Notebook. Der F. googelt Hitlerbilder. F. sage ich nun doch verwundert:“Warum googlest ausgerechnet du Hitlerbilder?“ Der F. ist starr vor stummen Entsetzen. Er deutet auf den Seitenscheitel und dann auf ein Hitlerbild. „Siehst du es nicht?“, fragt er mich mit vor Empörung bebender Stimme. „Was?“ frage ich und verräume den Käse in den Eisschrank und das Brot in den Kasten. Der F. befühlt den Scheitel und sieht erneut auf die zahlreichen Hitlerbilder. „Der Scheitel“ wispert er schockstarr, „ist doch exakt der gleiche“ und deutet mit zitternder Hand auf das Notebook bevor er sich den Kopf befühlt. Ich stelle die Traubenzillas auf die Fensterbank und der F. erhebt sich taumelnd und wankt ins Bad. Der Badezimmerspiegel zeigt ein Schaflamm mit hoher Stirn. Der F. aber nun geschlagen von höheren Mächten sinkt auf den Badewannenrand und flüstert: „Ich sehe aus wie Adolf Hitler.“ Ich versuche mehr zu hüsteln als zu kichern und erinnere das traurige Schaflamm auf dem Wannenrand an die Uhrzeit. Der F. taumelt zu Tasche und Kittel und verflucht sein Spiegelbild. „Eindeutig Hitler“ murmelt er, bevor die Tür hinter ihm ins Schloss fällt. Aber sorgen sie sich nicht, so sie sich heute auf einer Aufnahmestation einer großen Berliner Klinik befinden sollten. Der nun streng gescheitelte und kurzgeschorene daher gehende F. hat keine bösen Absichten und fasst er sich hinters Ohr zieht er keine bösen Pamphlete dahinter hervor sondern nur einen Luftballon, ob sie nun, acht, achtundzwanzig oder achtundachtzig Jahre alt sind oder gar als Verwaltungsdirektor befinden viereinhalb Minuten pro Patient seien doch ausreichend genug.