Der 9.November

Der 9. November, noch immer nach so vielen Jahren, die doch längst schon Jahrzehnte sind, beginnt wie in jedem Jahr in meiner Magengrube. Schlecht ist mir, aber nicht als hätte ich etwas Schlechtes gegessen, sondern die Beklemmung liegt mir in Haut und Haaren und auch im Magen. Meine Großmutter stoppte an jedem 9.November die Uhr. Alle Uhren des Hauses, der Nachttischwecker wie die große Standuhr im Wohnzimmer und auch die zierliche Armbanduhr standen still. Still waren auch meine Großeltern, so als erlaubte einzig die Stille das Fortkommen von jenem Tag, an dem die Geschichte der Deutschen und der Juden uneinholbar und unwiederbringlich zerbrach. Meine Uhr tickt. Aber das Echo dieses Tages ist lauter als die Armbanduhr, das Telefon, die Nachrichtenlage, der Zug und die Straßen. Ich sehe meine Großmutter am Fenster, einen ganzen langen Tag lang, sah sie hinunter auf die Straße. Das Kopfsteinpflaster des Kirchplatzes, die Straße der kleinen, deutschen Mittelstadt in der sie lebte, es war nicht mehr ihre Heimatstadt. Ich lese die Zeitung, ich beantworte Emails, ich zucke mit den Schultern, die amerikanische Kollegin weint. Ich denke an meinen Großvater, stumm und hager auf dem Sessel, so weit es ging vom Fenster entfernt. „Nur einen Steinwurf entfernt“, sagt man auf Deutsch, will man ausdrücken etwas sei ganz in der Nähe. Wie viel Zeit vergeht zwischen einem geworfenen Stein und der zersplitterten Scheibe? Seitdem sei so viel Zeit vergangen sagen die Vielen und ich wundere mich, was das eigentlich heißt. Reicht es denn, dass Zeit vergeht, der Glaser kommt und ist es genug, dass sie sich nicht mehr erinnern müssen, sondern nur noch wir? Ist Zeit eine gültige Antwort auf die Stille? Dann wird sich doch erinnert, aber lieber nicht zu deutlich. Schlimme Zeiten seien es gewesen und dazu lässt sich immer verständig nicken. Meine Großeltern nickten nie. „Eine Brandwunde“ sagte mein Großvater zu der Nummer auf seinem Arm, die unter gestärkten, weißen Hemden verschwand. Für sie, die sie vergessen wollen, nicht für ihn, der sich erinnern musste. Ein geschichtsträchtiges Datum wird dann gern gesagt über diesen 9.November, der dann gern Anlass wird zu Ausrufezeichen und Warnschildern. Zuletzt ein Hinweis in Richtung USA: Die Deutschen hätten es einmal probiert, aber doch verstanden. Nun versteht auch ihr. Ist das nicht auch eine Flucht vor der Erinnerung, die gemessen in Porzellanservices, Bilderrahmen, Silberbesteck, Daunenbetten, allgefälliger Gewalt und dem Ende der Juden Europas seltsam verzogen erscheint, so als sei wieder einmal genug Zeit vergangen um letzte Lehren zu ziehen. Ich weiß nicht, ob die Erinnerung überhaupt schon begonnen hat. Da niemand etwas gesehen, keiner etwas genommen und niemand etwas angesteckt haben will, sondern es eine schlimme Nacht war, blieb meine Großmutter am Fenster stehen. Ich sehe auf das Bild vor mir auf dem Tisch, das Bild zeigt auch eine Straße. Die Straße auf dem Bild hat das gleiche Kopfsteinpflaster wie der Kirchplatz auf den meine Großmutter starrte. Das Pflaster ist feucht und das Bild ist schwarz-weiß. Das Bild ist eine Fotografie. In der Mitte des Bildes kniet ein Mann. Der Mann trägt einen Dreireiher. Jackett, Weste, Taschenuhr, Einstecktuch, Manschettenknöpfe, Lederschuhe. Der Mann trug einen Hut. Der liegt zerknautscht auf dem feuchten Pflaster. Der Mann auf dem Bild trägt einen Siegelring und einen Ehering. Der Mann kniet auf dem Pflaster. Der Mann hält eine Zahnbürste und der Mann putzt die Straße. Vor dem Mann und um den Mann herum steht eine johlende Gruppe von Männern und Frauen. Hinter dem Mann eine Häuserzeile. Hinter einem der Fenster steht meine Großmutter und sieht ihren Vater auf der Straße knien. Der Mann der zurückkehrt am Abend hat keinen Siegelring, keinen Ehering, keine Taschenuhr mehr, der Anzug hängt in Fetzen an ihm herunter. Ich sehe auf das Bild. „Steh doch auf“ will ich ihm sagen, diesem Mann der mein Urgroßvater ist und das Bild des Mannes der auf der Straße kniet in seiner Hand eine Zahnbürste, was ist das eigentlich? Ein Familienbild? Der Mann auf dem Bild steht nicht auf. Der Mann bewegt sich nicht mehr. „Steh doch auf.“ Der Mann der am Abend zurückkehrt zu seiner Familie wird sich noch immer nicht abbringen lassen von seiner Heimatliebe, von seiner Überzeugung doch Nachbarn und Freunde zu haben und wusch sich die Hände. Seine Kinder zog er fort vom Fenster. Meine Großmutter stand bewegungslos am Fenster an diesem und an allen folgenden Novembertagen, auf der Straße gingen indes Menschen über den Kirchplatz lachend und scherzend, vielleicht auch schweigend und stumm. Vor mir auf dem Tisch die Fotografie. Der Mann auf der Straße. Die glänzenden Steine des Pflasters, in Dublin scheint die Sonne, in Deutschland putzen Menschen Stolpersteine, die einmal mehr den Mann auf dem Bild in die Knie zwingen. Ich sehe meinen Großvater im Winkel des Zimmers und sehe meine Großmutter unbeweglich am Fenster stehen. Meine Versuche sie wegzuziehen, scheiterten immer: an jedem 9.November wartete sie wohl jemand käme und endlich, endlich stünde ihr Vater auf, setzte den Hut auf, klopfte sich den Anzug ab und endlich hörte der 9.November auf zu sein, endlich kehrte die Zeit zurück, gingen die Uhren wieder richtig, führte die Erinnerung nicht durch Scherben und Splitter hinweg, drängte sich nicht durch die lachende Menge der Menschen hin zu dem Mann auf den Knien, der dort nicht knien würde, sondern wie an jedem Abend Nachbarn und Freunde grüßte, bevor er zurück nach Hause käme, vorsichtigen Schrittes, aber nicht wegen des grölenden Mobs, sondern allein der Glätte des Kopfsteinpflasters geschuldet, so typisch für späte Nachmittage im November in Deutschland, damals als anders als heute in den Städten noch Juden lebten, etwas also woran man sich kaum noch erinnern kann. Es bleibt das stumme Bild meiner Großmutter vor dem Fenster, noch immer kniet der Mann unbeweglich auf dem Pflaster und die kalte Hand in meiner Magengrube reicht nicht aus um ihn endlich zum Aufstehen zu bewegen.

9 thoughts on “Der 9.November

    • Ich finde immer ich habe Ihnen allen zu danken, nicht andersherum. Ein Blog ist nichts ohne Leser und Geschichten verschwinden, gibt es nicht Menschen, die sie lesen, in ihrem Herzen bewegen, sie weitererzählen, sie umschreiben oder kritisieren und natürlich auch wieder vergessen. Der Dank ist also ganz auf meiner Seite.

  1. Liebe Read On,

    jeden Tag gehe ich über die Brückenstrasse und durch die Weberstrasse nach Hause in Heidelberg. Wunderschöne alte Jugendstillhäuser mit großen Garten. Stolpersteine liegen auf den Gehwegen, mit Namen und Datum. Manchmal ganze Familien mit gleichen Nachnahmen.
    Früher fragte ich an ältere Nachbarn wie sie diese Zeiten erlebt haben. Alle waren hier geboren, teilweise sind sie zwischen 80 und 90 jahre alt. Niemand erzählte etwas, sie wußten von nichts haben sie gesagt. Eines Tages erzählte eine Tochter von älteren doch , dass sie damals vielen Nachbarn gesehen hat, dass in der nähe gelegenen Mönchhofplatz „Juden Ware“ ergatten haben, ja Teppiche, Silber etc…

    • Das ist die alte Geschichte der Blinden und Tauben. Judenware. Was für Wörter und was für unendlich viele Geschichten dahinter. Am Ende des Tages ging es auch um Leibwäsche und Leinenservietten. Aber wer will sich schon an die eigene Gier erinnern?

  2. Pingback: 18 Worte am 9.11.16 (US-Wahltag und Progromnachtgedenken) | 18 Worte.

  3. Sehr schön geschrieben. Treibt einem die Tränen in die Augen und hält diesen Tag in lebendiger Erinnerung. Die Zeit rückt immer weiter weg, die Erinnerungen auch. Dabei ist es so wichtig, zu sehen, wie diese unfassbaren Ereignisse der Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung von Mitbürgern erlebt wurden. Gerade heute wieder. Daher Danke für das Teilen.

    • Die Erinnerung ist schwankender Boden und wird gern von Allgemeinplätzen und Sonntagsreden überdeckt. Ich denke es ist sehr schwer, dieser doch sehr schmerzhaften Erinnerung nachzugehen. Sich erinnern ist selten angenehm.

      Schön wieder von Ihnen zu lesen. Ich habe Sie vermisst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.