Die letzten Dinge

Die letzten Dinge. Im Garten zum hoffentlich letzten Mal in diesem Herbst Laub harken. Die letzten Quitten auflesen und die allerletzten Äpfel pflücken. Den Zitronenbaum in den Keller hieven. Ich schneide die Köpfe der Sonnenblumen ab, von denen im Winter die Meisen picken, aber wie ein Henker fühle ich mich, als die Köpfe schwer neben mir zu Boden fallen.

Die rostige Gießkanne in der die Kröte residiert bis zum nächsten Frühjahr verwahren. Jedes Jahr denke ich, werde ich doch den Auszug der Kröte nicht verpassen und doch ist sie jedes Jahr einfach verschwunden, gänzlich unbemerkt. Wahrscheinlich nimmt sie Regenschirm und Reisekoffer und besteigt den Krötenexpress in den sonnigen Süden, wo sie des Nachts vielleicht jungen Kröterichen beim „O sole rospo“ lauscht. Ich beneide sie sehr. Irgendwann im Frühjahr kehrt sie dann zurück. Ich stelle mir oft vor, dass es eine Art Reservierungshotline für Krötenhotels aller Arten gibt, allerdings weiß ich nicht, wie eine rostige Gießkanne, die allerdings unweit des Rittersporns und inmitten recht feuchten Wiesengrunds gelegen, gewertet wird? Jedenfalls sitzt eines Tages die Kröte auf dem Kannenrand und macht es sich bequem. Vielleicht ist alles aber auch ganz anders, wer weiß das schon?

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Nicht im Bild: Das Ei ( in der Serviette ), der Orangensaft ( noch nicht gepresst ), und die C.     ( noch nicht da ), dafür immer noch Erkältungsutensilien.

Das Frühstück ist fertig. Meine liebe C. aber hat Verspätung. Bahnen bleiben stecken, Busse fahren nicht und die C. seufzt tief. Ich backe einen Apfelstrudel. Meine Großmutter fand, es sei eine Grundtechnik fürs Leben, zu wissen, wie man einen Strudel richte. So übte sie mit mir viele Stunden lang, denn ich war nicht besonders anstellig, wie man einen Strudelteig zog, so dass er keine Luftlöcher hatte, aber auch nicht zu derb war, denn schon ihr Vater, der doch Wiener war, hatte ihr das Strudel machen beigebracht. Nach jüdischen Glaubensgrundsätzen befragt, hätte meine Großmutter, wohl Apfelstrudel neben Goethe-Gedichten aufgezählt. Ihre Geduld mit mir zahlte sich aus, denn irgendwann konnte selbst ich einen Strudelteig wie ein Bettlaken spannen und genau wie sie, wiege ich nie die Apfel-Rosinen-Rum-Mandel-Gewürzmischung, sondern sehe ihre Hände noch immer vor meinen und dann ist der Strudel schon im Ofen und die C. endlich da.

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Das Fräulein Read On richtet an.  

Die C. und ich gehen im letzten Nachmittagslicht spazieren, dann schlafe ich im allerletzten Licht ein, als ich aufwache, fällt mir der Apfelstrudel, der auf dem Balkon kühlt endlich wieder ein.

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Winterschlafsaisoneröffnung

Wir trinken Tee und ich lese der C. aus dem „Doppelten Lottchen“ vor. Ich mag Erich Kästner nicht. Dafür die C. umso mehr, wahrscheinlich läse ich ihr auch das Telefonbuch vor. Langsam geht die Sonne unter, die schwarzen Krähen hocken in den Bäumen, ein Pudel schüttelt sich unten auf der Straße, ein Liebespaar küsst sich schüchtern unter der Laterne, auf dem Plattenteller dreht sich Kreisler’s Liebesleid  und ich ziehe die Schultern hoch. Es soll kalt werden in den kommenden Nächten und ich drehe mich mit der C. im Zimmer als sei ein letztes Mal der Sommer mit wehenden Kleidern und milder Luft, bei uns zu Gast. Die C. lacht mit roten Backen und ganz bestimmt sitzt die Kröte längst unter gelben Lampions und hat uns vergessen, bis zum nächsten Jahr.

4 thoughts on “Die letzten Dinge

    • Hier wollen die Meisen gebeten werden und finden es zu ordinär direkt aus der Blume zu picken. Allerdings habe ich noch keine Leinenservietten ausgegeben. Ich musste im Frühjahr hier einen Baum fällen lassen, der umzustürzen drohte: so ein Garten ist wahrlich nichts für ein schwaches Herz.

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