Im Dunkeln

Immer ist es dunkel. Am Morgen, wenn ich aus dem Haus gehe ist es noch dunkel und kehre ich am Abend zurück ist es schon wieder dunkel. Die Dunkelheit hat kalte Hände. Nur zwei der Straßenlaternen im Dorf gehen noch, die anderen sind längst verloschen.Nur die ganz Alten im Dorf erinnern sich noch an die Zeiten als die ganze Dorfstraße beleuchtet war. Ihre Erzählungen variieren. 20 Jahre ungefähr, da kommt es auf ein Jahr weniger oder mehr auch nicht an. Es sind 900 Schritte vom Oberland ins Unterland. Die Dunkelheit verschluckt alle meine Schritte und sehe ich auf meine Zehenspitzen ist mir, als hätte mir jemand ein schwarzes Tintenfass über die Stiefel gekippt. Alle Fenster sind dunkel. Nur im einzigen Lebensmittelladen des Dorfes brennt Licht. Die Frau des Krämers fegt die Backstube aus. In der Fensterscheibe flackert es schwarz und weiß. „Was ist das Frau des Krämers?“ frage ich sie und zeige auf die merkwürdigen Gebilde. „Aber Fräulein Read On, sagt sie, das sind blinkende Schneeflocken.“ Ich sehe es nicht, aber ich nicke. Auf dem Weg zum Bahnhof legt sich die Dunkelheit wie ein schwerer Schal um mich herum. Pechschwarz ist die Welt und ob auf dem Dachfirst des Bahnhofes wirklich Krähen hocken oder doch nur der Nachtmar lacht, kann ich nicht sagen. Eines von beiden wird es schon sein. Im Zug ist die Dunkelheit ein dichter Vorhang, schwerer Brokat vielleicht oder auch nur ein alter Samtvorhang, der vor vielen Jahren einmal vor dem Eingang eines Zirkuszelts hing. In der Stadt bricht der Tag dann an, aber immer ist das Licht nur verhalten, nur eine müde Entschuldigung für die immer schon in den Schuhen stehende Dunkelheit, die dem Tag den Atem nimmt. Zurück am Abend, zurück durch die dunkle Straße, drehe ich das Licht überall an. Den Leuchter im Wohnzimmer, die Schlafzimmerlappe, das Oberlicht in Küche und Bad, die Stehlampe im Arbeitszimmer und auch die schwere Messinglampe im Flur schalte ich ein. Trotzdem, die Dunkelheit spiegelt sich heller als das Licht im Zimmer und auf dem Dielenschrank sitzt schon die Schwärze, sie kriecht zu mir auf den Küchentisch und als es an der Terrassentür klopft, glaube ich für einen Moment, dass die Dunkelheit selbst nun vorstellig wird und Hut und Stiefel in das Zimmer wirft. Es ist aber nur der Priester, der in seiner schwarzen Soutane, einem Chamäleon gleich, ununterscheidbar von der Dunkelheit fragt: „Fräulein Read on, habe ich sie erschreckt?“ „Ein bisschen, Priester“ sage ich und deute in Richtung Tisch: „bleiben sie zum Essen?“ Der Priester nickt, aber erst einmal braucht er eine Taschenlampe. Das Licht im Kirchhof ist ausgegangen. Dann kommt der Tierarzt und für eine Weile verzieht die Dunkelheit sich. Später erst als ich im Bett liege kehrt die Dunkelheit zurück. Legt sich wie ein dunkelschwarzes Gefieder auf mich und drehe ich den Kopf zum Fenster sehe ich nur schwarze Kälte und nicht das Meer. Das leckt vielleicht schon an meinen Füßen, aber so schwarz ist mir vor Augen, dass ich nichts mehr sehe vor lauter Dunkelheit.

Zähes Ringen

Am Montag mache ich eine Kürbissuppe. Viel Mühe macht das nicht, aber ein bisschen doch. Ich würfele also Kürbis und Äpfel, presse Orangen, backe ein Olivenbrot, rühre Knoblauchbutter an, falte Servietten, decke den Tisch ein und setze Teewasser auf. Dann kommt der Tierarzt. „Mir ist schlecht“ sagt der Tierarzt und schiebt den Suppenteller mit der dampfenden Kürbissuppe so weit von sich weg wie es nur geht. Das Olivenbrot zerbröselt der Tierarzt in lauter kleine Bröckchen oder dreht es zu kleinen Kügelchen zusammen. „Hänsel und Gretel?“ sage ich, aber der Tierarzt lacht nicht. „Magst du etwas anderes haben“, frage ich. Ein wachsweiches Ei vielleicht oder einen Pfannkuchen? Der Tierarzt schüttelt den Kopf. Mein Suppenlöffel kratzt unangenehm laut über den Tellerboden. „Joghurt?“,versuche ich noch einmal mein Glück. Der Tierarzt schiebt den Stuhl zurück und sagt: „Lass mich doch in Ruhe mit deiner ewigen Kümmerei“, dann schlägt die Tür hinter ihm zu und ich fege die Brotbrösel vom Tisch. Die restliche Suppe friere ich ein.

Am Dienstag mache ich Rührei mit Schnittlauch, einen Tomatensalat mit Oliven und Schafskäse, ich backe eine Zitronenmeringue und schneide die übrigen Zitronenscheiben in die Wasserkaraffe. Der Tierarzt schiebt den Teller mit dem Rührei weit weg von sich. Eine halbe Tomate pickt er mit der Gabel auf und betrachtet sie für fünf Minuten angestrengt. Dann lässt er die Gabel sinken. Er trinkt eine halbes Glas Wasser als ich ein Stück Zitronemeringue abschneide, nickt er. Er schlingt das Stück Kuchen hinunter. Fünf Minuten später, steht er auf, geht ins Bad und speit den Kuchen wieder aus. Ich kippe das kalt gewordene Rührei in den Mülleimer und wische den Tisch ab. Dann klopfe ich an die Badezimmertür. „Darf ich reinkommen?“ „Ja“, flüstert der Tierarzt der zusammengerollt auf den Fliesen liegt. „Komm“ sage ich und ziehe seinen Kopf in meinen Schoß. „Ich kann nicht“, flüstert der Tierarzt. „Shhhh“ wispere ich.

Am Mittwoch mache ich einen Grießkoch mit Pflaumenkompott. Ich schneide Brot in daumennagelgroße Stücke und belege die Brotwürfel mit fingernagelgroßen Ziegenkäse- und Camembertfitzeln. Ich spieße einzelne Weintrauben und Mandarinenscheiben auf einen Zahnstocher und schneide eine halbe Mango mit dem Sparschäler in sehr, sehr feine und dünne Spalten. Dann schreddere ich Rote Bete, Gurken, eine Banane, Äpfel und Karotten für einen Smoothie. Der Tierarzt im Türrahmen ist nur ein schmaler Schatten. Der Tierarzt am Tisch schafft drei daumennagelgroße Brothäppchen, zwei Scheibchen Mango und drei Weintrauben. Nach drei weiteren Stunden hat er ein halbes Glas grünen Saft getrunken. Die Brotstückchen nehme ich anderntags mit in die Universität. Die Kollegen sehen mich merkwürdig berührt an: „Willst du abnehmen?“, fragen sie mich verwundert. „Nein“, sage ich.

Am Donnerstag koche ich nicht. Am Donnerstag gehe ich in die Apotheke. Ich kaufe hochkalorische Flüssignahrung. „Super lecker“ sagt der Apotheker. Ich nicke und nehme Vanille und Waldfrucht. Der Tierarzt weint. „Ich hasse Dich“ schreit er. Ich zucke mit den Schultern. „Mir haben Leute schon Schlimmeres gesagt.“ Der Tierarzt fährt weg. Er weiß noch nicht, dass ich ihm längst die übrigen Flaschen in die Taschen geschoben habe. Ich nehme ein Aspirin und halte mich an der Spüle fest, bis die Welt sich aufhört zu drehen.

Am Freitag stehe ich um halb vier Uhr früh auf. Ich nehme die vorbereiteten Keksteige aus dem Kühlschrank, denn Schwesterchen verlangt jedes Jahr hartnäckig zum 1.Dezember ein Paket mit Gebäck. Die Katze ist beleidigt, dass ich sie daran hindere mit ihrer Tatze in den Teig zu fahren. Beleidigt sitzt sie auf der Anrichte und mauzt. Ich steche Halbmonde aus, backe Zimtsterne, die später mit Zitronenguss glasiert werden, ich mache Springerle, wie sie schon meine Großmutter machte und fülle die Linzer Plätzchen mit Himbeermarmelade, ich mache Haselnussmakronen und Vanillekipferln und natürlich Berge von bunten bestreuselten Butterplätzchen. Nur für Schwarz-Weißgebäck reicht die Zeit nicht mehr. Für den Tierarzt rühre ich Kräuterquark an und stelle zwei weitere Flaschen mit hochkalorischer Nahrung bereit. Am Abend komme ich erst spät aus der National Concert Hall nach Haus. Der Tierarzt liegt auf dem alten grünen Sofa und schläft. Der Kräuterquark steht unberührt im Kühlschrank, genau wie die Flasche mit Flüssignahrung.. Es fehlen die Hälfte aller Vanillekipferln und auch von den Zimsternen sind nur ein paar Wenige übrig. Der Tierarzt selbst indes ist voller Krümel und auf seiner Wange klebt weißer Puderzucker. Ich rutsche langsam mit dem Rücken die Wand entlang und muss so fürchterlich weinen, dass ich einen Schluckauf bekomme. Der Tierarzt wacht auf und legt die Arme um meine Schultern. „Hey Read On“, sagt der Tierarzt, bist du traurig, dass ich so viele Kekse gegessen habe?“ „Die Springerle sind auch gut“, schniefe ich und zum ersten Mal in dieser Woche lächelt der Tierarzt und zieht mich näher zu sich heran.

Morgengrauen

img_0764-1Alle Menschen, die im ersten Zug nach Dublin sitzen, sehen müde aus. Ich sehe mein müdes Spiegelbild im Fenster und mache lieber die Augen zu. Der Zug erreicht die Stadt um 6. 30 Uhr. Um 6.28 Uhr wickele ich mich in einen sehr, sehr warmen orangenen Schal, setze eine graue Mütze aus Alpaka-Wolle auf und meine Hände verschwinden in kunterbunten Wollfäustlingen. Kalt ist mir trotzdem fast immer. Dann steige ich mit all den anderen müden Menschen aus und die morgenmüden Gesichter verlieren sich bald. 1,8 Kilometer sind es vom Bahnhof bis zur Universität und so wende ich mich nach links in eine tagsüber vielbelebte Straße. Jetzt aber am frühen Morgen ist alles still. Nur ein Lieferwagen mit „Avonmore Milk“ hält, der Fahrer steigt aus, wirft seine Zigarette in den Rinnstein, gähnt und lässt die Laderampe herunter. Das Kopfsteinpflaster ist nass und die gelben Straßenlaternen schimmern nur blass gegen die Dunkelheit. Noch sind die Rollläden der Geschäfte heruntergelassen. Schwere, metallene Gitter, die am Abend herunterrasseln und groteske Schatten auf die andere Straßenseite. Außer mir aber ist niemand unterwegs, aber das heißt nicht, dass niemand außer mir zugegen ist. Tatsächlich ist die Straße nämlich voller Menschen. Vor dem Schuhgeschäft eng an das eiserne Gitter gedrückt, schläft ein Mann. Zwei Pappkartons sind sein Bett und sonst schützen ihn nur zwei Schlafsäcke vor der nassen Novemberkälte, die durch den Boden dringt. Seine Habseligkeiten, die in zwei Lidl Tüten passen, stehen neben ihm, etwas verdeckt nur von den Schuhen, die exakt aneinandergereiht dort stehen, wo in etwa ein Nachtkastel stünde, wäre dies nicht die Straße, sondern ein Zimmer. Der Mann von dem nur der Haaransatz zu sehen ist, hat beide Arme über dem Gesicht verschränkt. Der einzige Schutz wohl gegen den rauen Wind und schlechte Träume. Zehn Schritte weiter aber vor einer Supermarktkette liegen ein junger Mann und seine Freundin. Auch sie liegen auf Pappkartons, die einmal Yoghurt-Behälter waren. Eng umschlungen liegen sie nicht, trotz der nassen Kälte, nur ihre Hände berühren sich, fast zaghaft, als einzige Versicherung wohl, dass zwischen dem Fußboden und dem Abgrund in ihm, noch immer eine Verbindung zur Welt besteht, wenn auch nur noch schwach und kaum mehr mit den Fingerspitzen zu greifen. Aschblondes Haar hat der Mann, der dort zusammengerollt liegt und weiche, fast kindliche Züge. Nichts ist richtig an diesem Bild das mich jeden Morgen begleitet, alles ist falsch, der Mann und das Mädchen dort auf dem kalten, nassen Boden, die feuchten Kartons, die verschlissenen Schlafsäcke, der Dreck der Straße und die greisenhaften Kinderzüge derer die auf der Straße liegen. Jeden Morgen bücke ich mich vorsichtig und lege Geld in den Becher, der neben neben den beiden steht. Sie sind die Einzigen, die einen solchen Becher haben. Vielleicht reicht das für eine Dusche oder ein Frühstück, ich weiß nicht was einem am dringendsten ist, schläft man auf der Straße. Auch neben ihnen stehen die Beutel in Reih und Glied, ist das Kleiderbündel sorgfältig gefaltet, stehen die Schuhe, Kante an Kante. Vor dem polnischen Lebensmittelladen liegt eine ältere Frau, ein Tuch fest um das Gesicht gebunden, in zwei zerlumpte Decken gewickelt keine Kartons, nur Zeitungspapier unter dem Rücken. Halb liegt sie unter einem Wagen, auf dem tagsüber Gemüse und Obst feilgeboten wird, jetzt aber liegen Lauchreste und zermatschte Orangen, neben einer zerweichten Pizzaschachtel und zerdrückten Bierdosen. Inmitten des Unrats die schlafende Frau. Passiere ich die Ecke und biege nach links, bleibt den Schlafenden vielleicht noch eine Viertelstunde bevor der Supermarkt aufsperrt, die Stadtreinigung kommt, Lieferfahrzeuge mit laufendem Motor parken und mehr und mehr Menschen, die Straße hinunterlaufen, die ich noch ganz für mich passiere. An der Ecke, am Zeitungskiosk auch er noch geschlossen, streckt sich ein Mann und gießt Wasser in eine Bierdose in der seine Zahnbürste steckt. In der Hand hält er einen kleinen zerbrochenen Spiegel und einen Plastikkamm. Morgentoilette, ohne Waschbecken, Seife, Handtuch, warmes Wasser und Rasierapparat und ich als schweigender Voyeur, vorbei schon aber doch peinvoll genug ein langer Schatten an all das was auf der Straße schon lange verloren gegangen ist. Es ist inzwischen 6.40. Die Trafik, in der ich an jedem Morgen eine Zeitung kaufe, sperrt auf und wie jeden Morgen schreit der Verkäufer in sein Headset. Hinter der Trafik aber packt wie an jedem Morgen ein Mann seine Sachen in eine blaue IKEA-Tüte, rollt den Schlafsack zusammen und zieht weiter, wohin weiß ich nicht. 500 Meter noch, dann stehe ich vor der Universität. Das große und schwere Holztor ist nur halb geöffnet, der Innenhof mit seinem Glockenturm liegt still vor mir. Die Studenten, die in den angrenzenden Gebäuden liegen, schlafen noch denn nirgendwo brennt Licht. 1, 8 Kilometer sind es vom Bahnhof bis zu meinem Büro. Heute wie jeden Tag, laufe ich die gleiche Strecke, fünfzehn Männer und Frauen lagen heute auf der Straße, regennass und kalt ist die Straße. Schlüpfrig und glatt sind die Steine. Unrat liegt in den Ecken und fröstelnd zog ich die Schultern zusammen, eingehüllt in Wollschall, Mantel, Mütze und dicke Fäustlinge, laufe ich vorbei an den vielen, die auf der Straße liegen wie einem Schlafsaal des Schreckens, den nicht einmal Dickens hat erfinden können und der sich hier Nacht für Nacht und Tag für Tag wiederholt. Ich krame nach der Schlüsselkarte und mache das Licht an. Es ist 7 Uhr.

Im September diesen Jahres haben 168 Menschen in Dublin auf der Straße geschlafen. Die Zahl der Obdachlosen nimmt weiter, wenn auch langsamer zu.

 

 

Zehn Minuten

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2, 5 Minuten stochere ich mit dem Löffel im Custard herum und versuche die Puddinghaut zu entfernen. Neben Sellerie und Pastinaken verabscheue ich Haut auf dem Pudding auf das Unaussprechlichste. Der B. mit dem ich in LA zusammen lebte, pflegte des Morgens die Haut vom Milchtopf ( das Fräulein Read On müssen Sie wissen, wärmt sich die Milch zum Kaffee ) zu ziehen, bog den Kopf nach hinten und verschlang mit einem großen Bissen die Milchhaut. Jeden Morgen aufs Neue wurde mir speiübel von dieser Praxis. Frau Rajasthani schüttelt den Kopf über solche Kleinmütigkeit. Jeden Morgen schöpft sie die Milchhaut ab, um später Ghee daraus herzustellen. Der Custard und Sponge Cake schmecken eigentlich nach nichts, sind dafür aber süß. Ich bin sehr für süße Dinge. Nicht einmal in Irland glaube ich, käme jemand auf die Idee, Sellerie in Vanillepudding zu schneiden. Das ist manchmal schon viel.

Für zwei weitere Minuten putze ich mir die Zähne. Zähne putzen ist eine meiner Obsessionen. Putze ich mir nicht fünfmal täglich die Zähne, sehe ich grüne Spinatpflanzen, Schokoladenbrocken und Pistazienkerne an meinen Zähnen entlangranken und muss sofort zum nächsten Waschbecken rennen, um Abhilfe zu schaffen. Heute aber strecke ich nur meinem Spiegelbild die Zunge heraus und glaube ganz sicher die Bakterien leidvoll jammern zu hören. Ihnen soll die Zahnpasta frommen.

Drei weitere Minuten lese ich eine mich über alle Maßen freuende Email. Manchmal, wenn auch sehr selten gelingt es einem ja, Menschen zusammenzubringen. Dass es hier gelang und sich im Dezember zwei der Frauen, denen ich viel zu verdanken habe in New York treffen werden, ist ein echter Glücksmoment. Ich tippe in 1: 28 eine Antwort. Glück macht flinke Finger.

Eine Minute lang gähne ich laut und herzhaft. 25 verbleibende Sekunden lang fahre ich mir durch das Haar, um mir wenigstens den Anstrich respektabler Ansehnlichkeit zu verleihen. Dann, Sie kennen das schon, muss ich weiter.

Der Lauf der Zeit

Der Zeit wohnt heute kein Geheimnis mehr inne. Vielmehr ist die Zeit nur noch eine Kategorie präziser Organisation. Das Leben verläuft anhand von Fahrplänen, schon haben digitale Zeiterfassungsprogramme die fast noch gemütlich wirkende Stechuhr abgelöst, Autovermietungen berechnen naimg_0771ch Minuten, es gibt Zeitschaltuhren, Uhren messen längst nicht mehr nur Sekunden, Minuten und Stunden sondern auch Schritte, Pulsfrequenzen und wäre es mir nicht so vollständig egal, dann könnte ich auch sagen was genau die Apple Watch alles misst und zählt. Selbst die gute alte Tante Rolex klingt etwas hilflos, bewirbt sie sich als zeitlos. Der Echtzeitmodus hat den Stundenzeiger längst abgelöst und wer wie ich die alte und vielgeliebte großväterliche Taschenuhr zum Aufziehen aus einer kleinen Schweizer Manufaktur zum Uhrmacher trägt, erntet nichts als Kopfschütteln. „Lange schon“ sagt der Uhrmacher „reparierten sie nichts mehr, längst schon sei alles digital.“ Fossil das ich bin, seufzte ich schwer und schrieb an die kleine Schweizer Manufaktur ob ich die Uhr wohl einschicken könne. Fast zeitgleich als James Cox in England für seine mechanischen Wunderwerke, Weltruhm erlangte, nahm auch die Schweizer Manufaktur ihre Arbeit auf. Zwar gibt es eine Philosophie der Beschleunigung und allerhand Ratgeber wie man Zeit einteilt oder Zeitverschwendung in Grenzen hält aber niemand ordert mehr einen ganz in Gold gefassten Schwan, der in erratischen Abständen mit den Flügeln schlägt oder einen goldenen Fisch aufpickt. Allenfalls gilt eine als solche Apparatur als Kuriosität vergangener Tage. Christoph Ransmayr aber erfindet die Zeit noch einmal neu und auch wenn James Cox selbst niemals am Hofe Qianlongs des wohl berühmtesten der chinesischen Kaiser gewesen ist, so hätte er es sehr gut sein können. Die Reise aber lang und gefährlich führt den Reisenden und seine Handwerker zunächst einmal aus der ihren bekannten Zeit hinaus und hinein in das chinesische Kaisertum. Hier wird dem Fall einer Schneeflocke eine ebenso große Bedeutung beigemessen wie bewaffneten Unruhen in fernen Provinzen. Denn wo der Kaiser ist vergeht Zeit und vergeht doch nicht. Die Zeit über die die Kaiser herrscht hat nichts Profanes an sich, sondern macht sich selbst zur Messlatte, die das Leben der Untertanen ganz jenseits von messbaren Einheiten bestimmt. Cox selbst lebt in der Trauer um seine Tochter und die verstummte Frau und so vergeht Zeit in den unendlichen Gängen der Verbotenen Stadt und in der eigenes für die Reisenden eingerichteten Werkstatt bevor der Kaiser James Cox, der im Buch Alistair heißt zu sich ruft, eine Uhr will er haben, welche die Zeit von Kindern misst. Alistair Cox wird sie bauen und die Uhr wird keine Zeiger haben und auch kein Stundglas sein, sondern versuchen die Kindheit als Zeitraum ganz eigener Größe festzuhalten. Der Kaiser aber setzt der Zeit auch ein Ende und die zweite Uhr, die er fordert, soll die Zeit, die einem zum Tode verurteilten noch zum Leben bleibt messen und Cox wird auch die Zeit bis zum Schafott für den Kaiser messen, der auch der Herr der Zehntausend Jahre ist. Cox und seine Gefährten werden durch Schnee und Eis zu jener Mauer reiten, die für das chinesische Kaisertum schließlich auch vermisst wo die Zivilisation endet und die Barbarei beginnt. Wieder vergeht Zeit, denn nicht der Kalender, sondern der Kaiser bestimmt wann Sommer ist und schließlich reist der Hof von Peking aus in die Berge. Einer der Engländer kommt zu Fall und für einen Tag und eine Nacht lang steht die Zeit still. Im Sommerpalast aber scheint es, dass der Kaiser selbst der unendlichen Zeit der Dynastie zu entkommen sucht und liebt und spricht und schreibt wie es sonst nie geschehen darf. Die Meister aus England aber beginnen die Arbeit an der dritten Uhr, die laut des Willens des Kaisers niemals stillstehen soll und so selbst die Unendlichkeit, diese niemals messbare Größe miteinberechnen soll in ihren Lauf. Es ist die gefährlichste Uhr denn ihre Ewigkeit misst das Unaussprechliche: das Ende des Kaisers. Mit Staunen und Wunder lässt sich diese große Buch lesen, dass noch einmal so nah es nur geht in das 18. Jahrhundert zurückführt und uns an die Schwelle treten lässt in der die Zeit voller Geheimnis war und keineswegs nur ein tickender Zeiger oder ein klingelnder Wecker. Was misst die Zeit eigentlich und woran werden wir uns wohl messen lassen müssen, besehen wir die eigene Lebensuhr? Qianlong schließlich der einzige der seine Regentschaft freiwillig beendete war ein leidenschaftlicher Uhrensammler und vielleicht war es eine der Uhren James Cox’ die in ihm die Erkenntnis hatte wachsen lassen, dass niemand keine Uhr und auch kein unsterblicher Kaiser, die Zeit zu beherrschen mag. Christoph Ransmyr aber hat einen Roman geschrieben der weit über die Zeit hinausgeht und die Zeit wieder in etwas erstaunlich Geheimnisvolles und niemals Profanes verwandeln zu mag. Die kleine Schweizer Manufaktur übrigens will die Uhr gern reparieren. Es sei nur eine Frage der Zeit.

Christoph Ransmayr, Cox oder der Lauf der Zeit, Fischer Verlag 2016, 22 Euro

Vereinigung zur Verteidigung der Unmoral oder der Club „Aux bonnes moeurs“

Meine Erinnerungen an das Land A. beginnen mit einer Ohrfeige. Unten im Hof des Hauses ohrfeigte ein Junge eine Frau. Ich sah hinunter in den Hof. Der Hof war staubig und in einer Ecke lag ein Stapel mit alten Brettern, ein verrostetes Gitterbett stand im Schatten eines verwachsenen Baumes. Sonst war der Hof leer. Sah die Hand des Jungen, der sie hoch über seinen Kopf hob, bevor er ausholte und das Gesicht der Frau nach hinten flog. Ich glaube noch immer das Klatschen seiner Hand auf ihrer Wange höre zu können. Aber vielleicht irre ich mich. Wer kann sich schon auf seine Erinnerung verlassen? Die roten Streifen auf ihrer Wange aber meine ich wirklich gesehen zu haben und noch heute bin ich mir sicher, das der Ton welcher der Ohrfeige folgte, genau derselbe ist wie jener der von der letzten Taste eines jeden Klaviers ausgeht und der ein längeres Echo hat als alle anderen Töne. Dann drehte sich der Junge um und ging. Die Frau hielt sich die Wange, dann ging auch sie. Ich starrte noch lange auf den Hof, der wieder heiß und staubig im Sonnenlicht lag. Auf dem verrosteten Bett sonnten sich die Katzen. Damals hinter den Fenstern wusste ich nicht, dass dort unten im Hof ein Sohn seine Mutter ohrfeigte. Eins aber hatte ich verstanden, dort unten auf dem Hof war etwas geschehen war, das sich nicht wiedergutmachen ließ. Dann drehte ich mich um.

Die Frau aber unten im Hof, die im zweiten Stock wohnte, brachte mir meine ersten arabischen Wörter bei. Eines der ersten war حرب ( harb) Krieg. Damals nämlich als wir nach A. zogen war der Krieg schon lange angekommen, hatte sich durch Häuserwände geschossen, hatte Söhne, Väter, Schwager, Onkel erst zu Feinden, dann zu Gegnern, dann zu Volksfeinden oder zu Islamisten gemacht und schließlich erst die einen, dann die anderen so oder so oder auch ganz anders getötet. Krieg also lernte ich und sprach der Frau (harb) nach. Ihre Wange (وجنة ) wadzna war nicht mehr rot. Dafür war der Kopf des Mannes der mit dem Gesicht auf das Lenkrad fiel أحمر, (ahmar) rot. Wieder stand ich am Fenster, diesmal aber am Fenster das auf die Straße zeigte. Bestimmt standen alle Nachbarn der langen Straße am Fenster und sahen hinunter auf das Auto. Die zersplitterte Windschutzscheibe, ein großes, gläsernes Spinnennetz und dann der Kopf auf dem Lenker. Blutfäden rannen dem Mann aus dem Mund und wir sahen zu. Damals wusste ich schon, das der Krieg tote Männer meint, aber ich lernte erst am Fenster, das der Krieg vor allem Stille meint. Denn nirgendwo wurde so laut geschwiegen wie im Land A. Das Schweigen der Mütter war lauter als nächtliche Klopfen an der Tür. Hartnäckig schwiegen die Mütter. Am Endes des Tages zählten die Mütter die Kinder, denn am Abend konnte sich niemand sicher sein, dass noch die gleiche Anzahl von Kindern in den سرير ( sa’rir ) Betten lag wie am Morgen. Die Mütter hinter den Fenstern schwiegen. Niemand ging auf die Straße hinunter, kein Krankenwagen kam, kein Polizeiauto bog um die Ecke. Die wenigen Passanten auf der Straße liefen an dem Auto und dem Mann tief über das Lenkrad  gebeugt vorbei. Bis sich die Dämmerung über die Stadt, das Viertel und die Straße legte, schwiegen die Mütter. Dann im Dunkeln zogen sie denn Mann, der ja auch einer Mutter Sohn war aus dem Auto heraus. Da stand ich schon nicht mehr am Fenster, sondern saß längst schon wieder am Klavier. Mag sein, dass ich die letzte Taste des Klaviers einmal angeschlagen hatte, aber ich weiß es nicht mehr. Immer aber wenn ich glaube, dass ich das Gesicht des Mannes und die Bluttropfen in seinen Mundwinkeln vergessen habe ( Kann ich das wirklich gesehen haben?),erinnere ich mich wieder an ihn. Damals als Krieg war schwiegen die Mütter, das weiß ich ganz genau.

Ein einziges Mal, im Land A. nämlich war ich Mitglied eines Clubs. Wir nannten uns „Le club aux bonnes moeurs”. Das schien uns clever und ironisch. Den Namen borgten wir uns von Voltaires “Essai sur les moeurs.” Der Club und das schien uns der große Clou hatte nichts mit Sitte und Moral zu tun, sondern erlaubt war nur, was sonst verboten war. Voltaire, den wir lasen und natürlich nicht verstanden, schien uns hatte uns nicht vergessen, wir hier im Land A., vergessen von allen. Auf den Straßen konnte man damals nicht unbehelligt gehen, aber über die Dachterrassen immer mal wieder zwar in einem Betttuch gefangen aber sonst im Dämmerlicht unbehelligt wanderten wir von Haus zu Haus und trafen uns auf dem Dach vom S. dessen Haus uneinsehbar an eine Mauer grenzte. Wir waren ein Club verzweifelter Liebhaber, natürlich verliebten wir uns wechselseitig ineinander, trennten uns unter infernalischem Getöse und küssten uns vorsichtig. So viel wussten selbst wir. Aber auch wenn ich dem S. verfiel und der S. der D. und die D. der E. und der Y. wiederum die L. eng umschlungen hielt, vor allem aber liebten wir die Ideen Europas.Wir, die verzweifelt Liebenden aber lasen uns vor. Auf Französisch wohlgemerkt. Denn wir die Clubmitglieder hatten feierlich und mit starkem und zuckersüßen Tee auf Europa geschworen.

Wir lasen die Odyssee. Unser Herz schlug für Odysseus, der heimatlos geworden und fern von Ithaka durch die Welt irrte, waren das nicht auch wir, waren nicht auch wir Treibholz und vor allem heimatlos? Wir sahen in Penelope die schweigend das Leichentuch webte doch auch die stummen Mütter mit denen wir zu leben hatten. Wir lasen „La Montagne Magique“ und natürlich zerstritten wir uns sofort über Kunst und Krankheit. Die anderen pochten auf Settembrinis Aufklärung und ich verteidigte Naphta, nicht weil ich ihn mochte, sondern weil die anderen ihn nicht mochten und wir alle schwärmten natürlich  für Clawdia Chauchat und nachdem wir das Buch zuklappten, konnte niemand von uns schlafen. Wir lasen, nein wir tranken Bücher. Sartre und Camus, ich schrieb hektisch an meine Großmutter, die alles gab und Bücher über Bücher schickte. Nie waren es genug. In den Mauerritzen der Steine versteckten wir unser „J’accuse“, wir glaubten die Mauern wankten, als wir es vielfach gefaltet unter die Steine schoben. Was wollten wir denn? Wir wollten uns ungestört küssen, wir hatten keine Lust auf Vaterland, wir wollten das dieser Krieg uns endlich in Frieden ließe, wir wollten an nichts glauben müssen, wir wollten eine Ende der Phrasen, wir wollten richtige Zeitungen und richtige Universitäten, wir wollten auch im Hellen tanzen, wir wollten die Freiheit und wollten sie ganz. Wir verabscheuten Moralapostel und Glaubenswächter. Wir machten uns betrunken an „unveräußerlichen Rechten“. Ich sage wir, auch wenn ich die Fremde war, aber ich war doch schließlich auch vollständiges Mitglied des Clubs „Aux bonnes moeurs” mit allen Rechten und Pflichten. Gemeinsam ertranken wir doch in ihren Zeilen chez moi j’ai un piano bleu/ mais je ne sais aucune note/il se tient dans le noir de la porte de la cave,/depuis le jour où le monde est devenu brutal/les étoiles jouaient jadis à quatre mains/ la femme lune chantait dans le bateau /maintenant des rats dansent dans sa gorge. Else Lasker Schülermon piano bleu.

Das waren doch unsere Geschichten, das waren doch wir und auch unsere Lippen, die sich aneinander verbrannten, nur um immer weiterzulesen, näher so glaubten wir näher und näher kämen wir an Europa heran. Der S. den ich doch liebte, dachte an einer Sozialgeschichte des Landes A. herum und hatte Reformen im Kopf, die Hardenberg blass aussehen ließen. Der D. übersetzte Else Lasker-Schüler ins Arabische, die L. bekniete mich Rosa Luxemburgs Briefe aus dem Gefängnis für sie zu übertragen. Der Y. aber kehrte immer wieder zu Voltaire zurück und konnte nicht aufhören sich an Candide zu erfreuen und ich sehe ihn noch immer noch heute, wie er keine Luft bekam vor dem schnellen Witz, dem tiefen Sarkasmus und den absurden Überdrehtheiten auf dem Boden lag und sich schüttelte vor Begeisterung. Die E. las Simone de Beauvoir und seufzte tief. Dort oben auf dem Dach, da bin ich mir noch heute sicher, dort oben war Europa. Europa war eine Landkarte aus Büchern, Europa war unsere Insel. Von den Mitgliedern des Club „Aux bonnes moeurs“ haben die E. und ich als das einzige seiner Mitglieder Europa, unser Ithaka erreicht. Denn unten auf der Straße war immer noch Krieg, unten auf der Straße schwiegen noch immer die Mütter und sie schweigen bis heute. Von den Mitgliedern des Club „Aux bonnes moeurs“ sind nur noch die E. und ich am Leben.

Die E. und ich sind nie wieder zurückgekehrt ins Land A. nachdem ich früher und sie später das Land verließ. Noch immer lesen wir uns vor, wann immer wir uns sehen, denn die Mitgliedschaft im Club „Aux bonnes moeurs” erlischt hat man sie einmal abgeschlossen nie. Manchmal schütteln die E. und ich dann den Kopf, über uns und über die europäische Liebe, von der wir nicht ahnten, das sie niemals erwidert würde, aber oft und immer öfter auch darüber, dass man in Europa alles verteidigt, die Positionen der religiösen Rechthaber, die wir so gut kennen, nicht weil wir wollten, sondern weil wir mussten. Wir staunen manchmal über die offene Verachtung all jener Werte nach denen wir eine so unendlich große Sehnsucht hatten, denn noch immer beginnt diese Geschichte unten im Hof, die fliegende Hand des Sohnes, die rote Wange der Mutter,die Stille danach. Schon damals, elfeinhalb Jahre alt, hatte ich verstanden, dass dort etwas geschehen war, das sich nicht wiedergutmachen ließ.

Zehn Minuten

Die Sonne kommt und mit ihr spätes Sonnenlicht. Honiggelb und strahlend schön, steht die Sonne plötzlich und ganz unerwartet vor mir auf dem Fensterbrett. „Komm“ sagt sie und macht mir schöne Augen. Das funktioniert bei mir ja immer gut. Zwei Minuten also lang und kostbar lege ich mich in die Sonnenstrahlen. Leuchtend gelb fährt mir die Sonne durch die Haare und malt mir auch die Lippen golden. „Prinzessin aus dem Morgenland“ sagt sie mir zum Abschied leise und dann ich sehe ihr schon wieder nach. Schon biegt sie um die nächste Ecke und bestimmt küsst sie längst andere Lippen und verfängt sich bald in anderen Haaren. Zurück bleibt etwas goldener Flitter und zwei Minuten Seligkeit.

1Minute und 51 Sekunden telefoniere ich mit Schwesterchen: „Ich wollte nur deine Stimme hören“ sage ich. „Steht mir lilafarbener Samt?“ fragt Schwesterchen. (Jetzt bloß keine zu lange Pause machen). „Du bist wunderschön.“ Kann das eine falsche Antwort sein? „Nicht das ich aussehe wie eine Pflaume im Speckmantel?“, fährt Schwesterchen fort. „Ach was“ sage ich. „Dachte ich es mir doch’“, sagt Schwesterchen klagend und schwört das Samtkleid in die hinterste Schrankecke zu verbannen. „Ich dich auch“ sage ich und lege auf.

2,5 Minuten lang esse ich einen kleinen gelb-grünen Apfel aus dem Berliner Garten, den ich besonders mag. Reichlich unansehnlich ist der Apfel, mit seiner gefleckten Schale, aber nimmt man es nicht so genau mit der Schönheit, dann liegt im Apfel der ganze Sommer und während man kaut und schluckt, spielt ein lustiger Pan auf der Flöte, singen die Flusselfen von langen Nächten und wird der Boden unter den Füßen warm. Saftig und zart ist der Apfel und kaum habe ich ihn aufgegessen, wünschte ich mir, ich hätte einen zweiten in die Tasche getan, aber leider ist dem nicht so und der Sommer so schnell vorbei wie er kam.

2 Minuten und 20 Sekunden lang höre ich dieses Lied. Es ist eines der wenigen Lieder, welche ich pfeifen kann. Dafür pfeife ich es oft und immer sehr beherzt. Ich konnte vor diesem Lied überhaupt nicht pfeifen, aber glaubte mit diesem Lied auf den Lippen jemanden sehr beeindrucken zu können. Ich übte stundenlang. Was man für Zeit hat, wenn man nur genug verliebt ist! Am Ende der Geschichte sah der Mann für dessen Herz ich pfiff weiter durch mich hindurch, aber seitdem liegt dieses Lied auf meinen Lippen. Danke auch dafür, Wolf Biermann.Ein Hoch auf Sie und Ihre Drahtharfe an allen Tagen aber heute ganz besonders laut.

Eine Schrecksekunde lang glaube ich, mein Schlüssel sei verloren, dabei liegt er neben mir auf dem Tisch.

Ich esse ein Stück Nussschokolade und binde mir-Tollpatsch der ich bin- die Schnürsenkel zu. Länger als eine Minute, sollte dies nicht gedauert haben.

Für immerhin fünfzehn Sekunden denke ich darüber nach wie banal dieser Text doch ist, wie immer aber bin ich zu müde, um daraus wirklich Konsequenzen zu ziehen.

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Dann sind zehn Minuten um und ich muss weiter.

Ein Abschied, kein Wiedersehen

Für gute drei Stunden sah ich nur deinen Mantel. Hellgrau, mit blauen Fäden durchwirkter Stoff, an das Muster kann ich mich nicht mehr erinnern, nur an das Blau in deinem Rücken. Kornblumenblau aber ich mag mich täuschen. Dein Haar reichte bis an den Kragen aber nicht ein einziges Mal fuhrst du dir mit der Hand durch die Haare. Nicht ein einziges Mal aber drehtest du dich um und für gute drei Stunden überlegte ich immer einmal wieder was du wohl für ein Gesicht haben würdest. Hornbrille, Sommersprossen und einen rötlichen Bart? Lange Wimpern, einen scharf geschnittenen Mund und weit in die Stirn fallende Locken? Kieselsteingraue Augen, Schnurrbart und hochgezogene Augenbrauen? Dann endlich schob eine Frau einen Wagen mit Kaffee und Keksen durch den übervollen Zug und ganz plötzlich, völlig unerwartet drehtest du dich um. Ich sollte mich in allem irren. Kein Bart, nicht einmal dunkle Schatten auf den Wangen. Die Haare sandfarben und glatt. Deine Augen nämlich waren blau, aber Kornblumenblau waren sie nicht. Ein verschattetes Blau lag in deinen Augen. Ein Blau wie man es manchmal in Italien oder überhaupt im Süden sieht, wenn die Sonne eigentlich schon ihren Zenit überschritten hat, aber noch immer grell und gleißend über dem Himmel liegt, der sich selbst blendend vor der Sonne schützt. Dies war das Blau deiner Augen. „Gefällt Ihnen was Sie sehen?“ fragtest du mich. Ich hatte wohl sehr offensichtlich deine Augen in Beschlag genommen. „Wollen Sie mir gefallen?“ fragte ich dich. „Unbedingt“ sagtest du. Ich lachte. Du bliebst ganz ernst. „Gefalle ich Ihnen?“, fragtest du mich wieder, als ich mein Lachen wieder einfing und mir in meine Manteltasche schob. ( Dunkelrot, mit weiten Taschen.) Ich zuckte verlegen mit den Achseln. „Was würde das ändern?“ Du klangst sehr sicher: „Alles.“ Wieder musste ich lachen und wieder dauerte es bis das Lachen wieder im Mantel verschwand. „Niemals“ sagte ich dann zögernd, gegen deine Überzeugung“ ändert sich alles durch bloßes Gefallen.“ „Sie haben es in der Hand“ sagtest du.“ „Zeigen sie mir Ihre Hände“ bat ich dich. Du hieltest mir die Hände hin. Schmalgliedrige Finger, sorgfältig geschnittene Fingernägel, am Daumen der rechten Hand eine sichelförmige Narbe und bläulich schimmernde Adern liefen über deine Handrücken hinweg. „Arzt?“ fragte ich dich und strich dir einmal und wie ich hoffte beiläufig über die Fingerspitzen. Nun aber kam das Lachen zu dir und ich stahl dir ein bisschen davon und schob es mir in die Manteltasche. Für später. „Privatdetektivin?“, gabst du zurück. „Nicht einmal aus der Hand lesen kann ich“, sagte ich und gab dir deine Hände zurück. „Schade“ sagtest Du und ich weiß bis heute nicht, ob du meinen Beruf oder deine Hände meintest. „Wie heißen Sie“, wolltest Du wissen. „Man nennt mich das Fräulein Read On“ erwiderte ich und Sie, wie heißen Sie?“ „Man nennt mich „Herr Doktor“ sagtest Du und wir mussten lachen und das Gelächter wechselte die Manteltaschen und flog zwischen uns hin- und her. Zwischen uns drängten sich Reisetaschen, Zehenspitzen, ein hechelnder Spaniel, ein schwitzender Schaffner und wieder die Frau mit dem klirrenden Wagen. „Ich weiß noch immer nicht, ob ich Ihnen gefalle“, sagtest du und ich schüttelte den Kopf: „Alles zerreißen die Wörter“ sagte ich und ich sah auf deine Hände und dann wieder in deine blauen Augen, die weder kornblumenblau noch blau wie der Enzian sind. „Nein sage ich, Sie haben nichts Gefälliges an sich, aber bestimmt ist in ihren Augen schon mehr als einer ertrunken.“ Du bliebst ganz stumm und ich hielt den Atem an bevor du dich zu mir herüberlehntest „Eh die Träume rosten und brechen/ laß die Geliebten darauf hinunterfahren/ Die Großen und die Kleinen/ in den Grauen Mänteln / schaut her / die helle Bahn, das Eis.“ Dann hielt der Zug. Im Vorübergehen fast schon eilig, legtest du deine Lippen auf meine Schläfe. Der blaue Schatten auf deinen Wangen war das letzte was ich von dir sah. Später ich stand noch immer im Zug, suchte ich in meinem Mantel nach deinem Lachen. Ich fand einen dünnen Band in der Tasche. Gedichte von Ilse Aichinger hattest du mir untergeschoben und eine Nummer nicht unter dem Eis, wohl aber unter dem Gedicht „Winterfrüh“ gelassen. Eine Woche später und wieder auf einem Bahnhof stehend, rief ich dich an. Eine Frauenstimme ging an den Apparat. „Liebling“ hörte ich sie rufen, ein Fräulein Read On will dich sprechen.“ Da hatte ich schon lange aufgelegt und in dem Gedichtband mit dem blauen Lesezeichen blätterte ich nur dann und wann einmal flüchtig, nur ihm schnell wieder zur Seite zu legen. Aber heute, als ich vom Tod Ilse Aichingers las, sah ich sie vor mir deine dunklen, blauen Augen, nicht meerblau, nicht kornblumenblau, kein aquamarinblau, sondern ein seltener Schatten, vielleicht sogar ein wenig Rost von alten Träumen mag darunter gewesen sein und ich erinnere mich an einen Satz Ilse Aichingers, der mir zu dir doch nicht aus dem Kopf gehen mag:“ Es wär ja leichter, wenn alles mit dem Abschied begänne und mit einem Wiedersehen aufhörte“, denn so gerne hätte ich dich noch einmal angesehen, und mit diesem Abschied einen Anfang oder wenigstens den Beginn eines dunkelblauen, grau-durchwirkten Wiedersehens, vielleicht an einem eisigen Tag an hellem Sand gemacht.

„Winterfrüh“ aus Ilse Aichinger s Gedichtband, Verschenkter Rat und ein Nachruf auf die Dichterin der stillen Töne.

Der 9.November

Der 9. November, noch immer nach so vielen Jahren, die doch längst schon Jahrzehnte sind, beginnt wie in jedem Jahr in meiner Magengrube. Schlecht ist mir, aber nicht als hätte ich etwas Schlechtes gegessen, sondern die Beklemmung liegt mir in Haut und Haaren und auch im Magen. Meine Großmutter stoppte an jedem 9.November die Uhr. Alle Uhren des Hauses, der Nachttischwecker wie die große Standuhr im Wohnzimmer und auch die zierliche Armbanduhr standen still. Still waren auch meine Großeltern, so als erlaubte einzig die Stille das Fortkommen von jenem Tag, an dem die Geschichte der Deutschen und der Juden uneinholbar und unwiederbringlich zerbrach. Meine Uhr tickt. Aber das Echo dieses Tages ist lauter als die Armbanduhr, das Telefon, die Nachrichtenlage, der Zug und die Straßen. Ich sehe meine Großmutter am Fenster, einen ganzen langen Tag lang, sah sie hinunter auf die Straße. Das Kopfsteinpflaster des Kirchplatzes, die Straße der kleinen, deutschen Mittelstadt in der sie lebte, es war nicht mehr ihre Heimatstadt. Ich lese die Zeitung, ich beantworte Emails, ich zucke mit den Schultern, die amerikanische Kollegin weint. Ich denke an meinen Großvater, stumm und hager auf dem Sessel, so weit es ging vom Fenster entfernt. „Nur einen Steinwurf entfernt“, sagt man auf Deutsch, will man ausdrücken etwas sei ganz in der Nähe. Wie viel Zeit vergeht zwischen einem geworfenen Stein und der zersplitterten Scheibe? Seitdem sei so viel Zeit vergangen sagen die Vielen und ich wundere mich, was das eigentlich heißt. Reicht es denn, dass Zeit vergeht, der Glaser kommt und ist es genug, dass sie sich nicht mehr erinnern müssen, sondern nur noch wir? Ist Zeit eine gültige Antwort auf die Stille? Dann wird sich doch erinnert, aber lieber nicht zu deutlich. Schlimme Zeiten seien es gewesen und dazu lässt sich immer verständig nicken. Meine Großeltern nickten nie. „Eine Brandwunde“ sagte mein Großvater zu der Nummer auf seinem Arm, die unter gestärkten, weißen Hemden verschwand. Für sie, die sie vergessen wollen, nicht für ihn, der sich erinnern musste. Ein geschichtsträchtiges Datum wird dann gern gesagt über diesen 9.November, der dann gern Anlass wird zu Ausrufezeichen und Warnschildern. Zuletzt ein Hinweis in Richtung USA: Die Deutschen hätten es einmal probiert, aber doch verstanden. Nun versteht auch ihr. Ist das nicht auch eine Flucht vor der Erinnerung, die gemessen in Porzellanservices, Bilderrahmen, Silberbesteck, Daunenbetten, allgefälliger Gewalt und dem Ende der Juden Europas seltsam verzogen erscheint, so als sei wieder einmal genug Zeit vergangen um letzte Lehren zu ziehen. Ich weiß nicht, ob die Erinnerung überhaupt schon begonnen hat. Da niemand etwas gesehen, keiner etwas genommen und niemand etwas angesteckt haben will, sondern es eine schlimme Nacht war, blieb meine Großmutter am Fenster stehen. Ich sehe auf das Bild vor mir auf dem Tisch, das Bild zeigt auch eine Straße. Die Straße auf dem Bild hat das gleiche Kopfsteinpflaster wie der Kirchplatz auf den meine Großmutter starrte. Das Pflaster ist feucht und das Bild ist schwarz-weiß. Das Bild ist eine Fotografie. In der Mitte des Bildes kniet ein Mann. Der Mann trägt einen Dreireiher. Jackett, Weste, Taschenuhr, Einstecktuch, Manschettenknöpfe, Lederschuhe. Der Mann trug einen Hut. Der liegt zerknautscht auf dem feuchten Pflaster. Der Mann auf dem Bild trägt einen Siegelring und einen Ehering. Der Mann kniet auf dem Pflaster. Der Mann hält eine Zahnbürste und der Mann putzt die Straße. Vor dem Mann und um den Mann herum steht eine johlende Gruppe von Männern und Frauen. Hinter dem Mann eine Häuserzeile. Hinter einem der Fenster steht meine Großmutter und sieht ihren Vater auf der Straße knien. Der Mann der zurückkehrt am Abend hat keinen Siegelring, keinen Ehering, keine Taschenuhr mehr, der Anzug hängt in Fetzen an ihm herunter. Ich sehe auf das Bild. „Steh doch auf“ will ich ihm sagen, diesem Mann der mein Urgroßvater ist und das Bild des Mannes der auf der Straße kniet in seiner Hand eine Zahnbürste, was ist das eigentlich? Ein Familienbild? Der Mann auf dem Bild steht nicht auf. Der Mann bewegt sich nicht mehr. „Steh doch auf.“ Der Mann der am Abend zurückkehrt zu seiner Familie wird sich noch immer nicht abbringen lassen von seiner Heimatliebe, von seiner Überzeugung doch Nachbarn und Freunde zu haben und wusch sich die Hände. Seine Kinder zog er fort vom Fenster. Meine Großmutter stand bewegungslos am Fenster an diesem und an allen folgenden Novembertagen, auf der Straße gingen indes Menschen über den Kirchplatz lachend und scherzend, vielleicht auch schweigend und stumm. Vor mir auf dem Tisch die Fotografie. Der Mann auf der Straße. Die glänzenden Steine des Pflasters, in Dublin scheint die Sonne, in Deutschland putzen Menschen Stolpersteine, die einmal mehr den Mann auf dem Bild in die Knie zwingen. Ich sehe meinen Großvater im Winkel des Zimmers und sehe meine Großmutter unbeweglich am Fenster stehen. Meine Versuche sie wegzuziehen, scheiterten immer: an jedem 9.November wartete sie wohl jemand käme und endlich, endlich stünde ihr Vater auf, setzte den Hut auf, klopfte sich den Anzug ab und endlich hörte der 9.November auf zu sein, endlich kehrte die Zeit zurück, gingen die Uhren wieder richtig, führte die Erinnerung nicht durch Scherben und Splitter hinweg, drängte sich nicht durch die lachende Menge der Menschen hin zu dem Mann auf den Knien, der dort nicht knien würde, sondern wie an jedem Abend Nachbarn und Freunde grüßte, bevor er zurück nach Hause käme, vorsichtigen Schrittes, aber nicht wegen des grölenden Mobs, sondern allein der Glätte des Kopfsteinpflasters geschuldet, so typisch für späte Nachmittage im November in Deutschland, damals als anders als heute in den Städten noch Juden lebten, etwas also woran man sich kaum noch erinnern kann. Es bleibt das stumme Bild meiner Großmutter vor dem Fenster, noch immer kniet der Mann unbeweglich auf dem Pflaster und die kalte Hand in meiner Magengrube reicht nicht aus um ihn endlich zum Aufstehen zu bewegen.

Die letzten Dinge

Die letzten Dinge. Im Garten zum hoffentlich letzten Mal in diesem Herbst Laub harken. Die letzten Quitten auflesen und die allerletzten Äpfel pflücken. Den Zitronenbaum in den Keller hieven. Ich schneide die Köpfe der Sonnenblumen ab, von denen im Winter die Meisen picken, aber wie ein Henker fühle ich mich, als die Köpfe schwer neben mir zu Boden fallen.

Die rostige Gießkanne in der die Kröte residiert bis zum nächsten Frühjahr verwahren. Jedes Jahr denke ich, werde ich doch den Auszug der Kröte nicht verpassen und doch ist sie jedes Jahr einfach verschwunden, gänzlich unbemerkt. Wahrscheinlich nimmt sie Regenschirm und Reisekoffer und besteigt den Krötenexpress in den sonnigen Süden, wo sie des Nachts vielleicht jungen Kröterichen beim „O sole rospo“ lauscht. Ich beneide sie sehr. Irgendwann im Frühjahr kehrt sie dann zurück. Ich stelle mir oft vor, dass es eine Art Reservierungshotline für Krötenhotels aller Arten gibt, allerdings weiß ich nicht, wie eine rostige Gießkanne, die allerdings unweit des Rittersporns und inmitten recht feuchten Wiesengrunds gelegen, gewertet wird? Jedenfalls sitzt eines Tages die Kröte auf dem Kannenrand und macht es sich bequem. Vielleicht ist alles aber auch ganz anders, wer weiß das schon?

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Nicht im Bild: Das Ei ( in der Serviette ), der Orangensaft ( noch nicht gepresst ), und die C.     ( noch nicht da ), dafür immer noch Erkältungsutensilien.

Das Frühstück ist fertig. Meine liebe C. aber hat Verspätung. Bahnen bleiben stecken, Busse fahren nicht und die C. seufzt tief. Ich backe einen Apfelstrudel. Meine Großmutter fand, es sei eine Grundtechnik fürs Leben, zu wissen, wie man einen Strudel richte. So übte sie mit mir viele Stunden lang, denn ich war nicht besonders anstellig, wie man einen Strudelteig zog, so dass er keine Luftlöcher hatte, aber auch nicht zu derb war, denn schon ihr Vater, der doch Wiener war, hatte ihr das Strudel machen beigebracht. Nach jüdischen Glaubensgrundsätzen befragt, hätte meine Großmutter, wohl Apfelstrudel neben Goethe-Gedichten aufgezählt. Ihre Geduld mit mir zahlte sich aus, denn irgendwann konnte selbst ich einen Strudelteig wie ein Bettlaken spannen und genau wie sie, wiege ich nie die Apfel-Rosinen-Rum-Mandel-Gewürzmischung, sondern sehe ihre Hände noch immer vor meinen und dann ist der Strudel schon im Ofen und die C. endlich da.

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Das Fräulein Read On richtet an.  

Die C. und ich gehen im letzten Nachmittagslicht spazieren, dann schlafe ich im allerletzten Licht ein, als ich aufwache, fällt mir der Apfelstrudel, der auf dem Balkon kühlt endlich wieder ein.

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Winterschlafsaisoneröffnung

Wir trinken Tee und ich lese der C. aus dem „Doppelten Lottchen“ vor. Ich mag Erich Kästner nicht. Dafür die C. umso mehr, wahrscheinlich läse ich ihr auch das Telefonbuch vor. Langsam geht die Sonne unter, die schwarzen Krähen hocken in den Bäumen, ein Pudel schüttelt sich unten auf der Straße, ein Liebespaar küsst sich schüchtern unter der Laterne, auf dem Plattenteller dreht sich Kreisler’s Liebesleid  und ich ziehe die Schultern hoch. Es soll kalt werden in den kommenden Nächten und ich drehe mich mit der C. im Zimmer als sei ein letztes Mal der Sommer mit wehenden Kleidern und milder Luft, bei uns zu Gast. Die C. lacht mit roten Backen und ganz bestimmt sitzt die Kröte längst unter gelben Lampions und hat uns vergessen, bis zum nächsten Jahr.