C’est l’halloween…

„Est-ce que tu-as peur/ des méchants esprits?“, Matt Maxwell

364 Tage im Jahr schläft das kleine, irische Dorf in dem ich lebe. Nur die letzte Woche eines jeden Oktobers verwandelt das Dorf in einen gänzlich anderen Ort. Alles beginnt damit, dass die Frau des Krämers einen gewaltigen, spitzen Hut aufsetzt, einen Plastikschädel an die Eingangstür hängt und künstliche Spinnenweben über alle und alles verteilt. Glauben sie mir, haben sie einmal gegen künstliche Spinnenweben in ihrem Haar gekämpft, können sie mit einem Oktopus um den letzten Seetangkeks ringen. Der Elektriker des Nachbardorfes seit neuestem mit der Tochter des Hauses liiert- sehr zur Enttäuschung ihrer Mutter, die doch den Tierarzt für das liebe Kind ins Auge gefasst hatte- hat sich dieses Jahr ins Herz seiner zukünftigen Schwiegermutter gespielt. Das Glöckchen über der Tür nämlich, welches sonst beim Eintreten schellt, hat er durch schauerliches Konservengelächter ersetzt. Betritt man also nun den Laden grölt es zunächst durchdringend, bevor die Frau des Krämers mit ihrem gewaltigen Hut auf einen zutritt und während man noch versucht, den Lärm des muhahahaha zu übertönen, kleben einem schon wieder die Hände vor lauter Spinnenweben. Natürlich schilt die Frau des Krämers mich herzlich. „Fräulein Read On“ sagt sie, ihr Haus ist das einzige vor dem kein Kürbis steht und leuchtet. Sie haben gar nicht geschmückt und ihr Hexenhut rutscht vor Empörung weit in ihre Stirn: sie haben sicher noch gar kein Kostüm. Ich huste wie ein alter Hofhund und lächle so mild ich kann und beuge mich ganz langsam vor. „Aber Frau des Krämers hust-keuche ich in ihr Ohr, wissen sie denn nicht, dass nur bei den wahren und wirklichen Hexen, die des Nachts mit dem Nordwind reiten und ihre Füße im Schornstein wärmen, niemals ein Licht brennt?“ „Mit dem Nordwind reiten“, echot die Frau des Krämers und ich nicke mit sehr ernster Miene. „Der Ostwind, Frau des Krämers taugt nicht für Höllenritte.“ Für einen sehr langen Moment sieht die Frau des Krämers mich mit weit aufgerissenen Augen an. „Fräulein Read On“, schnauft sie „mir solchen einen Schrecken einzujagen.“ Ich weiß wirklich nicht, wie der Tierarzt das mit ihnen aushält. Ich lächle milde und krächze: bitte noch ein Brot und ein Kilo Kartoffeln.“ Unter infernalischem Plastikgelächter verlasse ich den Laden.

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Kürbisverkaufsmobil

Der Tierarzt indes steht vor dem Laden und begutachtet Kürbisse. „Auf gar keinen Fall“, sage ich. „Den kleinen“, dort sagt der Tierarzt. „Nein, sage ich.“ Da ist kein kleiner, das sind alles Trümmer von Kürbissen. Ich will keinen Kürbis. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. Doch, der da links-mittig, ist kleiner und sieht nachgerade bemitleidenswert aus. Du hast doch sonst so ein Herz für Außenseiter.“ Ich knurre. Dann huste ich bösartig während der Tierarzt den Kürbis wie ein stolzer Vater seinen Nachwuchs vor der Brust trägt. Triumphierend lacht die Frau des Krämers aus dem Schaufenster, untermalt vom muahahaha des künstlichen Gerippes.„Ruinier mir nicht das Brotmesser“ sage ich noch immer knurrend und falle zurück aufs Sofa. Zwei Stunden später wache ich auf und backe einen schnellen Apfelkuchen. Zwanzig Minuten später nähert sich ein niedergeschlagener Tierarzt. Der Kürbis ist in an drei Seiten eingedrückt und aus der Mitte des Kürbis quillt gelbes Fleisch. Mein Brotmesser ist verbogen. Die Krähen in den Bäumen gackern höhnisch und wenig später liegen nur noch Kürbisschalen auf dem Hof. Wenigstens grinst nun kein debiler Kürbis vor dem Haus, denke ich mir und verkneife mir jedweden Spott. Der Tierarzt quält sich mit Apfelkuchen und ich würge am Ingwertee. Als ich ein Kind war, sagt der Tierarzt, hat meine Mutter zu Halloween jedes Jahr einen „Barmbrack“ gebacken. Das war ein Hefekuchen mit Rosinen und Gewürzen. Der Tierarzt lächelt. Das tut er nicht oft. „Meine Mutter sagte wer den Ring im Kuchen fand, der würde glücklich heiraten, weil derjenige, der die Erbse fand, auf ewig allein bliebe und derjenige, dem der Kuchen ein Stöckchen bescherte, dessen Ehe würde über kurz oder lang geschieden. Nur wer die Münze bekam, dem fiele das Glück selbst in den Schoß.“ Ich frage den Tierarzt lieber nicht, was er auf dem Teller fand und räume lieber ab. „Erzähl mir eine Geschichte, sagt der Tierarzt und schon springt die Katze auf seinen Schoß. Ich huste, nehme noch einen Schluck Ingwertee und erzähle dem Tierarzt von der Hexe, die mit ihren fünf Schwestern einmal in einem Dorf lebte, nicht unähnlich dem unsrigen, unauffällig waren die Frauen, nur im Oktober machten sie sich Hochsteckfrisuren und rieben sich mit Schlangenöl ein. Dann warteten sie bis der Nordwind über die Häuser pfiff und sie mit sich trug in ferne Länder oder gar zum großen Hexenball, wo die fünf Schwestern jeder einmal Walzer mit dem großen Hexenmeister tanzten, bevor der Nordwind sie wieder zurück nach Hause trug. Der Tierarzt lächelt noch immer und gemeinsam sehen wir den Wolken zu, die wild und weiß vor dem Fenster tanzen.

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Lokales Brauchtum.

Dann gehen wir noch einmal hinunter ans Meer. Der Nachbar zur Rechten, ein an 364 Tagen des Jahres ganz und gar untadeliger Mann, hängt gerade einen Plastikfuß an den Baum. Im Pub steht ein ausgestopftes Eichhörnchen und an fast allen Türen klappern Skelette. Nicht zu vergessen, die debil grinsenden Kürbisgesichter.

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C’est l’halloween….

Kalt wird es und auch ein bisschen neblig. Zurück daheim mache ich eine Quiche und einen großen Salat. Der Tierarzt und der Priester spielen Schach und wollen immerzu helfen. Ich will lieber den Ingwertee in den Ausguss schütten und ein großes Glas kalten Apfelsaft trinken. Der Tierarzt macht Brennesseltee und der Priester steht am Fenster: „Fräulein Read On“, sagt er „der Wind kommt aus Norden.“ Ich nicke und bevor ich die Vorhänge schließe, ist mir als flatterte ein schwarzer Rock und eine steife, samtene Kostümjacke an meinen Augen vorbei, höher, hinauf zu den Wolken und immer weiter gen Norden.

16 thoughts on “C’est l’halloween…

  1. Dass Sie diesen Ingwertee leid sind, kann ich gut verstehen. Bei Frau Novemberregen gab es neulich in den Kommentaren zwei Empfehlungen – vielleicht wäre eine davon für Sie die angenehmere Alternative?

    Entzückende Gespenster und Fledermäuse in dem Filmchen.

    • Danke für die Empfehlungen. Ich bin nächste Woche auf einen Sprung in Berlin und werde schauen, dass ich das besorge. Was Sie alles kennen! Vielen lieben Dank! Fledermäuse sind ja etwas besonders Reizendes.

      • Im Frühling und im Herbst tanzt nach der Dämmerung oft eine Fledermaus herum. Im Sommer kurven an der Stelle dann die Mauersegler durch die Luft. Ach, wären sie nur bloß schon wieder hier.

        Ich wünsche Ihnen weiterhin gute Besserung!

      • In Indien hängen die Tiere gern zu Vielen in Höhlen und sehen kopfüber auf einen herab. Hier am Rande Berlins im doch ziemlich verwunschenen Garten allerdings habe ich noch nie und dies zu meinem großen Bedauern eine Fledermaus zu Besuch gehabt.

  2. Pingback: Hexen / brujas – Geschichten und Meer

  3. Jedes jahr zu Halloween ärgere ich mich wieder über die hohle Geschmacklosigkeit der Kostüme, die plärrenden Plastikpuppen und den sonstigen Unsinn. Dabei hängen sebst im gutbürgerlichen Bezirk W. der Stadt B. inzwischen im Dezember lebensgroße Weihnachtsmannpuppen von den Balkonen herab, die im Dunklen eher nach öffentlich zelebriertem Suizid aussehen als nach einem sagenumwobenen Logistikunternehmer des Festes der Liebe. Vermutlich werde ich langsam alt. Oder es ist eben doch eine tiefsitzende, elitäre Abneigung gegen die Demokratisierung von Bräuchen und Brauchtum. Denn es ist doch so: Wo die Kirche nicht mehr die Macht hat, Rituale vorzugeben, kaufen sich die Menschen eben plärrendes Plastik. Meinem eigenen Selbstbild entsprechend wäre ich allerdings sonst der erste, der für mehr Demokratie und weniger Macht für die Kirche argumentieren würde…

    Was sagt eigentlich der Pfarrer dazu?

    • Scheußlich diese plärrenden Dinge allenthalben. Diese Plastikpuppen, die von den Dächern baumeln sind wirklich sehr makaber und diese Suizidmetapher ist mir erst durch ihren Kommentar wirklich bewusst geworden. Schön ist das alles nicht. Ich weiß auch nicht, ob meine Abneigung nun elitär oder nur einfach nur spießig ist, aber sie ist da und auch für die Kinderbettelzüge, die hier entlang kommen, habe ich zwar Schokolade aber mehr aus Schamgefühl, denn aus Freude am Ganzen. Im letzten Jahr kamen hier Jugendliche, die Geld forderten. Auch sehr wenig erbaulich.

      Die Kirche, die hier in Irland auf dem absteigenden Ast ist, versucht massiv Halloween als katholisch zu inkorporieren, und veranstaltet irgendwie Gruseln mit Katechismus. Die Gemeinde hier im Dorf indes ist zu alt und der Priester zu sehr Jesuitenseminar, als das dies hier stattfände….

      • Über „Gruseln mit Katechismus“ musste ich schmunzeln – bis mir aufgefallen ist, dass es im Christentum ja eine Vorstellung über das Leben nach dem Tod gibt, die an Gruseligkeit eigentlich nicht zu überbieten ist – sofern man wirklich daran glaubt. Im Vergleich zu den christlichen Vorstellungen über die Hölle ist alles, was an Halloween zu sehen ist, wirklich kein bisschen gruselig. Nur glaubt eben inzwischen niemand mehr an die Hölle…

      • Dir soll die Hölle frommen, heißt es bei Thomas Mann und es ist mir sehr im Gedächtnis geblieben, die Wahl zwischen extremer Kälte und unerträglicher Hitze, die am Ende wohl doch auch Adrian Leberkühn verschlang. Was am Ende auf uns wartet, wer weiß das schon? Vielleicht ist es besser, wir bleiben ahnungslos und ertragen das künstliche Geschepper.

  4. Ich bin da zugegebenermaßen noch unschlüssig. Ich stellte mir eher vor, ich säße auf einer Wolke wie auf einem wilden Ross und preschte mit dem Wind landauf, landab. Ich glaube nur Stadthexen benutzen etwas so modernes wie Besen, wir Landhexen hingegen….

  5. Pingback: Die Geschichte von Eliezer Eisenstein und den zwei schwarzen Pudeln. | READ ON MY DEAR, READ ON.

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