Shostakovich im Seminar

Lisaweta Issajewa, so jedenfalls hieß sie, als ich sie kennen lernte, wenn andere Menschen sie auch anders nannten, lebte im Oberstock des Hauses, in dem auch Alexej Tuchinski mit seiner Mutter lebte. Dort in Jerusalem lebte auch ich, für eine Weile jedenfalls. Im Erdgeschoss wohnte der Anarchist und Geigenbauer, den alle, nicht nur die Bewohner des Hauses, sondern alle die ihn kannten nur Onkel Buma riefen. Lisaweta Issajewa ging so weit ihn Bumale zu nennen. Gemocht hat er diesen Namen nie, aber wie er eigentlich hieß, hat er uns nie verraten. Im zwanzigsten Jahrhundert sind ja ganz andere Dinge abhanden gekommen, als bloß ein Name. Mich riefen damals schon alle das Fräulein Read On, wohl weil meine Nase immer in einem Buch steckte und wohl auch weil sich in meiner Wohnung überall die Bücher stapelten. Selbst auf dem Klavier lagen Bücher. Das brachte mir von Lisaweta Issajewa einen scharfen Verweis ein. Tss, tsss, zischte sie keckernd und schüttelte den Kopf. Damals besuchte mich die alte Dame jeden Nachmittag. Denn in der Wohnung in der sich außer Bücherstapeln, einem etwas staubigen Gummibaum und dem Klavier nicht viel von Bedeutung befand, unternahm ich den letzten und erfolglosen Versuch doch Pianistin zu werden. Gewusst habe ich es von Anfang an, dass dies nichts mehr werden würde und auch wenn ich mir die Apparaturen, in die Robert Schumann seinen kleinen Finger spannte, sehr genau besehen hatte, wusste ich es würde nichts helfen, gegen die einmal zu heftig zerbrochene linke Hand, die das Versäumte nie wieder aufholen konnte. Noch einmal aber betrog ich mich selbst, besseren Wissens und spielte, ach quälte mich durch die Klavierliteratur. Das ganze Haus kam zusammen und hörte mir zu. Alexej Tuchinski brachte seinen Korbstuhl mit und schloss die Augen bei Chopin. Seine Mutter hörte die Musik durch die geöffneten Balkontüren, Onkel Buma stand im Türrahmen, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Die beiden ältlichen Fräuleins aus Litauen saßen mit durchgestrecktem Rücken auf zwei Hockern und sahen mit scharfen Augen auf meine Hände. In der Mitte des Raumes aber saß, nein, thronte Lisaweta Issajewa, die geschwollenen Füße hielt sie einen Zuber mit kalten Wasser getaucht. Sie fand das tat ihren Füßen wohl. Lisaweta Issajewa hatte ein dünnes Bein, nicht dicker als ein Kinderarm, weiß wie Schnee und doch übersät mit dunklen Löchern, wie sie auch meine Großmutter auf den Beinen trug. Hungerlöcher, die sich als schwarze Stellen tief in Haut und Knochen eingegraben hatten. Meine Hände kannten als ich ein Kind war keine Gnade und immer wieder fuhr ich an den Beinen meiner Großmutter entlang. Sie hielt still. Das dünne Bein von Lisaweta Issajewa aber habe ich niemals anders berührt als mit einem Handtuch, denn wenn die Klavierstunde beendet war, trocknete ich ihr die Beine, half ihr in die Pantoffeln und Onkel Buma geleitete sie zurück in ihre Wohnung. Ihr anderes Bein indes war auf seine dreifache Größe angeschwollen, von blauen und schwarzen Äderchen überzogen, und wassergefüllte Ödeme zogen sich von den Knöcheln bis zu den Oberschenkeln hinauf. Lisaweta Issajewa seufzte dann und wann und als ich sie zum ersten Mal traf, zeigte sie auf ihre Beine. „Ein Bein holten sich die Deutschen, das andere die Russen, Fräulein Read On.“ Wer wie Lisaweta Issajewa in Charkow zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurde, der musste zu sehen, mit dem Leben davonzukommen. Sie entkam, nur ihre Beine konnten nicht mithalten mit dem Schrecken, dem einen nicht und dem anderen erst Recht nicht.

Ich indes holperte noch einmal als käme es noch immer darauf an durch Beethoven’s Klaviersonaten, verfluchte die lahme Linke über Schubert’s teuflisch vertrackte Impromptus und humpelte durch Bachs Klavierschule, die man gemeinhin das Wohltemperierte Klavier nennt und verzweifelte schier am Klavierauszug des 2. Klavierkonzerts von Camille Saint-Saëns. Die Zuhörer aber hielten aus . Stumm und oft mit geschlossenen Augen saßen oder standen sie um das Klavier herum gruppiert. Unbeeindruckt von meinem Gestümper, fielen sie mitten hinein in die Musik. Eines Tages aber der Sommer war schon weit fortgeschritten, schlug ich ein neues Notenblatt auf. Shostakovich, denn schon mein Großvater, der bevor alles anders wurde, Pianist gewesen war, schloss die Augen über dem Klavier, als könne man die Schönheit und den Grandeur des russischen Komponisten nur mit Demut überhaupt ertragen. Ich biss die Zähne zusammen und wollte die vermaledeite Linke so gern überzeugen mich doch nicht im Stich zu lassen, aber sie tat es doch. Aber als ich mehr bemüht als gekonnt die Noten anschlug, die wie mein Großvater sagte bei Shostakovich stets zunächst einmal in die Tiefe führen. Damit meinte er nicht die Tonleiter, sondern sofort hinein in das Unmittelbare der Musik selbst. Niemals ob man Shostakovich nun hört oder spielt kann man sich ausruhen in seinen Noten. Damals aber im stillen Zimmer, wandte sich Onkel Buma ab, noch bevor ich mit dem ersten Satz zu Ende war. „Verräter“ zischte er und verließ türenschlagend die Wohnung. Wenig später folgte ihm Alexej Tuchinski, der doch für seine ruhige und besonnene Art bekannt war und der jedes noch so schwierige Argument in fünfzehn Sprachen zu elaborieren wusste. An jenem Nachmittag aber als die schleppende linke Hand und ich durch die Noten wanderten und Shostakovich vom Keller über das Parterre bis hinauf zu den Tauben im Dachgeschoss stieg, da stritten sich Onkel Buma und Alexej, dass man es noch im Laden am Ecke hören konnte. Stritten sich über Shostakovich der für Stalin komponierte. „Diese verdammte Fünfte!“, schrie Onkel Buma. Alexej Tuchinski schrie zurück. „Ob er ,Buma, nicht fände, dass die drei Schwestern des Komponisten, die im Gulag zu Grunde gingen, noch immer nicht genug seien?“ Sie stritten dann weiter und lange über die Frage, ob die russischen Juden, die Schiller liebten oder die deutschen Juden, die Goethe liebten dümmer gewesen sein, zankten sich über die Frage der sozialistischen Internationale, und immer schlossen sich dem großen Streitgespräch an, selbst die so sonst so stummen Schwestern aus Litauen und alle möglichen und unmöglichen Nachbarn bekämpften das eine Argument so vehement wie die anderen es verteidigten. Noch einmal zog das blutige Grauen des 20. Jahrhunderts unten in der Straße vorbei. Noch einmal, tat man so als seinen die apokalyptischen Reiter dadurch abzuwenden gewesen, hätte Tschechow nur mehr die Sache der kleinen Leute zu seiner gemacht und Shostakovich die fünfte Symphonie niemals geschrieben. Oben im Zimmer spielte noch immer ich und neben mir saß Lisaweta Issajewa und weinte.

Anderntags Onkel Buma und Alexej Tuchinski schwiegen sich hartnäckig an, räumte ich die Noten zusammen, zerriss den Zettel zur Anmeldung für die Aufnahmeprüfung, entsorgte den Gummibaum und ließ die lahme Linke endlich in Ruh’. Bald schon zog ich fort und nur aus der Ferne höre ich manchmal etwas von Alexej Tuchinski, der noch immer dort wohnt, wo einmal spielte. Seltener noch spiele ich Klavier und in den letzten Jahren habe ich weniger und weniger Musik gehört und fast niemals Shostakovich. So viele Jahre später aber stehe ich in Dublin in einem engen Seminarraum und vor mir sitzen Studenten, denen ich nichts von Lisaweta Issajewa oder Onkel Buma oder gar Alexej Tuchinski erzähle, wenn auch der Terror im Russland der 1930er Jahre auf dem Lehrplan steht und ich mich doch sonst aus guten Gründen von 20. Jahrhundert fernzuhalten suche. So aber schreibe ich den Namen Dimitri Shostakovich an die Tafel und die Studenten schreiben den Namen, der ihnen nichts sagt ab. Shostakovich sage ich, schrieb die schönsten Klavierkonzerte, das weiß ich weil ich einmal Pianistin werden wollte und es nicht dafür reichte. Das gefällt den Studenten, sie mögen Niederlagen, besonders meine. Dann erzähle ich ihnen von der 5. Symphonie, die der Komponist mit der Kinderbrille und dem jungenhaften Blick, zwischen April und Juli 1937 schrieb und nicht wusste ob er am Ende für die Musik nicht mit dem Leben bezahlt. Zweimal spiele ich die letzten drei Minuten des 4. Satzes , dieses ungeheure Ende dieser unerhörten Symphonie. Für einen langen und kurzen Moment laufen also Lisaweta Issejawa, Onkel Buma, Alexej Tuchinski und all die anderen, die Lebenden und die Toten durch das Seminar und legen ihre Hände auf die Schultern der Studenten, die aufschreiben sollen, was sie dort hören und die in der kommenden Stunde, wie damals auf der Straße und im Haus versuchen das 20. Jahrhundert in Wort zu fassen und mit der lahmen Linken fasse ich zusammen was sie sagen und spiele ganz zum Schluss noch einmal die letzten Minuten und sehe, dass die Studenten verstehen, was es heißt spielt, komponiert und schreibt man um Leben und Tod.

4 thoughts on “Shostakovich im Seminar

  1. Wie weit weg scheint schon mir – der ich das Ende des „Kalten Krieges“, die Mauer, die Kontrollen an der innerdeutschen Grenze noch bewusst erlebt habe – eine Zeit, in der Ideologien solche Macht über Menschen hatten und der Krieg in Europa wütete. Ihren Studenten, die ja vermutlich Mitte der 90er geboren sind, dürfte diese Zeit und ihre Kultur auf ähnliche Weise fremd sein wie mir das frühe Mittelalter. Dieser gefühlte Abstand hat ja auch etwas Beruhigendes. Nur geht meiner Meinung nach fehl, wer daraus etwas über die Dicke des Firnis schlösse, der uns von der Barbarei trennt. Den Abstand überbrücken können nur Zeitzeugen. Von ihnen werden wir bald keine mehr haben.

    • Eine der großen Fehler der Universitätsausbildung scheint mir zu sein, dass wir Studenten eigentlich kaum mehr überfordern, sondern alles ganz artig verpacken, dabei ist doch die dünne Haut der Zivilisation ein steter Begleiter der Menschheitsgeschichte und wovon wenn nicht von ihr sollen wir uns wohl überfordern lassen. Der größte Feind des Historikers, sagen einige Kollegen, sei der Zeitzeuge. Ich glaube indes Shostakovich ist ein sehr eindrucksvoller Zeuge jenes 20. Jahrhunderts, mit dem ich gar nicht so viel zu tun habe.

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