Fragestunde

Die Frau im Spiegel sieht müde aus. Die Frau im Spiegel, das bin wohl ich. „Wie kann man nur überall und immer so fremd sein?“, frage ich die Frau im Spiegel. Die Frau im Spiegel zuckt mit den Achseln. Sie antwortet nicht so gern. „Ist das Fremden eigen?“ Gefragt werde ich sehr oft. Allein heute: fünfzehnmal. „Woher kommen Sie?“ Fünfzehnmal scheitert meine Antwort. Manchmal wundere ich mich, dass es wirklich nur Menschen mit einem Heimatland gibt. Ich habe keins. Auch meine beiden Pässe können diese Frage nicht vollständig oder auch nur ausreichend beantworten. „ Wann gehen Sie wieder weg?“ Diese Frage zähle ich schon nicht mehr, so oft fragt man mich das. Frage ich aber zurück: „Wohin denn?“ sind die Fragesteller patzig und oft verstimmt. Siebenmal spielen Leute heute mit mir das Spiel: „Ich errate ihren Akzent.“ Siebenmal irren die Spielteilnehmer und sind enttäuscht. Nein, das hätten sie nicht gedacht. „Was denn meine Muttersprache sei?“ Ich zucke mit den Achseln. „Meine Großmuttersprache sage ich dann sei Deutsch.“ „Sie sind ein komischer Vogel“ sagen die Leute und ich streiche mir vorsichtshalber über den Arm, aber da ist kein Gefieder, da ist nur meine Haut, dieser fremde Fetzen, der an mir klebt und klebt. Diejenigen die fragen sehen mich an und gehen kopfschüttelnd weg. Es ist fast Mitternacht und ich frage die Frau im Spiegel: „Was suchst Du hier?“ Die Frau wendet sich ab, endgültig und legt sich auf das Sofa, die Füße auf den immer wachsenden Bücherstapel gelehnt, die Katze kommt herbeistolziert und wandert über die Arme der Frau, also meine und sieht mich halb ironisch, halb hochnäsig an, als wäre ich hier nur ein geduldeter Besucher und wer weiß vielleicht hat die Katze wirklich Recht. Im blassen Licht der Straßenlaterne streichle ich das weiche Fell der Katze. Langsam schläft die Katze ein. Ich liege ganz still denn Liebende und Schlafende soll man nicht stören und ich versuche die Bücher nicht mit dem Fuß auf den Boden fallen zu lassen. Sieben Sprachen polterten dann zu Boden, aber keine von ihnen hat etwas mit meiner Mutter zu tun. Schon wieder verzögen die Fragenden ihr Gesicht und riefen mir missmutig zu: welchen Zweck haben Sie denn diese Sprachen, wenn Sie doch zu keiner wirklich gehören?“ Aber mein Widerwillen zu antworten ist zu groß. Ich denke an Alexej Tuchinski, der vielleicht noch immer in der gleichen, kleinen Wohnung gemeinsam mit seiner Mutter in Jerusalem lebt. Alexej Tuchinski sprach fünfzehn Sprachen, aber wann immer man ihn traf, im Hausflur oder im Laden an der Ecke in dem er Tnuva Ziegenkäse kaufte, wie wir alle, da hatte er stets ein Vokabelheft in der Hand und überhaupt murmelte er beständig Vokabeln vor sich her. Oft ist er gefragt worden: „Hey Alexej Tuchinski sind fünfzehn Sprachen noch immer nicht genug?“ Aber Alexej Tuchinksi der damals, als auch ich im Laden am Eck Tnuva Käse und Butter kaufte, Japanisch lernte, schüttelte den Kopf und seine immer etwas versunkenen Augen blickten noch trauriger als sonst. Er verstand die Frage nicht. „Als Jude kann man nicht vorsichtig genug sein“, sagte er dann und schüttelte den Kopf über diese Fragenden, die sich sicher glaubten dort auf der sonnigen Straße, sicher in den Worten und sicher auch in der Welt, die sie als die ihre begriffen. Dann aber lief Alexej Tuchinski zurück in die Wohnung in der seine Mutter schon auf ihn wartete. Schon aber schlägt die Standuhr ein Uhr und ich schiebe vorsichtig die Katze von meinen Rippen, die Katze schläft weiter und ich lese noch ein paar Seiten in einem Buch auf Hindi.

11 thoughts on “Fragestunde

  1. Es ist immer wieder verblüffend, wie viel Unverständnis Menschen aufzubringen in der Lage sind, wenn sie auf etwas stoßen, das die Grenzen ihres eigenen engen Horizonts überschreitet.

    Marshall Rosenberg, der ja so etwas wie meine ideelle Großmutter ist – im Sinne von „Er hat natürlich wie immer Recht mit allem, was er gesagt hat“ – hat mal gesagt:

    „Never hear what another person thinks. Especially not, what they think about you. You’ll live longer.“

    Und damit hat er natürlich – wie immer – völlig recht.

    • Großmütter-sone und solche sind etwas Wunderbares. Natürlich sind Großmütter die einzigen, die immer und wirklich Recht haben. Das bleibt ein großes Ziel öfter wegzuhören und vor allem jene Horizontlosen aus dem Horizont zu verbannen….

  2. Spiegel können mitunter, zumal in Zeiten großer Verunsicherung, wenn man gewissermaßen neben sich steht, durchaus gefählich werden und beispielsweise das einen überkommende Gefühl von Fremdheit schlagartig verstärken. Daher der Brauch bei vielen Völkern, diese bei Sterbefällen zu verhängen.
    Auch daran mußte ich beim Lesen denken.

    Wie auch daran, daß Alexej ja an sich recht hat, wenn er sagt(e): „Als Jude kann man nicht vorsichtig genug sein“.
    Ähnlich dachte, aus leidvoller Erfahrung heraus, schon Herzeloyde, Parzivals Mutter, als sie versuchte, ihren Sohn in einem einer Wohnung ähnlichen Schutzraum, in diesem Falle einem abgeschiedenen Wald, vor den Gefahren der Welt zu bewahren.

    Doch, wie schon Wolfram wußte, muß man, trotz aller Gefahren, hinaus in die Welt, um nicht verrückt zu werden, um dem Leben in seiner Füller begegnen, um wachsen und reifen zu können.

    Und um anderen davon erzählen zu können.
    Wie Sie, Read on.

    (Auf eine Weise, wie es nur ganz wenige andere vermögen …)

    • Oh ja, die verhangenen Spiegel sind natürlich sehr stark und danke für die Erinnerung an Parzivals Mutter, wie konnte ich sie nur vergessen? Ich muss das unbedingt nachlesen. Vielen Dank.

      Der Welt begegnen bleibt eine große und schwierige Aufgabe, Geschichten glaube ich helfen uns doch irgendwie uns in der Welt zu verorten und auch darüber nachzudenken, wo wir stehen.

      Ihr Kompliment ist indes es mich sehr freut, zu groß für dieses kleine Blog und seine winzigen Geschichten. Danke.

  3. Früher habe ich diese Platte extrem oft gehört, Ihr Text hat mich wieder daran erinert:
    born in a taxi cab
    i’m never comin‘ home
    Tom Waits „Whistlin‘ Past The Graveyard“ https://www.youtube.com/watch?v=Uq2eTBtv0vI
    Ich glaube, Heimat ist schwer… wer eine hat, versteht den heimatlosen nicht. Und vice versa. Mit Familie ist es ähnlich, aber dieses Fass will ich jetzt nicht auch noch aufmachen

    • Was für ein Lied! Was für eine Stimme.
      Unbedingt.

      Ich beneide die, die eine Heimat haben oft. Familiengeschichten indes sind ein weites und oft sehr schmerzhaftes Feld.

  4. Manchmal denke ich, dass die Menschen fragen, weil sie wissen wollen, ob sie einen Sesshaften oder einen Nomaden vor sich habe. Die alte Linie, die sich durch die Menschheit zieht. Und dabei waren wir doch seit Urzeiten immer auf Wanderschaft. Aber für die Sesshaften waren die Wanderer, die Fremden, ein Gefahr. Müssen wir mit ihm rechnen, wird er bleiben? Oder zieht er doch weiter? Und was ist mit all dem, was ich angehäuft habe, wird er es mitnehmen?
    Hier im Dorf unterscheidet man zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen. „Du weißt als Zugezogenen so viel mehr über die Gegend hier als wir Alteingesessenen. Das kann doch fast nicht sein.“ so der Bürgermeister letzte Woche zu mir.
    Vielleicht sollte man ab und an sein Spiegelbild anlächeln, ihm zuzwinkern und sagen “ Sei froh, dass Du keine Wurzel hast. Du wärst ja dann ein Baum und hättest kein Herz.“

  5. Liebe Read on,
    ohne Ihnen nahetreten zu wollen,möche ich Sie nur aufmerksam machen,daß ich neulich in der Morgenandacht etwas fand,von dem ich meinte Ihnen dort zu begegnen.
    5. Oktober
    Es werden die übrigen aus Jakob unter vielen Völkern sein, wie ein Tau vom Herrn und wie die Schauer aufs Gras, das auf niemand harret, noch auf Menschen wartet. Micha 5,6
    http://www.spurgeon.de/kleinode.htm
    denn Ihre freundliche,aufmerksame Anteilnahme und bestimmt mit einem Lächeln dabei ,Nichts fordernd
    aber doch für eine Weile auf erfrischender Art ,wohlwollend eine selten schöne Gegenwart zu erleben.
    Tropfen von oben,wo die Ohren Besuch bekommen (sagt man im Norden,wenn Lächeln die Mundwinkel
    hochziehen) und heiter den Alltagstrott vergißt.Habe mich vllt.dämlich ausgedrückt,stimmt jedoch,daß mir
    Ihre Texte viel Freude machen,und eine andere Sichtweise/Welt ermöglichen; wo es oft verbissen zugeht.
    Herzlichen Dank
    klaus

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