Blutrote Rosen

Wäre ich nicht so müde, ich zöge die Schuhe aus und die Strumpfhosen mit dazu, denke ich als ich die lange Straße hinuntergehe an deren Ende ich wohne. Drei lange Stunden im ICE eingeklemmt zwischen Knien und harten Schultern und schlechtem Atem. Die Schaffnerin mit ihren dummen Witzen und den gesprungen Adern auf der Nase, schrie ihrem Kollegen zu: „Die da sind noch dran, na dann mal fertigmachen zum einseifen und rasieren.“ Ich starre sie an und weiß nicht, ob sie hört, was sie da sagt. Ein fremdes Knie in meinem Rücken und ich blinzele gegen das Licht. Deutsche Bilder vertreiben, nennt man das wohl. Der fremde Kniebesitzer liest Gedichte von Thomas Rosenlöcher und ich lehne meinen Kopf gegen die Scheibe. 10 Zentimeter gegen die Welt. Endlich hält der Zug in Berlin und ich ziehe mein Bein unter einem Koffer hervor und atme aus. Die stille Straße aber liegt schon im Schatten und ich läge so gern im weichen Laub. Dort wo ich wohne stehen , große, alte Kastanien und als ich näherkomme, stehen eine Frau und ihr Sohn unter den Bäumen. Mit beiden Händen schaufeln sie Kastanien in mitgebrachte Plastiktüten. Die Gier in ihren Gesichtern lässt mich schlucken. Was sie wohl mit den vielen Kastanien machen? Heizen sie mit ihnen einen Kachelofen? Bauen Sie 10000 Kastanienmännchen oder mästen sie im Garten ein Schwein, das nur von Kastanien lebt? Als ich fast unmittelbar vor ihnen stehe, zieht die Frau eine Schere aus der Tüte und will das Weinlaub, das über meinem Gartentor rankt, abschneiden. „Lassen Sie das doch bitte sein“, sage ich zu ihr. Sie sieht mich mit scharfen Augen an und erklärt mir, auch „Scheißreiche Leute wie ich hätten die Erde nur geborgt.“ Ich gehe an ihr vorbei und schließe die Haustür auf. „Sie widern mich an“, denke ich aber bleibe stumm. Eine Stunde später gehe ich in den Garten hinunter, die Frau und ihr Sohn befüllen weiter Plastiktüten mit Kastanien und neben dem herausgeschnittenem Weinlaub, liegen auch herausgerissene Ebereschenzweige neben ihr auf einem großen Haufen.

Im Garten liegt F. der ehemalige geschätzte Gefährte in einem Laubhaufen und sieht in den Himmel. „Hey, sage ich.“ Aber der F. antwortet nicht. Aber ich falle einfach neben ihn in das Laub. F. zieht meine Hände zu sich herüber und ich sage: „So schlimm?“ Der F. nickt: „schlimmer, ein roter Rosen Tag.“ Ich schließe die Augen. „Vor drei Wochen sagt er leise, war die Frau schon einmal da: Milzruptur. Karate. Diesmal gebrochene Rippen, geplatzte Augenbrauen und Prellungen im Brustbereich. Im Treppenhaus ausgerutscht.“Der F. hält sich die Hand vor den Mund und seine Hand drückt schmerzhaft gegen meine. „Ihr Mann war schon da, natürlich mit roten Rosen. Langstielig und dunkelrot. 30 oder 40 Stück. Opulent und von einem so tiefen Rot, dass es auch schwarz sein könnte. Immer bringen sie rote Rosen. Blutrot und wunderschön. Immer flüstern sie leise Worte in die Ohren der Frauen, die sie kurz zuvor zerschlagen haben. Immer fragen sie erst nach hohen Vasen und dann gleich nach dem Entlassungsdatum. Immer erwarten sie von Ärzten das Beste und bestehen auf Vorzugsbehandlung. In ihren Händen werden indes die langstieligen roten Rosen schwer.

Dann ist es still. Gelbes Laub fällt auf uns herab. Der F. zieht meine Hand auf seine Brust und sein Herz klopft unter meinen Fingerspitzen schnell und hart. „Weißt Du noch?“, fragt mich der F. und ich weiß es sofort, denn immer wenn der F. traurig war und weinte, sang ich dieses Lied für ihn und heute singe ich es wieder und wieder , solange bis der F. schließlich ganz leise und zart mit einstimmt.Dann geht sein Pieper an und mein Telefon klingelt. Wir schütteln uns Laub und Gras aus den Haaren und bevor der F. zurück in die Klinik fährt schneide ich die wirklich letzten Gartenrosen ab, binde Weinlaub und Lavendel in den Strauß und schiebe dem F. eine Handvoll Kastanien in die Tasche. „Stell die Rosen weg“, sage ich, wenigstens für heute Nacht.“ F. nickt und dann kehren wir zurück in die Welt.Noch immer schaufeln die Frau und ihr Sohn, Kastanien in immer, neue Plastiktüten.

11 thoughts on “Blutrote Rosen

  1. Nach dem Lesen fiel mir eine Begebenheit ein, die mich etwas zu trösten vermochte:

    Kürzlich, ich saß in einem Gartenlokal unter einem Kastanienbaum, sah ich, wie ein Junge, keine sechs Jahre alt, lange und vergeblich im Laub nach Kastanien suchte, ohne eine einzige zu finden.

    Schließlich stand jemand auf, fand einen sehr, sehr langen Zweig und berührte, nahezu sanft, eine im Baum hängende Kastanie, die schon durch eine aufgesprungene Schale zu sehen war.

    Schnell fiel die Frucht herunter; groß war die Freude beim Kind, das die Kastanie nahm und zu seiner Muter lief, um sie ihr zu schenken.

  2. Eine traurige Geschichte, fürwahr. Doch läge man vermutlich fasch, würde man die wuchtige Oppulenz der Rosen als eine Mischung aus unehrlicher Berechnung gepaart mit schlechetem Geschmack interpretieren. Die Gefühle sind echt. Die Trauer und der Schmerz, der sich hinter der Wut verbirgt, so stark und überwältigend wie die Rosen blutrot.

    • Männer die Frauen zusammenschlagen, halte ich für eine der widerlichsten Erscheinungen, die es nur geben kann. Der kalte Zynismus und die zur Schau gestellte Fürsorglichkeit verursachen mir Brechreiz und ich bezweifele, dass diese Männer je zu einer reflektierenden Haltung gegenüber sich selbst noch ihrer Tat in der Lage waren. Die Abhängigkeitsverhältnisse und die nackte Gewalt, die damit einhergeht sind in ihrer Schrecklichkeit nur schwer zu ertragen.

  3. Es gibt sehr viele Dinge auf der Welt, die ich lange schwer zu ertragen fand und noch immer finde. In meinem persönlichem Umfeld sowie überall sonst auf der Welt. Irgendwann habe ich verstanden, dass die Wut und der Schmerz, den ich in diesen Situationen spüre, nur mit mir zu tun hat: Mit der Trauer über Dinge, die ich erlebt habe. Anlässlich z.B. einer Geschichte wie dieser, über Menschen, die Schwächeren Gewalt antun, führt mich meine Wut ziemlich schnell zu Erlebnissen aus meiner Schulzeit (und den Rest überlasse ich Ihrer Phantasie).

    Ich bin der festen Überzeugung, dass hinter jeder Wut, wie auch immer sie sich äußert, Trauer verbirgt. Das gilt für Ihre (und meine) Wut über Männer, die Ihre Frauen schlagen, genauso wie für die Wut, aus denen heraus Männer ihre Frauen schlagen. Und Trauer zu heilen gibt es genau einen Weg: über Empathie.

    Natürlich sind Sie oder ich durch nichts dazu verpflichtet, die Welt durch Empathie – z.B. mit Männern, die ihre Frauen schlagen – besser zu machen. Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass meine Welt wesentlich besser wird, sobald ich in Momenten der Wut mir selbst gegenüber empathisch bin. Interessanterweise verflüchtigen sich dann gleichzeitig mit der Wut auch alle moralischen Werturteile über das, was mich wütend gemacht hat, und die Welt sieht auf einmal sehr anders aus, als sie vorher ausgesehen hat.

  4. Danke! Sie sprechen hier natürlich viele wichtige Punkte an. Natürlich ist die Frage ganz und gar nicht nebensächlich wie Täterbiographien zustande kommen und ich zähle da Sie sprachen es an Frauen mit dazu. Interessant aber auch und da stimme ich Ihnen sehr zu, es gilt auch Selbstempathie zu entwickeln ist auch die Frage wer eben nicht zum Täter wird. Empathie ist wie sie sagen natürlich ein wesentliches Merkmal menschlichen Zusammenlebens und sowohl Mangel an als auch Vorhandensein von können viel Gutes und sehr viel Schlechtes bewirken. Ich glaube allerdings das Empathie allein nicht genug ist, deswegen gibt es ja Feuerwehren, Polizeistationen, Suppenküchen und viele andere Einrichtungen, die jedenfalls teilweise Empathie institutionalisiert haben. Ob Ärzte, die wieder und wieder und oft geht das ja jahrelang, die Zerschlagenen zusammenflicken bevor sie dann ihrer Wege gehen nur um dann wiederzukehren, wütend sind, weiß ich nicht, bezweifele es aber aus meiner Anschauung und Teilhabe. Es ist eher stille Verzweiflung und der oft vergebliche Versuch, zu den Betroffenen durchzudringen oder wieder und wieder zu versuchen wenigstens durch Institutionen ein Schutzschild zu errichten. Empathie allein, ich weiß nicht ob das ausreicht.

  5. Empathie heilt (seelische) Wunden. Wir alle brauchen sie. Opfer von körperlicher Gewalt brauchen sehr viel davon. Der Arzt, der sie behandelt braucht sie – und hat sie ja glücklicherweise auch bekommen, so wie ich den Text verstehe. Sie bemerken allerdings zu Recht, dass das allein nicht ausreicht, um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen.

    Dafür wäre jemand nötig, der auch dem Gewalttäter Empathie entgegenbringt. Leider ist das extrem unwahrscheinlich, denn wir alle haben gelernt, gegenüber Menschen, die Gewalt gegen andere Menschen ausüben, nur dann empathisch zu sein, wenn uns die Gewalt als moralisch gerechtfertigt erscheint (wenn das Opfer sie „verdient“ hat). In allen anderen Fällen bekommt der Täter keine Empathie, sondern erleidet im Zweifel selbst Gewalt: nämlich die Strafe, die er „verdient“ hat. Und so dreht sich der Kreislauf der Gewalt weiter fort.

    Verstehen Sie mich bitte nicht falsch – ich bin ohne jeden Zweifel dafür, prügelnde Männer (mit Gewalt) wegzusperren, wenn das nötig ist, um die Opfer zu schützen. Rein defensive Gewalt ist in jeder Hinsicht legitim. Das ist die Aufgabe der Polizei und der Justiz und auf jeden Fall besser, als Gewlttäter frei herumlaufen zu lassen. Nur die Ursache der Gewalt, die beseitigt man so nicht.

    • Sie haben sehr Recht. Die Täterforschung und auch die Tätertherapie, wenn man so will, ist immer noch sehr, sehr stiefmütterlich. Diese Gewaltkreisläufe, die sich einem ewigen Rad gleich fast unendlich zu wiederholen scheinen, zu durchbrechen, erschiene mir wirklich sehr notwendig. Mit Stigmatisierung ist es ja nicht getan und sie haben Recht Gewalt auf noch mehr Gewalt ist oft die einzige und wohl immer die falsche Antwort. Es bleibt sehr kompliziert.

  6. Ihre Geschichten fangen häufig harmlos an, dann wiegen Sie einen in falscher Sicherheit, denn man denkt, dass es bei Diebstahl und Beleidigungen bleibt. Wenn man sich dann auf Entspannung mit dem F freut, schlagen Sie eiskalt zu.
    Es ist so bitter. Ich frage mich häufig bei größeren Festen, wenn viele vermeintlich glückliche Paare beisammen stehen, wie viele Männer ihre Frauen schlagen oder wie viele Frauen ihren Frust ertränken. Wie viele Männer zu Prostituierten gehen, etc. ich könnte die Liste um die Anzahl der geschenkten Rosen ergänzen.

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