Das Fräulein Read On ist missgestimmt

Die Busfahrer streiken. Das ist ihr gutes Recht. Der politische Wille, der so stark ist, wenn es um Vorteile für Konzerne geht, die keine Steuern zahlen, aber steuerfinanzierte Infrastruktur nutzen ist sehr, ist sehr schwach wenn es um die Rechte von Busfahrern, Krankenschwestern und Müllmännern geht. Sie zählen nicht und die Busfahrer fahren seit acht Jahren längere Schichten für den gleichen niedrigen Lohn. Alle Räder stehen still/ wenn Dein starker Arm es will. Die Platte auf dem Plattenspieler meines Großvaters knarzte, aber gemerkt habe ich es mir doch. Mein Großvater hatte eine Schwäche für Arbeiterlieder und vor allem für Hanns Eisler. Meine Großmutter sah beides nicht gern. Ich wippte auf seinen Knien. Das Dorf aber ist abgehängt. Der Tierarzt, der mich mit zur Bahn nehmen wollte, kommt nicht. Ich rufe ihn an. Er nimmt nicht ab. Die Uhr tickt schneller. Das Fahrrad hat einen Platten. Zweiter Versuch beim Tierarzt. Wieder nur Stille. Ich laufe los. Fünfeinhalb Kilometer sind es vom Dorf zur Bahnstation. Ich fluche, die Eichen halten sich die Ohren zu. Die Gräser am Wiesenrand zittern vor Furcht. Ich zähle mitleidlos alle Abendessen, gebackenen Kuchen ( 32!!), Hundebetreuungen und alle anderen Dinge auf, die mir der Tierarzt heute schuldig bleibt. Nie wieder schwöre ich mir, lade ich den Tierarzt auch nur auf ein Butterbrot ein. Ich bin so kleinmütig und hässlich wie es nur geht. Es geht sehr gut. Natürlich fährt der Zug mir vor der Nase weg. Die Milch im Kaffeebecher ist sauer geworden. Eine Distel hängt in meinen Haaren und lässt sich nur schwer entfernen. Ich verfluche auch sie. Im Zug gegenüber probiert eine Frau sehr ausgiebig den Gebrauch von Zahnseide aus. Das Buch welches ich gerade lese, liegt mir schwer  im Magen. Im Büro sind Bauarbeiter, die laut schmatzend Breakfast Rolls verzehren, der Geruch des Schinkens macht mir Übelkeit. Weiteratmen. Ich trinke grünen Tee, der mir viel bitterer als sonst vorkommt. Die B. versetzt mich. Ich esse bei eine rote Linsensuppe bei Blazing Salads, die wie flüssiger Ketchup schmeckt. Natürlich fische ich Selleriestücke aus der Suppe. Dieser alte Erzfeind musste mir natürlich heute auch noch begegnen. Schlimmes Heimweh nach Delhi. Jetzt bei Frau Rajasthani in der Küche sitzen und Paneer, scharfes Dhal und Naan Brot essen. Mir von Aunty über die Haare streichen lassen, bevor sie mir alles über die Nachbarn im zweiten Stock erzählt. Niemand kennt die Geheimnisse der Nachbarn so gut wie Aunty in Neu-Delhi und die Frau des Krämer’s im kleinen irischen Dorf. Der Apfel, den ich stattdessen esse, ist innen faul. Alle anderen Frauen, denen ich begegne sind wunderschön. Ich bin es nicht. Der Zug zurück ist zum Bersten gefüllt. Eine Ansammlung müder Pendlersardinen fährt durch den Regenschleier. Fünfeinhalb Kilometer laufe ich von der Bahnstation zurück in das Dorf. Das Wasser schwappt mir aus den Schuhen.

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Heimweg oder Ländliche Idylle Irlands

Von weitem sehe ich schon die Frau des Krämers winken: „Read on sagt sie, der Tierarzt hat diesen Blumenstrauß für Sie abgeben. Mit dem allerletzten Rest an Selbstbeherrschung, den ich aufbringen kann, nehme ich den Blumenstrauß nicht und pfeffere ihn auch nicht vor ihren Augen in den Mülleimer, sondern ich schüttle den Kopf und sage zuckersüß: „Nein, Frau des Krämers, der Strauß ist für sie und nicke bekräftigend. Dann, denn meine Beherrschung ist ein sehr dünner Faden, dann verlasse ich ihr Geschäft ohne mich auch nur einmal umzusehen und ignoriere ihr stetes Rufen sehr erfolgreich. Als ich die Tür aufschließe, werfe ich der Katze einen scharfen Blick zu, die Katze versteht sofort und springt vom Tisch. Natürlich hat sie die Reste des Pflaumenkuchens der abgedeckt auf der Fensterbank stand, gefressen. Aber ich sage nichts mehr, sondern huste missmutig in ihre Richtung. Dann endlich ziehe ich die nassen Schuhe aus. Das Klingeln des Telefons indes ignoriere ich geflissentlich.

12 thoughts on “Das Fräulein Read On ist missgestimmt

  1. Trotz alledem, trotz alledem….
    Vielleicht hat der Tierarzt nicht nur eine Entschuldigung sondern auch eine Erklärung.
    Aber wenn Blumen da waren, sieht es eher nicht nach einer wasserdichten Angelegenheit aus.
    Was soll’s, man sollte sich auch die Großherzigkeit bewahren, auch wenn die anderen es nicht sind.
    Auch wenn die Summe ein vermurkster Tag und 11 Kilometer in feuchten Schuhen ist.

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