Schiefergrau

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Grau ist das Meer, eine harte Wand aus kühlem Beton. Schiefergrau. Grau bin auch ich, in den Regen gewickelt wie ein schweres Tuch. 7 Stunden lang. Als ich ging, leckte das Meer mir an die Füße, jetzt als ich zurückkehre, ist es weit entfernt, nicht mehr als ein grauer Schatten. „Read On“, sagt die Frau des Krämers, Sie sind ja ganz durchweicht. Ich nicke und bin mir nicht sicher, ob nicht das Meer selbst mit langen, feuchten Händen schon mich zu sich gezogen hat. Mein Liebchen und wie ich da stehe, am Meeressaum, da fährt es mir tief unter die Knochen und legt mir eine schwere, graue Hand auf die Schulter. Der Priester erzählte mir einmal, dass noch sein Großvater selbst ihm berichtet habe, dass immer dann wenn ein Schiff an den Felsen schlug oder von der tückischen Strömung zerschmettert wurde, der Priester ein Kreuz schlug: Gott segne diesen Strand und dann liefen Priester wie Gemeinde, mit Körben und Taschen zum Wasser hinunter, wo ich jetzt stehe und es war ein guter Tag. Schiffbruch erleiden. Das kenne ich gut, denn wie oft hat mich das Grau schon verschluckt? Irgendwann gab ich das Zählen auf, denn das Meer gab nicht nach. Der Erlkönig so heißt es, reitet durch Nacht und Wind, aber hier kommt er nicht auf einem Rappen daher, sondern als Wanderer in schwarzem Wetterfleck, mit knotigem Stock in der Hand und einem breitkrempigen Hut. Tiefer und tiefer zieht er den Hut und geht festen Schrittes hinein die graue Wand, die immer nur einen spalt breit nachgibt, doch niemals ganz. Noch sieht man den Wanderer, noch hört man die Stimme des Pastors, der die predigt unterbrach, noch meint man das Johlen der Strandläufer erahnen zu können, noch immer aber gibt das schiefergraue Meer nicht alles preis. Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind hört man es flüstern, aber lauter noch die Stimme der Frau des Krämers, die nun zum zweiten Mal nach mir ruft. „Read On“ , kommen Sie doch, Sie sind doch ganz nass.“ Dann drehe ich mich endlich um. Noch zuhause aber, als warmes Wasser über meinen Rücken läuft und die Dunkelheit das Meer verschluckt und ich endlich, endlich unter einem Berg warmer Decken verschwinde, höre ich den Mann im Wetterfleck rufen leise und doch so durchdringend, metallisch und schiefergrau hart. Als der Teekessel pfeifft schlägt der Regen gegen mein Fenster und als ich zurück im Bett aus dem Fenster sehe, meine ich von Ferne splitternde Schiffsmäste zu sehen, die an den Wellen brechen und schlagen nicht auch von Ferne schon die Kirchenglocken? Mein Sohn es ist ein Nebelstreif sage ich mir und schließe die Augen erst, als ich das ewig vertraute Blinken des Leuchtturms in der Ecke meines Schlafzimmers sehen kann. Heute Nacht denke ich dann, wird der Wanderer noch einmal weitergehen und nur von Ferne grüßen mit seinem das Gesicht verbergenden Hut, dem grauen Kragen und dem wehenden Mantel von dem niemand weiß, wer ihn wohl webte, denn wie das Meer selbst so ist er verschwiegen, unnahbar und schiefergrau.

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