Schon wieder Mosebach

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Mit mir und Martin Mosebach ist es so eine Sache. „Was davor geschah“  habe ich mit Begeisterung und großem Staunen darüber gelesen, dass ein deutscher Gegenwartsautor so federleicht und so groß über die Liebe schreiben kann, dass vergisst man ja immer schnell unter dem dicken Blei artifizieller Gesellschaftskritik, die deutsche Literatur oft so sterbensöde macht. Das „Blutbuchenfest“ habe ich gern gelesen, auch wenn die Figuren mir weithin fremd blieben und dennoch die Szenen auf dem Land und die erste blutige Hochzeit haben mich sehr beeindruckt.  „Das Bett“ Mosebach’s erster Roman in dem ein Jude viel Zeit im Federbett verbringt, habe ich abgebrochen. Sollte das ein Versuch sein, dass Klischee zu ironisieren? Ich weiß es nicht, aber deutsche Ironie in jüdischen Fragen macht mich selten heiter. „Westend“ habe ich wieder zur Seite gelegt, zu dumpfig und eng und von allen Seiten her unsympathisch schienen mir die Protagonisten und noch dazu habe ich mich herzhaft gelangweilt. Über  „Die Häresie der Formlosigkeit“ habe ich mich  heftig geärgert, wenn ich es auch nicht ohne Interesse gelesen habe. Mosebach gibt sich dort ganz als Kreuzritter gegen eine- katholische Welt- die sich von der seinen bedenklich unterscheidet. Die Profanisierung des Heiligen und die Abkehr von der Lateinischen Messe macht er zu Grundpfeilern seiner Polemik. Mosebach verschweigt dabei wohlweislich, dass das 2. Vatikanische Konzil, dass er so genüsslich verachtet, eben auch die Judenmission und viele andere, wenig rühmliche Kapitel der einzig wahren Kirche ad acta legte. Das ist eben ein bleibendes Problem der deutschen Konservativen, dass sie immer mit Erstaunen und beleidigtem Gesicht der Tatsache gewahr werden, dass nicht alle Welt mit ihnen bereit ist, die zwölf deutschen Jahre zur Seite zu legen und sich herzhaft zu strecken, wie der Jude im Bett. Der Snobismus des Buches indes hat etwas so rührend Altmodisches, dass man die intellektuellen Unzulänglichkeiten fast schon vergisst. Gelesen habe ich es auch deshalb, weil Mosebach zu den klugen und sehr scharfsinnigen konservativen Denkern gehört, die anders als andere sich nicht in einer tiefen und warmen Wanne der Selbstgefälligkeit aalen. Sein Indienbuch indes hätte ich selbst gern geschrieben.

Nun also  Mogador. Die Geschichte selbst ist schnell erzählt. Patrick Elff, ein begabter und ambitionierter Banker, ahnt seine eigene Verhaftung voraus und setzt sich nach Marokko ab. Zurück lässt er Pilar, eine kühle Schöne, Immobilienmaklerin und auch seine Ehefrau. Zurück lässt er aber auch lauter offene Fragen, die nicht nur ihn, sondern auch die Bank betreffen für die er arbeitet. Das alles ist klug geknüpft und keineswegs nur Satire. Es geht um Bestechung, um Aktenkoffer, die Ukraine kommt vor und auch ein Politiker der über das Zimmermädchen fällt, kommt vor.  Das Ganze ist geschickt  verknüpft mit Mogador, dem heutigen Essaouira  und vorläufigem Ende der Flucht. Dort in einer Art Niemandsland, in der aus Patrick Elff, Monsieur Paris wird verknüpft sich seine Geschichte mit der von Khedija, die mit Dämonen spricht von denen sie genug eigene hat,und die im aussichtslosen Strudel von Analphabetismus, Prostitution und Mangel an Möglichkeiten zur Geschäftsfrau mit harter Hand wird. Großartig sind die Schilderungen der Bettler auf den Straßen der Stadt, fantastisch gelungen auch Monsieur Pereira mit seiner Leidenschaft für Obelisken und dem Geruch der Macht und überhaupt die an- und abtretenden Haupt- und Nebenfiguren sind alle so sorgfältig wie gelungen gezeichnet. Das aus der „Zeit Fallen“ des Protagonisten und das Erlebnis der Stadt als Wartesaal, noch dazu im frostigen Winter, der sich jeder orientalen Exotik enthält. Dies alles  also liest man mit anhaltender Zuneigung und als man sich fragt was denn jetzt noch kommen kann, und man ein wenig die sprachliche Ornamentik beginnt zu begähnen, da entwirft der der Autor eine klischeegebogene ménage à trois  man ärgert sich schon fast, denn die Metaphern sind wirklich zum Grausen-ich werde nie begreifen warum man sich gegen Klitoris und für „öffnet mit seinen Fingern das rosige Meerestier“ entscheidet, aber ich kenne auch Ärzte, die Frauen um die Untersuchung ihrer Mumu bitten – und sollte mich also wirklich nicht mehr wundern-, da dreht Martin Mosebach das Ganze so gekonnt in eine Erzählung von Gewalt und Schrecken um,  dass man Paul Bowles auf der Stelle vergisst und atemlos die dritte Flucht des Protagonisten zurück nach Deutschland verfolgt. Fast so beiläufig, wie er begann endet der Roman und schlägt man ihn zu, weiß man: Martin Mosebach hat ein großes Buch geschrieben.

Martin Mosebach, Mogador, Rowohlt, 22. 95 Euro.

4 thoughts on “Schon wieder Mosebach

  1. So viel kenne ich noch nicht von Mosebach, aber ich habe einen ähnlichen Eindruck. Ich schwanke zwischen Bewunderung für seinen Stil und Verwunderung über seine Haltung zu manchen Dingen.

    • Sie haben eine grundsätzliche Abneigung gegen eine kritische Auseinandersetzung mit Literatur oder finden es nur verwerflich, dass sich ich als gläubiger Jude eine andere Haltung zu päpstlichen Enzykliken habe, als der gläubige Katholik Martin Mosebach?

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