Zimmer 208

Die Scheidung der D. und des K. habe ich damals nur aus der Ferne mitbekommen. Ich war noch immer in Los Angeles als die D. mit den Kindern zurück zu ihrer Mutter ins Burgenland zog. Die A. die damals, die ganze Sache aus der Nähe verfolgte, zuckte mit den Achseln. „Die D. sagte der K. sei ihr einfach zu langweilig geworden und außerdem fehle ihm der gewisse Biss. Damit meinte sie wohl das richtige Gespür die Ellenbogen auszufahren, wenn es darauf ankam“. Der D. hat das nie vermocht. „Die D. sagte damals der K. habe von ihr erwartet, dass sie ihm mit 10.000 Euro im Monat einen repräsentativen Haushalt führe.“ Daraufhin habe die K. lange und bitter gelacht. Zwei Wochen später der D. kam von einer Geschäftsreise aus Hongkong zurück, fand er einen Zettel auf dem Küchentisch. Die Scheidung war dann nur noch eine Frage der Zeit. Die A. sagte damals: „Es ist vor allem schade um das schöne Haus.“ Alle sahen ein wenig betreten zur Seite, denn das klang doch zu offen nach Kommerz und harten Zahlen, aber Recht hatte sie doch. Die Villa im Grunewald war so geschmackvoll wie einladend gewesen, dicke Perserteppiche auf altem Parkett, ein Palmengarten mit zierlichen Bambusmöbeln und natürlich das ausladende Rauchzimmer, wie man früher gesagt hätte, mit seinen Chesterfield Sofas und dem gewaltigen Flügel. Der K. sammelte zudem Ostasiatika und uns allen tat es leid um die gutmütig lächelnden Buddhas, die auf grüner Jade thronten und die mächtigen Statuen, die vielleicht einmal vor vielen Jahren einem Palast besondere Würde und Ehrfurcht verliehen hatten und die auch hier im Grunewald auf das Vortrefflichste ihrer Wächterrolle gerecht wurden. Sie alle verschwanden, um bald schon verkauft zu werden und mit dem letzten Teppich verschwand auch die D. Die D. ist heute übrigens mit einem Immobilienmakler, der auf dem Hochzeitsfoto, wie ein Haifisch grinst, verehelicht und das Haus, irgendwo im Süddeutschen gelegen, besteht zu Dreivierteln aus Glas. So jedenfalls erzählt es die A. die auf der Hochzeit war. Als ich aus Los Angeles zurückkam, gehörte die Villa im Grunewald längst schon neuen Besitzern. Als ich die A., die mit dem K. immer schon enger befreundet war als ich, nach dem Verbleib desselben fragte, murmelte sie: „Der K. lebt jetzt im Hotel.“ Das war 2013. Der K. lebt noch immer im Hotel. Das Hotel selbst ist keines jener prunkvollen, berühmten mit in dunkelroter Seide ausgeschlagenen Vestibülen und Sesseln mit vergoldeten Löwenpranken, wie man sie in Paris zuweilen noch findet, sondern das Hotel, dass ich an einem Sommernachmittag während meines Rückfluges von Madrid nach Berlin betrete, ist eines der vielen Flughafenhotels, die so eigenschaftslos wie funktional zwischen New York und Hamburg nach den immer gleichen Mustern und der immer gleichen Realität funktionieren. In der Eingangshalle zwischen lauter eiligen und in ihre Telefone schreienden Geschäftsreisenden entdecke ich den K. der mich in seine Arme zieht. „Willst Du hier Kaffee trinken oder lieber bei mir?“ „Bei Dir“ sage ich und wir fahren mit dem Fahrstuhl hinauf in den fünften Stock. Ich sitze auf einer schwarzen Ledercouch und der K. lehnt sich in einem ebensolchen Sessel zurück. Eine Taste auf dem Hoteltelefon später, klopft es an der Tür und eine schmale Frau bringt Kaffee und Kuchen. Sie lacht schüchtern und der K. nickt ihr aufmunternd zu. „Ich habe“ sagt er als die schwere Tür sich hinter uns schließt, „sogar schon ein paar Brocken Rumänisch gelernt“. Die Zimmermädchen sind alle aus Rumänien oder von den Philippinen. Ich nicke. Der K. sieht auf seine langen, schmalen, ganz leicht gebräunten Finger. „Teuer“sagt er ist ihm die Scheidung zu stehen gekommen, und schüttelt den Kopf. Den Verkauf des Hauses habe er schwer verkraften können. Er habe doch mehr an den Dingen gehangen als er es sich selbst habe eingestehen wollen. Eine seltsame Leere habe sich um ihn gelegt damals und die Vorstellung nocheinmal Gardinen, Geschirr und Möbel auszusuchen habe ihn fast bis an den Rand des Wahnsinns getrieben. Da sei ein Umzug in das Hotel das Naheliegendste gewesen.“ Der K. zuckt mit den Schultern. „Er habe es nie bereut. Teurer als eine Wohnung sei es auch nicht. Geschäftspartner träfe er sowieso lieber im Restaurant. Erst kürzlich sei er befördert worden und noch häufiger auf Reisen als ohnehin. In zwanzig Minuten sei er am Gate und sein Auto habe er längst verkauft. Fehlen würde ihm nichts. Seine Bücher seien allesamt auf dem ipad gespeichert und endlich gäbe es auch keine Ausrede mehr, den Weg ins Fitnessstudio nicht zu schaffen. „Jeden Abend liefe er eine Stunde auf dem Laufband und stolz zeigt mit der K. ein Armband, das alle seine Schritte misst. „Einsam sei er manchmal schon“, sagt er und zuckt mit den Achseln. „Dann ginge er hinunter in die Lobby und sähe den Leuten, die ein- ausgingen zu. Manchmal stelle er sich dann vor, er spräche eine Frau an, die allein an der Bar sitzt an und bäte sie zu sich aufs Zimmer. Zweimal schon sei er kurz davor gewesen, aber etwas hätte ihn im letzten Moment doch zurückgehalten. Was genau, wisse auch er eigentlich nicht zu sagen. Im Frühstückssaal hätte er seinen festen Platz und die Kellner wechselten gern ein Wort mit ihm. Immer sei der Wirtschaftsteil der Zeitung für ihn schon aufgeschlagen und am Sonntag brächte ihm das Zimmermädchen oft etwas Selbstgekochtes mit. Der K. sieht mich an. „Das sei nicht so wie ich denke. Natürlich bezahle er sie dafür.“ Ich stelle die Pralinen aus Madrid auf den kleinen Glastisch und der K. bedankt sich sichtlich gerührt. Hinter ihm auf dem braunen Sideboard steht ein Kaffeeautomat vor dem lauter bunte Kapseln liegen. Im Schrank befinde sich zudem ein Bügeleisen und ein Bügelbrett. Um knittrige Hemden müsse er sich wirklich keine Sorgen mehr machen- dem Zimmermädchen sei Dank. Seine Kinder, die ihn einmal Monat besuchten gefiele das Hotel und besonders liebten sie das Restaurant. Nach Frankfurt fahre er äußerst selten, die Anzüge, Hemden und auch die Schuhe bekäme er bequem am Flughafen und günstiger seien sie dort allemal.

Abends sähe er gern aus dem Fenster, die aufsteigenden und landenden Flugzeuge beruhigten ihn sehr. Inzwischen wüsste er sogar, welche Maschinen immer Verspätung hätten und für einen Moment liegt so etwas wie Triumph auf seinen sonst so unbewegten Zügen. Mein Angebot gern auch die Wohnung in Berlin zu nutzen überhört er geflissentlich. Zum Abschied umarmt er mich wieder kurz doch fest. Als ich noch einmal einen Blick in das Zimmer werfe, 208 steht an der Tür, sehe ich neben dem großen Fernsehbildschirm, eine Buddhafigur auf grüner Jade. Sie sieht etwas verloren aus, aber da mag ich mich täuschen. Als ich am Gate auf das Flugzeug nach Berlin warte, sehe ich auf die Uhr. Einundzwanzig Minuten, wie der K. gesagt hat, braucht es vom Hotelzimmer aus bis hierher.

3 thoughts on “Zimmer 208

  1. nun der herr lindenberg lebt ja auch im hotel und ich habe mir das immer irgendwie gut vorstellen können. als ich jünger war, fuhren wir häufig an den wochenenden zum segeln an den edersee und hatten dort fest immer über den sommer ein kleines zimmer gebucht. in der kleinen, bescheidenen pension lebte ein älterer zwerg. er hatte sich dort mit frühstück und einer warmen mahlzeit pro tag fest eingemietet. er plauderte mit den stammgästen und plauderte mit den urlaubern. hörte immer neue geschichten und die fortsetzung der alten geschichten der stammgäste. wenn er müde wurde, ging er in sein zimmer, das wöchentlich geputzt und mit neuer bettwäsche etc. versorgt wurde. das alles für kleines geld und ich fand es eigentlich ganz klug. was hätte er als alter zwerg alleine in irgendeiner kleinen wohnung besser gehabt???

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.