Die Nummer auf dem Arm meiner Großmutter, mein Vater und die NVA

Frau Arboretum will etwas wissen: „Vielleicht ergibt sich irgendwann einmal die Gelegenheit, zu erzählen, wie Ihr Vater es mit Hilfe Ihrer Großmutter geschafft hat, den Wehrdienst zu verweigern, ohne bei den ‘Spaten’ zu landen. Das interessiert mich sehr.“

Meine Großmutter trug stets langärmlige Blusen und Kleider. Mochte der Sommer auch noch so heiß sein, meine Großmutter schloss noch den kleinsten Knopf am Blusenärmel. Meine Großmutter trug im Sommer wie im Winter stets langärmelige Kleider und in der Klinik über der Bluse einen langen Kittel. Ihre Armbanduhr trug sie über dem Ärmel. Meine Großmutter, die genau wie ich zwischen Mai und Oktober zum Schwimmen fuhr, wenn auch an einen anderen See, trug gelbe Gummihandschuhe die fast bis zu den Ellenbogen reichten, stieg sie ins Wasser. Jeden Nachmittag schloss meine Großmutter für dreißig Minuten die Augen und als ich kleines Mädchen war, lag ich in ihrer Armbeuge und schlief nicht. Meine Hände wanderten viel lieber von ihrem Kopf zu ihren Schultern und da nur sie und ich auf dem roten Sofa lagen, trug sie ein weites Kleid und ich fuhr ihr die Ellenbogen hinunter bis ich die Nummer fand auf ihrem Arm. Fasziniert war ich und ich zeichnete mit meinen Fingern die Zahlen nach. Meine Großmutter war längst wach und ihr Herz schlug rasend schnell unter meinen gierigen Fingern , die nicht ablassen wollten von den Ziffern. Dann hielt sie meine Hände fest. „Warum hast Du eine Nummer auf dem Arm, fragte ich sie?“ Sie sagte, dass sei nur eine Telefonnummer und wir beide wussten, dass das nicht stimmte. Wieder fuhr ich mit den Fingerspitzen über die Zahlen. „Shhhh, sagte sie und ich gab nach. Ich aber verstand, dass diese Nummernfolge eine Trennlinie waren zwischen uns und den anderen.

Mein Vater kam in den evangelischen Kindergarten des Ortes. Die ältlichen Fräuleins kochten Vanillepudding mit Himbeersirup, lasen Geschichten aus der Kinderbibel und veranstalteten am Ende des Sommers Missionsfestspiele. Mein Vater spielte einen Ägypter. Als er einen Zettel mit nach Hause brachte auf dem stand: „Ich freue mich auf meine Taufe“, da ging meine Großmutter in den Kindergarten auf ein Wort mit den ältlichen Fräuleins, die sich hernach prompt weigerten den Judenbub im Kindergarten zu behalten. Meine Großmutter besorgte für meinen Vater einen Roller mit Gummireifen und brachte ihm bei- das Ziffernblatt der Stadtkirchenuhr bot sich sehr an- die Uhrzeit zu lesen so dass er wenn die Turmuhr vier Uhr schlug mit dem Roller durch das Hoftor raste. Es war ein schöner Sommer. Mit dem Beginn der Schulzeit brachte mein Vater viele, neue Zettel mit nach Haus. Meine Großmutter zerriss die Anmeldebögen für die jungen Pioniere und all den anderen Plunder gleich mit. Während die anderen Kinder zum Pioniernachmittag mussten, erhielt mein Vater Zeichenunterricht. Der Zeichenlehrer trank blaue Schnäpse und zeigte meinem Vater wie man Frauen mit großen Brüsten und sehr, sehr langen Beinen malt. Auf dem Schulhof riefen die Kinder: In einer Bude / sitzt ein Jude / hat den Kopf voll Läuse/ fressen ihn die Mäuse. Die Eltern hatten die Hitlerbilder ja auch gerade erst wieder umgedreht. Im Sportunterricht zogen die Buben ihm die Hose herunter, nachzusehen ob etwas fehlte. Es fehlte etwas. Meine Großmutter besorgte bei Onkel A. der in Tel Aviv versuchte eine Art Nostalgiehandel für die deutschen Emigranten mit Kuckucksuhren und Lederhosen zu etablieren, ein Paar Krachlederne und ihre Rechnung ging auf, das steife und sperrige Leder gab auch unter den gierigsten Händen nicht nach. Meine Großmutter zerriss die Zettel für die Anmeldung zur Jugendweihe und den für die FDJ gleich mit. Mein Vater lief Mittelstrecke und die Buben, die kaputte Dynamos für ein Projekt der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft reparieren sollten riefen: Da läuft der Jude Itzig / schwarz ist er und schwitzig. Mein Vater kam auf das Gymnasium nicht ohne Probleme aber es ging doch, denn die Frau des Gymnasialdirektors hatte heftige Migräne und als meine Großmutter einbestellt wurde zu einem Gespräch in dem das mangelnde staatsbürgerliche Engagement meines Vaters bemängelt wurde, überreichte meine Großmutter dem Direktor, Migränetabletten die es im sozialistischen Paradies nicht gab. Der Direktor mehr am häuslichen Frieden als am Bildungsweg des Juden Itzig interessiert gab nach. Nun zahlte sich der Zeichenunterricht aus, denn die Bilder, die mein Vater während öder Unterrichtsstunden von den Mädchen machte, waren heiß begehrt. Er hatte gut aufgepasst beim Zeichenlehrer zu dem er weiter gerne ging. Dann und wann konfiszierte der Direktor, der Staatsbürgerkunde und Physik gab, die kursierenden Zeichnungen. Wie alle totalitären Systeme fürchtete sich auch die DDR vor schönen Mädchen. Das Bild aber das mein Vater von der jungen, blonden und hübschen Chemielehrerin malte und die wirklich sehr, sehr, sehr lange Beine hatte, behielt er selbst. Er hatte es ja auch nicht leicht, zuhause die jammernde Frau und dann auch noch das ewig sozialistische Grau. Mein Vater karikierte zum Abschied die Lehrer und dann kam der Einberufungsbescheid, denn das sozialistische Vaterland musste doch verteidigt werden. Meine Großmutter ahnte schon, dass es diesmal nicht reichen würde, denn Zettel zu zerreißen und so wurde meine Großmutter zum Wehrkreiskommando zitiert. Dort wiederholte sie ihre strikte Weigerung ihren Sohn zur NVA zu geben. Die Anwesenden lachten und behielten sie über Nacht dort. Meine Großmutter saß auf der Bank und wartete. Am nächsten Morgen kamen der Leiter des Wehrkreiskommandos, ein NVA-Offizier und ein Sowjet-Offizier, die meine Großmutter verhörten. „Nun erklären Sie sich mal, sagten sie, warum ihr Sohn den Frieden nicht sichern will. Aber meine Großmutter erklärte gar nichts.

Meine Großmutter knöpfte den Ärmel ihrer Bluse auf und schob sich den Blusenärmel langsam den Arm hinauf und zeigte den anwesenden Herren die blauen Ziffern auf ihrem Arm. Und sie wiederholte den Satz, den sie schon auf den Brief des Wehrkreiskommandos geschrieben hatte: mein Sohn geht nicht zur Armee. Der Sowjetoffizier stieß den Stuhl um und verließ den Raum. Meine Großmutter rollte den Ärmel herunter und schloss sorgfältig den kleinen Knopf. Dann stand sie auf und ging. Niemand hielt sie auf. Als sie nach Hause zurückkam, freute sich die Zugehfrau am meisten, „dass der Junge nicht zur Armee muss“, meine Großmutter aber zog den langen weißen Kittel über die Bluse und ging in die Poliklinik, denn es war schon spät.

Mein Vater hat zwei Jahre bei der Post gearbeitet und natürlich hat er keinen Studienplatz an einer Kunstakademie bekommen. Er ist etwas anderes geworden. In den 1980er Jahren als die DDR schon zu wanken begann, bevor sie dann fiel, da fanden viele Bürger der kleinen Stadt in der meine Großeltern lebten eine sehr vollbusige Marianne mit sehr, sehr langen Beinen, die von Ferne an eine noch immer recht junge und wunderschöne Chemielehrerin erinnerte in ihren Briefkästen. Der Direktor des Gymnasiums wird das Bild seiner Frau lieber nicht gezeigt haben. Heute ist die Chemielehrerin längst pensioniert, aber viele Bilder meines Vaters tragen unverkennbar ihre Züge.

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Viele Jahre später lagen meine Großmutter und ich wieder auf dem roten Sofa, diesmal nahm sie meine Hand und legte sie auf die Nummer auf ihrem Arm. Ich wollte meine Hand wegziehen, weg von dieser Nummer, die ihr so weh tat, aber sie gab nicht nach. „Hör zu Kind“ sagte sie und drückte meine Hand auf die Ziffern. Diesmal war es mein Herz, das schlug und schlug und schlug.

11 thoughts on “Die Nummer auf dem Arm meiner Großmutter, mein Vater und die NVA

  1. Was hatten Sie für eine starke und wunderbare Großmutter!
    Dass es im Osten diese Sprüche gab, ohne dass man sie sanktioniert hat, erstaunt mich sehr.
    Aus meiner Schulzeit kenne ich sie nämlich nicht.

    • Sie war eine wirklich sehr große Frau. Im Osten gab es ja auch keinen Antisemitismus und wie das so oft der Fall ist, wenn es etwas gibt, was es nicht geben darf, dann wird lieber eisern geschwiegen.

    • @ croco: Read ons Vatetr ging zudem in einem anderen Jahrzehnt zur Schule. Wie Read on schon erwähnte, die Eltern jener Kinder hatten vor nicht allzu langer Zeit die Hitler-Bilder von der Wand genommen.

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