Prag- Auf der Suche nach Franz Kafka (IV) 

Die meisten Besucher Prags laufen am Café Arco einfach vorbei. Das ist nicht schwer. Liegt es doch an einer vielbefahrenen Straße, die direkt zur Moldau führt. Hier an der Straßenkreuzung, wo sich die Havlicikova, die Hybernská und die Dlázdéna sich kreuzen,haben es alle eilig. Die Prager hetzen zur Arbeit, die Trambahn rattert vorbei und die Touristen werden von ihren schreienden Guides fachmännisch verkabelt. Eine Stadtführung verfügt heute über das technische Niveau der Mondlandung. Aber seit dem ich vor einigen Jahren angefangen habe, nicht nur in Prag nach Franz Kafka zu suchen, gehe ich am Schluss meiner Prager Tage immer noch einmal nachsehen, was das Arco, das einst legendäre Café Arco wohl gerade macht. Als ich 2014 zum letzten Mal in Prag war, da war das Café Arco vernagelt und leer.
Aber schon als ich noch auf der anderen Seite der Kreuzung stehe, sehe ich eine Tür steht offen. Eine Tür steht offen. Wer hätte das gedacht? Ich nicht? Wird vielleicht doch das weise Wort von Karl Kraus noch einmal wahr und es “ brodelt und kafkat und werfelt und kischt“ wieder im Café Arco? Es gibt viele Orte in Prag an denen man Kafka suchen kann,aber vielleicht war das Arco und seine Gesellschaft doch der Ort an dem Kafka all das sein konnte, was er sonst nicht war. Es ist ja nicht umsonst ein Eckcafé, ein wenig verborgen, aber in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof der heute nach Masaryk benannt ist. Für all diejenigen, die den harten Kern des Arco bildeten, war dies von nicht zu geringzuschätzender Bedeutung. Franz Kafka konnte vom nächsten Zug nach Berlin oder Wien oder oder oder träumen, Egon Erwin Kisch konnte tatsächlich nach Berlin fahren, wo vielleicht am Abend noch ein Boxkampf stattfand und Max Brod, der ja bekanntlich am Bahnhof als erstes fragte, wo es denn die schönen Mädchen gäbe, musste immer schnell zum Bahnhof können, um entweder zur Geliebten zu fahren oder zurück zur Ehefrau zu eilen. Nie jedoch ohne noch einmal im Arco vorbeigesehen zu haben. Es passierte auch einfach zu viel: Franz Werfel brüllte und schrie Gedichte, Else Lasker-Schüler kam aus dem Morgenland zu Besuch und Kurt Tucholsky erzählte nun aber wirklich den letzten Witz. Otto Groß zergliederte Seelen und wem das noch nicht reichte der konnte sich immer noch von Alfred Kubin porträtieren lassen.

Die Bahnstation schräg gegenüber des Café Arco gelegen.

Heute kann aber auch ich endlich einmal einen Blick in das Innere des Arco werfen, denn die Tür steht als ich die Straße quere noch immer offen. An der Tür klebt ein Schild, welches ich nur mühsam entziffern kann, ich finde jedoch heraus, dass das Arco heute eine Kantine ist. Keine öffentliche Kantine jedoch, sondern die Mitarbeiter, die in irgendeiner Weise für die Prager Stadtverwaltung tätig sind, können zwischen 8-10 Uhr morgens einen Bon ziehen und sich für das Mittagessen anmelden. Als ich durch die Tür trete, bemerkt mich eine Frau in Kittelschürze sofort. Ihr ist klar, ich habe keinen Bon, ich bin ganz offensichtlich keine Mitarbeiterin einer ihr irgendwie bekannten Verwaltung und trotzdem bin ich hier. Die Irritation der Frau kennt keine Grenzen. Einen Tisch kann sie mir nicht zuweisen, aber mich abweisen kann sie auch nicht. Sie schüttelt den Kopf. Ich kann Ihr dabei zusehen, wie sie sich bemüht irgendeinen ihr bekannten Verhaltensmaßregelkatalog zu finden, mit dem sie meiner Person begegnen kann zu finden, sie bemüht sich sehr, ihr stehen, es ist auch wirklich sehr heiß, die Schweißperlen auf der Stirn und hätte sie Kafka gelesen, sie fühlte sich sofort an den „Prozess“ erinnert und hätte keine Sympathie mit Josef K. der ihr ähnliche Schwierigekiten bereitete, wie ich ihr. Während sie also überlegt, wie mir zu verfahren ist, sehe ich mich um. Keiner der Gäste sieht auch nur vom Essen auf, die Polizisten schlürfen fette Hühnerbrühe, die Stadtverwaltunsgdamen picken Salat und etwas feiste Herren essen Lende mit Bergen von Kartoffeln. Das einzige Geräusch im Raum ist das Kratzen von Gabeln und Messern auf den Tellern. Ich kann gar nicht anders, als mich an den Landvermesser zu erinnern, der auch nicht glauben mochte, dass das geht: da zu sein, ohne stattzufinden. Schließlich nun energisch und mit Wischmop und Eimer bewaffnet vertreibt die Kantinendame mich aus dem Gastraum. Noch einmal aber sehe ich mich um, denn es war doch das Café Arco in dem Milena, die schöne, die kluge, die so begabte und energetische Milena Jesenská und Franz Kafka sich zum allerersten Mal sahen. Alle großen Liebesgeschichten glaube ich, haben ein „davor“ und diese, die vielleicht doch die schönste Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts war, begann genau hier. Dann stehe ich wieder vor der Tür und ich muss lachen. Ich schütte mich aus vor Lachen. Kafka, sage ich halblaut zu mir selbst, das mir nun ausgerechnet in Gestalt einer Megäre begegnest, meint das nicht, es ein wenig zu toll zu treiben mit mir?

In eine offene Tür muss man eintreten.

Café Arco. Detail

„Und sagt, die E., die mich abholt, und hast du Kafka gefunden?“ Aber ich kann noch immer nicht sprechen vor lauter Lachen und wie immer, wenn ich zum Café Arco gehe, an dem die allermeisten Menschen einfach vorbeigehen, muss ich mich auch als ich schon mit der E. auf der anderen Seite der Straße stehe und in Richtung Moldau laufe,immer wieder umdrehen. Es ist diese Starßenkreuzung, die mich wie keine andere, so sentimental werden lässt. Hier war Kafka. Kafka was here.

3 thoughts on “Prag- Auf der Suche nach Franz Kafka (IV) 

  1. Was lerne ich alles bei Ihnen! Danke dafür, uns mitzunehmrn auf Ihre Reise.
    Als junge Frau las ich Kafkas Briefe an Felice Bauer. Und dachte, dass ich mal einen Mann kennen werde, der solche Briefe schreibt. Und habe mir eingebildet, dass er nur des nachts dunkle Geschichten geschrieben hat um am Tag laut zu lachen.

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