Der Gang der Dinge

IMG_4556 (2).jpgDie Touristen, die am Sonntag mit dem Bus unser kleines und doch eigentlich vollständig vergessenes Dorf erreichen, steigen aus dem Bus, strecken ihre Glieder, gähnen herzhaft, sehen sich um und schreine: hier ist wirklich die Zeit stehengeblieben. Was auf den ersten Blick völlig logisch und zutreffend erscheinen mag, kann dennoch falscher kaum sein: haben nicht um halb sechs schon die Schafe, das Unterland verlassen, um den Tag hinter den wiesen, die sich an mein Haus im Oberland des Dorfes anschließen zu verbingen? Die Schafe nämlich haben schon viel früher als jeder Mensch es je könnte, den Fluch des Massentourismus erkannt und so ziehen sie ruhigen Schrittes an meinem Fenster vorbei. Ich schöre Ihnen, dass sie dabei das Lied: „ Wolle, Wolle, Wolle geben wir gern“ intonierend, moduliert nach der Bachmottete: „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf.“  Der Altmeister Bach selbst, hat es steht ganz außer Frage zahlreiche Stücke für Schaf und Cembalo geschaffen und es mag sein, dass der große Bach selbst einmal vor den Toren Leipzigs einer Aufführung der berühmten Susanna Schaaf-anova beigewohnt haben mag, ganz zu Schweigen von den Darbietungen des einstmals so weltberühmten Don Schaf-onso, gegen den Enrico Caruso geklungen haben mag, wie eine alte Blechkanne. Dieser Tradition folgend also blöken die Schafe Bach, denn ihr Gedächtnis ist so dick wie ihr wolliges Fell und anders als die Musikverständigen unserer Tage sind sie völlig darüber im Bilde, dass die ewig hungrigen Bachsöhne die Schafmotteten und Schafchoräle nachlässig veräußert haben und nur durch ihr verständiges Blöken vor dem vollständigen Untergang bewahrt werden. Sind die Schafe im Oberland angekommen und rupfen Klee ist es gut sieben Uhr. Noch schlafen die Touristen im Bus. Eine gewisse Read On jedoch gehüllt in einen schweren Bademantel und Wollsocken in den Pantinen eilt hinunter ins Unterland und an den Strand. Besagte Madame taucht dann in die eisig kalten Fluten der irischen See. So kalt, so unendlich kalt ist das Wasser, dass ihnen die besagte Madame ohne zu zögern vergewissern würde, dass sich ein dünner Panzer aus Eis um ihre Haut legte und sie vollständig umschlossen hielte, dann steigt dieselbe aus dem Wasser und sitzt mit Wollsocken und Bademantel auf den grauen Schiefersteinen. In der Zwischenzeit schließt die Frau des Krämers den Laden, geht der Nachbar zur Rechten seine Morgenrunde, fahren die Nachbarn von links gegenüber das Boot zum Hafen und gehe ich zurück durch’s Dorf nach Haus, bleibe ich alle fünf Meter stehen, werfe Morgengrüsse zurück bevor ich mit zwei Himbeer-Scones frisch aus dem Ofen zurück nach Hause gehe. Noch sind die Touristen eine halbe Stunde von uns entfernt, aber das Dorf summt und brummt schon, gießt Blumen, scheucht Hühner und macht sich kirchfein, denn genau mit dem Eintreffen des Ersten Reisebusses sitzt das versammelte Dorf mit einer, nämlich meiner Ausnahme in der Kirche St. Sylvester. Die Touristen, die also nun gegen die Tür des Krämers und seiner Frau rütteln, finden sich in ihrer Annahme bestätigt: totenstill liegt das Dorf vor ihnen und so rumoren sie über sie Straßen und den Dorfplatz, hetzen vom Unter- ins Oberland, versuchen ihr erneutes Glück im Dorfladen, denn sie wissen, dass die Frau des Krämer’s obwohl nie fromm gewesen, natürlich in der Kirchenbank kniet, denn „überall wird geredet, sagt sie zu mir am Gartenzaun, bevor sie dann in ihr Geschäft eilt, um Scones und Crossiants zu verkaufen. Ich indes richte eine gekosherte Quiche Lorraine und grünen Salat an, denn in einer Stunde kommt schon der Priester und während die Touristen hinter den Schafen herjagen, die sich doch niemals fangen lassen, streiten wir auf das Vergnügteste über „Sense and Sensibility“, der Priester hat eine Schwäche für Marianne, die ich eine anstrengende Heulsuse findet, dafür findet meine Verteidigung von Robert Ferrars keinen Anklang. Ironie sagt der Priester schadet einem Roman mehr als er ihm nützt. Dann essen wir Wassermelone und der Priester geht zurück ins Pfarrhaus, während ich für fünf Minuten, die Augen auf dem grünen Sofa schließe, als ich aufwache schlägt St. Sylvester fünf Uhr und der Bus mit den Touristen verlässt soeben das Dorf. Die Frau des Krämers legt auf der Bank vor ihrem Laden, die Beine hoch, der Nachbar zur rechten beginnt seine Abendrunde, für sieben hat sich der Tierarzt angesagt und ich muss noch packen. Die Standuhr im Zimmer ist schon wieder stehen geblieben, ich ziehe mehr aus Gewohnheit auf, denn ist das Dorf nicht selbst eine leise tickendes Uhrwerk, das unsere Stunden so sorgfältig wie undurchdringlich bestimmt?

 

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