Kavalierangriff

 Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?

Johann Wolfgang v. Goethe, Faust

Ich bin ein altmodischer Mensch. Noch dazu  bin ich immer eilig und schleppe neben einer ungemein schweren Tasche, Bücher und Aktenordner von Gewicht eines mittleren Mammuts mit mir herum. Nicht nur deshalb hege ich eine Schwäche für gemeinhin mit den Worten „Kavalier der alten Schule“ in Verbindung gebrachten Verhaltens. Dies sind: Tür aufhalten, Stuhl zurechtrücken, stehen bleiben bis die Dame Platz genommen hat, selbstredend die schwere Tasche oder Aktenberge tragen und auf dem Gehweg nie und nimmer garstig zu drängeln, sondern gelassen neben der Dame einherzuschreiten und dergleichen Artigkeiten mehr. Ich schätze all das sehr: Ich gehe lieber durch offene Türen, als ich mir beim Versuch eine Tür mit dem Ellenbogen zu öffnen einen blauen Fleck hole, die steinschwere Tasche und die ewigen Aktenberge lege ich liebend gern in aufmerksame Hände und finde es sehr angenehm, rückt man mir den Stuhl zurück, weiter schätze ich Männer, denen ich nicht wie ein Hund hinterherrennen muss, weil sie vergessen, dass ihre Zweimetermaßschritte mit meinen 170 Zentimetern nicht kompatibel sein können und niemals käme ich auf die Idee solche aufmerksame Gesten auszuschlagen. So gern habe ich diese Zugewandheit, dass ich sie auch Frauen angedeihen lassen. Allerdings mit durchaus gemischten Erfolg. Eine Dame, der ich mit dem Mantel zur Hand gehen wollte, musterte mein Ansinnen derartig misstrauisch, als fürchtete sie, ich entrisse ihr das Kleidungsstück und liefe davon und der Frau, der ich neulich den Stuhl zurechtrücken wollte, umklammerte den Stuhl, als erlaubte ich mir einen bösen Scherz.  Mit dem B. indes mit dem ich heute zu Mittag verabredet war, verhält es noch einmal anders. Der B. nämlich nimmt das Kavaliersein sehr ernst. Er hält nicht, nein er reißt schwungvoll die Tür auf, leider jedoch lässt er sie oft schnell wieder los und schon mehr als einmal schlug mir die Tür ins Gesicht. Aber in einer Welt voller Flegel, zählt schon der erkennbare Wille, rennt der B. doch gleich weiter und steht wie ein Ritter beim Turnier neben dem Stuhl, den er ähnlich schwungvoll zurückstellt, um ihn dann wie an ein Gummiseil gespannt wieder vorschnellen zu lassen, leider sehr zum Missfallen meiner Kniekehlen und Schienbeine an die der Stuhl dann donnert. Keine Gelegenheit lässt der B. aus sich edel, hilfreich und gut zu zeigen, Akten und Tasche nimmt der B. mit fester Hand an sich, um sie leider dann im Überschwang fallen zu lassen und schon allzu oft jagten der B. und ich dann hinter losen Papieren oder einem hinabgefallenen Buch her. Jeder der sich vom B. schon einmal in den Mantel hat helfen lassen, wird sich noch gut an das anschließende Bemühen erinnern, die beiden in einen Ärmel gepressten Arme, nicht unähnlich einem Oktopus, wenn auch bei weitem nicht so elegant wieder herauszuwinden und gleichzeitig darauf achtzugeben vom bereitgehaltenen Schal nicht erwürgt zu werden. Bis heute also sah ich mich gewappnet für alle Zuvorkommlichkeiten die der B. einem ganz à la mode Kavalier angedeihen lässt. Ich sah mich im Irrtum. Heute waren wir zu dritt und die Z. bekundete den Wunsch nach einer Zigarette, entschuldigte sich vielfach für dieses Laster und während sie noch in ihrer Handtasche nach dem Feuerzeug kramte, entflammte der B. eifrig und beflissen, ein Streichholz, mit Schwung beugte er sich vor zur Z., vertat sich aber, geriet ins Stolpern, noch immer das brennende Streichholz haltend und sengte so schließlich meine Haarspitzen an. Der Z. fiel die Zigarette aus dem Mund, dem B. das Streichholz aus der Hand und ich eilte zurück ins Büro, die angebrannten Haare zu löschen. Als ich schließlich die Z. und den B. im Restaurant um die Ecke traf, sprang er sogleich strahlend auf, um mir den Stuhl zurechtzurücken, nicht jedoch ohne seinen Stuhl polternd umzureißen und mir die Sitzkante desselben herzhaft in die Kniekehlen zu stoßen.

Wer ein echter Kavalier ist, ich kann es ihnen versichern, lässt sich durch nichts und niemanden aufhalten, die Welt zu einem höflicheren Ort zu machen. Doch abgesehen von blutigen Waden und verbrannten Haaren bin ich für jedes-seid-nett-miteinander- Gepränge stets zu haben und hoffentlich beim nächsten Kavalier-Angriff schneller als der B. an der Tür.

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6 thoughts on “Kavalierangriff

  1. „Kavalier-Angriff“ haben Sie schön gesagt. Ich hoffe, der größere Teil Ihrer Lockenpracht hat es überlebt. (Ansonsten denke ich, wir Frauen müssen auch ein wenig Nachsicht walten lassen, wenn Männer sich in dieser Hinsicht ungeschickt anstellen. Der gute Wille zählt, wie Sie ja auch schon andeuteten. Ich halte übrigens auch Männern die Tür auf oder nehme ihnen die Hälfte des Aktenstapels ab, wenn die Gelegenheit gerade passt. Es muss ein Geben und ein Nehmen sein, finde ich.)

    • Kavalier-Angriff gefällt mir eitel wie ich bin auch sehr. Leider habe ich gar keine Locken, sondern sehr langweilig, hundsföttisch braunes Haar. Schwesterchen ist diejenige mit der Lockenpracht und einmal schnitt ich ihr im Schlaf eine Locke ab, leget sie mir unter das Kissen und hoffte am nächsten Morgen, ich wäre so schön wie sie.
      Ganz wie Sie sagen ist gutes Benehmen keine Einbahnstraße und für mich ganz und gar geschlechtsunspezifisch. Nachsicht soll man überhaupt walten lassen und dem liebenswürdigen B. kann niemand gram sein.

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