Reisen in die deutsche Provinz-Aschersleben (II)

IMG_4395Still liegt die Stadt vor uns als die C. und ich die Straße queren.Wir gehen vorbei an alten Giebelhäusern aus dem sechzehnten Jahrhundert und stehen bald schon in einem Hof, der den Augenschein hat als sei der Dreißigjährige Krieg erst gestern zu Ende gegangen und die Landsknechte noch nicht weiter als bis Magdeburg gekommen. Die einzigen Zeichen der Moderne sind eine Vielzahl von Verbots- und Hinweisschildern: Parken verboten! Eltern haften für ihre Kinder! Vorsicht, bissiger Hund! Stop! Betreten verboten! Privatgrundstück! Eine hölzerne Treppe führt nirgendwohin und unbekümmert allen Verboten zum Trotz sitzen die C. und ich auf der Treppe und sehen hinauf in das strahlende  Blau. Niemand kommt uns zu mahnen und so gehen wir weiter, wir gehen durch enge Gassen und über Katzenkopfpflaster, auf einem Pfeiler schläft eine Katze, Menschen sehen wir erst als wir auf dem Marktplatz stehen. Einen Wochenmarkt aber gibt es nicht. Im Rathaus mit den schönen Malereien am Giebel ist jetzt die Stadtsparkasse. Die c. kühlt sich die Hände im Brunnenwasser,  misstrauisch beäugt von den Besuchern eines Cafés, die unter Sonnenschirmen sitzen und Bier trinken. Ich indes stehe vor der Apotheke, die zwar nicht „Zu den seligen Boten“ heißt aber doch in Gestalt jener Apotheke ähnelt, in der Wohlgemut Zeitblom  den Bürgern von Kaisersaschern Salben und Pillen verkaufte. Zu gern wäre ich hineingegangen und hätte mit allerunschuldigster Miene zu fragen, ob hier vor vielen Jahren einmal ein Apotheker namens Zeitblom ansässig gewesen sei. Aber das kann ich nicht tun, denn die Apotheke ist geschlossen. Geschlossen sind auch das italienische Restaurant „Il Torre“, der Thailänder ist zu, selbst der An- und Verkauf hat aufgegeben und je weiter wir in die Stadt hineingehen so leerer werden die Schaufenster. Geöffnet haben eine Rossmann Drogerie, ein Laden mit dem seltsamen Namen „NKD“, der Plastikschuhe für fünf Euro anpreist, geöffnet ist auch das Billard-Restaurant: „Das Loch“, wohingegen der Imbiß die Rolladen auf ewig geschlossen hat. Die Buchhandlung macht einen traurigen und staubigen Eindruck. Sie wirbt für ein Gerät namens togolino und scheint damit schon der eigenen Zukunft vorgegriffen zu haben. Woran in Aschersleben jedoch kein Mangel herrscht, das sind Friseure. An jeder Straße findet sich mindestens ein Friseursalon. Ob sich dieser Überfluss jedoch auf prächtig frisierten Köpfen der Ascherslebener Damen und Herren widerspiegelt, vermag ich nicht zu sagen, begegnet sind wir nur wenigen Menschen. Der Metzger hingegen hat noch Keramikschweine im Fenster, ansonsten, verkündet der Papierzettel: „Geschlossen“ Altbekanntes.  Ich frage mich, sage ich zur C. ob die Menschen, die hier leben, wohl nie Appetit auf ein Stück gutes Entrecôte haben, oder richtig guten Brie aus der Bretagne kosten wollen? Verlieben sich die Männer dieser Stadt nie so heftig, dass sie keinen Floristen brauchen, um der Angebeteten einen Strauß voller Lilien in die Arme zu legen? ‚Wollen die Frauen hier wirklich nichts weiter tragen als sackartige T-Shirts mit Zebrastreifen und niemals ein feuerrotes Kleid anprobieren, mit dem sie sich vor dem Spiegel drehen? Wacht in dieser Stadt wirklich keiner auf, mit dem unbändigen Wunsch, jetzt und sofort reife Papaya und Trauben  von den Hängen des Vesuv zu kaufen? Überhaupt was machen die Leute, die hier leben, eigentlich hinter den Gardinen? Lesen sie Gedichte im dämmrigen Halbschatten oder träumen sie beim Fernsehprogramm von der Südsee am Abend? Fahren sie manchmal tanzen oder wenigstens ins Kino?“

Wir, aber gehen zur Stephanikirche, die alt und groß über der Stadt thront, aber wir sind schon längst nicht mehr verwundert: die Kirche ist zu. Verschlossen und verriegelt sind ihre großen Portale. Das Klingeln am Pfarrhaus bringt nichts. Ob sich wohl auch der Pfarrer hinter den hier üblichen gestärkten Gardinen versteckt? Aber wenn ja, wovor eigentlich? Besonders gefährlich sehen die C. und ich nun wirklich nicht aus. Dann sitzen wir unter den alten Bäumen des Kirchplatzes, der heute vor allem als Parkplatz dient. Die C. schließt die Augen und ich denke an Kaisersaschern, denn alles, alles ist ja hier. Sitzt man im Schatten der Bäume und im Schatten der Kirche, da versteht man, dass dies keine moderne Stadt ist, sondern alles ist hier von einer verlangsamten Gegenwart nur mäßig verdeckten Vergangenheit. Alles ist hier vorbeigezogen, die Scheiterhaufen des späten Mittelalters, diese Kriege und jene Kriege, stillgehalten hat diese Stadt und stillgehalten haben diese Menschen schon immer und das gedenken sie weiterhin zu tun. Stillgehalten haben sie als die verbliebenen 27 Juden aus der Stadt deportiert wurden, achselzuckend und wohl und dann murrend wurde auch die Nachkriegsordnung angenommen, ebenso wie alle Ordnungen solange es nur Ordnungen waren, eben angenommen wurden. Nichts läge hier ferner als den Charakter dieser Städte mit DDR-Nostalgie zu beschreiben und zu kurz greift auch die Vorstellung, dass die AfD hier deshalb Fuß fassen kann, weil sie das Bild einer Vergangenheit heraufzubeschwören vermöge. Hier hat die Neuzeit nie Fuß fassen können, vielmehr hat hier der Begriff des Volkes überdauert, nicht so sehr in einem nationalen Charakter, sondern in einer konservierten Fassung von trotziger Gemeinschaft die sich zu behaupten weiß gegen den Wandel, den es als etwas ihrer Verfasstheit fremdes wahrnimmt. Und wenn die Bürger Kaiseraschern’s in der Lage waren sich vor einem alten Mütterchen erschauernd abzuwenden, so sind es die Bernburger und Ascherslebener heute, predigt ihnen irgendein Hänselein von abendländischer Bedrohung. Es ist mehr der Trotz des Kindes, als intelligente Ideologie und das doch und ja auch nur schwerlich zu bestreitende Wissen, dass die Zeiten und Ideen an Städten wie den ihren vorbeigehen werden und nichts hinterlassen, als einen oberflächlichen Kratzer aber nicht mehr als das.

Ironisch ist dabei, dass diese Städte mich mehr an die Dörfer um Essaouira oder Bikaner erinnern, als an Berlin oder Köln. Mit ihnen, nicht mit den deutschen Metropolen teilen sie Anlage wie Ausschlusskriterien, soziale Kontrolle ist hier so präsent wie dort. Streitet man sich dort über die grasende Ziege, geht es hier um Parkplätze, auf dem Friedhof und bei Hochzeiten trifft man sich in Aschersleben wie auch in Raqqa, bewegen sich hier die Gardinen leise hinter den Fenstern sind es dieselben wie sie auch in Damaskus oder Algier, Auskunft geben über die Nachbarn und ihr Gebaren. Im Restaurant zahlen auch hier die Männer und die Frauen fahren nie selbst Auto sondern öffnen den Männern das Garagentor. Sonderlinge und Außenseiter sind hier wie dort Zielscheibe des Spottes und der Ausgrenzung. Die Familie, die über den Kirchplatz läuft, offenbar zu einer Jugendweihfeier erinnert mich so stark an die geputzten Familien die sie am Abend des Fastentages im Ramadan überall zwischen Istanbul und Tunis antreffen können. Und überhaupt, Friseursalons gibt es auch in Cairo und all jenen arabischen Mittelstädten, die ich wie Aschersleben lieber Kasiersaschern nenne, zuhauf.

Dann schlägt die C. die Augen auf, wir essen Spargelsuppe und wir laufen zurück zur Bahn. Im immer noch filmkulissenhaften Park sitzen drei syrische Männer, sie trinken Tee aus einer gelben Kanne. Parallel etwas fünfzig Meter von ihnen entfernt sitzen vier deutsche Männer, sie trinken Bier, allerdings aus Flaschen, nicht aus einer Teekanne. Jeden Moment warte ich darauf, dass der Regisseur ins Bild tritt und ruft: „Cut“ aber niemand kommt, es wird nur mehr Tee und Bier getrunken. Es ist ein warmer Sommertag, die Kinder, die aussehen wie Statisten springen in die Wasserfontänen, noch einmal wende ich mich zurück zur Kirche, zu den Giebelhäusern und engen Gassen. Kaisersaschern, denke ich wieder und wieder. Die C. zieht an meinem Arm, komm sagt sie, in zehn Minuten geht unser Zug.

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Berlin-Aschersleben, 2: 50h, Schönes Wochenende Ticket für zwei Personen: 44 Euro. Hübsch sitzt man im „Tontopf“, das Essen ist mittelmäßig, aber nicht katastrophal, die Bedienung ist ausnehmend freundlich; Hinter dem Turm 24, 06449 Aschersleben ( keine Website ) 

Alles selbstbezahlt, selbstgeknipst, selbsterlaufen, selbsterlebt-selbst geschrieben ist es auch. 

2 thoughts on “Reisen in die deutsche Provinz-Aschersleben (II)

  1. Danke, dass Sie uns mitgenommen haben.

    Ich war am Wochenende zuvor in Bad Langensalza. Hübsch renoviert und alles, aber trotz allerschönstem Wetter war Samstagvormittag kaum ein Mensch auf der Straße zu sehen, nur ein paar andere Touristen. Obwohl ich es längst weiß, überrascht mich die Leere in ostdeutschen Kleinstädten immer wieder aufs Neue.

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