Das Fräulein Read On kauft einen Rock

Seit über sechs Wochen schon, immer genau dann, wenn mein Blick auf die Einladungskarte der L. fällt, erinnere ich mich: Read On Du musst einen Rock kaufen. Das ist nicht einfach: Faltenröcke sind mir ein Graus, die meisten Röcke erinnern zu sehr an Stewardess- Uniformen, wieder andere an strenge Gouvernanten und noch andere haben schreckliche Strasssteine am Saum oder eine Länge, die weder dem Anlass noch meinen Beinen gerecht wird. Nun können Sie sagen, „warum kaufen Sie sich dann kein Kleid?“:, der Grund ist so einfach wie bestechend: ganz unbedingt möchte ich die mauve-farbene Bluse aus Indien tragen, die ich im Vorübergehen auf einem staubigen Markt im Nirgendwo Rajasthans erwarb und in der ich,  es ist nicht neu, nicht schön bin, aber wenigstens von Weitem nicht hässlich aussehe. Vor drei Tagen aber, sehe ich in einem Schaufenster einen Rock: mitternachtsblau und gerade geschnitten,dabei aber weder an eine Stewardess noch an ein strenges Fräulein erinnert und gestern Abend schaffte ich es dann tatsächlich eine halbe Stunde vor Ladenschluss, das Geschäft in dem der verheißungsvolle Rock auf mich wartete zu erreichen. Ich gebe zu, ich sah noch weniger schön aus als sonst: angetan war ich mit meinem alten Wetterfleck, der zudem regendurchweicht an mir klebte und die schweren Stiefel an den Füßen haben es wie auch die Hose nicht besser gemacht und als ich die Türklinke zum Geschäft herunterdrückte, sah überzog Schrecken und Verachtung das Gesicht der Verkäuferin, deren makellose Erscheinung durch nichts zu trüben ist, schon gar nicht durch Regen, widrige Umstände oder auch ein Erdbeben. Schön und makellos, steht sie auf dem hellen Teppich mit einem Tuch in der Hand, das sie nicht einsortiert, sondern auf einem kleinen Beistelltischchen drapiert. Das Geschäft nämlich ist eines von jener Sorte, in denen man eigentlich wie in einer sehr eleganten Hotellobby steht und nicht über Wühltischen gebeugt nach Angeboten grabbelt. Hier steht auf einem langen leeren Tisch, nur eine Vase voll Lilien, von denen ich sofort niesen muss, das macht es nicht besser, tropfe ich doch schon auf den bis dahin makellosen Boden. Fassungslosigkeit über solch eine Störung der Ordnung in einer Welt, in der es Unholde wie mich doch gar nicht gibt, breitet sich im Gesicht der Verkäuferin, die eigentlich ja auch keine Verkäuferin, sondern eine Markenbotschafterin ist aus. Aber es hilft ja nichts und ich brauche ja auch wirklich einen Rock: ich sage also, ich würde so gern den Rock, den mitternachtsblauen, den aus dem Schaufenster anprobieren, haben Sie den in meiner Größe? Sehr langsam und genau, von oben bis unten mustert mich die Verkäuferin, sie sieht mich an als sei ich ein sehr widerwärtiges Insekt, das nur ein Fehler in der Matrix in dieses Geschäft geführt haben mag an und ihren etwas dünnen Mund verzieht sie zu einer schmalen Linie: „Haben Sie denn“, sagt sie “ auf den Preis gesehen?“ „Ich habe erwidere ich, ja nicht nach dem Preis gefragt, sondern nach der Größe, wenn Sie dann so freundlich wären?“ Dann ist es still, langsam und mit deutlicher Überwindung sucht die Verkäuferin den Rock heraus. Und wie ich es mir gedacht hatte, der Rock dessen Stoff leise knistert und gerade geschnitten, eine Handbreit über meinen Knieen endet und mitternachtsblau schimmert, sieht hübsch aus an mir. Auch mit diesem Rock, das weiß ich schon, werde ich nicht schön sein, nie werde ich so schön sein wie die Mädchen im Märchen, nicht einmal annähernd hübsch bin ich zu nennen, keiner wird wegen mir den Atem anhalten oder sich umdrehen nach mir, aber und ich sehe, obwohl ich Thermounterwäsche trage, dass es gut gehen wird mit mir, dem Rock und der mauvefarbenen Bluse. „Ich nehme den Rock“, sage ich zur Verkäuferin und bezahle den Rock bar. Die Verkäuferin starrt mich mit offenem Entsetzen an und ich zähle das Geld extra langsam vor ihren Augen ab, denn schwer trägt sie an der Idee, dass auch hässliche Menschen genug Geld haben können,  um sich einen schönen Rock zu kaufen.

15 thoughts on “Das Fräulein Read On kauft einen Rock

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  2. Wer so eine schöne Seele hat, kann nicht hässlich sein.
    Und seit wann ist das wichtig?
    Meine Englischlehrerin hat uns das in der 9. Klasse erklãrt am Beispiel von Barbra Streisand.
    Sie entspricht keinem gängigen Schönheitsideal, das ist ihr aber völlig egal. Sie lebt ihr Leben aus vollen Zügen und hat Erfolge, beruflich wie privat.

    • Ich bin mir meiner Seele nicht sehr sicher. Barbara Streisand ist ein schönes Beispiel- aber doch wohl Ausnahme. Sehen Sie ich bin nie für Atomphysikerinnen oder Harfenspielerinnen verlassen wurden, sondern immer nur sehr, sehr schöne Frauen.Aber auch das ist eben so und nicht zu ändern.

      • Kann es vielleicht sein, dass es die falschen Männer waren? Waren sie denn selbst schœn, diese Mãnner? Aber das sind müßige Fragen, sie ändern nichts. Aber böse bin ich ihnen trotzdem, dass sie eine Frau wie Sie mit dem Gefühl zurück lassen, nicht zu genügen. Was für herzlose Wesen! Und Sie haben eine schöne Seele, glauben Sie mir einfach.

      • Ich weiß gar nicht ob richtig oder falsch und ich bin auch schon längst nicht mehr betrübt ihretwegen. Aber gelernt habe ich damals doch, dass Schönheit vieles leichter macht und mir eben fehlt. Mit 18 war das eine furchtbare Erkenntnis und heute habe ich mich daran gewöhnt. Ich würde ihnen gerne glauben.

  3. Wenn ich jemanden mag, gefällt mir diese Person automatisch. Und ist mir jemand wirklich unsympathisch, dann nützt die gesamte äußerliche Schönheit nichts. Sie jedoch können unmöglich hässlich sein! Also seien Sie bitte nicht so kritisch mit sich selber 🙂

  4. Ich bin gänzlich verwirrt ob meiner Wahrnehmung. Und ich darf es sagen, denn ich durfte das Fräulein bereits in echt eine ganze Stunde lang betrachten, zuhören und lächeln, beobachten und sogar in den Arm nehmen – und kann nur sagen: Sie sind schön. In allen Facetten und wenn ich meine Augen schließe, sehe ich ihr bezauberndes Gesicht noch immer vor mir. So schön.

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