Samstag

Samstag. Ein Samstag geht also so.

Früh, natürlich, dem Tag die Stunden zu stehlen, also, sie werden sagen sie machen sich ja lächerlich, jeder weiß doch, dass die Zeit sich nicht betrügen lässt. Sie haben Recht, aber sie wissen nicht wie lächerlich ich wirklich bin. Diesmal aber ist es nicht der Garten, auch nicht der Schreibtisch und auch nicht Schwesterchen das nach mir ruft. Sondern F. der ehemalige geschätzte Gefährte, fährt wie jedes Jahr mit Freunden auf der Arca hinaus aufs Meer oder besser: die Seen, die über Wannsee und Havel miteinander verbunden sind. Die Arca, das alte Boot meiner Mutter, auf dem ich sie nie haben segeln sehen, und obwohl es mir viele Leute versichert haben, das sie es tat, vorstellen kann ich es mir nicht. Längst schon ist die Arca das Boot von F. und lange schon ist die Arca sein ganzer Stolz. Den B. holen wir ab, da schläft der F. schon wieder und zuckt nicht einmal mit den Augenlidern, als der B. mit der Autotür knallt. Talente soll man loben, wo immer man sie entdeckt: Der F. nämlich, ist wirklich zum Schlafen begabt, seine Mutter erzählte mir einmal, dass als die Familie am zentralen Busbahnhof in Jerusalem auf den Bus nach Nahariya wartete, der F. gelehnt an einen Stapel Paletten sofort einschlief und im Gewühl des Reisenden, niemanden auch nicht seinen Eltern oder Brüdern als der Bus schon los fuhr, auffiel, das der F. doch fehlte. Erst als die Brüder einen vierten zum Kartenspiel suchten, fiel auf wer fehlte. In heller Panik also und mit viel Zeter und Mordio, und einer grauenvollen Odyssee fuhr die Familie zurück nach Jerusalem, irrte an Reihen von grünen Egged-Bussen vorbei, bis schließlich der F. noch immer selig schlafend an den Paletten lehnend angetroffen wurde, wie man ihn zurückgelassen hatte. Umgeben war er inzwischen von fünf alten Frauen,die strickend seinen Schlaf bewachten. Der F. behauptet heute, es sei alles ganz anders gewesen, weinend sei er auf der Suche nach Eltern und Brüdern umhergelaufen und schließlich schluchzen vor Erschöpfung eingeschlafen. Aber wer den F. einmal hat schlafen sehen, der weiß, das an dieser Stelle die Dichtung und nicht die Wahrheit spricht. Der F. also schläft selig und der B. erzählt mir freudig, er würde zum dritten Mal heiraten. Meine Frage, warum er denn immer gleich heiraten würde, kommt nicht gut an. Der B. ist überzeugter Romantiker, und jedes Mal aufs Neue, glaubt er die Liebe seines Lebens zum Altar zu führen, immer gibt es Orgelmusik, Blumenkinder, eine Torte mit dem Brautpaar in Zuckerguss und einen strahlenden B. Gäbe es eine Agentur die Hochzeiten, ohne das Leben danach anbiete, ich glaube eine solche fände im B. den idealen Kunden. Stolz, und nur ein bisschen schnippisch übergibt mir der B. eine Hochzeitsliste, auf der das Brautpaar allerlei Nützlichkeiten zur Verbesserung des Hausstandes aufführt und sagt: besser dreimal als keinmal. Dann sind wir da und der F. steckt sich, um sogleich lauter Taue, Kisten und Taschen mit den anderen vier Segelfreunden, alle Ärzte wie er auf das Boot zu befördern. Ich stehe am Ende des Stegs und sehe auf das graue Wasser. Halshoch steht der Schilf und die knorrigen Pfähle sind voller Moos, dann aber ist die Arca fertig beladen und fünfmal sage ich kommt gut zurück und den F. umarme ich einen Moment länger als die anderen vier. Dann sehe ich dem Boot nach, das auch keine schöne Erinnerung ist, und obwohl die fünf schon aufgehört haben mir zu winken und mit Segel und Tauen hantieren, sehe ich dem Boot hinterher, sehe es kleiner und schneller werden und ein wenig peinlich ist es mir schon als ich auch noch das Fernglas aus der Tasche ziehe, um im kleinen schwarzen Punkt weit in der Ferne, die Arca sehen zu glauben, bis der Horizont nur noch leer und spiegelglatt ist. Dann fahre ich zurück.

Kühl ist es im Garten, aber ich bleibe nur kurz, und halte noch einmal das Gesicht in den Flieder, kürze die Rosen und mähe den Rasen, immerhin ist jetzt Licht in der Wildnis, dann schließe ich die Gartenpforte und kehre zurück an den Schreibtisch an dem die Stunden verfliegen, ja, ja, sie wussten es gleich, die Zeit lässt sich nicht betrügen, nein wirklich nicht. Als ich dem O. eine E-Mail schicke mit einem langen Text anbei, muss ich daran denken, wie fest ich darauf gesetzt habe, dir diesen Text zu senden. Für eine Viertelsekunde habe ich überlegt, ob ich es einfach tue, sie sehen meine Lächerlichkeit kennt keine Grenzen, aber gemacht habe ich es natürlich nicht. Zerschlagen liegen meine Worte auf dem Boden. Es ist ja auch keiner da, der sie aufsammeln wollte. Dann gehe ich doch noch einmal in den Garten, es regnet leise , das trifft sich gut, denn im Regen sieht keiner und vor allem man selbst nicht, dass man weint.

Ab Montag dann ein dritter Beruf, es soll ja niemand sagen, ich hätte es nicht versucht.

2 thoughts on “Samstag

  1. Die gestohlenen Stunden am Morgen zählen doppelt, hoffe ich. Ich stehe morgens gerne mindestens eine halbe Stunde früher auf, als ich muss (und auch ohne das rechne ich schon eine gute halbe Stunde für Frühstück und Zeitung). Abschied vom Garten, Abschied von Menschen, Worte, die ungehört zu Boden fallen – das kenne ich auch.

    Aber Sie klingen gerade mehr als traurig. Auf Spanisch kann man einen Brief, eine Mail oder eine andere Nachricht mit „un abrazo“ (eine Umarmung) beenden. So eine Umarmung schicke ich Ihnen jetzt auch. (Wenn Sie sie nicht gebrauchen können, lassen Sie sich auf den Boden fallen, das macht nichts. Man weiß ja nie, wie nahe man einem Menschen im Internet kommen darf.)

  2. Vielen Dank für die Umarmung. Ich kann sie sehr gut brauchen und nehme sie ganz vorsichtig an. Wie es ausgeht mit den gestohlenen Stunden, ich weiß es noch nicht genau.

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