As an exception in German:Bestechender Blick

Seit vielen Jahren schon steht auf meinem Schreibtisch, das wohlmöglich schönste Bild, das ein Mann je von einer Frau malte. Es ist aus dem Jahr 1520. Es heißt La Fornarina und zeigt eine Frau mit wunderschönem Haar, halb unter ein Tuch gewickelt, ihr Oberkörper ist fast unbedeckt, einzig ein dünnes Tuch bedeckt ihren Bauch, mit ihrer linken Hand aber umfasst sie eine Brust und mit einem Blick, den man nur als gelassen wie selbstbewusst deuten kann, sieht sie ein wenig an uns, die wir sie sehen können, vorbei. Gäbe es ein Synonym für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau wäre es wohl dieses eine Porträt.

Heute habe ich den ganzen Tag am Schreibtisch gesessen, mir gegenüber das mich so lange begleitende Porträt. Immer mal wieder sehe ich in die Nachrichten. Viele wütende und zornige Stimmen lassen sich finden, die angesichts der Gewalt in der Silvesternacht, die Ereignisse in Köln mit Gewalt gegen Frauen in Neu-Delhi, Cairo oder anderswo vergleichen. Aber  Aber der Zweifel bleibt. Vielleicht weil ich in den Slums inmitten von Delhi und außerhalb von Nairobi oft am Verzweifeln bin. Vielleicht weil die vielen Jahre, mit den immer neuen Versuchen über Gewalt, über Verhütung, über das Recht auf Unversehrtheit sich so oft wie ein Tropfen auf dem heißen Stein anfühlen. Wie lange es dauert und wie oft ich gescheitert bin Regeln gegen die Gewalt zu formulieren. All die Tage in denen mich Bezirksbeamte in stickigen Büros Stunde um Stunde haben warten lassen,weil sie nicht hören wollten, das zumindest rudimentäre Beleuchtung, das Leben von Frauen sicherer machen kann. Wie oft bin ich von anderen Stadtverordneten verhöhnt wurden, weil ich wieder und wieder gekommen bin, um Toiletten nur für Frauen durchzusetzen. Gelacht haben die Männer und sich die Nase zugehalten, so als würde ich stinken und nicht die fehlende Kanalisation. Wie oft musste ich an Flughäfen meine Koffer öffnen, die immer voller Vorhängeschlösser sind, damit Frauen in Delhi oder Nairobi oder anderswo, im Zweifelsfall die Türen verschließen können, wenn ihre betrunkenen Männer oder marodierende Banden mit dem Schlimmsten drohen. Wieder und wieder, mit vorsichtigen Worten und oft mit Gesten, in mühsamen, quälenden Gesprächen versuche ich zu sagen, das  Sex nicht nur Gewalt ist, das Nein ein gutes Wort ist, ich streite mit Müttern über das Heiratsalter der Töchter und ich fahre aus der Haut, wann immer ich kann. Ich schwitze und spreche vor Männern, die ich überzeugen will, das Monatshygiene nichts mit Masturbation zu tun hat. Ich habe mit vielen Müttern geweint und im Sommer habe ich in einem Slum in Delhi ein fünfzehnjähriges Mädchen begraben, das sich nach ihrer Vergewaltigung erhängt hatte. Das Mädchen, das ich gut kannte hat es nie zu einer europäischen Schlagzeile gebracht. An diesem Tag habe ich „La Fornarina“ auf meinem Schreibtisch umgedreht und lange nicht mehr ansehen mögen. Noch immer ist das Interesse gering an beleuchteten Strassen in Slums und an Toiletten allein für Frauen, es sind keine medialen Geschichten, die Vergleichsnarrative folgen noch immer dem Bild des 19. Jahrhunderts, nur in der Umkehrung, es ist nicht länger der Harem voll williger Frauen, sondern die Männer selbst die nun „Jung-Männer-Rudel“ genannt werden, so als seien die Wilden in Pluderhosen auf wiehernden Pferden durch die Lande gezogen, so als gäbe es nicht genaue Täter und Motivationen, die keinem Klischee folgen, schon gar keinem aus dem Morgenland. Sexuelle Gewalt aber ist keine Projektionsfläche sexueller Phantasien, sondern in Indien wie in den 52 Ländern des afrikanischen Kontinentes eine harte Realität, deren Ursachen im Westen auf denkbar geringes Interesse stoßen.

Vielleicht sollten wir uns öfter daran erinnern, dass es seit 1520 mutige, selbstbewusste Frauen wie Margareta Luti genannt  „La Fornarina“ sind, die mit bestechendem Selbstbewusstsein und zwei Fingern zwischen den Brüsten liegend, daran erinnern, dass die sexuelle Selbstbestimmung der Frau ein Selbstverständnis europäischer Geschichte ist. Seit dem 16. Jahrhundert ist dieses Erbe verfemt, bekämpft, objektifiziert und angegriffen wurden. Aber ihr Anspruch wie ihr kühler, selbstbewusster Blick kann uns Vergewisserung werden, für das was wir sind, sein wollen und werden, wo immer wir leben, wer immer wir sind.

 

 

 

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