Delhi Diary-As an exception in German: Inmitten der Stille

Es ist ganz still. Frau Rajasthani lässt sich die Nägel machen. Im Zimmer ist es dämmrig. Herr Rajasthani kauft ein. Die Kinder sind in der Gitarrenstunde und die alten Rajasthani’s sind auf dem Weg nach Nainital, einem Paradies nicht nur für indische Rentner. Es ist ganz still. Auf dem Rücken liege ich halb im Schatten, halb in der Sonne, in jener merkwürdigen Dämmerstunde, die nie Tag und nie Abend ist. Lange schon ist mir das Buch aus der Hand gefallen. Eine ganze Stunde liegt  vor mir in der alles still ist. In die Stille hinein fliegt manchmal eine Taube, die sich aufs Fensterbrett setzt oder von weiter Ferne her quietschen die Reifen. Ansonsten ist es still. Müde bin ich, so müde und noch viel mehr. 100 Jahre lang schlafen klingt nicht schlecht. Ein wenig aus der Welt geworfen, schief und ein wenig verzogen fühlt sich das an. Ein wenig im Internet herum gelesen. Schneller noch wieder aufgehört. Gestaunt über das allerorten angerichtete Essen mit dazu präsentierten Weinetiketten. Immer wieder ein Staunen über die Festigkeit und Wohleingerichtheit anderer Leben, die nie ein Stück Käse vor dem offenen Kühlschrank essen oder schnell ein Blumenkohlparatha im Vorbeilaufen. Eine ferne Welt die ich nicht kenne, eine Welt aus Ehepaaren und Sonntagstatort, gutem Wein und tiefen Gesprächen, in ihr war ich immer nur ein entfernter Besucher, der sich nie recht zu benehmen wusste. Anderswo wird gebastelt, gehäkelt und gestrickt, ich sollte das schön finden denke ich, aber vor allem finde ich es langweilig und unendlich gleich. Ich wusste gar nicht, dass man sich um eine Schultüte den Kopf zerbrechen kann, aber ich war auch das Kind, das als Einziges keine Schultüte hatte und die Mädchen, die basteln und Schön schreiben konnten, waren alles, was ich niemals sein würde, das habe ich gelernt sobald ich in die Schule kam. Dann klappe ich das Notebook zu. Was habe ich schon zu erzählen? Und wer will denn hören, dass K.’s Mutter mir gestern stolz die Zahnbürste zeigte, die ich vor Jahren hier verteilte. Genutzt von fünf Personen. Mir selbst ist ja die Vergeblichkeit mit der ich heute loslief und 200 Zahnbürsten, das Stück 16 Rs besorgte und Zahnpasta dazu, klar und dennoch mache ich es, wohl auch weil ich kein Einhorn aus goldenem Zwirn stricken kann und keine Ahnung habe von indischem Wein. Eine stille Stunde nur, die langsam vergeht, die zögernd durchs Stundenglas rinnt, halb in der sinkenden Sonne und halb im dunkler werdenden Schatten liege ich, inmitten der Stille und verborgen vor den Augen der Welt.

5 thoughts on “Delhi Diary-As an exception in German: Inmitten der Stille

    • Oh, ich werde ganz rot! Es soll nun wirklich nicht den Anschein erwecken, ich wollte nach Komplimenten fischen, es sind auch sehr kleine Tropfen, die ich hier auf viel zu heiße Steine gieße. Danke!

      • Den Anschein hat es auch nicht erweckt. Natürlich sind unsere Möglichkeiten oft begrenzt, aber viele kleine Tropfen bewirken vielleicht doch irgendwann etwas.

  1. Ich hatte auch keine Schultüte. Und Weinettiketten sind mir so fremd wie Einhörner.
    Zahnbürsten sind viel wichtiger, und gar nicht langweilig.
    Vielleicht fühle ich mich deshalb so wohl hier.

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