Krankentage

Am 24.Dezember aber niese ich siebzehnmal hintereinander. „Herrschaftszeiten“, rufe ich und schüttle den Kopf. Dann fahre ich los, die Mali-Tant, den Jean und natürlich Kater Mau von der Bahn zu holen. Die Mali-Tant sieht mich an und schüttelt den Kopf: „Mädi, Du gehörst ins Bett“, sagt sie. „Ach geh“, sage ich und wir fahren heim. „Das Mädi ist krank“ ruft die Mali noch auf der Treppe. Die liebe C. sieht mich besorgt an, mein Vater sucht seinen Schlüssel und glaubt die Mali hätte ihn gefunden, die Nichtenschar lärmt wie eh und je und der Tierarzt sagt: „Mädchen, die Mali-Tant hat Recht, Du siehst aus, wie damals Kälbchen als es zu viel Klee gefressen hatte und ihm ganz taumelig wurde.“ „Tierarzt“ krächze ich, Du verstehst Dich wirklich auf Komplimente.“ Dann niese ich wieder siebzehnmal und da man gegen die Mali-Tant sowieso keine Chance hat, verschwinde ich mürrisch und missmutig ins Bett. Ganz gegen ihre Gewohnheit nimmt die Mali-Tant kein Reisebad und ganze gegen seine Gewohnheit machte nicht einmal Kater Mau Radau und wenn jemand Radau zu machen versteht, dann ist es doch Kater Mau, der einen niemals vergessen lässt, das Katzen vor vielen Jahren einmal Löwen waren. Als ich wieder aufwache habe ich Fieber, nein keine Wadenwickel, jammere ich, aber die Mali-Tant zischt nur Papperlapapp und überhaupt hat sie den ehemaligen geschätzten Gefährten den Sessel ins Schlafzimmer tragen lassen und lässt niemanden, nicht einmal den Tierarzt, die liebe C. und meinen verzweifelten, schlüsselsuchenden Vater herein. Auch der Jean, darf nur von der Tür Handküsse zur Mali herüberwerfen, die liebe C. bringt schließlich Champagner an dem die Mali nippt und ich schlürfe mit finstrer Miene Kräutertee und schlafe wieder ein. Als ich aufwache ist der 24. Dezember da und die Welt ist in Watte verpackt, aber vielleicht ist das auch nur mein Kopf. Ich mache nichts weiter als zittrig eine Karte zu schreiben, ein Glas kaltes Wasser- natürlich heimlich zu trinken- und wieder zurück ins Bett zu wanken. „Ich bin vielleicht wirklich krank“, sage ich zur lieben C. und die liebe C. seufzt: „Ach Süße, wo Du doch endlich einmal hier bist.“ Am 25. Dezember wache ich auf und die Mali-Tant sitzt noch immer im Sessel neben dem Bett. „Mali huste ich, das ist dich fad hier die ganze Zeit zu sitzen“, aber die Mali schüttelt den Kopf. „Geh Mädi, was erzählst Du für einen Quatsch.“ Ich wickele mich in die dicken Decken, Kater Mau wickelt sich in das Strickzeug der Mali-Tant, die Mali trinkt ein Glaserl Champagner und ich schlürfe heißen Kirschsaft und dann sage ich: „Erzähl mir von früher, ja?“ Die Mali nickt und dann höre ich der Mali zu, wie sie vom Wien erzählt, in das sie zurückkam, damals in den 1950er Jahren, in ein Wien, das sie kaum mehr wiedererkannte, so viel war passiert. Als ganze junge Ärztin fing die Mali-Tant an im Spital, da klebten die Namensschilder der jüdischen Ärzte noch an den Spinden, nur die jüdischen Ärzte gab es nicht mehr und die Mali, sagten die Kollegen hätte es auch nicht mehr geben dürfen. An jedem Samstag mussten die jungen Ärzte, die Mali war damals die einzige Ärztin im Spital und die Krankenschwestern, in der Krankenhauswäscherei Wäsche kochen, denn es gab zu viele Patienten und nicht genug Personal. Heiß war es in der Wäscherei und mehr als einmal, sagt die Mali sei eingeschlafen, denn die Dienste waren so lang und der Dampf so heiß und das stete Rühren der Wäsche unendlich ermüdend gewesen. Überhaupt habe es damals ständig Unfälle gegeben und immer seien es die Frauen gewesen, die mit einer Hand oder Verbrühungen bezahlt hätten, niemals die Männer. Die seien cleverer gewesen und hätten im Hof geraucht. Viele Jahre noch, sagt die Mali, sei sie nach dem Dienst im Spital zur alten Wohnung ihrer Eltern zurückgekehrt, hätte auf den Stufen darauf gewartet, ob ihre Eltern nicht doch zurückkehrten aus dem Lager. Aber natürlich sei niemand aus dem Lager zurückgekehrt und die Mali-Tant auf den Stufen der Treppe oft eingeschlafen. Erst im 1998er Jahr hat die Mali, die Wohnung, die ihre Eltern 1903 erwarben, von den Leuten, die sie 1940 übernahmen, zurückkaufen können und auch wenn die Mali seit Jahr und Tag mit Kater Mau und Jean nach Deutschland über Weihnachten fährt, so steht doch im Erker der Wiener Wohnung noch immer ein Weihnachtsbaum, genau dort wo ihr Vater, vor vielen Jahren als die Mali selbst noch ein kleines Mädchen war, ein Baum gestanden hat. „So Mädi“, sagt die Mali, „Du schläfst und ich übe mich im Fröhlich-Sein „und dann lächelt sie und ich denke, wie Recht sie doch hat, wir alle, die noch immer so tun als gäbe es Weihnukka wirklich üben uns im Fröhlich sein, dann aber schlafe ich ein. Als ich aufwache liegt die Hand der Mali auf meiner Stirn, die Nichten spielen UNO auf der anderen Bettseite, die liebe C. bringt mir Zimtsterne, der Tierarzt gibt ein Telefonat mit dem Priester in Sachen Kälbchen wieder, der ehemalige, geschätzte Gefährte und Mau balgen sich, Jean liest mir vor und mein bedauernswerter Vater sucht noch immer seinen Schlüssel.

Fast schon eine Weihnachtsgeschichte

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SÜÜÜÜ-SSSE schreit die liebe C. J-AH, rufe ich zurück, denn ich bin gerade am Telefon und versuche eine Überweisung für Frau Berger zu organisieren. Frau Berger hat sich den Arm gebrochen. Frau Bergers Tochter holt ihre Mutter aber in zwei Stunden für das Weihnachtsfest in Oldenburg ab und Frau Berger braucht ein Röntgenbild, Schmerztabletten und einen Gips. Frau Bergers Katze steht in einem rosa Katzenkorb auf der Anmeldung und miaut herzerweichend. In der Radiologie geht niemand ans Telefon, ich probiere eine neue Nummer, Frau Bergers Tochter ruft an und sagt: „Mutter auf keinen Fall kann die Katze mit nach Oldenburg, die Liesi hat eine Allergie auf Katzenhaare und der Helmut hasst Katzen und vor dreizehn Jahren hat sich eine Katze in das Berger-Tochter Auto übergeben und das passiert einem nur einmal. In der Radiologie geht endlich jemand ans Telefon. Frau Berger schreit: „nur über meine Leiche“, meint aber den Vorschlag die Katze in ein Heim zu geben und nicht meinen endlich erhörten Anruf in der Radiologie. „SÜÜÜÜ-SSSE schreit die C. noch einmal und will Frau Berger einen Stützverband machen. „Kannst Du mir Marcel abnehmen?“ Jaaahh, rufe ich zurück und Marcel stürmt in die Praxis. „Guten Morgen Deutsche Front“ schreit er. „Hallo Marcel“, sage ich. Marcel umarmt mich. „Morgen“ murmelt er. „Frau Doktor hat gesagt, ich soll noch mal zum Verband wechseln vorbeikommen.“ „Ich fürchte Du musst mir Vorlieb nehmen Marcel“ sage ich. „Okédoké“ sagt Marcel und krempelt seinen Ärmel hoch. Auf Marcels Armen sind lauter Tattoos. Tattoos, die man eigentlich nicht haben darf. SS Runen und Nazi Geschmiere. Marcel wird rot. Viele der selbstgestochenen Tattoos sind entzündet und eitrig. „Schöne Scheiße“, sagt Marcel und wird noch ein bisschen röter. „Schöne Scheiße“, sage ich und wir beide meinen nicht die Wunden. Ich säubere die Wunden und sage:

„Und Marcel, bist Du Weihnachten bei Mutti?“

Marcel schüttelt den Kopf. Muttern will mich nicht mehr sehen, nach der Scheiße mit dem Knast.

Marcel ist seit fünf Wochen aus dem Gefängnis raus. Autodiebstahl, Einbrüche, Schlägereien, wieder Auto knacken, keine Bewährungsauflagen erfüllt, zu viel Schnaps und so viel Drogen. Neun Monate. Marcel ist 21. Dünn und hochgewachsenen, ein Jungengesicht, immer noch der Junge, der zu oft Massnahme und niemals angenommen war. Marcels Mutter hat sieben Kinder. Marcel hat sie erzählt, sein Vater sei Amerikaner gewesen, aber in der kleinen Stadt sagen alle, Marcels Vater sei Uwe der Penner von der Tankstelle und Marcels Mutter eine Assi-Schlampe. Marcel war Nummer Fünf von Sieben und Marcels Mutter hatte keine Kraft mehr und bald auch keine Wohnung. Den größten Teil seiner Kindheit hat Marcel in den Obdachlosenbaracken am Stadtrand verbracht.

„Und Maria?“, frage ich. Maria war Marcels Freundin.

„Geschrieben hab ich der aus’m Knast“ sagt Marcel, „aber geantwortet hat sie nicht. Jetzt ist sie weg.“

Niemand aus der C. hat Marcel im Gefängnis besucht und es war die C. die Marcel gesagt hat, dass seine Oma gestorben war, während der neun Monate.

„Is nix mit Weihnachten“ sagt Marcel und starrt auf den Boden. Bei Omma war es schön. Omma hatte ne Katze und bei Omma war es warm.

„Die Kumpels bauen nur Scheiße“, sagt Marcel und er hat doch der lieben C. versprochen, dass das weniger wird mit den blöden Sachen.

„Mensch Marcel“, sage ich, „wo bist du denn Weihnachten?“

„In der Maßnahme“, sagt Marcel und sagt: „is schon okay so.“

„Sind echt nett da“, sagt er und ich denke an die sparsam möblierten Zimmer der Massnahme. Aber is schwer, wenn du nen Knacki bist.“

„Na ja, sage ich, aber Du bist ja auch Marcel.“

Marcel sieht mich verwundert an. „Die Frau Doktor hat mir gesagt Du hast die mittlere Reife geschafft im Gefängnis?“

Marcel nickt.

„Alle mal herhören“, rufe ich, Marcel hat den Abschluss.“ Alle klatschen. Marcel ist ja ohnehin schon rot.

Dann klingelt das Telefon und Marcel nickt: „Geht in Ordnung, geh ran.“

Der Radiologe ist dran, Frau Berger kann zum Röntgen und Gipsen kommen.

„Wir brauchen einen Ü-Schein für Frau Berger“, rufe ich. J-A-A, ruft die liebe C.

Inzwischen ist auch Tochter Berger eingetroffen. Tumult zwischen Mutter und Tochter um die Katze im pinken Korb.

Marcels Arm ist verbunden. „Die Frau Doktor will dich nochmal sehen“, sage ich und kehre zum Berger- Katzenproblem zurück.

Frau Berger weint.

Tochter Berger schweigt verstockt.

Miezi jammert.

‚Marcel‘, hauche ich der lieben C. zu.

Die liebe C. versteht sofort.

„Damen Berger“sagt sie, das ist Marcel. Marcel ist immer noch rot. Die Damen Berger starren Marcel an. „Der macht doch nur Ärger“, sagt die alte Frau Berger. Aber die liebe C. ist unbeirrt. „Marcel und Miezi“, sagt sie „sind beide gerade ein bisschen allein und könnten ein bisschen Gesellschaft vertragen und dann lächelt die liebe C. Es ist das Arztlächeln der lieben C. und sie neigt den Kopf, die liebe C. hat goldene Locken, sie sieht aus wie ein Engel und sagte: „Es ist doch Weihnachten.“ Mutter Berger nickt. Tochter Berge sagt: „Aber auch das Katzenklo säubern. Marcel macht den Käfig auf und Miezi sieht Marcel und Marcel sieh Miezi und die Damen Berger sehen Miezi und Marcel und die Damen Berger sehen was wir sehen, hier befreundet man sich Hals über Kopf.“

„Rufst Du in der Massnahme an?“, fragt die liebe C.

„Mach ich“, sage ich und bezirze die Massnahmenmadame eine Katze zuzulassen. Ich sage: Therapiekatze Miezi, Weihnachten, Kontakt, Nähe, Sozial, ich sage Wunder, ich sage, Mensch der Marcel ist doch so allein.“ Es sind harte 20 Minuten, dann knickt die Massnahmenmadame ein.

Marcel strahlt.

Die Damen Berger strahlen.

Tochter Berger fährt Mutter Berger ins Krankenhaus.

Tochter Berger fährt Marcel, Mizi, Katzenfutter und Streu in die Massnahme.

Wir machen die Praxis sauber.

Katzenhaare stöhnen die liebe C. und ich!“

Kurz bevor wir zusperren, ruft die Massnahmenmadame an.

„Seit fünf Wochen ist der Marcel hier“, sagt sie und ich habe ihn heute zum ersten Mal lächeln sehen.“

„Das ist doch fast eine Weihnachtsgeschichte“, sage ich zu meiner lieben C.

Die liebe C. nickt und lächelt mir zu: „Wirklich sagt sie, das ist fast eine Weihnachtsgeschichte, sie stellt den Anrufbeantworter an. Auf dem Tresen liegt der Ü-Schein für Frau Berger.“

„Ich geh schon“, sage ich und für einen Moment glaube ich eine große, weiße Katze und ein schmaler Engel im blauen Kleid balancieren über das Fensterbrett, der kleinen Praxis am Rand des Marktplatzes der kleinen Stadt. Aber mit ausschließlicher Sicherheit vermag ich es nicht zu sagen. Katzen wie Engel sind wohl verschwiegene Wesen und so bleibt mir nur Ihnen ein gesegnetes, ein fröhliches, ein wunderbares Weihnachtsfest zu wünschen.

Hören Sie nicht auf an Wunder zu glauben.

Weihnukka

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Um fünf Uhr in der Früh angelt das Fräulein Read On nach den Pantoffeln. Um 5.10 Uhr stellt das Fräulein Read On fest, dass das Huhn nicht in den Suppentopf passt. Um 5.25 köchelt das Huhn in einem eisernen Zuber, welcher schon um 1512 Landsknechtsheere versorgt haben mag. Nicht weniger später nämlich besteigt am Wiener Westbahnhof die Mali-Tant gemeinsam mit der Siamkatze Mau im Korb den Zug nach Berlin. Das Fräulein schält acht Kilo Kartoffeln für die abendliche Latkesproduktion. Das Fräulein Read On hackt Gemüse und richtet Obstspieße für die Kinderschar, die am liebsten nur Nudeln mit Butter mag. Um acht Uhr seufzt das Fräulein Read On und um Neun kühlen 300 Florentiner Kekse auf dem Balkon. Das Fräulein gähnt und deckt den Tisch. Das Ungeheuer von Chanukkia ( eine Selbstanfertigung von Onkel A. ), mit dem man problemlos eine Horde Einbrecher niederschlagen könnte, ist schwärzlich angelaufen. Das Fräulein googelt: Chanukka Leuchter selber machen. Die Ergebnisse lassen Onkel A. als geschmackvollen Künstler erscheinen. Eine Stunde später hat das Fräulein pechschwarze Hände und der Leuchter sieht aus wie mit Rostschutzfarbe gestrichen. „Im Dunkeln fällt das nicht weiter auf“, sagt der ehemalige, geschätzte Gefährte der F., der aus der Klinik nach Hause kommt, um steinschwer ins Bett zu fallen. Das Fräulein setzt Krapfenteig an und backt, einmal die Hände im Mehl noch einmal Vanillekipferln und dann noch Engelsaugen, die Schwesterchen doch so liebt. Die Mali-Tant steigt in Würzburg um und das Fräulein sucht hektisch die Liederhefte. Denn im letzten Jahr stimmte die Nichte: „Alle meine Entchen an“, als sie bei Yemei Ha Chanukka nicht weiterwusste. Zum Glück sind die gängigen Shabbes-Lieder in „Yehuda und Raizels“ Hochzeitsbuch abgedruckt. Dann klingelt das Telefon. Es ist die D. Die D. beschwert sich bitterlich über den goyishe Unsinn zu Chanukka Kekse zu backen. Ich richte derweil für die abendlichen Gäste bunte Teller an auf denen sich Marzipan, bunte Kringel, Orangen, ein Dreidel und Gelt ( goldene Schokoladenmünzen) mit Tannenzapfen Nikoläusen und vielfachen Sorten Plätzchen türmen. Die D. hält derweil einen Vortrag über den Niedergang frummen Lebens und schimpft auf den Rabbi der alles schleifen liesse. Ich hänge die roten Kugeln neben die Glaskugeln, die ich von meiner Großmutter erbte und verabschiede mich wortreich von der D. Mit rasender Geschwindigkeit nähern sich die Mali-Tant und Kater Mau Berlin. Ich rase zurück in die Küche und wirble dort wie der tanzende Derwisch. Abwasch und mit einer Hand in der Zitronencreme rühren, natürlich klemme ich mir die Finger in der Küchenschublade und als ich nach dem Leukoplast fummle, kocht die Zitronencreme fast über, aber neben Schnittwunden fallen Brandblasen ohnehin kaum auf. Ich mache Pasteten und Weihnukka wäre nicht Weihnukka gäbe es nicht den Kartoffelsalat, den schon mein Urgroßvater machte und den Rote-Bete-Salat mit Walnüssen für den meine Großmutter, die Chanukka nicht schreiben konnte und in der Küche zum Weihnachtsoratorium das Dressing rührte, selbst bei den frummsten der frummen Familien in Jerusalem, über den grünen Klee gepriesen wurde. Denn Onkel A. entlockte ihr in einer schwachen Stunde einmal das Rezept. Schneller und schneller aber rennt die Uhr und noch immer ist die Linzer Nusstorte nicht aus der Form. Fluchend und leicht hektisch hantiere ich mit Schiebern und Messern, finde den Topflappen nicht, stoße hektisch gegen den Abfallkübel mit seinem Everest aus Kartoffelschalen, vergesse, dass die Form doch heiß aus dem Ofen kommt, versuche mit dem Schürzenzipfel nach der Form zu greifen, glitsche auf den Kartoffelschalen aus, reiße dabei die Schüssel mit der Zitronencreme nach unten und mit Nusstorte auf dem Schoß und Zitronencreme im Dekolleté, sehe ich wie mir der Topflappen aus der hinteren Hosentasche rutscht. Ich zähle bis zwanzig bevor ich fluche. Die Nusstorte ist gerettet, die Zitronencreme muss neu gemacht werden, aber der Wecker verkündet die Ankunft der Mali-Tant in vierzig Minuten, die des Schwesterchens, Kindern, der C. und meines Vaters, und den alten Auschwitzer-Kreis für nicht viel später und so stürmen wir zum Auto, mit rauchenden Reifen halten wir kurz vor knapp vor dem Hauptbahnhof. Die Koffer der Mali-Tant tragen zwei schöne Epheben ( schön, aber einfältig wird die Mali-Tant im Auto sagen ), der F. bekommt den fauchenden Kater Mau im Korb überreicht und dann küsst die Mali-Tant mich zweimal rechts und links bevor sie den F. und mich kritisch mustert: „Geh Mädi, heuer ist aber Chanukka und nicht Purim, ja?“

Das Fräulein Read On nämlich trägt die Küchenschürze noch über dem Mantel und der F. nichts weiter als seinen zerknitterten, grünen OP-Kittel. Das Fräulein hält einen Kochlöffel ( die Zitronencreme ) in der Hand und die Mali-Tant lacht aus ganzem Herzen. Wer also glaubt, dass der Antisemitismus, das größte jüdische Problem sei, der hat noch nie Chanukka, Shabbat und Weihnachten auf ein und denselben Tag fallen sehen.

A freiliche Chanukka!

Fröhliche Weihnachten Ihnen allen!

Feierliches Beisammensein zum Jahresausklang

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich der Jude bei uns im Kolleg seit Jahr und Tag für die Weihnachtsfeier zuständig bin. Die Weihnachtsfeier aber kann nicht länger Weihnachtsfeier heißen. Das Wort Weihnachtsfeier sei ein Begriff, der Anstoß errege und Gefühle missachte, sagte man mir. Anonyme Briefe seien eingegangen und es habe Beschwerden gegeben. Mir ist nicht klar, warum nun eine Weihnachtsfeier verletzender sein solle, als ein falsch adressierter Liebesbrief, aber andere mögen mehr Gefühle haben als ich. Ich spreche also mit dem Hausmeister, der die Dekorationselemente ( eine mäßig funktionierende Lichterkette und einen Karton mit unbrauchbarem Klimbim vor das Büro hievt. Ich seufze. „Hausmeister, sage ich kommen Sie denn auch?“ Der Hausmeister bellt schwer Verständliches. Ich mache mein freundlichstes Schafsgesicht und der Hausmeister bellt noch einmal: „Ob es mulled wine ( eine eigentümliche Spezialität dieses Landstriches, nicht unähnlich eines Punsches gebe.) Ich nicke und sage aber gewiss, mulled wine gehört doch zu den traditionellen Spezialitäten eines feierlich, festlichen Jahresendumtrunks. Der Hausmeister starrt mich entsetzt an, dann schlurft er nach draußen und steckt sich eine Zigarette an.

Ich schicke eine Einladung umher, die höflich-freundlich und alles Weihnachtliche vermeidend, die lieben Kollegen zum zahlreichen Erscheinen bittet. Elf Minuten später, stürmt die B. aus dem Iran gebürtig in mein Büro. „Äh, Du Read On, die Einladung da, das ist die Weihnachtsfeier, ja?“ Ich seufze und nicke und murmele etwas von verletzten Gefühlen. Die B. sieht mich sehr irritiert an. „Heißt das es gibt dieses Jahr keinen Weihnachtsbaumschmuckwettbewerb?“ Ich schüttle den Kopf. Die B. flucht. „Sag doch nicht immer Weihnachtsbaum B.“ sage ich, besser ist: „Immergrünes Jahresendgewächs.“ Die B. zeigt mir einen Vogel. „Aber „mince pies“ gibt es schon noch, fragt sie und ich nicke. Am Abend gehe ich in den einzigen Lebensmittelladen des kleinen Dorfes. „Frau des Krämers“ sage ich, „wir brauchen Mince Pies für das festliche Beisammensein zum Jahresschluss.“ „Fräulein Read On sagt die Frau des Krämers haben Sie Fieber?“ Ich mache doch jedes Jahr Mince pies für die Weihnachtsfeier.“ Ich zucke zusammen. Die Frau des Krämers will meinen Erklärungen nichts wissen. „Stadtmenschen“ knurrt sie wie der alte Hofhund und schüttelt den Kopf. Ich nicke besänftigend. Dann gehe ich herüber zum Metzger. Das Dorf hat zwei einen für Geflügel und einen für Schwein und Rind. Letzteren betrete ich fast nie. Deswegen ruft die Verkäuferin auch gleich nach hinten: „Cheeeeef, das Fräulein Read On!“ Der Chef kommt und strahlt: „Ach Fräulein Read On, Sie kommen wegen der Bestellungen für die Weihnachtsfeier! „Ach Metzger sage ich, es ist heuer Besinnliches Beisammensein im Schein warmer Lichter.“ Der Metzger schaut verdutzt. „Wenn Sie das meinen Fräulein Read On!“ Ich seufze wieder und bestelle: Würstel im Schlafrock, Pasteten und vielerlei andere Dinge. Zuhaus jage ich den Tierarzt los einen Mistelzweig zu besorgen und der Tierarzt schnauft. „Das ist sooo überholt“. Niemand hat doch mehr einen Mistelzweig über dem Türrahmen hängen. Noch dazu auf einer Weihnachtsfeier.““Papperlapapp“ erwidere ich: „Der Mistelzweig kommt in eine Vase, und zweitens ist der Mistelzweig ein frohes Symbol frischen Lebens, symbolisiert Neunanfänge und lässt die Liebe hochleben. Keineswegs repräsentiert der Mistelzweig vorrangig Weihnachtliches.“ Der Tierarzt starrt mich entsetzt an. „Manchmal glaube ich der Priester hat Recht sagt er und du warst bestimmt einmal im Jesuitenseminar.“ Tierarzt sage ich: Mistelzweig. Ich übersetze einen Stapel Fragen aus Max Frischs Questionnaire. Wenn sich schon nicht geküsst werden soll, dann muss man wenigstens Gesprächsbedarf schaffen. „Gibt es kein Weihnachtsrätsel dieses Jahr?“ fragt mich der  W. und ich seufze. Doch sage ich es gibt ein Rätsel, welches sich dem Thema: Das Jahr neigt sich dem Ende zu zum Thema hat. W. zieht die Stirn in Falten. „Du meinst das Weihnachtsrätsel ja?“ Ich knurre. „Wirst du wohl aufhören das W- Wort ständig im Mund zu führen?“ Der W. weicht rückwärts aus dem Raum. Ich öffne die Kiste mit dem Dekorationsklimbim und setzte schnarrend und schnaufend das immergrüne Ungetüm zusammen. Dann behänge ich es mit genug Klimbim, dass man es keineswegs für einen Weihnachtsbaum, sondern nur für einen Pfingstochsen halten kann.

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Pfingstochse in Aktion

Ich überlege noch, ob ein Zettel mit der Aufschrift: DIES IST KEIN WEIHNACHTSBAUM!!! hilfreich wäre. Am Abend der Feier dann bin ich die einzige die keinen mulled wine schlürft, unter keinen Umständen auch nur ein Würstchen im Schlafrock anrührt, von Jingle Bells nicht einmal die erste Strophe kennt und in der Küche natürlich Handschuhe trägt zum Einwicklen des Schinkens in die Melonenscheiben. Die Gäste sind heiter und lustig und haben augenscheinlich Freude mit Max Frisch. In der Dunkelheit spiegelt sich die kunterbunte Plastiktanne. Ich denke wie so oft an meine Großmutter, die kopfschüttelnd zu mir sagte, dass die DDR glaubte man könne aus Engeln, Jahresendflügelfiguren machen und noch mehr als das es mich wundert, dass ich der einzige Jude des Kollegs die Weihnachtsfeier organisiert, erstaunt mich, dass sich ausgerechnet Universitäten in jene Reihe der Verbiegungen und Wortbrechereien einreihen, für die die DDR zu Recht so traurige Berühmtheit erlangte.

As an exception in German:Schwesterchen beklagt sich sehr.

Schwesterchen sagt: „Du weißt, dass wir kommen, ja?“ Aber Schwesterchen sage ich, ihr kommt doch jedes Jahr. Schwesterchen seufzt. „Dir ist immer alles egal.“ Aber nein sage ich, Schwesterchen, nein. Natürlich ist mir euer Kommen nicht egal. Hör doch zu, sagt Schwesterchen, natürlich sind wir dir nicht egal, aber Weihnachten ist dir egal. Schwesterchen schnauft. Es ist ein wütendes Schnauben, das Schnauben eines jungen Drachen, kurz vor der Feuerspeiabnahmeprüfung. Nein, nein sage ich, denn nun gilt es den Drachen zu versöhnen. Aber Schwesterchen kommt erst so richtig in Fahrt. Letztes Jahr hast Du Dich geweigert den ausgesuchten Baum mitzunehmen, klagt es durch das Telefon, so als hätte ich die Nichten und Neffen an der Haltestelle vergessen. Nein, nein sage ich Schwesterchen, bitte erinnere dich: Du wolltest eine 3 Meter hohe Silbertanne erwerben, die 198 Euro kosten sollte und niemals nie auch nur ansatzweise in den vorhandenen Weihnachtsbaumfuss gepasst hätte. Schwesterchen knurrt beleidigt und fühlt sich bestätigt: „Dir ist das eben alles egal. Sich einer solch herrlichen Tanne zu verweigern, sagt doch schon alles, was es über dich zu sagen gibt. Dann spricht Schwesterchen von Weihnachtsfesten mit meterhohen Tannenbäumen und glitzernden Kugeln, von schneeverwehten Hügeln und Bienenwachskerzen ( ich versuche möglichst lautlos zu gähnen.) Schwesterchen ist nun bei Stutenkerlen und  böhmischen Glaskugeln angekommen und ich schließe die Augen bis meine Schwester: „Lametta“ sagt. Unter gar keinen Umständen sage ich, kommt Lametta an den Baum. Lametta ist der Albtraum selbst. Wer Lametta an den Baum hängt, liest Paul Coelho Bücher und findet Gel-Nägel schön. Lametta ist indiskutabel. Schwesterchen knurrt: wenn es nach Dir ginge, wäre der Baum kahl und grün und alles wäre kalt und öde. Kein Lametta sage ich und Schwesterchen schweigt. Du bist gemein sagt sie, wirklich hundsgemein und unfestlich noch dazu. Kein Lametta sage ich und überlege, wo genau eigentlich der Karton mit den roten Kugeln sein könnte. Schwesterchen klagt und jammert, aber ich muss los. Schwesterchen sage ich, lass uns morgen weitersprechen, ja? Aber Schwesterchen sagt: Immer ist Dir alles egal und ich sage besser nichts mehr und hoffe mir fällt ein, wo der Karton mit den Weihnachtssachen sein könnte? Auf dem Speicher? Oder doch im Keller? Ich werde ihn doch wohl nicht aussortiert haben?

As an exception in German:Von kommenden Tagen

B. seufzt und nimmt noch ein Stück Kuchen. Der ist gut, sagt B. und ich nicke. Ich gehöre definitiv nicht zu den Menschen, die sich freuen wenn es  den Gästen schmeckt. Ich will gelobt werden. Vor allem für den Walnuss-Schokoladen-Kuchen, der wirklich ziemlich gut ist und von dem B.sich gerade ein drittes und nicht ganz, kleines Stück abschneidet. Aber dann seufzt der B. erneut auf und stöhnt als peinige ihn ein tiefer Schmerz. In Wirklichkeit ist der B. aber kerngesund. Nur kurz bevor er das Flugzeug nach Irland bestiegen habe, um eben mich zu besuchen, habe ihm seine Frau, die C. nämlich eröffnet, dass ihre Eltern die Festtage bei ihnen verbringen würden. Im Halteverbot stehend, hätte die C. dann noch nachgelegt: Zehn Tage lang gedächten ihre Eltern zu bleiben. Wie betäubt, so der B. habe er im Flugzeug gesessen. 10 Tage mit diesen Personen sei länger als die Ewigkeit. Im letzten Jahr, hätte die Mutter der C. sämtliche seiner Schränke geöffnet und sich nicht davor gescheut, die Krawatten des B. farblich zu sortieren, dann nach seinen Socken zu greifen und auch diese nach einem Farbschema, das irgendeiner fernöstlichen Philosophie entlehnt sei neu in der Lade zu arrangieren. Schließlich aber, der B. abwesend in der Küche, sozusagen als Höhepunkt des Ganzen, wäre die Mutter der C. dazu übergegangen seine Unterhosen und Unterhemden zu bügeln, zu falten und neu zu arrangieren. Der B. dem dieses Unterfangen dann doch zu Ohren gekommen sei, hätte fast der Schlag getroffen. Die Stimmung sei dann endgültig dahin gewesen. Die C. erzählte mir später, dass „Vertrauensbruch“ und „undankbarer Flegel“ noch die harmlosesten  der Anschuldigungen gewesen seien. Der B. schnauft nun vor Wut. Aber auch der Vater der C. sei ein unerträglicher Zeitgenosse. Nicht nur, dass er stundenlang über die Leiden seines Daseins als gesetzestreuer Steuerberater klagte und warmes Kulmbacher Bier zum Frühstück fordere, als sei das nicht genug des Elends, nein der Vater seiner C., sei der personifizierte Spießer. Berlin für ihn natürlich die Hauptstadt der organisierten Kriminalität. Den tausendfachen Beteuerungen des B., dass anders als in Südbaden in der Zeitung zu lesen, nicht beständig böse Menschen darauf lauerten, das Auto des Vaters der C. anzuzünden und restlos zu zerstören, habe er keinen Glauben geschenkt und stattdessen einen unmäßig teuren Stellplatz gemietet, natürlich nicht ohne tägliche Kontrollgänge zur Besichtigung des  Wagens durchzuführen. Der von B. initiierte Weihnachtsspaziergang sei von seinem Schwiegervater einzig dazu genutzt wurden, die Graffiti zu fotographieren: zum Beweis für den Skatklub daheim, der ruhig auch sehen solle, wie es hier zugehe. Der B. schnauft und schlägt sich mit der Hand  gegen den Kopf. „Komm“ sage ich,“ wir gehen ans Meer.“ Während wir am Ufer stehen und in die grauen Wellen sehen, frage ich mich doch mit leisem Bangen ob auch wir so werden, wenn wir älter sind.

Ob wir dann wohl auch in jedem Hauseingang einen Mörder wittern, lieber zweimal nach dem Riemen der Handtasche greifen und aus DER WELT Artikel ausschneiden, die beweisen, dass die Welt den Bach herunter geht? Ob dann wohl auch Leute, beim Kuchen essen über uns den Kopf schütteln werden, lachen und mit den Schultern zucken über uns als die wunderlichen Alten, oder ob schon jetzt Leute, die so alt sind wie wir, aber  mit ganz anderer Wahrnehmung der Realität genau so reden, sprechen und leben wie die Eltern der C.?