Vergoldeter Dank

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Einen goldenen Dank an Sie alle, die so wunderbar mitreißend, Daumen und Tatzen gedrückt hielten, gute Gedanken, ihre Stimmen und überhaupt ihre Großzügigkeit in die Waagschale geworfen haben und dieses kleine Blog vergoldet haben. Ich danke Ihnen allen sehr und von Herzen, denn ohne sie ist dieses Blog ja nur eine Seite Papier im großen, weiten Internet und füllten Sie es nicht mit Leben, dann gäbe es dieses Blog zwar auch, aber nicht als einen Ort an dem man Tee trinkt, die Stirn runzelt, die Augenbraue hebt, lacht und erzählt, die Türen zu schlägt, doch wiederkommt und so ist dieser Preis, ein Preis für Sie alle, die sich einlassen mögen auf andere und vielleicht ungewohnte Perpsektiven auf die Welt und auf ein Leben. Dafür, dass Sie dies tun und damit das Internet selbst zu einem offenen Ort machen, in dem viele Geschichten, Platz haben, dafür kann es gar nicht genug Gold geben.

Oft ist „das Internet“ eine anonyme Riesenmaschine und auch diesem Blog weht immer wieder und immer anders kalter Wind entgegen, denn die Welt bleibt ja nicht außen vor, sondern findet auch hier statt, oft und mit Recht wird darüber geschrieben und geleitartikelt, dass es um Klicks und Werbung und und und und geht, und Blogs ohnehin tot seien, eine Art Fossil angespült an einem fernen Strand, längst überholt und längst überkommen. Aber dann steht während man dort und überlegt sich unter dem Tisch zu verstecken, da trifft man sie, die Erzähler des Internets. Die großartige, wortgewandte Chronistin der Tage und Dinge, die Kaltmamsell, die unermüdlich engagierte Juna , die fabulöse, zupackende und so herzenswarme Notaufnahmeschwester und kaum hat man sich versehen, schon schwatzt mit der so schnellen wie klaren Barbara Bierach aus Sligo und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Geschichten und ihre Erzähler sehr lebendig und sehr, sehr eindrucksvoll sind und ist das nicht auch schon fast eine Geschichte für sich, dass man einem Abend vom Fröhlichen und Heiteren, zum Traurigen und Ernsten wandern und wechseln kann und die Welt mit anderen Augen sieht. Ein Dank von Herzen auch an die Organisatoren, die mit viel Engagement, Zeit und Kraft seit so vielen Jahren, die Blogs zu Wort kommen lassen und ihnen einen ganzen Abend widmen. Diese Arbeit, neben ihrer eigentlichen Arbeit lässt sich kaum in Gold aufwiegen. Danke.

Ansonsten gilt: Danke und wieder und wieder Danke und natürlich was der Bär sagt!

Da ich im gewinnen wirklich keine Übung habe, habe ich das gemacht, was ich seit 318 Tagen und so viele von Ihnen mir gemeinsam tun, nämlich eine Karte für Deniz geschrieben und  vorgelesen, denn darum geht es auch hier und heute, immer wieder an der Freiheit des Wortes festzuhalten:

Berlin, 29-01-2018 ( Karte No.318)

Merhaba Deniz,

ich habe noch nie etwas gewonnen, nicht einmal eine Papierrose auf dem Jahrmarkt, aber was man nie gewonnen hat, kann man nicht verlieren. Ich bin Meisterin im Verlieren. Gäbe es eine Olympiade ich wäre immer Erste. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich selbst in den Mänteln ohne Taschen noch immer Worte eingenäht habe. Es ist seltsam pathetisch dies zu sagen, aber und man sieht es am deutlichsten blickt man vom Verlieren her, die Wörter erweisen sich am Ende und leider niemals am Anfang als hartnäckiger als alles Andere. 1000 und eine Nacht sprach Sherezade, noch immer gibt es die Zettel, die Briefe fast alle reißen mitten im Satz ab, die Männer und Frauen aus den Deportationszügen warfen, noch immer erzählen Mütter ihren Kindern, Geschichten, die sogar Monster unter den Betten vertreiben, noch immer werden Liebsbriefe geschrieben, meist zu später Stunde, in jedem Einkaufszettel lässt sich Goethe finden und wenn die „Hängt Sie alle auf-Schreier doch nur wüssten wer Karl Kraus wäre, dann da bin ich mir sicher, verstummten sie sofort und Karl Kraus gäbe nicht nach.

So schnell, wie man in ein Wort hineinfällt, so schwer ist es vergifteten Wörtern zu entkommen, jedes Wort hat seinen Preis und ob ein Wort zu spät kommt, weiß man immer erst hinterher oder man ist Harry Heine. Es gibt Wörter, die machen Seitenstechen vor Lachen und es gibt Wörter, die hören niemals auf weh zu tun. Jedes Wort hat Abgründe, einen doppelten Boden, klingt im Sommer anders als im Januar und auch deswegen fürchten sich Diktatoren so vor dem Wort, so vor Menschen, die wie wir hier alle heute Abend, um das Wort ringen, ob in 140 Zeichen oder 2000 Worten, alle hier setzen Worte aus mitten in die Landschaft und die Wörter laufen los, und man glaubt es nicht, aber die Furcht vor den Wortern, vor Postkarten, Liedern, Kochrezepten, Anleitungen für schöne Wimpern, und das Liebesleben der Oktopusse ist schon genug, damit sie zittern und die Worte versuchen zu ersticken, aber schon pfeift einer das nächste Lied und die persische Prinzessin liest auf den Zinnen ein langes Epos vor und der Armeegeneral träumt von langen Fliegenbeinwimpern, während er doch eigentlich Armeen gegen Wörter ins Feld führen soll und so gewinnen am Ende immer die Wörter, auch wenn das Warten einen so bange macht, so unruhig, schon kommen die Wörter, jeden Tag werden die Wände von Silvri und all den anderen Gefängnissen, dünner, immer werden die Wörter lauter und still und einsam wird es um die Diktatoren, die nicht verstanden haben, dass ein Echo immer weiter reicht, noch das kleinste Schlüsselloch brechen die freien Wörter herein. Deniz, die Wörter hören nicht auf und die Freiheit, die Freiheit, die kommt.

Immer herzlich,

Ihr,

Fräulein Read On

180 Karten und ein Geburtstagsbrief für Deniz

( Was nicht auf der Karte steht.)

 

Dublin, 10.09. 2017

Lieber Deniz,

ich bin keine gute Geburtstagsbriefschreiberin. Nicht nur weil meine Karten an Sie mit dem Türkisch-Wörterbuch, einer zerfledderten Türkisch-Grammatik und dem PONS TÜRKISCH-Intensiv-Kurs zusammengeleimt sind, ( das aber auch ), vor allem aber, weil der Anspruch mit dem guten Füller jetzt besonders gute Wünsche zu formulieren, allzu schnell ins schauderlich Banale abgleiten, denn was weiß man schon über die Wünsche der Anderen.

Ein Freund von mir pflegte an Geburtstagen immer den Müttern zu gratulieren. Richtig mit Blumenstrauß und Pralinen. „Was hat man denn schon mit dem eigenen Geburtstag zu tun?“, sagte er und die Mütter freuten sich, glaube ich schon. Also, dieser soll Geburtstagsbrief mit einem Hoch auf ihre Mutter beginnen. Ich kenne Ihre Mutter nicht sonst: Blumen. Einen großen Strauß. Sonnenblumen, ihre Mutter hat einen großen Sohn. Deutsch die Sprache mit dem doppelten Boden. Ja, ihre Mutter hat einen großen Sohn und Sonnenblumen soll Sie haben. Am besten gleich ein ganzes Feld. Mit Blumen soll man sich nicht in Bescheidenheit üben.
( Mit dem Lob auf die Mütter schon gar nicht. )

Heute an ihrem Geburtstag stürmt es in Irland, Regen und Wind und um sieben Uhr war ich Schwimmen. Rauschende Brandung, scharf der Sand zwischen den Zehen, eine Sturmböe und wieder Regen. „Was für ein Wetter“, sagen die Nachbarn und Sie gehen ins Wasser. Ich nicke dann immer und klappere mit den Zähnen, aber mit den Füßen im Sand, da dachte ich Freiheitswetter, ist das heute. Nichts anderes. Ein Sturm, der Fenster öffnet und Türen eindrückt, Regen der sich unter die Keller schiebt und das Meer, das brüllende Meer, Neptun als Staatsmann, unbesänftigt und vor allem unnachgiebig. Die Luft und das Meer, die harten Wellen ihnen liegt die Freiheit zu Grunde. Heute ist ihr Geburtstag, dachte ich und eine Welle schlug über meinem Kopf zusammen. Für zehn Sekunden atemlos. Das wünsche ich Ihnen, nichts anderes, nichts von alledem, was auch noch ginge, nur das: möge die Welle der Freiheit sie erreichen. Ob es die siebente oder die achte Welle ist, ich will nicht zählen, sondern die Freiheit soll zu ihnen kommen, Türenschlagen, mit klappernden Fensterläden, mit Gebrüll und Geschrei, so soll die Freiheit zu ihnen kommen, laut und mit der Faust auf den Tisch soll die Freiheit schlagen, das die Wände wackeln, einstürzen und nichts bleibt übrig als grauer Staub und vereinzelte Steine. Die Freiheit soll hereinbrechen, soll Sie herausbrechen, soll über ihrem Kopf zusammenschlagen, wie die kalte Welle über mir am Morgen. Ich wünsche Ihnen, dass die Freiheit ihnen den Atem nimmt. Einen Schluckauf sollen Sie kriegen von so viel Freiheit.

Eine Frechheit soll die Freiheit Ihnen sein. Lautes Gelächter, nichts Schüchternes, nichts Schamhaftes soll die Freiheit für Sie sein, sondern unbändig, wild und mit dem eisernen Willen behaftet, der Sie doch trägt, soll die Freiheit sie bei den Händen nehmen, schwielige, raue Hände, die Freiheit hat viel gesehen- stelle ich mir vor-hinter sich herziehen soll die Freiheit Sie, bis Sie stolpern vor so viel Freiheit und den Freiheitsschluckauf haben Sie ja noch immer. Aber das alles macht nichts, das alles muss genau so sein.

Die Freiheit singt laute Lieder. Nicht nur das Lied von den freien Gedanken, mir war es immer etwas zu zahm. Ich glaube die Freiheit grölt Räuberlieder und da bin ich mir sicher die Marseillaise. Die Freiheit ist ein scharfes Schwert. Erinnern Sie die Szene in Casablanca? Im Offizierskasino sitzen die Deutschen und schmettern die Wacht am Rhein und dann geht Victor im weißen Dinnerjackett zur Kapelle und sagt: La Marseillaise! Und es ist Victor nicht Rick, der hier der Freiheit zu ihrer Stimme verhilft und nach zwei Minuten ist die Wacht am Rhein Geschichte und Yvonne, Himmel, Yvonne mit diesem Gesicht in dem die Freiheit steht, wird nicht zur Marianne, sondern hier singt die Freiheit selbst und hier muss ich immer weinen. Die Freiheit ist ein zorniges Lied, ein Lied aus der Kneipe nicht aus dem Männergesangsverein. In der großen und vielleicht der einzigen Szene in der die Deutschen und die Freiheit zueinander finden 1989 in der Nacht in der die Mauer fällt und die Menschen, die Freiheit mit den Händen greifen, da spielt in meinem Kopf die Marseillaise. ( Ich muss immer weinen. ) Ich kann mich über diese Nacht nicht beruhigen. Eine Nacht reicht für die ganze Freiheit. Die Szene in Casablanca endet mit Vive la France, aber es ist die Freiheit die leben soll, es sind Sie, der in Freiheit leben soll, Sie sollen die Freiheit mit beiden Händen greifen, sie sich in die Tasche füllen, sich an ihr betrinken, besinnungslos.

Ich wünsche Ihnen nichts als die Freiheit, diese Freiheit, die unbändige, wilde Freiheit, die soll zu ihnen kommen, durch Fenster und Türen, durch den Spalt Himmel, nicht lange fragen, nicht mit dem Schlüssel kommen, sondern mit der Wucht des Sturmes, der die Türen offenhält, und Sie und nicht ich müssen den Deutschen schreiben, das sie die Freiheit nicht preisgeben sollen, einen Freiheitswecker mit leuchtenden Ziffern möchte man den Deutschen schenken, aber heute haben Sie Geburtstag und ich wünsche, dass die Freiheit Sie sich zurückholt, die Freiheit der offenen Tür.

Gestern schrieb mir jemand und ich war gerührt, sehr sogar, mehr noch als beim Anblick Humphrey Bogart’s, warum die Postkarten an Sie nicht auf Deutsch geschrieben seien, sondern auf Türkisch und ich erklärte, dass die Chancen sonst noch schlechter stünden, dass die Karten Sie doch erreichten. Und er schrieb: „Es sind deutsche Landsleute. Sie lesen und schreiben deutsch in Deutschland.“ Das wünsche ich mir, Sie sehen, was für eine schlechte Geburtstagsbriefschreiberin ich bin, mir nun auch etwas zu wünschen, nämlich, dass Sie der deutsche Journalist und ich der heimatlose Jude uns auf Deutsch schreiben können- in aller Freiheit.

Vive la liberté. Frei sollen Sie sein, in diesem Ihrem, neuen Lebensjahr.

Ihr Fräulein Read On