Die Sache mit den koscheren Macarons, Herrn Shmuel Refua und dem betrügerischen mashgiach von Tel Aviv.

Ich: Seid ihr gut angekommen? Hier ist grässlich kalt, grau, Kater Mau ist widerborstig, der Tierarzt schäkert mit der Mali-Tant und ich bin knochenmüde

Die liebe C: Süße, wir sind gut angekommen. Nur du fehlst. Wirklich, Süße Du sollst nicht immer nur für die Anderen machen und tun.

Ich: Liebes, warum flüsterst du so? Es ist doch erst Erev Pessach, da musst Du doch noch keine Regeln brechen.( Die A. ist gewissenhaft religiös und benutzt am Shabbat oder an hohen Feiertagen keine Elektronik)

Die liebe C.: Die A. hat einen Zustand und erträgt deshalb keine Telefongespräche, deswegen bin ich ins Bad geflohen.

Ich: Jetzt schon? Hat mein Vater Kekse vor ihren Augen gegessen?

Die liebe C. ( erschauernd ): JessasMaria und Joseph, sag doch nicht so etwas.
Dein Vater zeichnet die A. und all ihre Töchter und na ja, du kennst ihn ja.

Die liebe C. seufzt. ( Mein Vater pflegt mit höchst unschuldiger Miene, Karikaturen seiner Mitmenschen anzufertigen.)

Ich: Die A. hat also einen Anfall. Einen normalen, einen speziellen oder einen außergewöhnlichen wie damals als sie herausfand, dass ihre Mutter selig erst Ginrummy mit Herrn Shmuel Refua spielte und er sich dann Freiheiten herausnahm, die die Mutter der A. sehr, die A. aber ganz und gar nicht zu schätzen wusste?

Die liebe C. ( erschauernd): Oy. Die Sache mit Herrn Shmuel Refua werde ich nicht vergessen, auch wenn ich 111 JAhre alt werde!

Ich: Niemand wird die Sache mit Herrn Shmuel Refua vergessen.

Die liebe C. und ich: Kichern

Die liebe C.: „Es ist ein mittelschwerer Anfall. Ich dachte erst sie hätte die Marzipaneier in der Tasche deines Vaters gefunden. Jedenfalls saßen wir bei Tisch und dann klingelte das Telefon. Du weißt ja wie empfindlich die A. ist, wenn man bei Tisch sitzt und ein Telefon klingelt. Jedenfalls machte sie Tsk Tsk Tsk und sagte: „Es gibt keinen Grund eine Familie bei ihrem Mahl zu unterbrechen.“ Du weißt ja wie sie ist. Aber das Telefon hörte trotzdem nicht auf zu klingeln. Nach dem siebzigsten Klingeln erbarmte sich deine Schwester und sagte: „Du A. Bébé No. 5 verträgt das Klingeln so schlecht.“

Ich: Kichere.

Die liebe C. kichert.

Jedenfalls ist die die A. dann endlich ans Telefon gegangen und als sie wieder kam, war sie leichenblass und das erste was sie sagte war: Gedemütigt bis an das Ende aller Tage. Gedemütigt von Selina Bodenstein.
Wir alle saßen natürlich betretend schweigend da, bis dein Vater fragte: A. was ist denn eigentlich passiert? Du weißt ja wie dein Vater ist.

Die A. jedenfalls hat einen spitzen Schrei ausgestoßen und auf die Schachtel mit den Macarons gezeigt, die auf der Anrichte standen. Dann stand sie auf und warf mit einer Wucht, die niemand der A. zugetraut hatte, die Schachteln mit den Macarons auf den pesach-blanken Küchenfußboden.

Dann schrie die A. lauter Wörter, die ihr niemand zugetraut hatte. ( Außer Shmuel Refua natürlich!)

Die liebe C. kichert.

Ich kichere.

Die liebe C. sagt: Die A. hat die Macarons aus Tel Aviv kommen lassen. Warum sie das getan weiß keiner, denn die A. sagt ja immer aus Tel Aviv kommt nur Schlechtes unter anderem auch Herr Shmuel Refua. Jedenfalls hat Selena Bodenstein eine Schwester und die hat auch Macarons in der Bäckerei in Tel Aviv bestellt. Das für sich fand die A. natürlich empörend, aber das hätte wohl nur für einen kleinen Anfall gereicht. Aber der Anruf von Selena Bodenstein hat ja etwas ganz anderes zu Tage gefördert. Eine andere Kundin, die wiederum die Schwester von Selena Bodenstein kennt, hat dort auch ihre bestellten Macarons abgeholt, aber als sie nach ihrer Geldbörse kramte, da sagte der Verkäufer zu ihr: „Pssst, diese Macarons sind nicht KOSHER FOR PASSOVER. Der Freundin der Schwester von Selina Bodenstein war entsetzt, ungläubig und dann sprachlos. Der Verkäufer aber wisperte der mashgiach ist ein Betrüger und hat Label mit der Etikettiermaschine seines Vaters ausgedruckt und ist Hals über Kopf mit der Frau des Bäckers durchgebrannt. Die Bäckerei habe seit zwei Tagen schon ihre Zertifizierung verloren, verkaufe aber noch munter weiter die Macarons, die definitiv nicht kosher for passover seien. Dann habe der Verkäufer die Frechheit besessen der Freundin der Schwester von Selina Bodenstein noch seine Telefonnummer aufzudrängen. Fünf Minuten später wusste es ganz Tel Aviv und fünfzehn Minuten später dann auch die Schwester von Selina Bodenstein, fünfundzwanzig Minuten später Selina Bodenstein selbst und dann kam es eben zum Anruf bei der A.

Ich muss kichern.

Die liebe C. kichert.

Die liebe C. sagt: Die A.ist außer sich. Sie ist nur noch nicht sicher, was sie mehr erregt der betrügerische Mashgiach, die Demütigung durch Selina Bodenstein oder dein Vater.

Ich sage: Oh?

Die liebe C. sagt: Du kennst ihn doch, er hat natürlich sofort die Macaron-Schachteln errettet und die Macarons mitsamt der Kinderschar genüsslich verzehrt. Das alles hat die A. natürlich noch mehr erregt und sie hat türenschlagend den Raum verlassen und geschrien: Schmutz und Schande und dann auch noch die Jeckes im Haus.

Ich kichere.

„Süße“, sagt die liebe C. Du siehst wir treten hier auf einem Minenfeld. Dein Vater will Dir auch noch guten Abend sagen!“

Die liebe C. küsst ins Telefon.

Ich küsse ins Telefon.

Mein Vater sagt: Ich habe noch kein Marzipanei essen müssen, dank des betrügerischen mashgiach und den sehr guten Macarons.

Ich muss kichern.

Mein Vater sagt: Die A. veflucht aus einem sich mir nicht erschließlichen Zusammenhang den armen Herrn Shmuel Refua und die Bäckerei in einem Atemzug.

Mein Vater seufzt.

Mein Vater sagt: Das wird eine sehr lange Woche. Aber ich habe auch sehr viele Marzipaneier im Koffer.

„Süße, sagt mein Vater, ich muss Schluss machen. Die liebe C. und ich sind allein im Badezimmer, alles ist wie, als ich 18 war, aber damals hatte die liebe C. nichts für mich übrig und ich muss die Gelegenheit jetzt nutzen, wenn du verstehst, was ich meine.

Ich verstehe genau.

Mein Vater sagt: Die liebe C. ist 18. Kind, sie wird wirklich noch rot.

Die liebe C. ruft: Du kennst ja deinen Vater. Ich rufe Dich morgen früh an!

Mein Vater wirft Küsse hinterher.

Kind, sagt mein Vater, dann aber doch noch, es ist wirklich zu Schade, dass Du nicht hier bist, was Du alles in dieses Internet schreiben könntest!

Fußnote 1: Ein Mashgiach ist ein Inspektor, der die Einhaltung von koscheren Standards in allen möglichen Institutionen überprüft.

Der lange Weg aus Ägypten

Die liebe C sagt: “Süße, dein Vater kann seinen Pass nicht finden.

Mein Vater sagt: „Kind, ich habe den Schlüssel für die Wohnung in Jerusalem gefunden!

Die A. sagt: Ich kann mit vollem Stolz behaupten meine Wohnung ist kosher für Pessach. Wie schaut es denn bei Dir aus?

Ich denke: Angeberin! Und esse einen Keks, aber vorsichtig, so dass die A. mich am Telefon nicht hört!

Die Nachbarin zur Rechten sagt: „Read On, der Peter trägt nachher die Kisten mit den verbotenen Lebensmitteln zu uns herüber. Es tut uns wirklich sehr leid, dass der Schweigervater letztes Jahr so derart in deinen Vorräten geplündert hat. Kriegsteilnehmer, was soll man machen?“

Ich sage: Danke und drücke der Nachbarin zur Rechten einen Blumenstrauß in die Hand.

Der ehemalige geschätzte Gefährte F: sagt: Weißt Du, das ich als Kind immer heimlich ein Baguette im Nachtschrank versteckte, um G*tt herauszufordern?

Ich sage: Wärst Du mal beim Baguette geblieben.

Meine Schwester sagt: Die Kinder mögen keine Matzot. Wie erkläre ich das der A.?

Die liebe C. sagt: Süße, ich erkläre der A. alles, wenn Du nur Deinem Vater hilfst seinen Reisepass zu finden.

Mein Vater sagt: Ich habe eine Packung Kekse und Käsecracker in meiner Tasche verstaut. Die A. kocht erbärmlich schlecht.

Der Tierarzt sagt: Mädchen, war das Pessach wo ein goldenes Kälbchen geschlachtet werden sollt?

Ich sage schnaubend: Verfluchter Mist, ich habe den Meerettich vergessen.

Die A. sagt: Bodensteins essen Reis zu Pessach. Was sind das nur für Barbaren! Aber eine Hut mit Feder trägt Selima Bodenstein in der Shul. Was für Angeber.
Tsk Tsk Tsk

Meine Nichten heulen: Alle Kinder bekommen Goldhasen und wir dürfen nur Kaninchenfutter

Die liebe C. sagt: Süße, Dein Vater hat Marzipaneier im Handgepäck, sprich du doch noch einmal mit ihm. Die A. vergisst sich sonst wirklich.

Ich sage: Papa, lass das doch mit den Marzipaneiern sein.

Mein Vater sagt: „Ich lasse mich doch nicht von religiösen Hardlinern unterjochen. Ich bin ein freier Jude.

Der F. sagt: Hier war doch gestern noch ein halber Kuchen?

Die Mali-Tant sagt: Also geh Mädi, ich brauch meine Semmel am Morgen!

Mali-Tant sage ich, ist es nicht merkwürdig, dass Du ausgerechnet immer an Pessach deine Vorliebe für Weißgebäck entdeckst?

Die Mali-Tant sagt: Damit Du es nur weißt Champagner ist immer und grudsätzlich kosher.

Der Tierarzt sagt: Also ich verstehe das nicht, der Pharao hat ein Kälbchen gefordert und als ihr ihm kein Kälbchen gegeben habt, hat er euch mit Fröschen beworfen.

Mein Neffe sieht den Tierarzt zweifelnd an und sagt: „Weißt Du Tierarzt, das alles ist wirklich schon sehr lange her.

Der Tierarzt seufzt und murmelt etwas von Geheimnissen vor Kälbchen und allgemeinen Unwohlsein.

Die liebe C. sagt: Süße, Du musst uns wirklich nicht zum Flughafen fahren, wahrscheinlich bleiben wir ohnehin hier, wenn Dein Vater nicht endlich seinen Pass findet.

Die D: sagt: Wo seid ihr zu Pessach?

Der A. sagt: Ist bei noch Platz an Pessach?

Der F. sagt: Müssen wir in die Shul?

Die A. sagt: Wann seid ihr in der Shul?

Die G. sagt: Ich probiere dieses Jahr lauter, neue Rezepte aus. Pessach kommt ja nun wirklich nicht überraschend. Und Read On, was hast du denn für Meerrettich?

Ich schweige bedrückt.

Die Mali-Tant sagt: Meerrettich, wir sind doch keine Armenhäusler!

F. sagt: Das Date-Ale ist definitiv kosher for passover.

Ich sage: Urks!

Die A. sagt: Selena Bodenstein hat einen goldenen Pessach-Teller.

Nichten 1-3 heulen: WIR WOLLEN GOLDHASEN!

Ich sage: Himmel, in dem Schrank ist ja auch noch Mehl!

Der T. sagt: Wir backen unsere Matzot ja selbst! Der T. hält einen sehr langen Vortrag über die Verunreinigungen der Bäckerei aus der ich Matzot beziehe.

Ich funkle den T. böse an und sage: Papperlapp.

Die A. sagt: Keine der Töchter von Selina Bodenstein können grüßen! Ha, was Besseres, aber sie essen Reis zu Pessach.

Die liebe C. sagt: „Wenn Dein Vater seinen Pass nicht gleich findet, dann packe ich den Koffer wieder aus.“

Die Nichten 1-3 heulen: GOLDHASEN!

Der F. sagt: Mein Bruder hat einmal über Pessach Sarah Silbermann einen Frosch ins Bett gelegt.

Ich sage: Wie ist dein Bruder an das Bett von Sarah Silbermann gekommen?

Der F. sagt: Mein Bruder hat sich über sieben Balkone geangelt, ist durch das Badezimmerfenster der alten Tante Chana über eine Terrasse auf das Dach der Silbermanns geklettert, hat das angekippte Fenster von Sarah geöffnet und den Frosch unter ihr Kopfkissen getan als die gesamte Familie Silbermann bei Tische saß. Wusstest du, dass Sarah Silbermann einen schrecklich langweiligen Rabbi geheiratet hat und vier schrecklich,langweilige Töchter hat?

Vielleicht hatte sie von der Aufregung auch einfach genug für den Rest ihres Lebens, frage ich, aber der F. schwenkt sein Telefon vor meiner Nase herum. Hier die schöne Myra macht Macarons die Kosher für Pessach sind. Das ist schon etwas anderes als deine Matzo-Ball Suppe, die es Jahr für Jahr gibt.

„Du kannst gerne die schöne Myra mit deiner Anwesenheit beehren“, knurre ich finster.

„Vielleicht sollte ich auch noch einen Frosch fangen, lacht der F.

Mein Vater sagt: Kinder streitet euch nicht. Bei der A. müssen wir Rote Bete Salat essen.

Die liebe C. sagt: „HEUREKA!“ ICH HABE DEN PASS!

Mein Vater sieht so aus als wolle er, ähnlich wie die Nichten auch gleich anfangen zu schluchzen.

Die liebe C. sagt: Telefon, Pass, Schlüssel-Jerusalem, Geschenke. Alles da.

Nichte No. 3 heult: Und wo ist Kanzler Bär?

Schwesterchen sagt: Das Schönste an Feiertagen ist, wenn sie vorbei sind.

Die Mali-Tant sagt: Matzot. Ich verstehe das nicht, wenn ich Papier essen will, dann esse ich Papier.

Der Jean sagt: Liebes, ich finde deine Suppen wunderbar!

Ich sehe den Jean dankbar an.

Der Tierarzt murmelt: Mah nishtanah, ha-laylah ha-zeh,
mi-kol ha-leylot. Heißt das: Kälbchen sei dahingeschlachtet?

Nein, sage ich, Tierarzt niemand schlachtet ein Kälbchen.

Der Tierarzt atmet erleichtert aus.

Ich reiche dem Tierarzt die Kinder Haggadah.

Ich google: Macarons kosher passover.

Die liebe C. ruft: Himmel, wo sind die Autoschlüssel?

Der F. sagt: Sarah Silbermann hatte die längsten Beine im Stadtviertel.

Ich zähle langsam bis 29.

Süße, rufe ich, ich habe die Autoschlüssel!

Schwesterchen zählt die Kinder.

Mein Schwager zählt die Kinder.

Mein Vater zählt die Kinder.

Die liebe C., zählt die Kinder.

Die Mali-Tant sagt: Ich habe eine ganze Sachertorte im Koffer.

Der Tierarzt sagt: Der Pharao war ein wirklich unangenehmer Mensch.

Mein Vater sagt: Die A. hätten sie ruhig in Ägypten behalten können.

Der F. sagt: „Los jetzt, sonst verpasst ihr nur das Flugzeug. Ich fahre euch!“

Türenschlagen, Tumulte, noch mehr Tränen.

Dann Stille.

Ich sage: Endlich! Die Haus, Küche und Hof sind kosher für Pessach.

Dann fällt mir eine Packung Kekse auf den Kopf.