Sonntag

Früh am Morgen aufwachen. Zu früh selbst für die Vögel. Verschlafene Schatten in den Bäumen sind die Vögel. Ich putze mir die Zähne, die Schatten in den Bäumen tauchen die Schnäbel in eins, zwei, drei Tropfen Regenwasser, schütteln das Gefieder, frühstücken auf dem Balkon, plustern das Gefieder, nicken sich zu, einer stimmt an, alle stimmen ein. Ein singender Baum vor dem Fenster. Das Haus schläft, Kater Maus Ohren zucken, die Vögel singen ein Spottlied auf die schläfrigen Katzen. Warme Socken, einen alten Pullover, selbstgestrickt, schon lange ist mir die Geduld dafür schon abhanden gekommen, aber den Pullover gibt es noch immer, warm ist der Pullover, ein ganzes Schaf auf meinem Rücken. Im Türrahmen steht der Tierarzt gähnt erst, lächelt mir zu, legt die Ohren ans Fenster, die Vögel sind schon in der achten Strophe des Katzenchorals angekommen. Morgen Mädchen, sagt der Tierarzt, legt mir die Hand auf die Wange, Pfefferminz in meinem Atem, der Tierarzt riecht von fern nach Osterlamm, von Nahem immer nach Orangen und Muskat, der Tierarzt erzählt mir von einem Traum. Die ganze Nacht hindurch habe er komplizierte Gleichungen gelöst. Atemlos und immer sei schon die nächste gefolgt. Dann sitzen wir beide auf der breiten Fensterbank, meine Füße liegen in seinen Händen.

„Vermisst Du Ostern?“, frage ich ihn. Das habe ich mich gefragt in der Nacht, in der der Tierarzt Gleichungen löste, ob es ihm nicht fehlen würde, die Messe, ein Osterlamm auf dem Frühstückstisch, wenigstens zum Ansehen, Ostereier an grünen Sträuchern, Messdiener, eine Osterkerze und all das was ich nicht weiß über Ostern. Ich bin über Ostern niemals in Deutschland gewesen, auch meine Großmutter, die über mich lachte, wenn ich das Brot über Pessach aus dem Haus verbannte, stand Ostern fern, die einzige Erinnerung, die ich an Ostern habe, ist ein Buch. Das Buch hieß: „Die Häschenschule“ und ich gruselte mich vor der Stimme meiner Großmutter, die den gestrengen Hasenlehrer mit Rohrstock unter dem Arm mimte und Hasenhans und Hasengrethe und nicht zuletzt der böse Fuchs machten mich über Wochen schauern vor den Abgründen der Welt in den Wiesen. Aber mehr verbinde ich nicht mit Ostern, keine Bräuche, keine Lieder, außer Bach, die Liebe meines Vaters zu Marzipan und meinen Unwillen einen Goldhasen zu schlachten.

Der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Nein, sagt er, er vermisse nichts. Damals als er ein Kind war, da buk seine Mutter Hot Cross Buns, sein Vater trank nach der Messe mit Freunden und immer weinte seine Mutter irgendwann Abends, weil der Stew ansetzte und der Vater noch immer trank. Seine Großmutter aber habe den ganzen Tag in einem Stuhl am Ofen geschlafen. Ich lege meinen Kopf auf seine Knie und der Tierarzt legt seine Hände auf meinen Rücken. Tee, und Matzot mit Honig, die Mali-Tant kommt dazu, Mau schlürft Milch, die Mali trinkt schwarzen Kaffee.

Grau ist der Himmel, wir legen bunte Eier für die Nachbarskinder ins Gras. Kinderlachen, die alte Freundin Wildtaube macht einen Osterspaziergang im Gras. Die Mali-Tant aber will etwas erleben. Wir laufen zur Bahn, es ist nicht weit bis nach Potsdam, die Mali läuft schneller als wir beide zusammen, Schneeregen, der Atlas mit der Welt auf seinen Schultern leuchtet über den grauen Dächern der Stadt.

Wir gehen ins Museum Barberini hinüber. Dort kann man Max Beckmann sehen. Welttheater heißt die Ausstellung. Max Beckmann hat überall auf der Welt Circus-Vorstellungen und Varité Abende besucht, hat in den Kneipen und Cafés der Städte seines Lebens gesessen und die dünnen Kulissen gezeichnet und gemalt und wir stehen vor seinen Bildern. Er, der Maler mit den traurigen Augen, der im Ersten Weltkrieg in Belgien fast den Verstand verlor, er der Maler, der die Huren zeichnete, denen das Gesicht in den Spiegel fällt, er der die Trinker malte mit den Scherben im Glas und den Auegnklappen, er malte die großen Ganoven und die Hütchenspieler, er der Maler, der der Welt nicht auswich, nicht den Mietskasernen, nicht den Varietés, die eigentlich Bordelle waren und auch nicht den Gescheiterten, den Verbogenen, den Zerbrochenen, die seine Bilder bewohnen, er verkleidete sich in Weimar einmal als Jesuit und malte sich später als einen traurigen Clown. Gemalt hat Beckmann auch (1868-1935) Sie war die erste deutsche Luftschifferin- was für ein Wort-und wohl auch ein ausgestorbener Beruf. Aber damals im Kaiserreich als in Potsdam ein König lebte, da wurde sie Ballonfahrerin und Fallschirmspringerin und ein Talent hatte sie für den freien Fall und so wurde sie auch Luftakrobatin, stürzte sich aus dem Fallschirm in die Tiefe und irgendwo im Publikum stand der Maler Max Beckmann und zeichnete sie in sein Skizzenbuch. In der Vitrine vor dem Bild, sieht man Käthe Paulus in Pluderhosen und mit Schiffermützchen, wie sie dabei ist sich aus dem Ballonkorb zu hangeln, eine zierliche Frau sieht man auf dem Foto, aber auf dem Bild von Max Beckmann sieht man eine entschlossene Frau, eine Frau, die ohne zu Zögern Atlas seine Kugel abnähme und auch ihn auf dem Rücken trüge und Atals vielleicht wäre die Last seines Lebens endlich los.

In einer anderen Vitrine liegt eine Broschüre des Hotel Hotel Eden. Grün ist die Broschüre auf dem Bild sieht man einen Wintergarten und am rechten Rand steht eine Flasche Champagner. Max Beckmann soll dort gewesen sein, aber die Mali-Tant steht lange vor der Broschüre, lehnt sich an meinen Arm, zieht meinen Kopf zu sicher herunter und sagt: Geh Mädi, hier haben meine Eltern Logis genommen, nach ihrer Hochzeit, damals im 13er Jahr und dann stehen wir beide vor der Broschüre und die Hände der Mali in meiner sind kalt. Das Hotel Eden, aber wie die Welt von Max Beckmann und der Mali aber gibt es schon lange nicht mehr. Dann gehen wir weiter, ich gehe noch einmal zurück, um ein Bild anzusehen auf dem ein Seiltänzer über ein Seil balanciert, unter dem Seil liegt ein Mann auf dem Boden. Er trägt ein rotes Trikot. Als ich zurückkomme, da steht der Tierarzt mit der Mali vor einem anderen Bild, Quappi und Max Beckmann haben sich in einem Fasching als Pferd verkleidet und vor dem Bild stehen der schmale Tierarzt, der nur noch Schatten ist, nur noch Augen und Haar, wie die Vögel vor Anbruch des Tages, und die zierliche Mali, 96 Jahre alt, sie legt ihm die Hand an den Rücken und sie hält ihn fest.

Lange sehe ich auf das Bild der beiden und durch sie das Bild von Max Beckmann und Mathilde von Kaulbach, seiner zweiten Frau und dieses Bild, die Hand der Mali auf dem Rücken des Tierarztes, das werde ich mitnehmen durch die Jahre, die kommen werden ohne sie.

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In der Bahn zurück in den südlichen Vorort der großen Stadt sind wir fast allein, eine Mutter mit ihrem Kind, und vier Russen. Sie trinken klaren Schnaps und einer der Männer beginnt erst mit schwerfälligen Bewegungen, dann aber mit schneller kreisenden Hüften eine Art trunkenen Lap dance an der silbernen Stange, langsam vor und zurück kreisen seine Hüften, seine Zunge schnalzt leckend und immer wieder nimmt er einen Schluck aus der Flasche. Es ist als habe eine Figur von Max Beckmann den Rahmen verlassen und führe nun mit uns durch die Lande, aber als der Mann sich kreiselnd an die Stange hängt, steigen wir aus, gehen zurück in den Wald, dort rauschen die Kiefer. Die Mali schläft, der Tierarzt macht Tee, ich lese ein Buch aus und dann sehen wir in die tropfenden Bäume hinaus und warten auf die Eule, die am späten Nachmittag in der Kiefer erwacht. Heiß ist der Tee an unseren Lippen, der Winter will nicht enden in diesem Jahr.

Die Sache mit den koscheren Macarons, Herrn Shmuel Refua und dem betrügerischen mashgiach von Tel Aviv.

Ich: Seid ihr gut angekommen? Hier ist grässlich kalt, grau, Kater Mau ist widerborstig, der Tierarzt schäkert mit der Mali-Tant und ich bin knochenmüde

Die liebe C: Süße, wir sind gut angekommen. Nur du fehlst. Wirklich, Süße Du sollst nicht immer nur für die Anderen machen und tun.

Ich: Liebes, warum flüsterst du so? Es ist doch erst Erev Pessach, da musst Du doch noch keine Regeln brechen.( Die A. ist gewissenhaft religiös und benutzt am Shabbat oder an hohen Feiertagen keine Elektronik)

Die liebe C.: Die A. hat einen Zustand und erträgt deshalb keine Telefongespräche, deswegen bin ich ins Bad geflohen.

Ich: Jetzt schon? Hat mein Vater Kekse vor ihren Augen gegessen?

Die liebe C. ( erschauernd ): JessasMaria und Joseph, sag doch nicht so etwas.
Dein Vater zeichnet die A. und all ihre Töchter und na ja, du kennst ihn ja.

Die liebe C. seufzt. ( Mein Vater pflegt mit höchst unschuldiger Miene, Karikaturen seiner Mitmenschen anzufertigen.)

Ich: Die A. hat also einen Anfall. Einen normalen, einen speziellen oder einen außergewöhnlichen wie damals als sie herausfand, dass ihre Mutter selig erst Ginrummy mit Herrn Shmuel Refua spielte und er sich dann Freiheiten herausnahm, die die Mutter der A. sehr, die A. aber ganz und gar nicht zu schätzen wusste?

Die liebe C. ( erschauernd): Oy. Die Sache mit Herrn Shmuel Refua werde ich nicht vergessen, auch wenn ich 111 JAhre alt werde!

Ich: Niemand wird die Sache mit Herrn Shmuel Refua vergessen.

Die liebe C. und ich: Kichern

Die liebe C.: „Es ist ein mittelschwerer Anfall. Ich dachte erst sie hätte die Marzipaneier in der Tasche deines Vaters gefunden. Jedenfalls saßen wir bei Tisch und dann klingelte das Telefon. Du weißt ja wie empfindlich die A. ist, wenn man bei Tisch sitzt und ein Telefon klingelt. Jedenfalls machte sie Tsk Tsk Tsk und sagte: „Es gibt keinen Grund eine Familie bei ihrem Mahl zu unterbrechen.“ Du weißt ja wie sie ist. Aber das Telefon hörte trotzdem nicht auf zu klingeln. Nach dem siebzigsten Klingeln erbarmte sich deine Schwester und sagte: „Du A. Bébé No. 5 verträgt das Klingeln so schlecht.“

Ich: Kichere.

Die liebe C. kichert.

Jedenfalls ist die die A. dann endlich ans Telefon gegangen und als sie wieder kam, war sie leichenblass und das erste was sie sagte war: Gedemütigt bis an das Ende aller Tage. Gedemütigt von Selina Bodenstein.
Wir alle saßen natürlich betretend schweigend da, bis dein Vater fragte: A. was ist denn eigentlich passiert? Du weißt ja wie dein Vater ist.

Die A. jedenfalls hat einen spitzen Schrei ausgestoßen und auf die Schachtel mit den Macarons gezeigt, die auf der Anrichte standen. Dann stand sie auf und warf mit einer Wucht, die niemand der A. zugetraut hatte, die Schachteln mit den Macarons auf den pesach-blanken Küchenfußboden.

Dann schrie die A. lauter Wörter, die ihr niemand zugetraut hatte. ( Außer Shmuel Refua natürlich!)

Die liebe C. kichert.

Ich kichere.

Die liebe C. sagt: Die A. hat die Macarons aus Tel Aviv kommen lassen. Warum sie das getan weiß keiner, denn die A. sagt ja immer aus Tel Aviv kommt nur Schlechtes unter anderem auch Herr Shmuel Refua. Jedenfalls hat Selena Bodenstein eine Schwester und die hat auch Macarons in der Bäckerei in Tel Aviv bestellt. Das für sich fand die A. natürlich empörend, aber das hätte wohl nur für einen kleinen Anfall gereicht. Aber der Anruf von Selena Bodenstein hat ja etwas ganz anderes zu Tage gefördert. Eine andere Kundin, die wiederum die Schwester von Selena Bodenstein kennt, hat dort auch ihre bestellten Macarons abgeholt, aber als sie nach ihrer Geldbörse kramte, da sagte der Verkäufer zu ihr: „Pssst, diese Macarons sind nicht KOSHER FOR PASSOVER. Der Freundin der Schwester von Selina Bodenstein war entsetzt, ungläubig und dann sprachlos. Der Verkäufer aber wisperte der mashgiach ist ein Betrüger und hat Label mit der Etikettiermaschine seines Vaters ausgedruckt und ist Hals über Kopf mit der Frau des Bäckers durchgebrannt. Die Bäckerei habe seit zwei Tagen schon ihre Zertifizierung verloren, verkaufe aber noch munter weiter die Macarons, die definitiv nicht kosher for passover seien. Dann habe der Verkäufer die Frechheit besessen der Freundin der Schwester von Selina Bodenstein noch seine Telefonnummer aufzudrängen. Fünf Minuten später wusste es ganz Tel Aviv und fünfzehn Minuten später dann auch die Schwester von Selina Bodenstein, fünfundzwanzig Minuten später Selina Bodenstein selbst und dann kam es eben zum Anruf bei der A.

Ich muss kichern.

Die liebe C. kichert.

Die liebe C. sagt: Die A.ist außer sich. Sie ist nur noch nicht sicher, was sie mehr erregt der betrügerische Mashgiach, die Demütigung durch Selina Bodenstein oder dein Vater.

Ich sage: Oh?

Die liebe C. sagt: Du kennst ihn doch, er hat natürlich sofort die Macaron-Schachteln errettet und die Macarons mitsamt der Kinderschar genüsslich verzehrt. Das alles hat die A. natürlich noch mehr erregt und sie hat türenschlagend den Raum verlassen und geschrien: Schmutz und Schande und dann auch noch die Jeckes im Haus.

Ich kichere.

„Süße“, sagt die liebe C. Du siehst wir treten hier auf einem Minenfeld. Dein Vater will Dir auch noch guten Abend sagen!“

Die liebe C. küsst ins Telefon.

Ich küsse ins Telefon.

Mein Vater sagt: Ich habe noch kein Marzipanei essen müssen, dank des betrügerischen mashgiach und den sehr guten Macarons.

Ich muss kichern.

Mein Vater sagt: Die A. veflucht aus einem sich mir nicht erschließlichen Zusammenhang den armen Herrn Shmuel Refua und die Bäckerei in einem Atemzug.

Mein Vater seufzt.

Mein Vater sagt: Das wird eine sehr lange Woche. Aber ich habe auch sehr viele Marzipaneier im Koffer.

„Süße, sagt mein Vater, ich muss Schluss machen. Die liebe C. und ich sind allein im Badezimmer, alles ist wie, als ich 18 war, aber damals hatte die liebe C. nichts für mich übrig und ich muss die Gelegenheit jetzt nutzen, wenn du verstehst, was ich meine.

Ich verstehe genau.

Mein Vater sagt: Die liebe C. ist 18. Kind, sie wird wirklich noch rot.

Die liebe C. ruft: Du kennst ja deinen Vater. Ich rufe Dich morgen früh an!

Mein Vater wirft Küsse hinterher.

Kind, sagt mein Vater, dann aber doch noch, es ist wirklich zu Schade, dass Du nicht hier bist, was Du alles in dieses Internet schreiben könntest!

Fußnote 1: Ein Mashgiach ist ein Inspektor, der die Einhaltung von koscheren Standards in allen möglichen Institutionen überprüft.

Das Fräulein ist recht schadenfroh.

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Nein, ich gebe es offen zu ein angenehmer Zug meines Wesens ist es nicht: und doch nach der ewigen Pessachputzerei, dem gähnend leeren Brotfach, der Überzahl an gekochten Eiern und dem schauderhaften Rezept für Selleriesalat, den die A. mir empfohlen hatte, und einer gewissen Grundmiesepetrigkeit darüber, dass die gesamte Familie nach Israel reiste und nur ich zurückblieb und der Seder-Abend zwar durch Kälbchen, den Tierarzt und den Priester erhellt wurde, aber nicht das war, was ich gern gehabt hätte, tragen noch zu dieser Lust an hundsgemeiner Schadenfreude bei. Zudem reist der Tierarzt erst morgen an und als ich den Einkaufskorb schnappte, schlief der ehemalige geschätzte Gefährte noch selig und so konnte ich voller Glück und Seligkeit meinem gemeinen Wesen freien Lauf lassen. Mit dem Fahrrad nämlich radelte ich nicht wie sonst üblich gleich zum Markt, sondern in einen Supermarkt. Der Supermarkt ist am Gründonnerstag um 10 Uhr ein wahres Fest für Menschen wie mich, die nach den Dramen anderer Familien und  ihrer Feiern lechzen. So sie heute morgen also ein Fräulein in Mantel und Tuch und pinken Schuhen sehr langsam mit einem roten Korb durch den Einkaufsmarkt haben wandern sehen, so war das sehr wahrscheinlich niemand anders als ich selbst.

Schon am Gemüsestand- ich inspizierte Avocados zur Tarnung-, wurde ich fündig. Ein älteres Ehepaar-er mit Segelschuhen und blauem Matrosenpullover um die Schultern geschwungen- und sie mit in die Haare geschobener Sonnenbrille funkelten sich über kilometerlange Einkaufszettel an- „Deine Tochter“ schrie er während er empört eine Orange schüttelte: „Deine Tochter hat in ihrem Leben noch nie nicht am Essen gemäkelt. Wir schulden ihr gar nichts. “ Seine Frau aber weiß, wer jetzt nachgibt, hat auf immer verloren: „Dein Sohn“ ätzt sie zurück „duscht so lang wie alle meine drei Töchter zusammen.“ Ihrem Mann fällt die Orange aus der Hand. „Jetzt ist mein Sohn schuld, ja?“ Sie steht mit verkniffenen Lippen vor den Auberginen und wirft wahllos Salatköpfe in den Einkaufswagen. Er indes streicht den Posten Orangen vom Einkaufszettel und stapft in Richtung Käseregal. Und auch ich laufe weiter. Weit muss ich nicht gehen. Vor dem Regal mit gefärbten Eiern stapelt ein Mann Eierkarton um Eierkarton in den Einkaufswagen. „Mehr, mehr wir brauchen mehr Eier, Günther“ feuert sie ihren Mann an. Der sieht nach dem fünften Karton skeptisch zu ihr herüber. „Echt jetzt?“ Sie nickt bekräftigend. „Ick will aber nich bis Pfingsten die Eier uffessen“, sagt er, aber sie winkt nur ab. „Dein Vater, sagt sie, mit seine vier Hunde, hat sich letztes Jahr uffjeregt ohne Ende, dit wir keine Nester im Garten mit Eiern hatten für die Viecher. Dit mach ick nicht noch mal mit. „Der Mann der Günther heißt und auf dessen dunkler Jogginghose ein Löwe sein Maul aufreißt, lädt weitere Eierkartons in den Einkaufswagen. „Die Scheißköter“ höre ich ihn murmeln als ich vorbeigehe. Ein Drama ganz anderer Natur spielt sich am Stand mit den Lindt-Hasen ab, eine ältere Dame, zählt ab: zehn Lindt-Hasen braucht siefür:LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA. Das Lindt-Regal jedoch weist schon große Lücken auf. Zwar gibt es noch Hasen mit goldenem Glöckchen, doch es gibt nicht mehr zehn Hasen, die identisch gleich groß sind. Sondern nur noch Zwerg- oder Riesenhasen. Die alte Dame steht wie vom Blitz getroffen vor dem geplünderten Hasenregal und sieht das Drama, das sich entfaltet wenn LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA realisieren, dass ihr jeweiliger Hase kleiner oder größer ist als derjenige der anderen. Denn auch großmütterliche Liebe will bewiesen werden und wird aufgewogen in Schokoladenhasen eingewickelt in goldenes Staniolpapier und einem Glöckchen mit rotem Band um den Hals. Die alte Dame jedenfalls ist zu allem entschlossen, den familiären Ernstfall: „Du hast mich nie geliebt und selbst deine Enkelkinder liebst du weniger als die des Goldsohnes“ gilt es unbedingt zu vermeiden. Hektisch und mit roten Flecken auf den Wangen, sucht sie erst eine Verkäuferin, die abweisend den Kopf schüttelt: „Dit sind die Letzten.“ „Da kommt nüscht mehr nach.“ Die alte Dame aber ist zu allem entschlossen. Sie beginnt sofort andere Ostereinkäufer, in deren Wagen auch Goldhasen sitzen anzusprechen und größere wie kleinere Hasen gegen ihre mittelgroßen Wunschhasen einzutauschen. Auch ich tausche meinen Hasen gegen einen der ihren ein. Noch einmal zählt die Dame durch und endlich geht die Rechnung auf und für
LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA gibt es je einen identischen Hasen. Die Frau atmet durch, sie sieht aus als hätte sie einen Marathon absolviert, fester umklammert sie den Einkaufswagen und murmelt entschlossen: Milka-Eier: Vollmilch, Zartbitter, keine weiße Schokolade. Es klingt wie ein Stoßgebet. Wahrscheinlich ist es das.

Am Fleischstand an dem ich mich unauffällig vorbeischlängele, holt ein Frau Hahn ihre Bestellung ab. „13 Paar Weißwürste“ ruft der Fleischhauer ihr zu:“Dit is richtig wa?“ Die Frau nickt. Der Fleischhauer aber bleibt ungläubig. „Dit sind ganz schön viele, wa!“ Die Frau mustert ihn ungerührt, während sie die Tüte mit den Würsten entgegen nimmt. „Haben Sie eine Schwiegermutter?“, fragt sie den Fleischhauer schließlich. Der nickt. „Eben darum“ sagt sie und Rache kann nicht nur süß, sondern auch ein Paket voller Weißwürste sein.
Ich lächele milde und gehe weiter. Über die Tiefkühltruhe unterhalten sich zwei Pärchen. „Was macht ihr Schönes“ fragen sie sich gegenseitig, in dieser aufgeräumten Tonlage, mit denen man sich das eigene Leben schönzureden versucht. „Osterbrunch am Samstag“ seufzt der Mann bei „ihren Eltern“ und nickt in Richtung seiner Frau. „Mit der Schlagerparade“ seufzt sie zurück, nur um gleich zu drohen: „Weihnachten waren wir ja bei ihm, das war auch kein Fest.“ Er schmollt beleidigt. Das andere Pärchen lächelt honigsüß. „Meine Frau“ sagt sie und legt ihre Hand auf die Schulter der Frau im violetten Kleid neben ihr, hat uns ein Überraschungswochenende in Heiligendamm gebucht. Wir brauchen nur ein bisschen Reiseproviant.“ Das andere Pärchen lächelt nicht mehr, sondern bemerkt mit dem letzten Rest an Kraft und Willen: „Ach ihr seid zu beneiden, wir planen das auch Jahr für Jahr.“ Ciao und Tschüssi. Luftküsse knallen über die Tiefkühltruhen hinweg. Die beiden Frauen, die Hand in Hand zur Kasse schlenkern haben das vorösterliche Gesellschaftstennis haushoch für sich entschieden.

Dann stelle auch ich mich an eine Kasse an. Vier Lindt-Hasen und zwei Avocados lege ich aufs Band. Hinter mir streitet eine Frau mit ihrem Sohn. „Das kann doch nicht dein Ernst sein“,“ sagt sie und zeigt auf das Band: „Toastbroat und Nutella und das zu Ostern.“ Doch ihr vielleicht 16 jähriger Sohn zuckt nur ungerührt mit den Achseln. „Feiertage sind zum Schlafen da“, sagt er und gähnt überdeutlich. „Undankbare Brut“ murmelt die Mutter und lädt weitere Lebensmittel aus dem Wagen. Ich aber schwinge mich vergnügt aufs Rad und fahre zum Markt. „Nein, für mich noch kein Brot“ rufe ich dem Bio-Bäcker zu und kaufe Gemüse bei Herrn Yilmaz ein.
Fast ist mir als pfiffe ich ein fröhlich-schadenfroh ein Lied, während ich zurück nach Hause radle, denn leider, leider vertreibt nichts meine Pessachmüdigkeit und meinen Seder-Kummer so gut wie ein wenig vorösterliche Schadenfreude es vermag. Sie haben Recht, und ich kann es Ihnen nicht verdenken, schüttelten sie den Kopf und sagten: „Nein Fräulein Read On, dies schickt sich nicht.“ Natürlich haben Sie Recht, aber vergessen sie nicht, morgen haben die Geschäfte zu und der Schwiegervater freut sich schon so.