Licht, Schatten und Gold

Gestern war ein bemerkenswerter, ein merkwürdiger Tag. Gestern morgen schrieb ich Karte Nummer 172 an Mesale Tolu, denn ich bin so abergläubisch wie man es bei der Enkeltochter der preußischsten aller Juden niemals annehmen würde und fürchtete mich noch mehr vor der Fortsetzung des Prozesses als ohnehin schon. Den ganzen Tag während das Institut und seine Bewohner mich mit vorweihnachtlichen Problemen in Atem hielten,

„Fräulein Read On, was schenkt man einer Schwiegermutter mit Hang zur Esoterik?“-Eine Glaskugel.

„Fräulein Read On im Materialraum sind nur noch rote Büroklammern, ich brauche aber grüne für die Weltformel, an der ich schreibe, was soll ich jetzt tun?-Weiteratmen.

„Fräulein Read On, bis wann sollte ich mich bei Ihnen melden, wegen der Weihnachtskarte?-Bis zum 10. Dezember.

„Fräulein Read On, warum ist das Institut schon am 23.12. vernagelt? Da kommen die Männer, die die Teppiche shampoonieren und brauchen ihre Ruhe.

„Aber Fräulein Read On, wenn mir am 23.12. nun die Idee zur Weltformel kommt?“-Die Bibliothek ist geöffnet.

„Fräulein Read On ich habe ein zehn Kilogramm schwere Pute ins Institut bestellt, aber der Kühlschrank ist voll. -Sie haben was?

rannte ich ins Büro zurück oder zog das Telefon aus der Tasche und wartete auf Nachrichten aus Istanbul und endlich kam die Nachricht, dass Mesale Tolu wirklich freigelassen würde- frei bis zur Fortführung des Prozesses im April, frei ohne ausreisen zu dürfen, aber endlich befreit von den Mauern des Gefängnisses von Bakirköy. Irgendwann kam der Tierarzt ins Institut und wir starrten auf den Computer und das Bild mit dem Gefängnistor und das ist kein Briefkasten am Gefängnistor sagte ich zum Tierarzt und der Tierarzt nickte und das Tor öffnete sich nicht und die Nachrichten wurden konfuser und Franz Kafka lehnte auf einmal wissend im Türrahmen und der deutsche Botschafter und die Anwältinnen fuhren durch die Stadt und suchten Mesale Tolu und es würde lange dauern, bis man sie endlich gefunden hatte und sie wirklich, wirklich frei war. Sie ist frei, sagte ich zum Tierarzt und der Tierarzt und ich atmeten auf. So ein Tag war das, aber es war dann doch auch noch ein andere Tag. Ein Tag, der zweimal mit einem goldenen Schein zu Ende ging.

WordPress schickte mir eine Nachricht und sagte: Fräulein Read On heute ist Bloggeburtstag. Peinlich ist das, ich hatte nicht einmal ein Stück Kuchen zur Hand, der Kühlschrank ist ja auch mit einer Pute blockiert und dann schrieb Kiki meine große Schwester im Internet mir: Fräulein Read Sie stehen auf der Shortlist für die goldenen Blogger . Der Tierarzt gluckste vergnügt und fand: „Mädchen, das ist als sei Kälbchen für den großen Preis des weidewirtschaftlichen Verbandes nominiert.“ Was für eine Ehre. „Überhaupt fuhr der Tierarzt fort, scheint mir, gilt die Nominierung wohl doch überhaupt Kälbchen, denn um über Kälbchens Werden und Wachsen informiert zu sein, besuchen die Leute doch dein Blog.“ „Mag sein Tierarzt, mag sein“, sagte ich und sah noch einmal auf die Liste mit den Namen und wirklich neben der großartigen Kaltmamsell, der zauberhaften Juna , der besten Schwester Schwester und vielen Anderen stand immer noch der Name desselben Fräuleins.
Ich bin sehr, sehr sprachlos, aber was ich weiß ist, ohne sie alle gäbe es dieses Blog nicht. Ohne sie alle wäre Readonmydear, read on, nur eine Seite, aber sie alle, die seit vier Jahren, vier Monaten, vier Tagen, oder vier Minuten hier vorbeisehen, sie alle machen das Blog zu einem Ort. Es wäre nicht dasselbe ohne ihr Teilhaben am Leben eines seltsamen Fräuleins, ihre Kommentare, ihr Witz, ihre Geduld, ihr Humor, ihre Nachsicht und ihren bestärkenden Mut, der die Texte verändert und sie begleitet machen den Kern dieses Blogs aus. Dafür danke ich Ihnen sehr und von Herzen. Danke, dass sie mit mir auf das Meer und auf die Welt schauen und mich an meine Schlüssel und noch so viel mehr erinnern, wenn ich wieder einmal besonders eilig bin. Danke. Ich bin reich beschenkt. Im Januar werde ich bestimmt stolpern, meine Haare werden sich im Türrahmen verfangen, Kälbchen wird den Saal stürmen, vermutlich fange ich aus reiner Hilflosigkeit an zu singen und man wird murmeln: Himmel, dieses Fräulein Read On, ist ja noch viel schräger als wir dachten und ich werde an sie alle denken, die seit vier Jahren mit mir stolpern, lachen und weinen, traurig und heiter sind und immer weiterlesen. Danke und ja, sie ist wirklich frei. Ich kann es noch immer kaum glauben und meine Freude ist grenzenlos.

Die Freiheit, die Freiheit und wieder die Freiheit.

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wünsche ich Meşale Tolu, die heute Geburtstag hat und seit 224 immer im Frauengefängnis von Bakirköy in Untersuchungshaft ist. Bei jeder Karte hoffe ich, dass es die Letzte wäre und das die Freiheit endlich die Tür eindrückte, der Wind die Fenster klirren ließ, das Meer, das Meer sie endlich wieder lachend umarmte.