Verantwortungsvoll

In Deutschland wird eine Redewendung sehr oft bemüht, wann immer man sich in Deutschland mit dem Antisemitismus zu befassen hat und die Redewendung ist immer gleich. Sie geht so: „Wir tragen Verantwortung dafür, uns schützend vor jüdisches Leben zu stellen.“ Oder „Wir haben keine Schuld, aber eine besondere Verantwortung. „Oder Jüdisches Leben gehört selbstverständlich zu Deutschland. Das steht unter unserem besonderen Schutz.“

Vielleicht fühlen sich diejenigen und es gibt in Deutschland bekanntlich viel mehr Träger von einer besonderen Verantwortung als Juden schon beim Aufsagen dieser Sätze besonders verantwortungstragend und zuversichtlich. Das weiß ich nicht. Aber ich halte den Satz oder die Variationen dieses Satzes für falsch, für ermüdend und für die Umkehrung der simplen Tatsache, dass niemand in Deutschland Verantwortung für jüdisches Leben übernimmt als die Juden selbst.

Die Verantwortung dafür, dass es jüdisches Leben in Deutschland gibt, so verschwindend klein es auch ist, liegt bei den Juden. Bei den Juden, die zurückkehrten in das Land der Täter und der toten Familien. Sie lag bei den Juden, die eine Minyan bildeten als die Synagogen ausgebrannt waren, sie lag bei den Juden, die die Täter grüßten und die dennoch das gleiche Treppenhaus nutzten. Was sollten sie auch anderes tun. Die Verantwortung dafür, dass es wieder jüdisches Leben gibt in Deutschland lag bei den Überlebenden in den DP Camps, die Theater spielten und einen Hakoah Schwandorf begründeten. Die Verantwortung für jüdisches Leben trugen Juden wie meine Großeltern, die zurückkehrten aus Israel, weil sie das Heimweh nicht ertrugen. Das Judentum noch in Deutschland lebt, liegt auch an meiner Großmutter, der preußischsten unter den deutschen Juden, die nicht aufhörte deutscher Jude zu sein. Die Verantwortung lag bei meinem Großvater, der Jiddisch sprach und am Freitag Abend rasierte er sich vor dem Shabbat. Die Verantwortung für jüdisches Leben liegt bei all den Juden, die in Deutschland leben und die am Freitag Morgen Challah backen oder auch nicht, die nicht mehr zur Shul laufen können, weil es keine Shul mehr in Laufweite gibt und die trotzdem in die Synagoge gehen und die alten Geschichten wiedererzählen und streiten über Jaakob und Jospeh und im Frühjahr auch immer wieder darüber ob Spargel kosher ist. Die Verantwortung für jüdisches Leben in Deutschland übernehmen alle Eltern jüdischer Kinder, die ihre Kinder in den jüdischen Kindergarten schicken, obwohl die Polizei vor der Tür stehen muss, weil das die deutsche Realität ist und trotzdem trauen die Eltern sich und ihren Kindern das zu. Dass die Kinder sich nicht nur an die Polizei erinnern, sondern an das Treidel-Spiel vor Chanukkah oder an den Ausflug zum Wannsee. Die Verantwortung dafür, dass es jüdisches Leben gibt, liegt bei allen Juden in Deutschland, die immer noch die gleichen Witze erzählen:

Kennen Sie den?: Kohn gibt auf der Post ein Telegramm an seinen Geschäftspartner Grün auf. „Akzeptiere ihr Angebot. Hochachtungsvoll.Kohn. Der Postbeamte sagt: „Das Hochachtungsvoll können sie weglassen!“Kohn erstaunt: „Wie Sie kennen den Grün auch?“

Die Verantwortung dafür, dass es noch immer jüdisches Leben gibt, liegt nicht darin, dass sie bereit sind einem Auschwitz-Überlebenden eine Schulstunde lang zuzuhören, sondern daran, dass die Überlebenden an ein Leben nach Auschwitz glauben wollten. Und wir übernehmen die Verantwortung für die Trauer, die immer da ist, für die Wut, die Tränen, für die Großmütter, die mit dem Kleiderbügel auf sich einschlagen und für die Schuld am Leben geblieben zu sein als alle starben. Ich habe die Verantwortung übernommen für Pavel Ehrenstein, Mitglied des Auschwitzer Zirkels, als meine Großmutter starb und der als er zehnjährig 1933 im Schwimmbad war, von deutschen Buben so lange unter Wasser gehalten wurde, bis er fast ertrank und dem die Angst vor dem Wasser nie abhanden kam und so kam ich dreimal die Woche zu ihm, wie vor mir meine Großmutter und hielten ihm die Hand in der Badewanne und halfen ihm heraus und sangen die Lieder unserer Mütter für ihn. Wir, nicht sie übernehmen die Verantwortung für uns.

Wir lieben sie mit den Alpträumen und mit der Angst vor dem Zahnarzt und der besten Hühnersuppe der Welt. Wir sind aufgewachsen mit den Armen auf denen die Nummern klebten. Wir merkten uns die Nummern gut und wir die Juden streiten am Freitag-Abend über das Jude-Sein oder über die Energiewende oder die schreckliche Affäre zwischen Tani und Levi in München. Wir als Schwestern, Brüder, wir als Ehemänner und Geliebte, wir übernehmen die Verantwortung dafür auf der Straße eine Kippa zu tragen, oder sie lieber abzunehmen, wir schicken unsere Kinder auf das jüdische Gymnasium oder eine Schule ganz ohne Konfession und wir trösten, erklären und versuchen zu verstehen, wenn das passiert was für sie Antisemitismus ist, aber für uns Teil unseres Alltags und dann übernehmen wir die Verantwortung für ein Gespräch mit dem Klassenlehrer für einen Schulwechsel, für die Suche nach Jobangeboten in Israel. Vielleicht ja doch? Aber sie, nein, wir sind nicht mehr ihre Schutzjuden, ihre Hofjuden, wir wissen nichts von ihrer Verantwortung, die Verantwortung die sie uns immer zu erklären, was soll sie uns sein?

Die Verantwortung liegt bei uns und weil wir so wenige sind, ist es an uns auch ihre Fragen wieder und wieder zu beantworten und wieder und wieder ihnen zuzuhören, wie sie uns den Nahostkonflikt erklären. Wir sind geduldig, dass ist Teil unserer Verantwortung und ich freue mich, wenn sie zum Shabbat dazukommen und noch mehr freue ich mich, wenn sie Bilder machen, dann fühle ich mich nicht ganz so schlecht und ein bisschen lebendiger in einem Judentum, das in Deutschland oft etwas vom Zoologischen Garten hat.

Aber die Verantwortung tragen wir, für die Geschichten, die wir heute schreiben, für die Mühsal, für die Verletzungen, für die freundlichen Tage und die weniger freundlichen Tage. Die Verantwortung für das Judentum in Deutschland tragen Menschen wie mein Vater, der mit Rebecca Kirsche eine jüdische Superheldin erfand, damit meine Schwester und später auch ich, ein jüdisches Vorbild hatten und seine Frau, die liebe C., die wie schon meine Großmutter, der Judendoktor ist und für viele Menschen wird sie der einzige Jude bleiben, den man kannte und nicht nur einmal in einem gestreiften Anzug im Schulbuch sah. Die Verantwortung für das Judentum tragen wir, ob wir auf dem Standesamt heiraten oder doch unter der Chuppah, ob wir laute oder leise, religiöse oder säkulare Juden sind, ob wir hierbleiben oder fortziehen, die Verantwortung haben jene übernommen, die zurückkamen, die immer noch da sind und die zurückkehren, aber eines haben wir gelernt, wir alle, wenn wir jüdisches Leben nicht möglich machen, dann gibt es keines und daran ändert auch die Existenz einer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit nichts, deren Emails ich immer gleich lösche.

Anstelle all jener leeren Redensarten von der Verantwortung und der besonderen Verantwortung, und der allerbesondersten Verantwortung, schiene es mir doch an der Zeit etwas ganz Konkretes zu tun für die Jugendlichen, die in Familien aufwachsen, wo nicht nur der Judenhass blüht, sondern überhaupt die Zukunft ein grauer Ort ist. Wenn jeder Politiker, der für Juden Verantwortung übernimmt doch lieber zehn Euro gäbe für Initiativen, die mit jungen Männern ob nun aus Hellersdorf oder Raqqa Basketball spielen, zuhören, nachfragen, die nicht loslassen, gerade wenn es nicht gut läuft, die die Kinder auffangen, die von klein auf harte Hände kennen, aber keine Kommunikation und die nirgendwo willkommen sind, dann wäre auch den Juden auf der Straße geholfen, die Kippa tragen. Wenn es in der Schule mehr Sozialarbeiter gäbe und einen Sandsack für den Ärger, der in einem tobt, weil man 15 ist und die Mädchen lachen und man nur „Saujude“ schreien kann, weil das schon der Vater schrie und weil man nur den Plattenbau in Hoyerswerda kennt und nicht den Strand mit bloßen Füßen, dann wäre es an der Zeit für all die Verantwortung zu übernehmen für die keiner da ist. Die Aufklärungssprechstunde hat zu einem rapiden Abfall an jungen Männern geführt, die Schlampe rufen und Ficki-Ficki schreien, es braucht mehr Aufklärungssprechstunden, Malkurse, mehr männliche Vorbilder, mehr Umarmungen und nicht mehr Leitartikel empörter Leitartikler und auch keine leeren Redensarten. Verantwortung ist nicht die Wiederholung der immer gleichen Floskeln.

Das haben all die, die Verantwortung übernehmen für jüdisches Leben in Deutschland nicht verdient.

Der lange Weg aus Ägypten

Die liebe C sagt: “Süße, dein Vater kann seinen Pass nicht finden.

Mein Vater sagt: „Kind, ich habe den Schlüssel für die Wohnung in Jerusalem gefunden!

Die A. sagt: Ich kann mit vollem Stolz behaupten meine Wohnung ist kosher für Pessach. Wie schaut es denn bei Dir aus?

Ich denke: Angeberin! Und esse einen Keks, aber vorsichtig, so dass die A. mich am Telefon nicht hört!

Die Nachbarin zur Rechten sagt: „Read On, der Peter trägt nachher die Kisten mit den verbotenen Lebensmitteln zu uns herüber. Es tut uns wirklich sehr leid, dass der Schweigervater letztes Jahr so derart in deinen Vorräten geplündert hat. Kriegsteilnehmer, was soll man machen?“

Ich sage: Danke und drücke der Nachbarin zur Rechten einen Blumenstrauß in die Hand.

Der ehemalige geschätzte Gefährte F: sagt: Weißt Du, das ich als Kind immer heimlich ein Baguette im Nachtschrank versteckte, um G*tt herauszufordern?

Ich sage: Wärst Du mal beim Baguette geblieben.

Meine Schwester sagt: Die Kinder mögen keine Matzot. Wie erkläre ich das der A.?

Die liebe C. sagt: Süße, ich erkläre der A. alles, wenn Du nur Deinem Vater hilfst seinen Reisepass zu finden.

Mein Vater sagt: Ich habe eine Packung Kekse und Käsecracker in meiner Tasche verstaut. Die A. kocht erbärmlich schlecht.

Der Tierarzt sagt: Mädchen, war das Pessach wo ein goldenes Kälbchen geschlachtet werden sollt?

Ich sage schnaubend: Verfluchter Mist, ich habe den Meerettich vergessen.

Die A. sagt: Bodensteins essen Reis zu Pessach. Was sind das nur für Barbaren! Aber eine Hut mit Feder trägt Selima Bodenstein in der Shul. Was für Angeber.
Tsk Tsk Tsk

Meine Nichten heulen: Alle Kinder bekommen Goldhasen und wir dürfen nur Kaninchenfutter

Die liebe C. sagt: Süße, Dein Vater hat Marzipaneier im Handgepäck, sprich du doch noch einmal mit ihm. Die A. vergisst sich sonst wirklich.

Ich sage: Papa, lass das doch mit den Marzipaneiern sein.

Mein Vater sagt: „Ich lasse mich doch nicht von religiösen Hardlinern unterjochen. Ich bin ein freier Jude.

Der F. sagt: Hier war doch gestern noch ein halber Kuchen?

Die Mali-Tant sagt: Also geh Mädi, ich brauch meine Semmel am Morgen!

Mali-Tant sage ich, ist es nicht merkwürdig, dass Du ausgerechnet immer an Pessach deine Vorliebe für Weißgebäck entdeckst?

Die Mali-Tant sagt: Damit Du es nur weißt Champagner ist immer und grudsätzlich kosher.

Der Tierarzt sagt: Also ich verstehe das nicht, der Pharao hat ein Kälbchen gefordert und als ihr ihm kein Kälbchen gegeben habt, hat er euch mit Fröschen beworfen.

Mein Neffe sieht den Tierarzt zweifelnd an und sagt: „Weißt Du Tierarzt, das alles ist wirklich schon sehr lange her.

Der Tierarzt seufzt und murmelt etwas von Geheimnissen vor Kälbchen und allgemeinen Unwohlsein.

Die liebe C. sagt: Süße, Du musst uns wirklich nicht zum Flughafen fahren, wahrscheinlich bleiben wir ohnehin hier, wenn Dein Vater nicht endlich seinen Pass findet.

Die D: sagt: Wo seid ihr zu Pessach?

Der A. sagt: Ist bei noch Platz an Pessach?

Der F. sagt: Müssen wir in die Shul?

Die A. sagt: Wann seid ihr in der Shul?

Die G. sagt: Ich probiere dieses Jahr lauter, neue Rezepte aus. Pessach kommt ja nun wirklich nicht überraschend. Und Read On, was hast du denn für Meerrettich?

Ich schweige bedrückt.

Die Mali-Tant sagt: Meerrettich, wir sind doch keine Armenhäusler!

F. sagt: Das Date-Ale ist definitiv kosher for passover.

Ich sage: Urks!

Die A. sagt: Selena Bodenstein hat einen goldenen Pessach-Teller.

Nichten 1-3 heulen: WIR WOLLEN GOLDHASEN!

Ich sage: Himmel, in dem Schrank ist ja auch noch Mehl!

Der T. sagt: Wir backen unsere Matzot ja selbst! Der T. hält einen sehr langen Vortrag über die Verunreinigungen der Bäckerei aus der ich Matzot beziehe.

Ich funkle den T. böse an und sage: Papperlapp.

Die A. sagt: Keine der Töchter von Selina Bodenstein können grüßen! Ha, was Besseres, aber sie essen Reis zu Pessach.

Die liebe C. sagt: „Wenn Dein Vater seinen Pass nicht gleich findet, dann packe ich den Koffer wieder aus.“

Die Nichten 1-3 heulen: GOLDHASEN!

Der F. sagt: Mein Bruder hat einmal über Pessach Sarah Silbermann einen Frosch ins Bett gelegt.

Ich sage: Wie ist dein Bruder an das Bett von Sarah Silbermann gekommen?

Der F. sagt: Mein Bruder hat sich über sieben Balkone geangelt, ist durch das Badezimmerfenster der alten Tante Chana über eine Terrasse auf das Dach der Silbermanns geklettert, hat das angekippte Fenster von Sarah geöffnet und den Frosch unter ihr Kopfkissen getan als die gesamte Familie Silbermann bei Tische saß. Wusstest du, dass Sarah Silbermann einen schrecklich langweiligen Rabbi geheiratet hat und vier schrecklich,langweilige Töchter hat?

Vielleicht hatte sie von der Aufregung auch einfach genug für den Rest ihres Lebens, frage ich, aber der F. schwenkt sein Telefon vor meiner Nase herum. Hier die schöne Myra macht Macarons die Kosher für Pessach sind. Das ist schon etwas anderes als deine Matzo-Ball Suppe, die es Jahr für Jahr gibt.

„Du kannst gerne die schöne Myra mit deiner Anwesenheit beehren“, knurre ich finster.

„Vielleicht sollte ich auch noch einen Frosch fangen, lacht der F.

Mein Vater sagt: Kinder streitet euch nicht. Bei der A. müssen wir Rote Bete Salat essen.

Die liebe C. sagt: „HEUREKA!“ ICH HABE DEN PASS!

Mein Vater sieht so aus als wolle er, ähnlich wie die Nichten auch gleich anfangen zu schluchzen.

Die liebe C. sagt: Telefon, Pass, Schlüssel-Jerusalem, Geschenke. Alles da.

Nichte No. 3 heult: Und wo ist Kanzler Bär?

Schwesterchen sagt: Das Schönste an Feiertagen ist, wenn sie vorbei sind.

Die Mali-Tant sagt: Matzot. Ich verstehe das nicht, wenn ich Papier essen will, dann esse ich Papier.

Der Jean sagt: Liebes, ich finde deine Suppen wunderbar!

Ich sehe den Jean dankbar an.

Der Tierarzt murmelt: Mah nishtanah, ha-laylah ha-zeh,
mi-kol ha-leylot. Heißt das: Kälbchen sei dahingeschlachtet?

Nein, sage ich, Tierarzt niemand schlachtet ein Kälbchen.

Der Tierarzt atmet erleichtert aus.

Ich reiche dem Tierarzt die Kinder Haggadah.

Ich google: Macarons kosher passover.

Die liebe C. ruft: Himmel, wo sind die Autoschlüssel?

Der F. sagt: Sarah Silbermann hatte die längsten Beine im Stadtviertel.

Ich zähle langsam bis 29.

Süße, rufe ich, ich habe die Autoschlüssel!

Schwesterchen zählt die Kinder.

Mein Schwager zählt die Kinder.

Mein Vater zählt die Kinder.

Die liebe C., zählt die Kinder.

Die Mali-Tant sagt: Ich habe eine ganze Sachertorte im Koffer.

Der Tierarzt sagt: Der Pharao war ein wirklich unangenehmer Mensch.

Mein Vater sagt: Die A. hätten sie ruhig in Ägypten behalten können.

Der F. sagt: „Los jetzt, sonst verpasst ihr nur das Flugzeug. Ich fahre euch!“

Türenschlagen, Tumulte, noch mehr Tränen.

Dann Stille.

Ich sage: Endlich! Die Haus, Küche und Hof sind kosher für Pessach.

Dann fällt mir eine Packung Kekse auf den Kopf.

Woanders ist es auch schön

Frau Brüllen, die Linsen und und nur beinahe denkt man an das Märchen vom quellenden Brei.

Judi Dench liest eine Rede aus dem Jahr 1617, man könnte aber auch glauben sie sei 2018 geschrieben und zuhören sollte man den beiden unbedingt. Damen unbedingt. Via Ar Gueveur

Das Bundesarchiv bietet einen interessanten Selbstversuch an. Einen Wahl-O-Maten zu den ersten Wahlen der neugegründeten Republik, die im Januar 1919 stattfanden. Eine tolle Idee und lernen kann man auch etwas.

Das beharrliche Gerede vom jüdischen Leben in Deutschland trifft auf nüchterne Zahlen und interessante Erkenntnisse. Aber die Traurigkeit über das stete Verschwinden jüdischer Gemeinden bleibt.

Düdelüt

Kristina Hänel, die sich für das Recht auf Informationsfreiheit über Schwangerschaftsabbrüche einsetzt, schreibt Angela Merkel. Und ja, Ärzte, die über Schwangerschaftsabbrüche informieren sind nach §219a Straftäter.

Greta schreibt wunderbar lakonisch über die misslichen Launen des Universums.

Wenn es nach mir ginge, gäbe es hier Bach aber da der Tierarzt hier für die Musikwahl verantwortlich zeichnet, so singt Paloma Faith zum Wochenschluss.

Auf einer anderen Seite.

Mein Vater spricht fast nie über Politik.

Die liebe C. lächelt immer dann, wenn Patienten mit ihr über Politik sprechen.

Schwesterchen interessiert sich nicht für Politik.

Mein Vater hat zwei Tageszeitungen abonniert.

Die liebe C. und ich beginnen den Tag mit den frühen Nachrichten. Die frühen Nachrichten reichen wir immer an Schwesterchen weiter.

Mein Vater wählt FDP, weil sich die FDP auch nicht für Politik interessiert.

Niemand ist so gut über Politik informiert wie mein Vater.

Desinteresse kann auch Vorsicht sein. Vielleicht.

Mein Vater, schon als meine Schwester und ich noch klein waren, klopfte an die Tür bevor er eintrat.

„Störe ich?“, fragt mein Vater und noch immer klopft mein Vater so an die Tür und ich nehme die Zeitung vom Sessel und mein Vater spricht lange über die Verbannung Ovids nach Tomi, das Ende von Seneca oder einen der vielen römischen Kriege.

„Wie übersetzt Du das?, fragt mich mein Vater, manchmal spät Abends. Er im Sessel und ich auf einem bunten Kissen in der Fensterbank. Mein Vater käme Nachts niemals und fragte mich: „Wen wählst Du oder was hältst du von?“ Mein Vater fragt mich oft nach der Bedeutung des Wortes otium oder einem merkwürdig gebrauchten Ablativ.

Ich wähle nicht in Deutschland. Mein Vater wählt wieder in Deutschland. Mein Vater war lange Staatenloser, mein Vater hat sich des unerlaubten Grenzübertrittes schuldig gemacht, mein Vater geht niemals ohne seinen Pass aus dem Haus. Wir alle, die wir uns Nachts treffen, in einem Zimmer, in der Küche, in der Diele oder im Treppenhaus, wir alle haben mehr als einen Pass. Aber niemals sprechen wir über die Pässe und nur einmal hat meine Schwester ihren Vater gefragt, ob er sich als Flüchtling gefühlt hätte, damals. Mein Vater antwortete erst viel später, er sei davongekommen, sagte er und das war alles, was er sagte, dann sprach er lange und schnell über das Ende Roms oder Augustus, mein Vater spricht selten über die Gegenwart und verwundert, fragt mein Vater seine Frau manchmal, was er antworten sollte, fragten die Leute ihm, was es denn Neues gäbe.
Als Erstes fiele ihm vielleicht eine Ovid Übersetzung ein. Wir ähneln uns nicht, nicht in der Nacht und auch nicht am Tag, wir schließen die Türen, wir teilen von unseren Geschichten, nur Ecken, Spiegelkanten, wir haben immer nur für eine Nacht miteinander gelebt und uns immer von fern gesehen, geschrieben, aber in einem ähneln wir uns, wir alle lächeln. Wir haben keine Knoten im Taschentuch, wir legen uns die Knoten in die Mundwinkel hinein.

Unter den Augen des Kaisers geschah alles, was in Rom geschah. Was hat der Kaiser denn nicht gesehen? Jerusalem war auch einmal Rom und Ovid schrieb wieder und wieder. Er schrieb vergeblich, vielleicht nicht weniger vergeblich als wir.

Kommen Gäste, dann wollen die Gäste über Politik reden und nicht über Ovid. Die Gäste, die kommen, wollen uns erklären, dass wir naiv seien, auch dumm, leichtsinnig, wir sind noch unangenehmer als die Bahnhofsklatscher, die doch schließlich wieder nach Hause gingen. Die Gäste sagen: „Das bringt doch alles nichts.“ Sie sagen es in Richtung meines Vaters, der lieben C. und mir. Mein Vater legt Kuchen auf die Teller, die liebe C. stellt die Blumen in die Vase, ich frage: „Tee oder Kaffee?“. Die Gäste wären überrascht, wüssten Sie, das bei uns niemand jemals das Wort Flüchtling gebraucht und als ich die Aufklärungssprechstunde begann, da nickte mein Vater, und als mein Vater mir erzählte, dass am Montag E. käme zum Deutsch Lernen, da nickte ich, es klang nicht anders als der D., der am Mittwoch kommt zur Latein Nachhilfe.

Den D. lässt mein Vater Coca-Cola deklinieren, das merkt sich leichter hat mein Vater irgendwann einmal herausgefunden als die bemühten Beispielvokabeln und der D. der immer schon auf einen Latein-Sechser abonniert war, hat einen Zweier geschrieben in der Latein-Probe und mein Vater lächelte, denn mein Vater leitet aus einem Sechser nichts weiter ab, als das jemand noch nicht in die Schönheit lateinischer Prosa fiel.

An den Montagen aber mit der E. aber hat mein Vater nicht das Alphabet mit ihr gepaukt oder Buchstabenkarten gemalt, sondern für die E. gesungen, wie er heute für die Enkelkinder singt. Der Mond ist aufgegangen, sang die E. ganz leise und damit war es geschehen, die E. hatte in die deutsche Sprache gesehen, hineingesehen, damit war der Großteil der schon geschafft, sagte mein Vater, dann muss man nur noch üben, so kommt die E. zum Deutsch Üben am Montag und mein Vater begeistert sich Woche für Woche mit der E. an römisch-somalischer Beziehung von vor 2000 Jahren und so sprach mein Vater mit der E. darüber was ein Bürger sei und nicht so sehr darüber, dass Mimi ein Auto hat und Paul ein Fahrrad.

„Was ist ein Bürger?“, fragt mein Vater die E. und auch sich.

„Was wollen die hier?“, fragen die Gäste.

Mein Vater, der noch einmal davonkam, hat mit dem Blumenwürfel Hebräisch gelernt, damals in Jerusalem.

Mein Vater und ich wir sprechen kein Deutsch miteinander.

Die Gäste fragen: „Warum sprecht ihr kein Deutsch miteinander?“

Mein Vater sagt: „Es hat sich noch nicht ergeben.“

Dann lache ich, so ist mein Vater. Mein Vater klopft an, an der Tür in der Nacht. Seine Mutter und ich sprachen Deutsch und mein Vater will noch immer unser Gespräch nicht stören.

Mein Vater malt die Gesichter der Gäste auf die Servietten. Die Gäste streiten über Politik und wir lächeln und hören zu. Wir selbst wissen nichts beizutragen, wir sehen die Welt von unterschiedlichen Rändern aus. Man ist vorsichtig an den Rändern.

Spätabends klopft mein Vater an die Tür. Die Gäste sind gegangen.

„Störe ich Dich?“ „Nein“, sage ich, komm doch herein und mein Vater sitzt im Sessel und ich auf der Fensterbank.

„Es war nicht genug, nur zu sagen, civis romanus sum“ sagt mein Vater und dann legt er den Kopf zur Seite und lächelt mir zu. „Merkwürdig nicht wahr, sagt er, dass alle über etwas reden und bestimmen wollen, obwohl wir noch nicht einmal für die Vergangenheit wissen, was das bedeutet, ein Bürger zu sein und eine Kultur zu haben, so als sei nicht alles auch immer umgekehrt möglich und dann schüttelt mein Vater den Kopf.
„Nachtgeschwätz“, sagt er, aber ich erinnere mich noch an eine andere Nacht, da spielte ich die Mondscheinsonate, diesen Fingeraufwärmer und mein Vater, der wie wir alle, niemals über Politik sprach, neigte den Kopf zur Seite und sagte ist es nicht merkwürdig, dass die Deutschen damals den Angriff auf Coventry Operation Mondscheinsonate nannten? Damals wie heute nickte ich, denn alles, wirklich alles lässt sich auch in sein Gegenteil verkehren. Alles kann immer auch schon anders sein.

Aber dann gähnt mein Vater, die Kirchturmuhr schlägt zwei Uhr und mein Vater entschuldigt sich: „Dich so lange wachzuhalten“ und schon ist er aus der Tür verschwunden, so still und leise, wie er kam, denn eigentlich sprechen wir nicht über Politik und wenn dann doch nur ganz ausversehen, zufällig und unfallhaft.

Woanders ist es auch schön

Wie schnell die christlich-jüdische Tradition doch an ihre Grenzen stößt. Vor allem wenn es um eine lebendige Synagoge geht.

Die Willkür der türkischen Justiz schreckt vor nichts zurück.

Lieber glattrasiert.

Es dauert einen schon, das kleine störrische Metronom.

Maria trägt goldenen Schuhe.

Es kann nicht genug Träumer geben.

Tierarzt hast Du ein Lied für uns? Hm, sagt der Tierarzt, sucht Schlüssel, Schuhe und den anderen Schal, die Woche war still, stiller als andere Wochen, aber der Tierarzt wäre nicht der Tierarzt holte er nicht doch eine Platte hervor.

Die Kurve hinter der das ‚christlich-jüdische‘ Abendland liegt.

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Das Kloster Seeon ist 660 Kilometer von Berlin entfernt und doch mag es gut sein, dass wenn ich aufstehe, auch im Kloster Seeon, wo die CSU dieser Tage beisammen ist, schon Kaffee getrunken wird und die Schlipse gebunden werden . Aber ich fahre wie so oft an diesem Samstag früh auf den Markt, denn Herr Yilmaz bei dem Gemüse einhole, kann auch nicht schlafen. Ich kaufe also Mohrrüben, Blumenkohl und bei Herrn Yilmaz schöner Frau kaufe ich Maultaschen, denn der Mensch soll eine Brühe haben.

Herr Yilmaz fragt: Na Fräulein Read On, immer noch Karten für Deniz Yücel. „Ja, sage ich Herr Yilmaz, heute wird es Karte 295.“ Herr Yilmaz schüttelt den Kopf und stößt Flüche aus, die hier nur auf Grund des Anstandes und der Sittlichkeit nicht wiederholt sein sollen. Aber länger kann ich mit Herrn Yilmaz nicht ratschen, obwohl ich das gern tue. Denn mir sind ja noch, vielleicht gehen Sie, die Mitglieder des CSU-Parteitages gerade zum Frühstück herunter, ihre Worte im Ohr, die sich so vernimmt man auch im fernen Berlin in einem Positionspapier finden und dort heißt so schrecklich schön, denn Deutsch ist eine schrecklich schöne Sprache: „neben unserer Liebe zur deutschen Heimat gilt es die christlich-jüdische Tradition des Abendlandes zu bewahren.“ Während ich also meine Einkäufe im Fahrradkorb verstaue, da erinnere ich mich an etwas- das werte CSU-Mitglieder ist die jüdische Krankheit, wenn die deutsche Krankheit, niedriger Blutdruck ist, so ist die jüdische Krankheit immer das Gedächtnis gewesen. Herr Yilmaz aber lässt mich nicht gehen ohne mir noch eine Ananas zuzustecken und fragt: Sie sind aber eilig Fräulein Read-On?“ Ich nicke durchaus betrübt, „ich will sage ich zu ihm, noch auf einem Sprung dort vorbeisehen, wo das jüdisch-christliche Abendland begraben liegt.“ Herr Yilmaz nickt. „Ach Fräulein Read On.“

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Kreuzung Ederer Straße / Königsallee, Berlin- Grunewald

Ist man nämlich schon auf dem Markt im Berliner Südwesten, ist es nicht mehr weit bis zum Grunewald und ob Sie im Kloster Seeon auf Tannen blicken, weiß ich nicht, aber hier auf der stillen Straße, da ist der Wald so dicht, wie im schönen Bayern. Damals ich lebte fern von Europa und besuchte nur in den Ferien meine Großmutter in Deutschland, da fuhr sie mit mir in den Grunewald. Denn Sie müssen wissen, werte Damen und Herren der CSU, meine Großmutter war die Tochter des patriotischsten der deutschen Juden, den sie sich vorstellen können und meine Großmutter wurde im gleichen Jahr geboren, da war Walther Rathenau Außenminister des Deutschen Reiches. Meinem Urgroßvater erschien dies als besonders glückliche Fügung. „Wenn ein Jude, Außenminister ist, sagte er dann können auch die Töchter der deutschen Juden alles werden“ und so schwor mein Urgroßvater seine fünf Töchter auf ein Studium ein. Nur meine Großmutter kam aus Auschwitz zurück, das nämlich war das Resultat des christlich-jüdischen Abendlandes unter deutscher Ägide, dessen Enkeltochter ich nun einmal bin.

Aber als ich ein Kind war, das ist jetzt auch schon lange her, da war Walther Rathenau noch immer der Säulenheilige unserer Familie. Meine Großeltern machten niemals das Licht an ohne mit Bewunderung auszurufen: „Dank der AEG.“, denn wie Sie sicher wissen, hat der deutsche Jude Emil Rathenau und dann sein Sohn, Deutschland elektrifiziert und niemand, wirklich niemand in meiner Familie mochte sich darüber beruhigen, dass es ein deutscher Jude war, der den Deutschen ein Licht aufgehen ließ. Walther Rathenau war im Bücherregal meiner Großeltern ein eigenes Fach reserviert, und natürlich hing auch ein Rathenau Bild in der Wohnung und so habe auch ich Bitterfeld niemals allein mit der DDR-Industrie und ihren Umweltkatastrophen in Verbindung gebracht, sondern mit dem Seufzen meiner Großmutter: hier war Walther im Exil. Aber damals als wir in den Grunewald fuhren, da schwieg meine Großmutter und wir liefen ziemlich lang, die Straße hinunter, die auch ich mit dem Fahrrad heute Morgen entlangfuhr und wenn die Königsallee und die Erdener Straße sich kreuzen, eine weite Kurve ist an dieser Stelle, dann steht man dort wo das christliche-jüdische Abendland begraben liegt. Das christlich-jüdische Abendland kennt schöne Lieder und heute am Dreikönigstag, da kann man gut noch einmal singen: „Lasst uns froh und munter sein.“ Gesungen wurde auch ein anderes Lied zu dieser Melodie und die letzte Strophe, die ging so:

Auch Rathenau, der Walter,

Erreicht kein hohes Alter,

Knallt ab den Walther Rathenau

Die gottverfluchte Judensau!

Aber das erzählte mir meine Großmutter nicht, damals als ich ein Kind war, das kam erst später, aber als wir an der Ecke standen, der Straßenkreuzung, da erzählte sie mir wie der deutsche Patriot Walther Rathenau, ja, die Juden waren deutsche Patrioten auch wenn Ihre Partei die CSU nämlich, den Juden gern Frieden für ihre Heimat wünscht und damit niemals den Grunewald meint. Anders als der feige deutsche Hurra-Patriot nach verhandelte der Außenminister Rathenau nämlich den Versailler-Vertrag, wollte, dass Deutschland zurückkehrte an den Tisch der europäischen Politik. Altes Abendland Sie wissen schon, die feigen deutschen Generäle sangen lieber das Lied vom Soldatentod im grünen Gras und putzten ihre Orden, so unterschiedlich kann man Patriotismus leben. Walther Rathenau fuhr nach Rapallo und ließ sich demütigen für Deutschland. Er verhandelte mit den Briten, er fuhr nach London und Genua und in Deutschland, da sang man Weihnachtslieder und hasste den Juden Rathenau. Irgendwann fragte Walther Rathenau, wie wir alle an einem Punkt unseres Lebens uns fragen: „Warum hasst man mich eigentlich so furchtbar?“ Und man antwortete ihm: „Weil Sie Jude sind und ausschließlich deshalb. Sie sind die lebendige Widerlegung der antisemitischen Theorie von der Schädlichkeit des Judentums für Deutschland.“ Vielleicht lächelte Walther Rathenau, und am Morgen des 24 Junis 1922 wurde Walther Rathenau an der Straßenkreuzung an der ich stehe, von drei Mitgliedern der Operation Consul ermordet. Man schoss ihm in den Kopf, in den Rücken und in den Kiefer, gar nicht patriotisch, sondenr ziemlich abgeklärt mit einer Maschinenpistole und ein zweiter Attentäter, der warf eine Handgranate hinterher. Da steht man einem kühlen Januarmorgen und der Gedenkstein ist schmutzig und grau und dort in der Kurve, dort liegt das christlich-jüdische Abendland begraben, das so gern zitiert wird, aber dort hat man dem Juden in den Kopf geschossen, gut versteckt im dichten Gebüsch und das ist das christlich-jüdische Abendland gewesen und aller Sentimentalität, die die Juden meiner Familie hegten, so schluckten sie doch und wussten nicht weiter und meine Großmutter und ich brachten einmal im Jahr weiße Rosen. Dort liegt der Unterschied begraben zwischen jenen, die vom christlich-jüdischen Abendland schwärmen können und jenen, die auf der Straße verbluteten.

Die Operation Consul, eine Terrorgruppe lässt sich übrigens gut und gern jener von Armin Mohler geprägten Begrifflichkeit der „Konservativen Revolution“ zuordnen, die gerade bei ihnen Karriere macht, aber das christliche Abendland, das den Juden so gern in den Kopf schoss und schließlich ganz Europa judenrein machte, das muss nicht im Kloster Seeon verteidigt werden, denn das gibt es schon seit so vielen Jahrzehnten nicht mehr, es wird nie wieder kommen, es ist nur noch ein Stein an einer befahrenen Kreuzung davon übrig und seit 1922 hat es in Deutschland nie wieder einen jüdischen Außenminister gegeben.

Wenn Sie aber Zeit haben, dann gehen Sie doch die Königsallee noch einen Kilometer hinauf, da steht sie die Villa von Walther Rathenau, vor der ich mit meiner Großmutter stand und sie erzählte mir von jenem Mann, der einfach so beim Kaiser durch die Tür marschierte und niemals darüber hinweg kam, dass ein deutscher Jude nicht auch Offizier werden konnte. Ob Walther Rathenau vielleicht im Sommer einmal nach Kloster Seeon wanderte weiß ich nicht, aber in München kurz vor der Jahrhundertwende, da hörte er Vorlesungen in Maschinenbau, aber er träumte davon Maler zu werden. Sie werden verstehen, werte CSU-Klausurtagungsteilnehmer, jeder Patriot hat eine Schwäche und mein Urgroßvater, der preußischste unter ihnen, pfiff gern Liebeslieder, auch solche aus Frankreich.

Es lohnt sich manchmal an einer Kreuzung in Berlin-Grunewald zu verharren, in Gedanken oder auch ganz selbst, 660 Kilometer sind nicht wenig, aber man erzählt sich, es gäbe einen wirklich schnellen Zug von München nach Berlin.

Das Wagenrad der Assimilation

Es ist eine Katastrophe“, sagt die liebe C.

„Es ist ein Wagenrad“, sage ich.

Die liebe C. lacht. Sie sagt: „Deiner Großmutter wäre das nicht passiert.“

„Niemals im Leben“, sage ich und lache auch. Meine Großmutter verstand sich wie niemand sonst auf die Assimilation. Meine Großmutter gehörte ja schließlich, wie sie niemals müde wurde zu betonen, zur zweiten Generation der assimilierten Juden. Keine Ghettoluft, sondern erst österreich-ungarische, dann deutsche Bürger. Aber wir, was sind wir eigentlich, die Generation 1 und 2 nach Auschwitz? In jedem Fall machen wir Fehler, die meine Großmutter niemals gemacht hätte.

Meine Großmutter wusste ganz genau, wie groß der Adventskranz für das Wartezimmer sein musste, damit niemand sagte:

„Die Frau Doktor ist aber knausrig.“

Oder

„Die Juden protzen ja wieder mächtig.“

Letztes Jahr hatte die liebe C. den Adventskranz völlig vergessen.

Die Leute der Stadt sagten: „Bei der alten Frau Doktor hätte es das nicht gegeben und die Frau Doktor hat eben nur noch die Flüchtlinge im Kopf. Die liebe C. aber vertrat einen an Krebs erkrankten Kollegen, der die Dörfer versorgt an den Wochenenden. Aber gesagt hat die liebe C. nichts, denn „Es ist doch klar, dass die Juden bei jeder Gelegenheit noch mehr Geld scheffeln.“

Dieses Jahr aber ist der Adventskranz nichts weiter als eine Zumutung. Der Jude lernt es eben nicht.

Meine Großmutter wusste, dass man auch als Jud bei der Christmette zu erscheinen hatte, aber ging niemals zu der Christmette bei der die kleine Stadt unter sich sein wollte.

Meine Großmutter wusste, dass der Jude Karfreitag und auch an Ostern nichts in der Kirche zu suchen hat.

Nur mein Großvater hatte keine Wahl, er war der Kantor der Kirche und folgerichtig sagte Fräulein Patensky, die Diakonin, dass es eine Sünd sei, dass der Jud die heiligen Lieder spiele, aber die Zeiten waren eben so und Fräulein Patensky kniff die Lippen zusammen.

Meine Großmutter wusste, dass auch wenn man Schubert aus dem Kopf spielen konnte, immer die Noten auf dem Halter liegen ließ, damit man die Nicht-Juden nicht vorführte.

Meine Großmutter ließ mich die Aussprache aller deutschen Worte üben, das-h- das ich jahrelang nicht richtig sprechen konnte, üben bis mir die Ohren bluteten. Es gilt die Deutschen nicht mit dem schlechten Gebrauch ihrer Sprache zu reizen, sagte sie. Ihr Deutsch und unser Deutsch ist verschieden sagte sie und gab zu, dass auch sie niemals bis auf den Grund der deutschen Sprache vorgedrungen sein, denn wie konnte es sein, dass dieselben Nachbarn, die eben noch grüßten, schwiegen als die Familie nach Auschwitz fuhr?

Meine Großmutter hatte von ihrem Vater, der so stolz war, dass sie auf das Gymnasium kam, dass man als Jude am besten immer nur Klassendritter ist, um nicht dem Bild des vorwitzigen Juden zu entsprechen und so war meine Großmutter immer Klassendritte und dass meine Großmutter wirklich promoviert worden war und nicht nur aus Gewohnheit Frau Doktor gerufen wurde, verschwieg sie sogar vor sich selbst.

In einer und mag sie auch noch so freundschaftlich geführten Auseinandersetzung sagte meine Großmutter, hat der Jude niemals zu vorlaut zu widersprechen, immer gilt es im Gegenüber kein unangenehmes Gefühl hier mit einem Juden zu sitzen aufkommen zu lassen, im Zweifelsfall hat der Jude immer Unrecht, sagte meine Großmutter.

Eine Jude geht nicht bei Rot über die Ampeln.

Eine Jude lärmt nicht auf der Straße.

Eine Jude trennt den Müll vorbildlich.( Die Orientalen schmeißen ja den Dreck auf die Straße.)

Ein Jude erinnert die Nichtjuden nicht ständig daran, dass er Jude ist.

Ein Jude spricht niemals über Antisemitismus.

Wiederfährt einem Juden ein Unrecht, so beklage er sich nicht. Es gibt keinen Anspruch auf Gerechtigkeit, sagte meine Großmutter.

Nichts empört den Nicht-Juden so sehr, wie einen über Antisemitismus jammernden Juden. Erwarte niemals irgendeine Form der Unterstützung. Jude Sein, sagte meine Großmutter ist Einsamkeit als Lebensform. Sie hat Recht. Mag in Stockholm eine Synagoge angebrannt werden, mögen in Berlin Chöre rufen, stirb du Judenschwein, so ist auch das eine Sache der Juden und niemals eine Sache der Gesellschaft selbst.

Ein Jude hat seine Dinge stets griffbereit, packt den Nicht-Juden die Wut, so gilt es vorbereitet zu sein.

Diese Woche schrieb mir jemand eine Email. In der Email stand, finden Sie es nicht komisch, dass sie als Jude dem Muslim und Türken Deniz Yücel und Mesale Tolu ins Gefängnis schreiben? Das könnte doch sehr unangenehm sein, dass ihnen ein Jude schreibt.
Na dann wollen wir mal froh sein, dass die Karten wohl nicht ankommen. Im Gefängnis sein, ist ja schon schlimm genug, aber im Gefängnis zu sitzen und dann bekommt man Post vom Juden ist wirklich unaushaltbar schlimm.

Warum schämst Du Dich so Jude zu sein, schrie ich meine Großmutter an, da war ich achtzehn Jahre alt und wollte die Chanukkia ins Fenster stellen und meine Großmutter verweigerte sich und sagte: „Was ist nur in Dich gefahren Kind?“ Aber als ich nicht aufhörte zu schreien: „Warum schämst Du Dich so ein Jude zu sein, da hielt meine Großmutter erst meine Hände und dann mich so fest, bis ich glaubte, ich würde ersticken und sagte: „Ich halte das nicht aus, wenn Sie Dich auch noch erschlagen.“ Ich habe niemals aufgehört mich zu schämen.

Die Chanukkia steht auf dem Tisch und niemals am Fenster.

Meine Vater besorgte Marzipan und rote Schleifen. Geleesterne und solche mit Zuckerrand. Mein Vater kaufte dicke rote Kerzen und Tannenzapfen aus Schokolade. Mein Vater malte ein Schild: „Bitte greifen Sie zu.“ Wir wünschen Ihnen eine gesegnete und gesunde Adventszeit.“

Die Leute sagen: „Niederegger Marzipan- die Juden haben es eben.“

Die Leute sagen: „ Die glauben das doch gar nicht. Aber der Jude lügt ja gern.“

Die Leute sagen: Solche Angeber, die Juden.“ „Da kannste nichts machen.“

Die liebe C. am Telefon lächelt. „Immerhin originell“ sagt sie.

Ich sage: „Also hübsch ist er schon.“

Mein Vater sagt: „Er riecht nach Winter und Wald und Schnee.“

Der F. der ehemalige liebenswürdige Gefährte sagt: „Ich wette niemand traut sich den goldenen Tannenzapfen zu nehmen.“

Die liebe C. sagt zu mir am Telefon: Sie hat Dich geliebt Süße, sie hat Dich so geliebt.“

Ich nicke und schlucke.

Die Mali-Tant ruft an und sagt: Geh Mädi, hast gehört wie es den Juden ist ergangen in Göteborg? Geh Du musst mir halt scho versprechen, dass Du net gehst in a Shul fir a Tanz.

Es hat keine Juden in Irland, Mali-Tant, sage ich.

Die Mali-Tant sagt: „Geh Mädi, ich bin a oide Frau, i will net sehen Dich verschossen.“

Geh Mali-Tant, es wird scho gut gehen, sage ich.

Meine Großmutter sagte: Der Erfolg eines Juden misst sich in seiner Unsichtbarkeit. Sie musste es wissen, sie war ja schließlich die Tochter eines assimilierten Juden der ersten Generation.

Die Leute sagten, wenn die Schlangen in der Poli-Klinik zu lange war: „Na geh halt zum Judendoktor, die nimmt dich dran.“

Die Juden das sind eben die Anderen.

 

Blanke Steine

Ich habe meine Großmutter begraben. Es war ein warmer Tag.
Das Grab meiner Großmutter ist auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin.
Meiner Großmutter war es gleich.
„Wenn Du meinst Kind“, sagte sie und immer sagte sie es spöttisch und zog die Mundwinkel nach oben.
Ich habe meine Großmutter begraben. Auf dem Stein steht ihr Name und ein hebräischer Satz.
Meine Großmutter hätte ihn nicht lesen können.
„Hebräisch ist keine Sprache, sondern eine Zumutung“ sagte sie.
Der Steinmetz brachte die Buchstaben spiegelverkehrt an.
Ich lachte und wusste, sie hätte lauter gelacht. „Das kommt davon, mein Kind.“ Der Steinmetz änderte die Buchstaben.
Ich fahre auf den Friedhof und wenn ich auf den Friedhof fahre, dann ziehe ich mit meinem Finger die Buchstaben ihres Namens nach.
Mein Großvater liegt nicht auf dem Jüdischen Friedhof von Berlin begraben. Sondern auf dem Friedhof der kleinen deutschen Stadt. Meine Großmutter pflanzte einen Rosenbusch.
Sie kaufte zwei Grabstellen. In der einen ist mein Großvater begraben, die andere Grabstelle aber ist leer. Ein Grabstein steht vor dem leeren Grab. Dort stehen die Namen der Eltern meiner Großmutter, meines Großvaters und ihrer Geschwister. Die Namen sind klein und fast unlesbar. Meine Großmutter und mein Großvater hatten viele Geschwister. Die Asche der Eltern wie die der Geschwister sind in Auschwitz, sind Maly-Trostenez, sind in Maidanek geblieben.
Als ich ein Kind war, da hieß mich meine Großmutter die Namen der Toten auswendig lernen. Ich stand vor ihrem Schreibtisch und sagte die Namen der Toten auf.
Am 9. November kniete mein Urgroßvater auf einer Straße und in seiner Hand hielt er eine Zahnbürste und er putzte die Straße mit der Zahnbürste und hinter den Gardinen standen die Leute und ich stelle mir vor wie sie sagten:
Da kniet der Jude und endlich kniet der Jude, möge er immer knien der Jude. Vielleicht sagten sie auch etwas ganz anderes, vielleicht sahen sie nicht auf die Straße, vielleicht suchten sie nach Beuteln, denn während mein Urgroßvater auf der Straße kniete, da kamen die Nachbarn, die an allen anderen Tagen zum Tee kamen, und nahmen sich, was ohnehin ihnen gehörte, sie holten das Silber und die Tischdecken und den Schmuck, den mein Urgroßvater meiner Urgroßmutter schenkte. Für jedes Kind schenkte er ihr eine Kette, einen Ring, ein Armband und meine Großmutter hatte fünf Schwestern. Vielleicht trägt heute eine Frau ja den Ring mit dem blauen Stein, den mein Urgroßvater seiner Frau schenkte und seine Frau legte ihm das Kind in den Arm und ich bin mir sicher, dass meine Großmutter schon damals spöttisch lächelte über den Ring. „Wenn Du meinst Vater, das es sein muss“, mag ihr Blick gesagt haben, denn so war ihr Verhältnis zur Welt und vielleicht tanzte er mit ihr auf dem Arm durch die Wohnung und lachte mit ihr und sang und tanzte.
Meine Großmutter sagte ihr Vater hatte einen aufrechten Gang.
Meine Großmutter sagte ihre Mutter hatte einen offenen Blick.
Dann schwieg meine Großmutter.
Meine Großmutter hatte ihre Eltern in Auschwitz aus den Augen verloren.
In der Straße in einem südlichen Vorort von Berlin liegen Stolpersteine auf dem Boden. Man muss aufpassen nicht auf die Steine zu treten. Im November liegt Laub auf den Steinen. Ich bin darüber sehr froh.
Am Morgen des 9. Novembers lese ich überall Primo Levi Zitate und ich lese, dass der 9. November ein guter Tage wäre die Stolpersteine zu putzen und dann lese ich, dass sich das Reinigungsmittel Domol ( Für strahlenden Glanz, ohne nachzupolieren) besonders gut eigne um die Steine zu reinigen und dann höre ich auf zu lesen.
Das einzige Bild, was ich von meinem Urgroßvater habe zeigt einen Mann auf den Knien, er trägt einen Anzug und sein Hut liegt neben ihm auf dem Boden und ihm herum da sieht man nur Schuhe. Lederschuhe, Halbschuhe, Kinderschuhe, Damenschuhe, Soldatenstiefel, sie alle stehen vor meinem Urgroßvater mit der Zahnbürste in der Hand und er putzt die Straße.
Ich weiß nicht ob man den Juden da auf der Straße auch ein Reinigungsmittel in die Hand gab zur Bürste.
Mein Urgroßvater hatte blutige Knie am Ende des Tages.
Ich weiß nicht ob die Straße sauberer war als zuvor.
Der Ort hatte keine Synagoge, die man anzünden konnte.
Jedes Jahr am 9. November sehe ich den Mann auf dem Bild.
Ich will ihm sagen: „Steh doch auf.“ Bitte steh doch auf.“
Warum steht er nicht auf?
Ist Dir kalt?, will ich sagen, ich will seine Hand nehmen, ich habe immer kalte Hände, ich will ihn hochziehen, aus diesem Bild herausziehen, komm doch näher, und ich will ihn fragen: erkennst du mich?“ Er kennt meinen Namen nicht.
Die Menschen auf dem Bild haben saubere, glänzende Schuhe.

Ich wünschte an jedem 9. November wäre es still, ich wünschte einmal nur wären wir mit unseren Toten allein, ich wünschte es gäbe keine Stolpersteinputzkolonnen, keine Spruchbänder, keine Aufrufe, keine Bilder der Namen mit den Namen der Toten, die sich nicht weigern können, die blank sein sollen, denn jetzt wird ihrer gedacht und das ist auch leichter, denn die Fragen nach dem Ring mit dem blauen Stein am Finger einer anderen Frau sind schwieriger.
An keinem Tag wie am 9. November wünschte ich mir, ich könnte die Steine mit Laub bedecken, sie davor bewahren wieder Ziel deutscher Sauberkeit und Gründlichkeit zu werden, aber ich habe schon vor vielen Jahren gelernt, dass die Enkel und Kinder der Toten nur stören im unbedingten Willen zu gedenken.
Ich wünschte es wäre einmal still und wenn es nur still genug wäre, so still, dass die Trauer einmal Platz hätte, meine Trauer nicht Ihre, vielleicht blickte er dann einmal auf, sähe mich an der Mann auf dem Bild, der mein Urgroßvater war, sähe mich an und ich sähe ihn. Ich möchte einmal nur seine Augen sehen, dann verschwänden die Schuhe, die Beine, die Zahnbürste, dann gäbe es nur ihn und mich und endlich wären wir allein.

Der Rosenbusch auf dem Friedhof der kleinen Stadt blüht noch immer. Der Mann auf dem Bild sieht mich nicht, er sieht die Steine und die Schuhe und die Zahnbürste in seiner rechten Hand.

In einer Reihe.

Heute Mittag, so gegen 12 Uhr, da saß ich im Flugzeug von Dublin nach Frankfurt. Ich sitze immer auf Platz 26 A. Es ist schon merkwürdig, dass ich die ich doch mehrere Pässe und keine Heimat besitze, auf einer Platznummer beharre, und immer wenn ich nicht auf dem Platz 26 A sitze, werde ich unruhig und mehr als einmal habe ich den Platzhalter auf 26 A dann schon gefragt, ob er nicht mit mir tauschen wolle. Aber heute, saß ich auf meinem Platz und hinter mir saß eine Familie. Ihr Arabisch ist mein Arabisch und so hörte ich, wie die Familie leise flüsternd ihren Heimaturlaub in Tunis plante. Dann aber kamen drei weitere Reisende und beanspruchten die Reihe 27 und eine Stewardess besah die Flugkarten der Familie und stellte fest, dass diese zwar tatsächlich in Reihe 27 sitzen würden, aber nicht auf dem Flug von Dublin nach Frankfurt, sondern auf der Weiterreise von Frankfurt nach Tunis. Der Mann der Familie sagte: Verzeihen Sie vielmals, wir wollen gleich aufstehen, sorry, so sorry. I am so sorry, wiederholte er wieder und wieder, deutete eine Verbeugung in Richtung der Stewardess an und wieder sagte er : We are so sorry, so very sorry.“

Dann gingen der Mann, seine Frau und ihre kleine Tochter nach vorn, ihre neuen Sitzplätze zu suchen und ich hörte ihnen zu, sah die Stewardess an, die ungeduldig über die Verwechslung, die langen Entschuldigungen und die nachdrängenden Passagiere, die Augen verdrehte und auch als ich den Mann und seine Familie schon nicht mehr sehen und auch nicht mehr hören konnte, da erinnerte ich mich, denn der Mann und seine Familie, das waren ja wir. Das waren meine Großmutter und ich. Als ich ein kleines Mädchen war und in den langen Sommerferien zu meiner Großmutter nach Deutschland kam, da fuhren auch wir zusammen in die Sommerfrische. Nicht mit dem Flugzeug, sondern mit dem Zug. Wir fuhren nach Norden und verbrachten vier Wochen auf Borkum oder tief in den Süden und wanderten durch Oberbayern, aber immer begannen unsere Reisen mit einer Zugfahrt. Immer warnte mich meine Großmutter, denn mein Deutsch war damals noch viel Schlechter als heute, dass ich im Zug doch so wenig wie möglich sprechen sollte. Auf keine Fall gälte es laute Fragen zu stellen, oder durch das Abteil zu krähen, am Besten sei es ich flüsterte ihr, wenn ich etwas wollte, leise in ihr Ohr. Besser noch aber sei es, während der Fahrt zu schweigen. So saßen wir nebeneinander im Zugabteil. Die schweigende Frau und das verstummte Kind. Meine Großmutter nahm meine Hand in ihre und so fuhren wir mit fest ineinander verschränkten Händen durch Deutschland. Meine Großmutter sprach das schönste Deutsch, das ich jemals hörte. Ihr Deutsch war makellos, sie verschluckte keine Silben, sie verachtete Redensarten und vieles verzieh sie aber niemals vergab sie Schlampereien mit der deutschen Sprache. Meine Großmutter sprach nicht einfach Deutsch, meine Großmutter liebte Deutsch, liebte jedes einzelne Wort, trug Gedichte, Romane und Novellen unter ihrer Zunge, und niemals gab sie meinen Fehlern nach. Noch mehr aber war sie die großzügigste Liebhaberin der deutschen Sprache, sie hielt kein Wort vor mir zurück, auch die Wörte, die ihr die teuersten waren, legte sie mir in die Arme, bis ich sie nicht mehr vergaß. Aber im Zug, auf jenen Reisen da sprach meine Großmutter ein künstliches Deutsch, das Deutsch des Mannes im Flugzeug. „Entschuldigen Sie bitte vielmals.“ Ich bitte um Verzeihung für die Verzögerung.“ Bitte entschuldigen Sie doch. Stumm reichte sie dem Schaffner die Fahrkarte an, ängstlich darauf bedacht diese nicht zu knicken, den Ausweis vorsichtshalber gleich mit bereit zuhalten und die Reservierungsnummer überprüfte meine Großmutter mindestens dreimal, bevor wir uns wirklich setzten. Einmal da hatten auch wir übersehen, dass die Wagenreihung geändert worden war und wir auf den falschen Plätzen saßen, da bekam meine Großmutter rote Flecken auf den Wangen und entschuldigte sich wieder und wieder für den begangenen Frevel nun einmal auf dem falschen Platz gelandet zu sein. Die roten Flecken wichen auf dieser Reise nicht mehr von ihrem Gesicht. Sprach einer der Reisenden aber meine Großmutter an und bat um ein zu öffnendes Fenster, eine Auskunft über die nächste Haltestelle oder um Aufsicht über das Gepäck, um auf die Toilette zu gehen, so antwortete meine Großmutter:“ aber selbstverfreilich“, gewiss doch, gehen Sie unbesorgt, gern haben wir ein Auge auf ihr Gepäck. Es fehlte nur noch, dass sie sich noch einmal entschuldigt hätte, die Gepäckbeaufsichtigung nicht schon vorauseilend angeboten zu haben. Auch wir hatten in unseren Rucksäcken und Taschen glänzende Äpfel und Käsebrote, Bad Lauchstädter Wasser und eine Thermoskanne voll Tee mit Zitrone. Aber gegessen oder getrunken haben wir niemals auf unseren Reisen, wie wir auch niemals sprachen. Denn in der Stimme meiner Großmutter lag das gleiche Bemühen des Mannes aus Tunis, bloß keinen Fehler zu machen, nur nicht die Deutschen und ihre Launen auf die Probe zu stellen, unter gar keinen Umständen aufzufallen, ein Aufsehen zu erregen und das Unbehagen des Schaffners oder der Mitreisenden zu erregen. „Kind, sagte meine Großmutter, es gilt das Stillschweigen zu bewahren, denn man weiß nie.“

Ich sah sie an und meine Hand lag in ihrer, und meine Großmutter sah aus dem Fenster und vor ihr zog Deutschland vorbei am Fenster und so wie ich ihre Hand umfasste, umklammerte sie meine , so fest, dass die Abdrücke ihrer Finger noch Tage später auf meiner Haut zu sehen waren, „man weiß nie, mein Kind“ sagte meine Großmutter, dann schloss sie sich für lange Stunden im Schlafzimmer ein und ich lag vor der Tür, und wollte sie zurück in meine Arme ziehen. „Man weiß nie mein Kind!, sagte meine Großmutter und schlug auf den Tisch als ich das ch, nicht vom sch unterscheiden konnte, die Tassen wackelten und ich übte mit verknoteter Zunge. Meine Großmutter hatte ja einmal auch im Zug nach Auschwitz gesessen, vielleicht hielt ihre Hand, die Hand ihres Vaters, wie ich mich an ihrer Hand festhielt und als sie gen Auschwitz fuhren, erzählte mir meine Großmutter, später, da war ich kein Kind mehr, da habe ihr Vater noch einmal erzählt die Mädchen seiner Kindheit, die Lieder seiner Jugend, die Gedichte, die er lernte, um ihre Mutter, seine Frau zu beeindrucken, als wusste er schon, dass er nicht mehr zurückkehren würde von dieser letzten Fahrt. Und meine Großmutter legte sich seine Lieder, seine Geschichten, seine Gedichte unter die Zunge und meine Wiener Wörter, meine Wiener Geschichten, meine Wiener Lieder und meine Wiener Gedichte sind einmal seine gewesen. „Man weiß nie“, sagte meine Großmutter und sah die Mitreisenden, den Schaffner und den Mann der Kaffee servierte niemals an. „In Deutschland weiß man nie“, sagte sie und wir schwiegen auf der Reise. Erst als wir ausstiegen, um in eine Pension oder ein Hotel zu gehen, da öffnete meine Großmutter ihre Handtasche, brach uns beiden ein gewaltiges Stück Nussschokolade ab, und kehrte zurück zu ihrem Deutsch, das immer ironisch und liebevoll, floskelfrei und zärtlich war, erzählte mir vom Schwabinger Fasching 1910, von der Kaiserkrönung in Aachen, von der Rosstrappe und Goethe, der in Weimar mit dem Herzog auf dem Marktplatz Peitschen knallte, aber als wir einmal nach vielen Stunden in Florenz ausstiegen, da hob sie mich hoch und lachte: „Oh wie dürstet mich nach der Sonn.“ Und so lernte ich Albrecht Dürer kennen. Bis ganz zum Ende aber sind wir beide schweigend durch Deutschland gefahren und als ich dem Mann aus Tunis zuhöre, höre ich meine Großmutter reden, höre ich mich, denn auch ich rede mit deutschen Autoritäten anders als üblich, immer in der Vorstellung lebend, etwas grundsätzlich falsch zu machen, so fundamental falsch zu sein, die Sitzordnung zu empfindlich zu stören und auch ich halte zur Fahrkarte immer auch schon die Bahncard bereit, denn in ihr und auch in mir, lebt noch immer die Frage, wie es denn sein konnte, dass ihr Vater, der Wiener Jude mit der Liebe zum Meer und dem Herzen voller Geschichten in einen Zug nach Auschwitz stieg, um nie wieder zurückzukehren. Kalt waren die Hände meiner Großmutter während unserer Reisen und schlief ich neben ihr ein schlug ihr Herz laut und schnell und heute im Flugzeug von Dublin nach Frankfurt, Platz 26 A, da blieben meine Hände noch lange so ineinander verschränkt, wie damals auf jenen Reisen, als ihre Hand meine hielt.

( Back then I wished I would have screamed or shouted or at least having spilled some tea. But I never did and I did not scream or shout today either. I was a quiet, a rather solemn child back then.)

Ein neues Jahr

Als die Sonne untergeht, höre ich kein Shofar, sondern nur das nimmermüde Telefon. Überhaupt das Telefon. Die A. ruft an und schimpft: „Diaspora-Juden.“ Wer die Feiertage nicht heiligt, den fressen die Raben schreit“ sie so laut, dass nicht nur das ganze Büro es hört, sondern sehr sicher auch ganz Jerusalem. Ich versuche vergeblich mich zu verteidigen. Die A. aber will davon nichts wissen. „Faule Ausreden und jämmerliches Gewäsch“, schnarrt sie und setzt ihren Sermon über die hohen Feiertage und Familienpflichten fort. Zweimal versuche ich noch sie zu unterbrechen, aber schon mein leises…aber…. reizt die A. zur Weißglut und mit einem letzten empörten und voller Verachtung gerufenen: „Diaspora-Juden“ kanllt sie den Hörer auf. Es folgen noch dreiundzwanzig ähnliche Whatsapp-Nachrichten, aber dann hat die A. besseres zu tun, als sich mit mir herumzuschlagen, denn ihre Neujahrstafel ist festlich bestückt und anders als die Nachbarn, die im Herzen wohl auch Diaspora-Juden sind, backt sie 200 Challot und dankt jeder Biene einzeln für den Honig und natürlich sind ihre Granatapfelkerne größer und saftiger als die aller Anderen. Ich sitze mit zitternder Hand im Büro. Die Zimmerpalme fächelt mir Luft zu: „Mach Dir nichts draus!“ haucht sie und ich schlucke. „Aber wenn die A. nun doch recht hat?“, sage ich und die Palme seufzt. Ich denke an das kleine irische Dorf und die vielen, schwarzen Elstern, die Raben schon sehr, sehr ähnlich sehen.

Die Frau des Krämers schreit: „Ha, Fräulein Read On, ich habe es nachgeschlagen, heute ist eines ihrer seltsamen Feste. „Heute Abend beginnt RoshHaShana“ Frau des Krämers, sage ich, „es ist das jüdische Neujahrsfest, denn das Jahr 5778 ist angebrochen“. Die Frau des Krämers stützt die Hände in die Hüften: „So was, ein Jahr beginnt immer am 01. Januar und nicht mitten im September. „Alles Humbug, alles Kokolores, komische Spinnereien bei ihnen.“ Ich atme tief ein und staple Möhren und Äpfel auf der Ladentheke. Die Frau des Krämers gestikuliert noch immer und kommt zu ihrem Lieblingsthema nämlich meiner Weigerung Schwein zu essen, eine Absonderlichkeit, an die sich die Frau des Krämers wohl niemals zu gewöhnen mag und sie bemitleidet mich wie so oft, niemals meinen Tag mit einem heißen, fettriefenden Würstchen beginnen zu können. „Sie sind Sie eigentlich niemals neugierig, frage ich Sie, auf die Feste der Anderen?“ „RoshHaShana glaube ich könnten Sie mögen, es gibt… ,“ aber da unterbricht mich die Frau des Krämers schon und zornig blinzelt sie zu mir herüber: „Weihnachten ist eben Weihnachten“, ruft sie und schickt ein wütendes: „Sie lasse sich doch nicht ihr Schönstes nehmen“ hinterher. Ich muss schlucken und denke an meine Großmutter, die immer den schönsten Weihnachtsbaum hatte und niemals ohne ein spöttisches Lächeln sah, dass ich den Kidduschbecher erhob. „Weihnachten ist eben Weihnachten“ höre ich die Frau des Krämers noch immer rufen, da stehe ich schon in der Küche und schneide Möhren für den Tzimmes.

Meine Großmutter machte Tzimmes kalt, rieb die Karotten, gab Apfel und Rosinen und allerlei anderes dazu, obwohl sie doch niemals „Shana tova“ sagte und über meinen Tzimmes, nur den Kopf geschüttelt hätte, den meiner ist eine Kasserole, geschmorte Möhren in Hühnerbrühe, mit Backpflaumen, Honig und Chilli dazu. Immerhin riecht das Haus nach dem neuen Jahr, denke ich und decke den Tisch. Ich entkerne die sündhaft teuren und immer trockenen Granatäpfel, die man in Irland zu kaufen bekommt und wärme die Challah im Ofen. Dann kommt der Tierarzt. Der Tierarzt schnuppert in der Küchentür. „Hmm, hmm, hmm,“ macht er und es klingt nicht erfreut. „Das ist Tzimmes, Tierarzt“ sage ich und stelle ihm einen Teller hin. Der Tierarzt stochert in den Karotten, spießt eine Karottenscheibe auf und starrt sie lange an. Die Backpflaumen sortiert er aus, die Challah würdigt er keines Blickes und die Granatapfelkerne mit Honig kann er nicht ausstehen. „Hmm, hmmm, hmm,“ sage ich und klinge nicht sonderlich erfreut, „vielleicht schadet ein Löffel ja nicht.“ Aber natürlich irre ich mich. Der Tierarzt lässt den Löffel fallen und sagt: ICH HASSE ESSEN, ALLES ESSEN, DAS ESSEN HASSE ICH GANZ BESONDERS, ICH KENNE NICHTS WIDERLICHERES ALS MÖHREN, MÖHREN SIND ÄH, BÄH, RABÄH, ZUM WÜRGEN, IMMER ZWINGST DU MICH ZU ESSEN, WARUM KANNST DU MICH NICHT ENDLICH IN RUHE LASSEN? WARUM?WARUM?WARUM? DAS IST SO WIDERLICH DIESE STÄNDIGE ESSEREI, ICH HASSEN ESSEN, ALLE DÜRFEN ABNEHMEN, NUR ICH NICHT, NUR DU ZWINGST MICH ZUM ESSEN, JEDEN TAG ZWINGST DU MICH ZUM ESSEN, DABEI BIN ICH SCHON SO FETT, FETT, FETT, DU BIST SO HINTERHÄLTIG UND GEMEIN, ICH HASSE ESSEN, UND DASS DU MICH SO ZWINGST HASSE ICH NOCH VIEL MEHR UND DIR MACHT DAS AUCH NOCH SPASS MICH SO ZU QUÄLEN UND ICH HASSE ESSEN UND ICH HASSE MOHRRÜBEN UND DICH HASSE ICH AUCH.

Ich stehe auf und mache das, was ich sonst nie mache, denn ich habe eine solche Abneigung gegen alle Art Verschwendung und gegen die von Lebensmitteln ganz besonders und kippe die Kasserolle mit dem Tzimmes, die Teller mit den Karotten, die Granatapfelkerne und die Challah in den Mülleimer. ( Wenn die A. das wüsste, wäre ich tot. ) Dann verstecke ich meine Arme und die zitternden Hände in den weiten Ärmeln meiner Strickjacke, und gehe nach oben. Ich wasche mir die Haare und rolle mich mit Nussschokolade auf dem Sessel zusammen. Ich fühle mich noch schlechter, denn man isst keine Nüsse über RoshHaShanah. Aber eigentlich ist mir auch schon alles egal. Dann klingelt das Telefon und die liebe C. ist am Apparat. Sie sitzt in der Badewanne der A. und flüstert, denn die A. gestattet den Gebrauch von Mobiltelefonen nicht an Shabbat nicht und an den hohen Feiertagen schon gar nicht: „Shana tova, Süße“, sagt meine liebe C. und singt ganz leise für mich und zählt so viele gute Wünsche auf, wie sie mir niemals einfallen würden. Dann muss sie zurück zur Tischgesellschaft, nicht das die A. noch misstrauisch würde und ich gehe zu Bett, der Regen tropft gegen die Fensterscheiben, Shana Tova, flüstere ich der Dunkelheit zu und hoffe trotz allem auf ein helleres und leichteres Jahr, als es das Vergangene war.