Wie die Frau des Krämers fast einmal ein Porträt geworden wäre und dann doch nur ein dunkles Omen übrig blieb.

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Seit sieben Jahren schon nimmt ein Künstler in unserem kleinen Dorf irgendwo in Irland, wo es mehr Schafe als Menschen gibt, Quartier. Der Künstler ist ein älterer englischer Herr, der Cordhosen, ein Tweedjackett und robuste Schuhe trägt. Der Künstler logiert im blauen Haus, das nicht etwas so heißt weil es blaue Fensterläden hätte, sondern weil die inzwischen verstorbene Besitzerin schon Vormittags trank. Dörfer wie das unsere verzeihen nichts.
Ihr Sohn aber bietet weiter Fremdenzimmer an. Damals also im ersten Jahr seiner Residenz im Dorfe, betrat der Maler den Laden der Frau des Krämers, die in ihm keinen Künstler, sondern nur einen Engländer erblickte. Nun ist die Frau des Krämers den Engländern an sich feindlich gesonnen, müsste die Frau des Krämers aber zwischen Künstler und Engländer wählen so wählte sie immer einen Engländer.

Die Frau des Krämers hat bekanntlich starke Ansichten und so überzog sie den Mann, der wie wir alle eigentlich nur einen Himbeerscone wollte mit der drohenden Aussicht, dass sich ein Künstler angesagt habe: „Künstler weiß die Frau des Krämers sind allesamt Lotterbuben, liegen bis zehn in den Federn, missachten den Kirchgang am Sonntag, haben eine Geliebte, unbezahlte Rechnungen und Ideen. Ideen sind das Schlimmste. Ideen haben zu Coca-Cola, dem Rückgang der Taufe, der Erderwärmung und Dingen im Bett geführt, die unaussprechlich sind. Schlimmer noch haben Ideen zu Supermärkten geführt. Die Supermärkte sind der Todfeind der Frau des Krämers.

Der Künstler sah mit saurer Miene zur Frau des Krämers herüber und sagte: „Der Künstler bin ich.“

Die Frau des Krämers erlebte einen seltenen Moment der Sprachlosigkeit.

Der Künstler aber nahm Quartier im blauen Haus und seit sieben Jahren trägt er am Morgen seine Staffelei an den Strand und malt das Meer.

Manchmal zieht der Künstler auch zu uns ins Oberland und malt Meer, Wolken und die Ginsterhecken.

Der Künstler ist ein schweigsamer Mann.

Er sagt: Morning und dann Bye.

Manchmal telefoniert er mit einem billigen mobile phone.

Der Künstler hat eine Thermoskanne mit Tee und einen kleinen, silbernen Flachmann bei sich. Immer wenn er den Deckel abschraubt um ihn mit Tee zu befüllen, gibt er einen guten Schluck aus dem Flachmann dazu.

Seine Bilder sehen nicht so aus, als ob er Ideen hätte. Aber der Tierarzt sagt, ich solle das nicht schreiben, denn vielleicht würde der Künstler doch irgendwann Kälbchen porträtieren.

Ich schreibe es trotzdem.

Der Künstler aber ist ohnehin selten im Oberland, noch seltener bei der Kälberweide, fast nie im Laden der Frau des Krämers.

Der Künstler tut das Unaussprechliche und kauft im Tesco das Nötigste ein.

So vergehen die Jahre und die Leinwände vielleicht auch. Aber es nagt in der Frau des Krämers. Nicht nur, dass der Künstler im blauen Haus logiert und nicht in ihrer Scheune ist Anfechtung, aber es ist noch etwas Anderes, denn die Frau des Krämers hatte selbst eine Idee.

Ein Bild von sich und ihrem Laden nämlich. In Öl. Auf Leinwand. Mit einem goldenen Rahmen.

Wäre das nicht ein Werbeträger wie es ihn sonst nirgendwo gibt?

Die Frau des Krämers in ihrer besten Schürze, mit frischer Dauerwelle und den guten grünen Schuhen. Im Hintergrund der Laden mit roter Markise und dem Glöckchen an der Tür. Natürlich die Auslagen ein Füllhorn irischer Landwirtschaft. Rinderhälften neben saftigem Stilton und in einem Korb ofenfrische Scones. Die Frau des Krämers sieht dieses Bild vor sich. Es ist ihr Bild. Es ist der ganze Schluss ihres Lebens. Ihr Laden und Sie.

Das Problem ist nur, wann immer der Künstler ihren Laden betritt, will er nichts wissen von ihren Andeutungen, ihren Hinweisen, ihren Fingerzeigen in Richtung rote Markise, Schaufenster und natürlich auf sich selbst. Die Frau des Krämers ich habe es selbst gehört, ließ sogar einmal das Wort Muse fallen und das will etwas heißen, denn Musen sind weiß G*tt keine Frauen die Bienenstich backen, sondern Frauen, die sich für viel Geld Dummheiten auf die Arme tätowieren lassen. Die Frau des Krämers aber wollte wirklich sehr gern ein Bild vom Künstler gemalt bekommen. Nun ist die Geduld der Frau des Krämers lang, aber nicht unendlich und da der Künstler auf keinen ihrer Zaunpfähle auch nur mit einem Wort reagierte, entschloss sich die Frau des Krämers zum Äußersten. Sie bat den Künstler um ein Portrait.

Der Künstler verneinte und betonte er sei Landschaftsmaler.

Die Frau des Krämers erlebte erneut einen Moment der Sprachlosigkeit. Als ich nach dem morgendlichen Bade aber ihr Geschäft betrat, hatte sie die Worte wieder.

„Kein Künstler, ein Scharlatan ist dieser Mann. Ein Wolkengucker, ein Taugenichts, ein Wurm von einem Künstler, ein Mann ohne Ideen, ohne Visionen, stumpfe Meerbilder, ein kleiner Engländer, der so malte wie ihre Tochter in der dritten Klasse. Ein Amateur, ein Mann der genau ins blaue Haus gehöre und für den der verbrannte Scone, den sie ihm in die Tüte schob noch zu gut sei.“ Die Frau des Krämers sieht mich an und schäumt. Dann sieht sie mich an. „Fräulein Read On sagt sie mit schneidender Kälte, das ist alles ihre Schuld.“ „Nein, Frau des Krämers, das kann nicht sein, sage ich, ich lebe ja noch nicht seit sieben Jahren im Dorf. Ich wusste nichts vom Wollen und Werden des Künstlers. „Dieser Quacksalber“ äfft die Frau des Krämers, ist ein dunkles Omen für unser Dorf gewesen und ich habe es damals gleich geahnt, zweieinhalb Jahre nach dem Künstler kamen sie ins Dorf. Noch niemals ist ein Ausländer im Dorf geblieben. Wären Sie nicht gekommen, wäre meine Tochter längst schon die Frau des Tierarztes, einen Fotografen hätten wir bestellt, ein Bild hänge über der Tür und ich wäre nicht auf diesen Hallodri von einem Künstler verfallen.“

Noch bevor ich aber erwidern kann, klingelt das Glöckchen über der Tür. Herein tritt der Tierarzt: „Mädchen“ ruft er, ich habe eben den Künstler getroffen. Er will gern Kälbchen porträtieren.“

Zum zweiten Mal an einem Tag verschlägt es der Frau des Krämers die Sprache. In der Geschichte des Dorfes, seiner Menschen und Schafe ist dies noch niemals zuvor der Fall gewesen.

Woanders ist es auch schön

Powerpoint ist auch ein Synonym für Müdigkeit.

17 Jahre . Ich erinnere mich nicht gern an diese Jahre, aber Frau Casino schafft Erinnerungen für viele Jahre. Wie immer große Liebe dafür.

Den Preis für die Erdbeeren aus Huelva in den Supermarktregalen zahlen die Frauen auf den Feldern . Es sind erschreckende, erschütternde Bilder mitten in Europa.

Nix darf man mehr.

Ich schreibe ja noch immer Postkarten und immer, wenn ich keine Postkarten mehr schreiben will, dann fällt mir wieder ein warum es doch wichtig ist nicht nachzulassen.

Ein vergessenes Konzentrationslager mitten in Sachsen. via Kiki.

Frauengesundheit ist in Irland weiterhin in keinem guten Zustand. .

Ein bewegender Beitrag über obdachlose Frauen in Frankreich.

Was für eine Geschichte. Eine Nachrichtensprecherin in Korea trägt eine Brille.

In Deutschland gibt es Rapper, die es als große Kunst empfinden, wenn sie vor wummernden Bässen, ihren kleinen Horizont in Wut gegen Frauen, Schwule und Juden verwandeln, weil sie kein Thema haben, keine Einsichten und ein Weltbild gegen das jeder verräucherte Stammtisch wie ein Meer der Offenheit wirkt. In Irland rappt Tony Mahoney über die Priester, das Versagen der Kirche und das Wegsehen Aller. Erstaunlich, was Musik auch kann.

Professor mit Panther.

Der Tierarzt schleicht wie ein nervöser Panther zwischen Küche und Arbeitszimmer hin- und her. Selbst die Katze, die durch nichts außer einer nassen Hundezunge, vielleicht aus der Ruhe zu bringen ist, sieht irritiert zum Tierarzt herüber.

Ich sitze am Küchentisch und schreibe an etwas herum und während ich das tue, tauche ich Schokoladenkekse in ein Milchglas.

Der Tierarzt findet diese Praktik ähnlich irritierend wie die Katze die Hundezunge.

Der Hund lechzt indes ebenfalls nach einem Keks.

Die Katze ist sicher unsicher, ob sie nach etwas nach lechzen sollte, was den Hund erfreut. Auf der anderen Seite ist Milch im Spiel. Die Katze würde eine Kralle opfern für die gute Milch.

Aber der Tierarzt bemerkt nichts zum getauchten Keks, sondern rennt ins Arbeitszimmer zurück. Dort liegt sein Habilitationsvortrag. Ich kann den Titel nicht buchstabieren, aber es geht um Parasiten, die bei Kühen zu Augenkatarakten führen.

Ich ziehe meine Augenbraue in die Höhe und sage: „Tierarzt Du schleichst wie Rilkes Panther umher.“

Der Tierarzt bleibt abrupt stehen. „Diese Deutschen“, sagt er und dann sagt er etwas was verdächtig nach Hasardeure klingt. „Rilke hatte tatsächlich einen Panther?“, fragt der Tierarzt mich dann doch noch einmal.

„Jein, sage ich, Rilke hatte ein lyrisches Ich, welches sich als Panther herausstellte.“

„Das sagst Du doch nur weil Du Rilke nicht leiden kannst, sagt der Tierarzt, der natürlich weiß, dass ich wenn andere Menschen heimlich Pornografie konsumieren, ich mit schlechtem Gewissen Rilke-Gedichte lese, den ich doch von ganzem Herzen verachte, weil er gegen Karl Kraus und Sidonie von Nadherny intrigierte.“ „Bestimmt hatte Rilke wirklich einen Panther auf dem Teppich liegen“, murmelt der Tierarzt und wäre nicht sein Habilitationsvorrtrag so bin ich mir sicher, hätte der Tierarzt eine Rilke-Gesellschaft mit der Frage ersucht, ob Rilke seinen Panther vielleicht in einem sehr großen Hundewägelchen durch den Bois de Boulogne gefahren hat.

So aber rauft sich der Tierarzt verzweifelt das Haar und sagt: „Mädchen, es wird ein Katastrophe.“

„Tierarzt“, sage ich, da Du Kälbchen nicht mit in den Hörsaal nimmst, in dem Du die Antrittsvorlesung hältst, kann nichts schief gehen.

Der Tierarzt knurrt böse: „Ich hatte mir von Dir Trost und Hoffnung versprochen und Du hackst wieder nur auf Kälbchen herum.

Ich lege den Stift aus der Hand und sage: „Tierarzt, ich habe noch nicht einmal angefangen Kälbchens Untaten der letzten zwei Tage aufzuzählen, Du hast Dir zu dem nicht Hoffnung und Trost versprochen, sondern in mir ein Mietklageweib gesehen, welches mit Dir zusammen den Vortrag zerreißt, um dann in Heulen und Zähneklappern auszubrechen. Aber da mir meine Zähne lieb sind und ich deinen Vortrag eh kopiert habe und ich verweint schauderhaft aussehe, würde ich gern darauf verzichten und lieber wohl geordnet im Hörsaal erscheinen.

Der Tierarzt starrt mich an und selbst die Katze sitzt irgendwie straffer als sonst auf dem Sessel.

Nur der Hund sieht die günstige Gelegenheit einen Keks zu erhaschen.

Der Tierarzt murmelt etwas von in der Stunde höchster Not verlassen, aber vielleicht sagt er auch etwas über ein Mädchen in Gestalt eines schwarzen Panthers, so genau habe ich es nicht gehört, denn das Tuten des 14-Uhr Schiffs kam dazwischen.

Der Tierarzt schüttelt seine Notizen.

„Was ist wenn alle anfangen zu lachen?“

„Tierarzt sage ich, niemand würde über bedauernswerte Kühe lachen, die schlecht sehen.“

Der Tierarzt sieht zweifelnd zu mir herüber: „Darf ich dich daran erinnern, dass Du sehr laut gelacht hast, als Kälbchen in die Schlammpfütze rauschte und mitleidserregend blökte?

„Darf ich Dich daran erinnern, dass Kälbchen mir anderthalb Minuten zuvor mit voller Absicht eine Ladung gut durchgekautes Gras ins Gesicht gespuckt hat?“

Der Tierarzt schweigt beleidigt.

Dann aber sehe ich auf die Uhr und der Tierarzt bindet sich die Krawatte, wählt eine andere Krawatte, verwirft alle Krawatten und ich binde schließlich einen englischen Knoten.

Dann fahren ein bleicher Tierarzt und ich in die Uni.

Der Tierarzt trägt über Kuhaugen vor.

Der Tierarzt fährt sich vor lauter Nervosität viermal durchs Haar und danach sind die kritischsten Gesichter voller Swoon und Swish und Wow.

Applaus, ein Blumenstrauß, Händeschütteln, bekannte Gesichter, neue Kollegen, der Tierarzt blass, erleichtert und immer, immer schattenschmal. Irgendwann später fahren wir nach Haus. Das heißt erst einmal zur Kälberweide. Ich stecke dem Tierarzt ein Geschenk in die Jackentasche, wir liegen im Gras und zählen Wolkenschafe, dann klettern wir doch auf den Zaun und Kälbchen fischt nach Mohrrübenstücken und Apfelvierteln. Aber Kälbchen wäre nicht Kälbchen, stieße es mit seinem breiten Schädel nicht den Tierarzt vom Zaun herunter.

Lachend halte ich dem Tierarzt meine Hand herunter: „ Herr Professor brauchen Sie eine Hand?“

Der Tierarzt japst: „Wenn ich bitten darf Fräulein Doktor?“

„Aber von Herzen gern Herr Professor“ sage ich und ziehe den Tierarzt wieder nach oben.

Selbst Kälbchen grinst verschlagen und der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Mädchen, weißt Du, dass ich bei meinem Account bei Seriöse Singles bei Vorlieben, Humor angegeben hatte?“

„Weißt Du, dass ich wenn ich einen Account bei „Seriöse Singles“ gehabt hätte unter Haustier: Panther angeben würde?“

Diesmal muss der Tierarzt lachen und fällt prompt ein zweites Mal vom Zaun.

Aber so ist das wohl, mit jedem Titel kommen neue Bürden oder neue Tiere. Wer weiß das schon.

Ein letzter Karton

Regen vor dem Fenster. Pfützen im Garten. Wind überall. Das Meer schlägt gegen die Felsen. Die Schafe haben missliche Gesichter. Tee und die Zeitung. Der Tierarzt sieht erst aus dem Fenster und dann zu mir. „Kannst Du allein fahren?“, fragt er, er fragt viel zu leise. Der Regen, der Wind, der Teekessel, Beethoven 7. Symphonie im Radio sind lauter. Aber ich höre ihn doch. „Ja“, sage ich und suche nach den Schlüsseln. Die Autoschlüssel liegen in der Schale aus Weinblättern im Flur, die Schlüssel zum Haus in dem der Tierarzt viele Jahre lang wohnte, liegen in seinem Wetterfleck. Der Wetterfleck hängt am Haken.

„Bis gleich“, sage ich und der Tierarzt sieht aus dem Fenster. „Komm zurück“, sagt der Tierarzt ich nicke. Das Haus des Tierarztes ist verkauft, ausgeräumt ist es schon längst, nur ein paar Dinge gibt es noch zu holen, die Schlüssel werfe ich in den Briefkasten, sagte ich zum Notar am Telefon. „Prima“, sagte der Notar. Ich fahre mit dem Auto vom Oberland ins Unterland, so viel Regen gegen die Scheiben, das Auto ist ein Ruderboot.

Drei Dörfer liegen zwischen dem Oberland und dem Haus des Tierarztes. Ich stelle das Auto vor dem Gartentor ab. Pfützen im Garten, das Tor knarrt, der Schlüssel lässt sich nur schwer im Schloss drehen, dann geht die Tür doch auf. Pfützen auf dem Boden. Das Haus ist dunkel und ich stehe am Fenster. Vor dem Fenster ist das Meer. Grau ist das Meer und es ist kalt. Noch einmal gehe ich durch das Haus. Behalten hat der Tierarzt nicht viel. „Ich brauche nichts mehr“, sagte er und seine Frau sagte dasselbe. Ich verkaufte die Möbel und überwies die Hälfte der Summe an seine Frau. Einmal habe ich sie danach noch angerufen. „Was mit ihren Sachen werden solle?“, fragte ich sie auf dem Anrufbeantworter. Vielleicht saß sie in Ota neben dem Telefon, vielleicht war sie ausgegangen. Ich ließe das Telefon lange klingeln.

So viele Kleider, Hosen und Mäntel. Aber die Frau rief niemals zurück. Mit dem Tierarzt spricht sie schon lange nicht mehr. Ich habe die Kleider alle verschenkt. Noch einmal habe ich nicht auf ihren Anrufbeantworter gesprochen. Aber viele Wochen später noch habe ich davon geträumt, dass sie ihre Kleider und Mäntel zurückforderte, irgendwann hörten die Träume auf. Die Küche ist leer, das Schlafzimmer, das Wohnzimmer, im Arbeitszimmer steht ein Karton.

Hat der Karton schon immer dort gestanden? Ich erinnere mich nicht. Aber jetzt steht er da und ich mache den Karton auf. Im Karton ist ein vertrockneter Blumenstrauß, Ehreringe, Schleifenband und dann sehe ich die Bilder. Der Tierarzt ist jung auf den Bildern. So jung. „Du bist so jung“, denke ich und sehe den Tierarzt an. Die Bilder beginnen mit dem Haus. Der Tierarzt und seine Frau vor dem Haus. Der Tierarzt mit Nägeln zwischen den Zähnen, die Hände halten ein Regal. Das Regal habe ich auseinandergenommen fällt mir ein. Der Tierarzt hat nichts gesagt, als ich aus dem Regal viele Bretter machte, aber hier auf dem Bild baut der Tierarzt das Regal auf. Der Tierarzt mit einem Regenschirm in der Hand und dann ein zweites Bild: Der Tierarzt und seine Frau unter dem Schirm im Regen, sie lacht, ein helles Lachen, der Tierarzt und seine Frau auf einer Picknickdecke, der Tierarzt liest ein Buch auf dem Bild. Der Tierarzt und seine Frau schlafen auf einem Schaukelstuhl. Ein Bild und vielleicht ist es das schönste von allen, der Tierarzt mit viel längeren Haaren als heute und einer schwarzen Ente unter dem Am. Die Ente hieß Guiness und war eines der vielen Tiere, die der Tierarzt irgendwann unter seine Arme nahm, aber ich habe Guiness nicht mehr kennengelernt.

Irgendwann sind die Bilder nicht mehr in Irland, sondern in Japan und irgendwann hören die Bilder auf. Etwas war anders denke ich, und nehme noch einmal ein Bild in die Hand und erst dann fällt mir auf was anders ist. Der Tierarzt sitzt an einem Tisch und schält eine Birne und ein Bild weiter ißt seine Frau einen Birnenspalt und auf einem dritten Bild läuft dem Tierarzt Birnensaft aus dem Mundwinkel. Dann fällt mir auf was anders ist: die Bilder sind alle aus einer Zeit in der, der Tierarzt noch gegessen hat und ich sehe die Bilder noch einmal an. Ich sehe eine Butterdose, ein Brotmesser, Krümel auf der Picknickdecke, den Tierarzt mit einem Stück Kuchen in der Hand. Geburtstagskuchen. Der Tierarzt mit Sahne auf der Nasenspitze, der Tierarzt am Herd. Vielleicht Spaghetti Bolognese. Der Tierarzt schält eine Banane mit diesem Lächeln bei dem die Frau des Krämers und alle Frauen zwischen Dublin und Dingle just swoon, der Tierarzt beim Abwasch, Schaum an den Armen, der Tierarzt mit einem Paar Kirschen im Ohr. Der Kirschbaum im Garten ist immer noch kahl.

Aber dann lege ich die Bilder zurück in den Karton, ich trage den Karton ins Auto, nehme einen Wäschekorb mit Geschirr mit und dann schließe ich die Tür zum letzten Mal zu. Die Schlüssel in den Briefkasten wie versprochen. Am Meer halte ich an, Schuhe aus, Kleid aus, die Strickjacke auch, ich laufe ins Meer und schwimme viel zu lange in der kalten See und dem kalten Regen. Dem Meer ist es egal, ob man weint und ich denke an den jungen Mann und seine Frau auf den Bildern und dann schlägt eine Welle über mich hinweg. „Es hat einmal eine Zeit gegeben in der der Tierarzt gegessen hat“, sage ich ins Meer hinein und schwimme weiter. „Aber nicht mit Dir“, sagt das Meer und das Meer irrt sich nie.

Dann fahre ich zurück. Nasses Haar und sandige Füße. „Das ist der Rest“, sage ich und stelle den Karton auf den Tisch.

„Die Bilder, sage ich, die Bilder ich hätte dich vorher fragen sollen. „Nein“, sagt der Tierarzt und macht den Karton auf, „Du musst mich nicht fragen, ich hätte dich nicht bitten dürfen.“ Ich wasche das Meer und die Kälte ab und als ich zurückkomme, sieht der Tierarzt noch immer die Bilder an. „Ihr wart ein schönes Paar“, sage ich. „Ich sage nicht, warum willst Du das nicht mir mir?“  Auch nicht: „Warum ist wenn ich komme, immer alles schon wieder zu Ende?“ Ich sage: „Hast Du etwas gegessen?“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Es tut mir leid“, sagt er. Vor dem Fenster der Regen, das Meer, der Wind, ich wasche ab. Im Radio spielt jemand Chopin.

Verschwommene Sicht

Am Freitag Abend ganz gegen alle Gewohnheiten und zum Verdruss der tierärztlichen Kinofreundin: im Kino gewesen, weil Isabelle Huppert durch Cannes läuft und ich mich doch jedes Mal noch ein bisschen mehr in Isabelle Huppert verliebe. Wenn Sie sich auch noch ein bisschen mehr in Isabelle Huppert verlieben wollen, dann gehen Sie doch auch ins Kino und sehen sich Claires Cameraan. Das ist ein erstaunlicher Film nicht nur wegen Isabelle Huppert.

Spät war es schon als der Film zu Ende war. Denn einen Film, den sich nur die Mitarbeiter der französischen Botschaft ansehen und ein Tierarzt und ich,der läuft nur im Spätprogramm und so gähne ich siebenundzwanzig Mal als der Film zu Ende ist. Die Stadt aber ist noch wach. Die Stadt ist betrunken. Vor dem Kino stehen Männer mit Heineken-Dosen und grölen, vor einem Pizza-Laden stehen Männer und Frauen mit Heineken –Dosen, ein Mädchen kotzt auf die Straße, ein Mann ißt Pizza, alle trinken Bier und während wir die Straße hinuntergehen wiederholen sich diese Bilder. An einer Ampel stehen zwei Mädchen. Die Mädchen weinen und ich frage: „Seid ihr in Ordnung?“ Das ist immer eine so dumme Frage, denn sie sind es ja nicht. Es folgt eine komplizierte Geschichte aus zu viel Alkohol, einer gerissenen Rocknaht und einer Gruppe Jungs auf der Straße gegenüber, die wir dann auch sehen, die Jungs trinken Bier und rufen: „Look a these sluts“, einer der Jungen ist der Boyfriend des Mädchens und er ruft mit und die Jungs lachen und grölen und trinken und die Mädchen an der Ampel sind auf einmal nicht mehr fünfzehn oder sechszehn und das Mädchen sagt: „Ich will nach Hause.“ Der Tierarzt winkt ein Taxi, die Mädchen zählen Geld, wir legen Geld dazu, damit es wirklich reicht und die Mädchen steigen ein. Die Jungs rennen dem Taxi hinterher, klopfen an die Scheibe, und filmen die Mädchen. Dann wird das Taxi schneller und die Jungs öffnen neue Bierbüchsen. Wir gehen die Straße hinunter, wir müssen uns ein bisschen beeilen, denn wir sind nicht mit dem alten, roten Volvo in die Stadt gefahren, sondern müssen zusehen, dass wir den letzten Bus in das Dorf vor unserem Dorf noch erwischen, den Rest können wir laufen. Aber wie wir im Bus sitzen und durch die Dunkelheit fahren, langsam wird aus der Stadt Wohngebiet und dann werden die Häuser weniger und die Stadt hört auf. Vielleicht liegt das Problem in meiner Nüchternheit, ich trinke nicht und tränke ich, vielleicht fände ich die Nacht ganz normal und würde auch an einer Straßenecke stehen und Bier trinken. Aber so wundere ich mich doch, denn tagsüber sind die Jungen sicherlich gute Söhne, Rugby Spieler, Studenten, Lehrlinge, die ihren Freundinnen versichern, sie würden sie lieben. In der Nacht aber mit dem Bier in der Hand ist davon nichts mehr übrig. A night out with the lads, some fun, just joking, didn’t mean it like this und wie sehr wir uns alle gewöhnt haben, dass man am Freitagabend in Dublin eben betrunken ist und auch ich wundere mich lange schon nicht mehr über Männer, die an Bushaltestellen pinkeln, auf die Straße speien, immer schon das nächste Bier in der Hand. Es ist doch nichts passiert, heißt es dann und just some fun, you know, that’s what lads do. Es müsste auch andere Nächte geben denke ich, Nächte die milder sind, mildere Menschen müssten in diesen Nächten zugegen sein. In Dublin sind sie es nicht. Dann hält der Bus, vier Kilometer durch die Nacht. Der Wind, das Meer, die Hecken so vertraut am Tag, sind fleckige, undeutliche Schatten mitten in der Nacht. Lange nicht schlafen können. Undeutliche Träume.

Am nächsten Morgen legt mir der Tierarzt eine Hand auf die Stirn. „Hmm“, sage ich, Hmmm, hmmm, hmmm.

„Mädchen, flüstert der Tierarzt, es ist etwas Schreckliches passiert.“

Ich wühle mich aus Decken, Schlaftuch und Kissen hervor. Aber das Dach ist noch da sage ich

„Das Dach ist noch da“, sage ich, „also kann es nur noch halbschrecklich sein.“

Aber der Tierarzt flüstert noch immer: „Mädchen, ich habe deine Brille zerbrochen.“

„Was?“, sage ich und dann sage ich nichts mehr, sondern kneife die Augen zusammen, um den Tierarzt anzusehen, denn ich sehe wirklich sehr, sehr schlecht.

„Deine Brille, ich habe deine Brille zerbrochen.“ Unwiderruflich, ich habe sie gleich weggetan, damit Du Dich nicht noch mehr ärgerst, wo Du schon nichts mehr siehst.“

Mich überfällt Verzweiflung und ich tappe zum Müllkübel. Nach Inspektion der total zerstörten Brille, stolpere ich über den Hund, und falle auf das Sofa. Dann schweige ich sehr lange und zähle langsam bis 225.

„Mädchen, Du sagst ja gar nichts“, murmelt der Tierarzt.

Ich blinzle wieder und schlucke, denn ich sehe nichts und die Ersatzbrille liegt -wie passend- auf dem Schreibtisch in Berlin.

„Ich brauche einen Flug nach Berlin“ krächze ich.

Der Tierarzt nickt.

Die nächste halbe Stunde vergeht mit hektischen Flugüberlegungen, organisatorischem Geschiebe und einem an der Tür gestoßenen Zeh.

Dann ist es erledigt und mehr kann ich nicht machen, denn ich sehe quasi fast nichts. Die Welt bleibt also verschwommen und nachdem ich ein weiteres Mal bis 225 gezählt habe, komme ich zu dem Schluss, dass Ärger über nicht zu ändernde Dinge nicht weiterhilft.
Ich seufze, wasche mir Haare, Haut, Füße und ziehe mich an. Dann suche ich den Tierarzt: Ich rufe: Tierarzt, Hund geh aus dem Weg, Katze schleich dich. Aber den Tierarzt finde ich nicht. Ich rufe: Hund, wo ist der Tierarzt? Der Hund bringt mir einen zerkauten Pantoffel. „Nein Hund, das ist nicht der Tierarzt.“ Dann finde ich den Tierarzt doch. Der Tierarzt schluchzt. Shhhhh, sage ich, das ist kein Grund zum Weinen.“

Es ist ärgerlich, dass die Brille zerbrach.

Es ist aufwändig nach Berlin zu fliegen.

Es ist mühsam wie ein Maulwurf durch die Gegend zu schwanken.

Aber schlimm, so richtig schlimm ist nur die Angst des Tierarztes davor, dass auf ein Unglück, ein Missgeschick wie dieses, selbstredend Wutausbrüche und Schläge folgen und es dauert sehr lange, bis ich den Tierarzt überreden kann doch wieder aus seinem Versteck hervorzukommen.

Es hat doch nicht geschadet“, sagen viele über die Schläge, Drohungen und die ungezügelte Wut der Eltern, aber die Furcht vor dem Vater mit dem Ledergürtel, die hört nicht auf, auch nicht so viele Jahre später in denen das Kind schon lange kein Kind mehr ist. Das ist das Schreckliche.

Woanders ist es auch schön

Ein langer Abschied von einem großen Hund und überhaupt ist der Text auch ein großes Lob auf den Eigensinn. Davon kann es nie genug geben, nicht bei Menschen, Hunden oder Kanarienvögeln. Nur bei Kälbchen wäre weniger Eigensinn schön…

Die mysteriöse Seite 7. Sehr großartig und auch sehr eigensinnig!

Eine chinesische Dystopie, die fürchterlich real klingt.

Das Internet ist, da bin ich mir immer noch sicher für diese Momentaufnahmen erfunden worden und auch die Momente kurz vor Kassenschluss müssen festgehalten werden.

Die schönsten Bilder der Woche kommen aus Lahore wo Frauen Rad fahren.

Das Hotel Süden.

„The trial… seemed to represent an Ireland so many of us recognise. The VIP area and the house party. The entitled, mocking men. The WhatsApps and the too-many drinks. The slut-shaming and the misogyny“. Das ist auch Irland und die Beklemmung bleibt.

Tierarzt, Musik bitte. Der Tierarzt rennt mit dem Hund ( auch sehr eigensinnig ) die Treppe hinunter, greift nach einem Schuh, der Hund schnappt sich den anderen und ruft: Radie Peat & Daragh Lynch bitte auf den Plattenspieler . Dann Handgemenge, aber dafür mit guter Musik. So kann Irish Folk auch klingen, sollten auch sie unsere verregnete Insel besuchen, lassen sie die schauerlichen Original Irish Music lieber links liegen und gehen lieber auf ein Konzert von Radie Peat.

Postscript im Nebel

Am Morgen als der Tierarzt mich von der Klinik abholt, dämmert der Tag schon. Aber über dem Tag liegt dichter Nebel. Alles ist grau. Der dunkelblaue Mantel des Tierarztes ist grau, der rote Volvo ist grau, grau bin auch ich. Aber das ist nicht nur der Nebel.An der Haltestelle vor der Klinik warten zwei Männer auf einen Bus.Sie ziehen die Schultern so hoch es geht, als versteckten sie sich vor dem Nebel. Der Nebel findet auch sie.
Der Nebel verschluckt die Bäume und die Straße vor uns ist grau. Auf den Bäumen sieht man die Krähen nicht, aber man kann sie hören, so früh am Morgen sind die Krähen trotzdem schon wach. Die Krähen sind lauter als sonst, aber vielleicht ist das auch nur das Echo, das sich durch den dichten Nebel schickt. Mit den Krähen kommt das Unheil, aber das sage ich nicht. Der Tierarzt und ich kennen uns aus mit dem Unheil. Wir schweigen über die Krähen, dort auf den Bäumen. Der Tierarzt riecht nach der Kühle der Nacht, nach dem Regen auf seinen Wangen und nach dem Hunger, der Tierarzt riecht nach dem Hunger und auch nach dem Moos, das man manchmal noch findet tief im Wald. Aber heute ist der Wald grau und wir fahren die lange Straße entlang. Es ist ein weiter Weg, am Morgen nach der Nachtschicht ist der Weg besonders lang.

Der Tierarzt fragt nicht. Das wird mir fehlen, die meisten Menschen bohren mit ihren Fragen ungerührt in einem herum, der Tierarzt kann warten. In einem einzigen Haus in der Straße ist schon Licht. Ein gelber Fleck mitten im Nebel. Vielleicht steht dort eine Frau im Fenster und malt sich die Augen nach, vielleicht rasiert sich ein Mann, vielleicht trinkt ein anderer Mann durstig aus dem Wasserhahn, vielleicht sucht eine andere Frau nach einer Kopfschmerztablette. Aber schon verschluckt der Nebel das kleine, gelbe Licht.

„Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen“, sage ich und der Tierarzt sieht mich an. „Nein, sage ich.“ Ich sage nicht: Genickbruch. Das schreibe ich nur auf später, vielleicht schluckt der Nebel auch diesen Satz herunter.

Die Treppe war eine selbstgebaute Treppe.

Die Treppe hat dreiundzwanzig Stufen.

Die Treppe hat kein Geländer.

„Er ist die Treppe doch jede Nacht zwei oder dreimal hinuntergegangen“, sagt die Frau, die jetzt auch eine Witwe ist.

Jede Nacht.

Der Mann schlief auf dem Dachboden schon seit Jahren.

Die Treppe hat er selbst gebaut.

Wir wissen nichts über die Ehen anderer Leute.

Die Frau hat gut geschlafen.

Der Mann fiel und die Frau schlief.

Der Mann hat geschnarcht.

Es war einfacher so.

Sie hat ferngesehen.

Der Mann saß in der Nacht lange am Computer.

Sei sei immer aufgewacht, kam er spät ins Bett.

So sei es besser gewesen.

Auf der Treppe stehen leere Flaschen.

Die Flaschen sind grün.

Die Flachen stehen noch alle. Oder schon wieder.

Es sind viele Flaschen auf der Treppe.

So sei es einfacher gewesen in der Nacht.

Sie seien schon lange verheiratet gewesen.

Der Mann hat die Treppe selbst gebaut.

Dann kommt die Polizei.

Es sind viele Stunden vergangen, nachdem der Mann fiel und die Frau den Notruf wählte.

Die Polizei hat Fragen.

Die Frau zeigt den Polizisten die Treppe.

Die Treppe hat noch immer dreiundzwanzig Stufen.

Die Treppe ist steil.

Auf dem Boden, das Blut, Haare, auf dem Boden liegt auch ein Pantoffel. Der Pantoffel ist kariert. Das ist ein Loch im Schuh denke ich. Warum sehe ich auf das Loch im Pantoffel?

Später sagt die Polizei etwas von Ungereimtheiten.

Es gibt viele Möglichkeiten die Treppe hinunterzufallen.

Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen.

Wir sind lange schon aus der Stadt herausgefahren, nach der nächsten Kurve sieht man das Meer, aber das Meer ist grau, der Nebel hat das Meer verschlungen und der Tierarzt hält nicht an und ich schwimme nicht in das Meer hinein und die Kälte behält die Nacht, sondern wir fahren weiter, im Radio spielt jemand Hammerklavier, die Mondscheinsonate, aber auch den Mond, der sonst am Morgen noch blass ist, hat der Nebel verschluckt. Die Häuser im Unterland sind grau, und grau ist auch der Weg hinauf ins Oberland, der Kirchturm St Sylvester ist nur ein grauer Schatten, aber ich weiß auf den Bäumen im Kirchturm und auf den Bäumen vor dem Haus, da sitzen die Krähen, mit den Krähen kommt das Unheil immer nur näher. Dann sind wir zu Haus. Grau ist das Haus. Grau ist die schwere Gartentür. Ich ziehe mich aus, der Tierarzt macht Tee. Ich stelle die Waschmaschine an, vielleicht nimmt die Waschmaschine die Nacht mit. Ich esse ein Honigbrot. Der Tierarzt sieht mir zu. Ich gehe ins Bad und das Wasser ist warm. Danke, Tierarzt für das warme Wasser und das Schweigen. Der Tierarzt zieht sich aus und ich lege meinen Kopf an seinen Rücken. Wie lernt man das Leben, frage ich ihn, aber der Tierarzt und ich wir haben keine Antwort, nicht auf diese Frage und auch nicht auf viele andere Fragen.

Der Tierarzt bringt Tee und ich ziehe die Vorhänge zu. Die Vorhänge sind blau, auf den Vorhängen spazieren Pfauen umher und Mädchen in rosa Kleidern tanzen. Ich mag die Vorhänge, die Pfauen, die Mädchen, das Zimmer schimmert hellblau und nicht mehr Grau. Der Tee wird nur langsam kalt in den großen Tassen. Der Pullover des Tierarztes in den ich mich wickle ist blau, mein Pullover den der Tierarzt auf sein Kopfkissen legt ist grün, blau und grün schimmert das Zimmer. Die Tassen sind weiß. Draußen vor dem Fenster sitzen die Krähen noch immer in den Bäumen. Die Krähen werden niemals heiser. Wo ist nur die Nachtigall geblieben. Ich weiß nichts über Nachtigallen, über Krähen weiß ich immerhin, dass mit ihnen das Unglück kommt. Das ist schon etwas. Der Tierarzt und ich trinken Tee. Schlaf, sagt der Tierarzt. Meine Hände sind kalt, sage ich. Der Tierarzt nickt. Ich schlafe ein.

Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen, fällt mir ein als ich aufwache später, der Tierarzt hängt die Wäsche auf, der Nebel lehnt sich an die Hauswand. Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen, erinnere ich mich. Was ist das nur für ein Satz.

Der tropfende Hahn.

Wir werden alle sterben“, ruft die Frau des Krämers mir zu.

„Das ist der Lauf der Dinge, Frau des Krämers“, rufe ich zurück.

„Das ist nicht witzig“, sagt die Frau des Krämers und stemmt beide Arme in ihre Hüften.

„Aber wahr“, sage ich. In meinen Händen halte ich Vanillezucker, Mehl und eine Dose eingelegter Pfirsiche. ( Ich liebe eingelegte Pfirsiche. ) Außerdem schafft der Tierarzt manchmal ein eingelegtes Pfirsichdrittel.

„Ihnen kann es ja egal sein“, schnarrt die Frau des Krämers.

„Gegen den Tod kommt man nicht an,Frau des Krämers“ erwidere ich und stelle den ersten Teil meiner Einkäufe auf den Tresen bevor ich mich auf die Suche nach Blockschokolade mache, denn es gilt für den sich angesagten Besuch einen Kuchen zu richten.

„Aber doch nicht so!“, blökt die Frau des Krämers ganz genau wie Kälbchen, wenn er findet das könne doch nicht alles an Möhren gewesen sein.

„Wie wird er Sie denn ereilen?“, frage ich ein bisschen listig, denn ich ahne schon was gleich kommt.

Das ist alles nur die Schuld dieses Konzerns, ranzt die Frau des Krämers und hebt die Hände zum Himmel. Sie meint Irish Water.

„Das ist keine Firma sondern ein Saufhaufen, richtige Schranzen sind das die in Dublin in den Büros sitzen, während wir verdursten, früher hätte es das nicht gegeben, alle entlassen, alle entlassen, this company is a disgrace for our country, putting us all to shame“, ich suche derweil noch nach Palmin, Öl und Erdnüssen. Denn wenn die Frau des Krämers erst einmal anfängt mir erhobenen Händen auf die „da oben“ zu schimpfen hat es keinen Sinn sie zu unterbrechen, die Frau des Krämers hat das Talent aller Klageweiber ( die Männer sind hier mitgemeint ) in unendlichen Wiederholungen Schmähungen gegen G*tt, die Welt und irgendwie immer auch mich vorzubringen.

Der Anlass ihrer großen Schmähung ist eine Ankündigung  von Irish Water. Der irische Wasserversorger hat nämlich angekündigt, dass in den nächsten Tagen im Großraum Dublin der Wasserdruck verringert wird, Wasser zeitweise abgestellt wird und überhaupt und sowieso sind die Haushalte zum Wassersparen angehalten. Die Ursache liegt am strengen Frost der letzten Tage, viele Wasserrohre sind beschädigt oder geplatzt und müssen repariert werden. Die Wasserreservoirs sind erschöpft und so kommt aus dem Hahn, den die Frau des Krämers empört vor mir aufdreht nur ein dünnes Rinnsal statt eines satten Strahls. Die Frau des Krämers ruft: E-S I-S-T Empörend.

Aber ich denke nicht so sehr an den tropfenden Wasserhahn, sondern an den Sommer von vor zwei Jahren. Da war die Frau des Krämers schon einmal oder einmal mehr E-M-P-Ö-R-T. Damals versuchte die Regierung „water charges“ einzuführen. Jeder Haushalt sollte eine monatliche Gebühr an Irish Water entrichten,  Wasseruhren sollten eingebaut werden, nicht nur um den Verbrauch zu messen, sondern auch um Lecks schneller zu finden, vor allem aber sollte in die Erneuerung des Wassersystems investiert werden.

Die Frau des Krämers schrie Zeter und Mordio: „Kommunismus!“, „Bananenrepublik“,

Aber am lautesten schrie sie: „Ich zahle keinen Cent. Sie druckte Waschzettel, die sie ins Fenster des Ladens hängte und auf denen stand: I AM NOT PAYING und diese Zettel verteilte sie im Dorf, stritt mit dem Priester, der sich weigerte solch einen Zettel an die Kirchentür zu hängen. I AM NOT PAYING an eine katholischen Kirche hätte ja auch schon fats eine protestantische Note und als ich eines Sommermorgens in den Laden kam, um Milch einzuholen, da hielt mir die Frau des Krämers auch solch einen Zettel hin. „Oh sagte ich, da verschwenden Sie Zeit und Mühe, ich zahle schon Wassergebühren.“ Die Frau des Krämers sah mich an, als hätte ich ihr mitgeteilt, dass der Tierarzt und ich in Vegas geheiratet hätten und erst nach zwei Minuten angestrengten Atem Holens hatte sie wieder genug Luft um mich als Verräter zu beschimpfen. „Aber“ schrie sie damals „ sie habe es gleich gewusst mit den Ausländern gibt es immer nur Ärger.“ Damals sagte ich, wie teuer Wasser in Israel ist und wie viel Wassergebühren man in Deutschland zahlt, aber die Frau des Krämers war ja schon bei „Die Ausländer sind schuld“ angekommen.

Eines Samstag Morgens fuhr die Frau des Krämers mit anderen Empörten in einem Bus nach Dublin, um dort gegen die Wassergebühren zu demonstrieren. I am not paying for rain schrieb sie auf das Schild und als ich sie fragte, ob sie sich mit Wasser aus der Regentonne die Zähne putzte, hielt nur die Anwesenheit des Tierarzts die Frau des Krämers davon ab, mich zu würgen. Der Tierarzt, der damals noch zwei Dörfer weiter entfernt lebte zahlte, der Priester zahlte und ich zahlte auch. Aber die meisten Menschen protestierten und zahlten nicht.

Die Frau des Krämers lachte hämisch und sagte: „Sie werden schon sehen“, nur die Dummen zahlen.

„Dumm, vielleicht schon, Frau des Krämers sagte ich, aber noch dümmer ist es wenn das Wassernetz nicht erneuert und repariert wird, noch dümmer ist es, wenn in die Wasserversorgung nicht investiert wird, am dümmsten ist, es am Grundlegendsten zu sparen.

Die Frau des Krämers wollte nichts davon hören. „Wasser ist ein g*ttgegebenes Recht“ fluchte sie und ich sagte: „G*tt steht aber nicht in ihrem Garten und leert die Kloake.“ Die Frau des Krämers empörte sich und ich ging müde ins Oberland zurück.

Und wirklich die Frau des Krämers hat Recht behalten, die Water charges wurden zurückgenommen und irgendwann flatterte ein Scheck ins Haus, der die gezahlten Gebühren zurückerstattete. Ich dachte erst das sei ein Scherz. Dann überwies ich das Geld nach Indien. Dort ist Wasser noch viel teurer als in Israel oder Deutschland.

Die Frau des Krämers triumphierte. Oh, wie die Frau des Krämers triumphierte. Sie und ihre Mitstreiter seien die Retter der Insel, das Volk habe gesprochen und das gute Irland verteidigt, während Menschen wie ich, denen das Duckmäusertum auf die Stirn geschrieben stehe, einmal richtig abgewatscht worden sein. Die Frau des Krämers ist zufrieden mit der Welt, und dem Wasser, das aus reinen Protestgründen aus dem Hahn läuft. Kostet ja nichts.

Die Frau des Krämers beließ den Zettel: „I am not paying“ im Fenster. Sie stand auf der richtigen Seite der Geschichte und Irish Water investierte nichts in die Sanierung und Verbesserung der Leitungen, sondern verwaltete einen Mangel, wie so viele Mängel in Irland einfach verwaltet werden und die Frau des Krämers ließ den Hahn laufen, so wie sie es eben wollte, denn sie verwaltet ja nur ein g*ttgegebenes Recht.

Aber gestern da beschwerte die Frau des Krämers sich über das marode System, die fehlenden Investitionen, die ein disgrace sein für the whole country und währenddessen tropfte der Wasserhahn traurig vor sich hin.

Ja, sage ich, Frau des Krämers ist es nicht merkwürdig, dass immer wenn man glaubt man habe schon gewonnen, am Ende alle verlieren?

Die Frau des Krämers starrt mich trotzig an. „Was wissen Sie schon, Sie Ausländer?“

„Dass am Ende alle zahlen, Frau des Krämers, so oder so“ sage ich, „wenn das Gemeinwohl nicht auch zu den Dingen zählt, die bewahrt werden sollen“ und dann sage ich, „das ist alles für heute“ und lege ein Stück Parmesan zu den anderen Dingen dazu.

Die Frau des Krämers aber schweigt und der Wasserhahn tropft.

Was ich über den Uhrmacher weiß.

Ein Jahr lang, lebte ich schon in Irland, da blieb der alte Reisewecker meines Großvaters einfach so stehen. Genau um 2.30 Uhr mitten in der Nacht. Bei Weir&Sons schüttelte man den Kopf: „Der Wecker sei schrott, aber sie könnten mir einen neuen Wecker verkaufen.“
Ich schüttelte den Kopf.
Der Wecker blieb stehen und ich suchte einen Uhrmacher.

Ich suchte vier Wochen bis ich den Uhrmacher fand.

Der Laden des Uhrmachers ist am Ende einer kleinen, dunklen Straße. Die Straße ist eng und fast hätte ich den Laden gar nicht gesehen.

Im Schaufenster des Uhrmachers liegen keine Uhren. Im Schaufenster des Uhrmachers steht eine Vase mit künstlichen Blumen. Plastikrosen im Sommer, Plastiksonnenblumen im Herbst, im Winter ein Tannenbaum aus Plastik natürlich, im Frühling eine Primel. Die Primel ist dunkelblau und nicht aus Plastik. Sonst ist die Auslage leer. Uhrmacher steht auf dem Schild. Das Schild ist schwarz. Eine kleine Papptafel klemmt an der Tür: Watch Batteries.

Die Tür des Uhrmachers ist verschlossen. Man muss an die Tür klopfen, dann kommt die Frau des Uhrmachers und betätigt einen Schnapper, erst dann öffnet sich die Tür.

Der Laden ist klein. Nicht viel größer als eine Küche in einer Berliner Altbauwohnung. Eine Vitrine steht im Uhrmacherladen, die Vitrine ist fast leer, ein paar Ringe, ein paar Halsketten, Armbänder, Uhren sind nicht in der Vitrine. Hinter der Vitrine hängt ein Kalender. Der Kalender ist von 2002 und neben dem Kalender hängt eine billige Küchenuhr.

Mehr Uhren gibt es im Geschäft des Uhrmachers nicht.

Es riecht immer nach Suppe im Geschäft des Uhrmachers, egal ob man um 9 Uhr oder um 17 Uhr zum Uhrmacher kommt. Nur um 13 Uhr muss man nicht zum Uhrmacher kommen, denn dann schläft er. Das Sofa ist blau und steht hinter einem Vorhang, der Vorhang ist grün wie das Linoleum.

Der Uhrmacher selbst sagt: My wife does the talkin.’

Aber auch die Frau des Uhrmachers spricht nicht viel.

Damals als ich mit dem alten Reisewecker meines Großvaters zum Uhrmacher kam, schwieg der Uhrmacher und ich redete auf den Uhrmacher ein. Ich wollte den Uhrmacher unbedingt davon überzeugen, den Wecker zu reparieren. Der Uhrmacher schwieg und klemmte sich eine Uhrmacherlupe in das rechte Auge.

„Das ist eine gute Uhr“ sagte er.

Damit war es besiegelt.

Die Frau des Uhrmachers schreibt die Reparaturaufträge in ein grünes Buch aus festem Karton. Der Uhrmacher diktiert ihr. Er beschreibt die Uhren genau. Er sagt nicht: Ein alter Wecker, metall, grüner Zeiger. Er sagt: Reisewecker, metall, beleuchtetes Ziffernblatt, vermutlich 1962, Deutschland, Federspannung. Der Uhrmacher diktiert mit geschlossenen Augen. Seine Frau fragt nie nach, sie schreibt mit langen geschwungenen Buchstaben.

„Mittwoch können Sie kommen und den Wecker wieder abholen“, sagte die Frau des Uhrmachers. Der Uhrmacher nickte.

Auf der Vitrine klebt ein Schild. „Wie möchten die Kundschaft darauf hinweisen, dass wir uns das Recht vorbehalten, eine Uhr, die auch drei Monate nach der Reparatur nicht abgeholt wurde, zu veräußern, um unsere Unkosten zu decken.

„Gibt es denn wirklich Menschen, die ihre Uhren nicht abholen?“, fragte ich den Uhrmacher oder seine Frau, man weiß ohnehin niemals wer einem antwortet.

Der Uhrmacher zog eine Schublade auf. Die Schublade war voller Uhren. Herren,-Damen und Kinderuhren, sogar ein kleiner Wecker in Form eines Hahnes aus Porzellan war darunter.

„Was machen Sie denn mit den Uhren, wenn Sie sie doch nicht verkaufen?“, fragte ich den Uhrmacher. „Ich ziehe sie auf, was denn sonst?“, sagte der Uhrmacher. Ich nickte.

Manchmal kommen Kunden mit Uhren, die dem Uhrmacher nichts taugen. Uhren aus Plastik für drei Euro. „Das ist keine Uhr, sondern eine Schande“ sagt der Uhrmacher dann. Die Frau des Uhrmachers sagt: „Sie können die Uhr wieder mitnehmen“ Dann knallen die Kunden mit den Türen.

Der Uhrmacher repariert Uhren, aber Uhren verkauft er nicht.

Der Uhrmacher sagt: „Jede Uhr hat einen Charakter, die meisten Menschen haben keinen.“

Manchmal verkauft der Uhrmacher eine Kette, einen Ring oder ein Armband. Aber auch das macht der Uhrmacher nicht gern.
Der Uhrmacher sagt: Er hat schon viele Bräute auf Hochzeiten weinen sehen. Dann seufzt der Uhrmacher und seine Frau streicht ihm über die Hand.

„Die Uhr ist an ihrem Ende angekommen“, sagte der Uhrmacher einmal zu einer alten Frau, die zum dritten Mal ihre Uhr zur Reparatur zu ihm brachte. Die alte Frau seufzte, die alte Frau sah nicht so aus, als ob sie Geld für eine neue Uhr gehabt hätte, der Uhrmacher öffnete die Schublade mit den tickenden Uhren und legte der Frau eine Uhr in die Hand. So ist der Uhrmacher.

Heute brauchte meine Armbanduhr nur eine neue Batterie.

Der Uhrmacher sagt: „Die Uhr werden Sie lange haben, aber sie wird immer ein bisschen vor gehen, die Uhr ahmt ihren Träger nach.“
Ich muss lachen.

Vier Euro will der Uhrmacher für die Batterie haben.

Fünf Euro werfe ich in die Trinkgeldkasse des Uhrmachers. Die Trinkgeldose ist eine rostige Keksdose. Big Ben.

„Der Tierarzt, Uhrmacher sage ich, kommt nächste Woche, er braucht ein neues Armband für seine Uhr.“

Der Uhrmacher mag die Uhr des Tierarztes besonders gern. Die Uhr ist aus Frankreich. Der Uhrmacher war einmal mit seiner Frau in Lourdes. Der Uhrmacher ist ein frommer Mann. In der Vitrine des Uhrmachers neben den niemals abgeholten Uhren liegt ein Fotoalbum. Die Bilder im Album sind alle schwarz-weiß. Auf den Bildern ist der Uhrmacher zu sehen, neben einem alten Mann mit langem Bart. „Oben in Belfast bin ich Uhrmacher geworden“ sagte er, der alte Uhrmacherjude ist dann nach Israel. Der Uhrmacherjude war ein frommer Mann. Der Uhrmacherjude verstand sein Handwerk.

Ja, sagte ich.

Einmal fragte ich den Uhrmacher, wie lange es sein Geschäft noch gäbe und ob er denn Kinder hätte. „Kinder hätte er keine“, sagte der Uhrmacher, das Geschäft aber würde es geben, bis und dann zeigte der Uhrmacher auf seine Brust, bis die Uhr hier drin aufhört zu schlagen.“

„Ziehen Sie die Tür fest hinter sich zu“, sagt die Frau des Uhrmachers.

Manchmal macht sie dann noch eine Bemerkung über das Wetter, der Uhrmacher nickt. Der Uhrmacher macht niemals eine Bemerkung über das Wetter.

Das ist alles,was ich über den Uhrmacher weiß.

Sonntag

In der Nacht zieht der Sturm vorüber, am Morgen ist der Himmel klar. Der Himmel ist blau und kalt ist die Welt früh am Morgen, die Möwen sitzen auf dem Gartenzaun, die Katze liegt auf der Fensterbank. Der Tierarzt schläft, der Tierarzt schläft viel in diesen Tagen, das sagte ich schon, ich wiederhole mich oft. Der Hund will mit ans Meer. Die Katze interessiert sich nicht für nasse Pfoten. Der Hund ist zu alt für den Weg an den Klippen hinunter, wir gehen ins Unterland. Die Frau des Krämers steht schon im Laden: „Sie sind vom Wahnsinn gebissen“ schreit sie Fräulein Read On, „Sie holen sich den Tod.“ Die Frau des Krämers hat Lockenwickler im Haar, ihre Schwester feiert Geburtstag im Golf-Hotel. Es darf getanzt werden, die Frau des Krämers schüttelt den Kopf, Fräulein Read On, was soll nur aus ihnen werden. Ich trage keine Lockenwickler sondern einen alten Schafswollpullover des Tierarztes, der mir bis zu den Knien reicht, Kniestrümpfe und alte Pantinen, über allem trage ich einen Wetterfleck. „Was macht der Tierarzt?“ fragt mich die Frau des Krämers. „Der Tierarzt schläft viel, wiederhole ich in diesen Tagen.“ Die Frau des Krämers schüttelt den Kopf. Wenn Sie doch nicht ins Dorf gekommen wären, sagt die Frau des Krämers, dann hätte der Tierarzt schon längst meine Tochter geheiratet , wir hätten einen Studierten in der Familie, wir hätten ihn uns schon groß gefüttert.“ Ich sehe die Frau des Krämers müde an, „der Tierarzt, Frau des Krämers heiratet niemanden mehr.“

Dann stehen wir im Laden und sehen dem schmalen Sonnenstreifen zu der durch das Fenster fällt, so schmal wie der Tierarzt, lehnt er im Rahmen der Tür. Dann gehen der Hund und ich zum Meer herunter, das Meer ist spiegelglatt und himmelblau, das Meer ist so kalt. Der Hund taucht seine Pfoten ins Wasser schüttelt den Kopf und legt sich in den Sand. Ich aber renne ins Wasser, findet man erst den Atem wieder, wird es schön, ich schwimme gemeinsam mit hier überwinternden Vögeln zur roten Boje hinaus, auf der roten Boje frühstückt eine Möwe und nickt mir kurz zu. Das Wasser schlägt über meinem Kopf zusammen, für einen Moment ist die Freiheit grenzenlos. Blaue Lippen, blaue Zehen, den Kopf im Handtuch, der Hund schüttelt den Kopf. Später wird er trotzdem mit den feuchten Pfoten vor der Katze promenieren, man kennt das ja.

Ich wickle mich wieder in den Schafwollpullover, in Strümpfe, Schuhe und Wetterfleck, die Sonne steigt höher, der Wind nimmt zu, grün bemoost sind die Steine. Vorsicht sage ich zum Hund, das sind schlafende Riesen, weck sie nicht auf. Der Hund und ich wandern mit äußerster Vorsicht an den Zehen der Riesen entlang. Der Schiefer ist rutschig und glatt, in einem Priel finde ich eine rosa Muschel. Perlmuttglanz denke ich und lasse sie vorsichtig in den Wetterfleck gleiten. Der Hund und ich teilen geschwisterlich einen warmen Himbeerscone, kaufen zwei weitere, winken dem alten Joe Reilly, der repariert die Taue, damit es kein Unglück gibt, Fräulein Read On, wärmen sie sich gut auf.

Zurück im Oberland bekommt die Katze Milch, der Hund Wasser, dann zieht der Tee und ich steige die knarrende Treppe hinauf. „Bist Du wach?“, flüstere ich dem Tierarzt ins Ohr? Salzwasser tropft mir aus den Haaren. Der Tierarzt lacht: seit wann kommen die Meermmsellen ans Land. Seitdem die Meermamsellen nur mehr Beine habe, sage ich und reiche dem Tierarzt: T-Shirt, Pullover, Hose und Socken an. „Komm in die Sonne“, sage ich und wir ziehen die Stühle an die Mauer, die das Haus von der Kirche St. Sylvester trennt, der Rasenfleck vor der Mauer konserviert den Sommer selbst im Februar. Der Tierarzt schlürft Tee und schweigt sich aus über den kleinen Zuckerberg auf dem Grund der Tasse. Ich lege ihm die rosa Muschel aufs Knie. Sie Tierarzt, wer weiß vielleicht hat diese Muschel Eltern aus der Südsee gehabt, vielleicht lag die Muschel einmal in der Hand einer schönen Frau auf einem Ausflugsdampfer irgendwo im milden Süden.
„Liebling sagte sie: Diese Muschel will ich haben. Diese oder keine. Einen Ohrring lass mir daraus machen. Einen Ohrring ganz allein für mich. Einen Ohrring um dem mich alle Frauen beneiden. Aber dann schwankte das Boot, von einer heftigen Welle getroffen, der Mann dessen Namen von der Geschichte lang schon vergessen ist, hielt sich in seiner Not an einer ganz anderen Frau fest und alles kam anders, als einmal gedacht, die Muschel aber ging über Bord und so viele Jahre später fiel sie mir ausgerechnet unten am Strand in die Hand.“

Der Tierarzt lacht: Mädchen sagt er, Mädchen , versprich mir, hör niemals auf die Dinge nach ihren Geschichten zu befragen.

Ich schüttle den Kopf. „Tierarzt sage ich nur Du und ich sind so sentimental, der Welt verlangt es nach anderen Dingen.“ „Eigentlich wollte ich Dir etwas ganz anderes erzählen.“ Der Tierarzt schweigt über den nächsten Löffel Zucker, der in seiner Teetasse verschwindet und sagt: „Erzähl.“ Die Katze stolziert über die Steine und hopst auf seinen Schoß, der Hund schleppt verbotenerweise einen Pantoffel heran und legt mir den Kopf auf das Knie.

„Ich war doch vorhin bei der Frau des Krämers, die heute auf einen Geburtstag im Golfhotel geht, ich bezahle Scones, ich ratsche mit ihr, ich wende mich schon zum Gehen, da sehe ich ein Schild im Schaufenster kleben: „Final Blitz“ steht auf dem Schild. Die Frau des Krämer sagt: „Nehmen Sie es mir nicht übel Fräulein Read On, nichts gegen Sie, aber am Montag kommt eine deutsche Touristengruppe und das verstehen die Deutschen sofort.“

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„Oh Dear“ ruft der Tierarzt und lacht sein Sommerlachen, die Katze grinst, der Hund hechelt, ich lächle mit und die Sonne hoch über dem Kirchturm St Sylvester schüttelt den Kopf. „Derartige Albereien an der Kirchhofmauer“, sagt sie.

Bestimmt.