Fünf Minuten oder lieber keine Werbepause

Ich ärgere mich bekanntlich nur sehr selten, und noch viel seltener ärgere ich mich über Internetdiskussionen. Ich habe ein Kalb in den Flegeljahren, eine Auszubildende, die mich in den Wahnsinn treibt und noch dazu sehr, sehr niedrigen Blutdruck. Außerdem habe ich nie Zeit. Bin ich zwar äußerlich eine Shetlandpony, dass stets eilig irgendwohin rast, so beharre ich darauf, dass ich das Herz eines Faultiers habe. Ich interessiere mich fast nie für Aufreger und in den langen Jahren radikalen Außenseiterseins habe ich gelernt, dass diejenigen, die am lautesten quieken, nie etwas zu sagen haben. Ich habe es mir gut gemerkt und dann und wann, gerade wenn ich mich ohnehin schon maßlos über die Auszubildende errege, reicht der Rauch aus den Ohren doch noch für fünf Minuten Verwunderung. Über das Thema selbst: Bloggen und Werbung ist schon alles gesagt worden, nur noch nicht von jedem und natürlich sage ich jetzt doch etwas.

Ich lese keine Werbung und mir ist ganz gleich, wie sie daherkommt, ob als Wischzettel im Briefkasten oder als Blogbeitrag. Ich sehe kein Verkaufsfernsehen und klicke auf keine Werbelinks. Gegen die aggressive Dauerbeschallung hat der liebe G*tt Adblocker erfunden und am Briefkasten klebt ein Pickerl: „Bitte keine Werbung.“ Ich weiß, wir leben in Zeiten in denen Menschen vor dem notebook sitzen und ihre DM Einkäufe auspacken und auf dem zwei Stunden Flug von Dublin nach Berlin soll ich Parfüm, Herrenuhren und Sonnencreme kaufen und am besten passend zahlen.

Nichts davon tue ich und ich bin noch viel altmodischer als Sie bis dato ohnehin glauben. Ich glaube es gibt ein Recht darauf, nicht immer und nicht überall und nicht ausschließlich als Kunden wahrgenommen zu werden- auch nicht als Potenzielle. Sie, die Sie aus verschiedenen Gründen dieses Blog anklicken, sind nicht meine Kunden, sie sind Leser.
Um noch viel altmodischer zu werden. Ich glaube und tue dies aus tiefstem Herzen: Jedes Gemeinwesen braucht Leser. Leser sind so kostbar wie das weiße Dromedar. Leser wie Sie alle es sind, kommen mit ihrer Neugier, ihren Erfahrungen, ihrem Wissen, ihrer Einzigkeit, ihrer Hingabe, ihrer Liebe, ihrer Sehnsucht und ihrer Angst zum Text, zu vielen Texten, zu Romanen, Novellen, zu Blogtexten wie es sie hier gibt. Der Leser liest, macht sich Gedanken, kichert, schüttelt den Kopf, raucht eine Zigarette, schreibt einen wütenden Brief, seufzt und niest und wundert sich wie ein Fräulein sich von einem Kälbchen narren lässt. Es ist das Wunder des Lesens, der Verstehens, des Nicht-Begreifen Könnens, des fragenden, zweifelnden Lesen, des Falten und Mitnehmen eines Wortes, eines halben Satzes, eines ganzen Gedankens. Der Leser ist ein ernster Mensch, der Leser weiß etwas, sucht etwas, der Leser denkt nach. Rodins Denker ist ein Leser gewesen, der Leser ist kein Kunde, dem ich im Vorbeigehen noch Plastikschüsseln, eine Fernsehzeitung, Waschnüsse und Erdbeerkakao aufschwatze, tue ich das, suche ich keine Leser sondern Kunden mit vorgeformten Erwartungshalten, die nicht für einen Text kommen, sondern weil sie etwas brauchen oder etwas brauchen sollen.

Das ist ein diametraler Unterschied und hätte Thomas Mann jedem Zauberberg ein paar Herrenunterhosen beigelegt, wäre er eben Verkäufer von Unterhosen mit Text gewesen. Der Leser ist eine andere Kategorie als der Käufer und ich finde es sehr schade, wie wenig Wertschätzung der Leser hat. Es wird dann sehr oft und sehr empört darauf verwiesen, dass die Werbetexte doch mit reinem Herzen und viel Blut geschrieben sei und dass der Leser doch ruhig mal auf das flackernde Werbedings klicken möge, dass sei er doch schuldig und die das schreiben, meinen das auch ernst. Mag sein, diese Blogger wissen etwas über den Kunden, aber über das Lesen wissen sie nichts. Nichts über die Beziehung zwischen Text und Leser, die länger hält als jede Matratze, die Erinnerungen macht und Raum gibt, wie lange man braucht bis man einen Text wirklich begreift und oft tut man es nie und kehrt zurück und erinnert sich doch- an Haarseife, Handtaschen, und Schuhe ohne Boden erinnert man sich nicht und auch an sie wird man sich nicht erinnern, hat der Kunde, den sie Leser nennen genug, oder braucht etwas anderes,schon kehrt er ihnen in den Rücken.

Aber was ich ihnen übel nehme, ist das sie mit ihrem Gerede von den so schön geschriebenen Verkaufsgeschichten, so tun als nähmen sie die Geschichten ernst, als vertrauten sie auf die Geschichte, auf die Worte, als seien sie involviert, aber wie die Landliebe Familie und die Persil-Mutter sind sie keine Erzähler, sondern Verkäufer und immer ein bisschen lachen muss ich über das gekränkt vorgetragene: „Aber ich schreib doch nur, was mir gefällt.“ Der Selbstbetrug der Werbung ist wirklich nicht zu unterschätzen und dann ist Tchibo ein super Ort und die Fabriken in Indien kennt eh keiner und beim Agenturtreffen sind auch alle nett und als die Matratze aufhörte zu miefen, schlief man wirklich gut und überhaupt man will nur das Beste und wirbt gern mit Begriffen wie: natürlich, handgemacht und authentisch. Weniger gern und auch hier ist Landliebe Vorbild spricht man über Kilopreise, Produktionsbedingungen und Vergleichsangebote und weil man doch auch eine Geschichte erzählt, drückt das Gewissen noch weniger.

Das können Sie machen und meine Stimme hat kein Gewicht in diesen Fragen, aber ihre Texte, die sind nicht anders als das Wochenprospekt von real mit Hack im Angebot, auch wenn sie das nicht glauben wollen, denn sie zucken mit den Achseln und finden man könne ohnehin alles kaufen und wer nicht mit den Wölfen heult, der wird gefressen und sie glauben daran und lachen empört, aber dann sind die fünf Minuten schon um und ich will wirklich nichts kaufen und auch keine Geschichten darüber lesen, warum ich es sollte.

Glauben Sie mir, das Teuerste was ich habe sind meine Leser.

Wie die Sache mit Harry Breisacher, dem unfreiwilligen Privatermittler begann.(1)

Mit den letzten Sonnenstrahlen aber wandern der Tierarzt und ich um den kleinen See herum, der nicht mein Badesee ist, aber der Spaziersee im kleinen Ort am Rande der großen Stadt Berlin. Der Tierarzt reckt sich und seufzte der Sonne entgegen. „Mädchen ist das schön.“ Die Sonne funkelt, das Eis knackt, der Nöck gurgelt, ein Schwanenpaar tappt vorsichtig über das Eis. „Diese Idylle“ schwärmt der Tierarzt. Das ist Deutschland.“ Dann gehen wir weiter und der Tierarzt lobt den deutschen Wald, die deutsche Sonne und die deutsche Autobahn, denn die sieht man und hört man vom See aus. Aber die lobt der Tierarzt eher aus Versehen.

Ich räuspere mich und sage: „Ja, ja, das könnte man meinen, dass hier die Idylle zu Hause sei.“ Der Tierarzt sieht zu mir herüber: „Was meinst Du Mädchen?“ Na ja sage ich, weißt du im März 1923 geschah hier ein Mord am See.
Der Tierarzt bleibt stehen. „Ein Mord hier?“ Ja, sage ich am 20 März 1923 zog man hier eine Leiche aus dem Wasser.“ Der Tierarzt erschauert und sieht hinter die Bäume, ob nicht dort auch eine finstere Gestalt mit einem Revolver lauert. Aber da ist niemand außer den beiden Schwänen. „Hmm“, sage ich, dann kennst Du wahrscheinlich auch nicht Harry Breisacher, den berühmten, wenn auch unfreiwilligen Berliner Privatermittler, der den Fall schließlich aufklärte, wenn es auch etwas dauerte, denn Harry Breisacher war eigentlich Arzt in der Charité, unglücklich verliebt, das heißt unglücklich entlobt und ein schwerer Trinker.

Der Tierarzt murmelt: Harry Breisacher, Privatermittler. „Oh ja, sage ich,Bremischer war der wohl bekannteste jüdische Privatermittler.
Aber schon greife ich vor, denn alles beginnt ohne Harry Breisacher, denn der trinkt ja wie gewöhnlich und ist nicht zu Hause, als es bei der alten Witwe Oppermann am 21. März 1923 so gegen halb sechs Uhr Abend klingelt. Die Witwe Oppermann muss man wissen, war keine richtige Witwe, sondern eine gescheiterte Opernsängerin mit Liebhabern, die sie irgendwann aufhörte zu zählen. Einer hinterließ ihr eine Villa, im damals neu gegründeten Vorort von Berlin. Auch sein Tod sollte in einem anderen Zusammenhang Harry Breisacher noch einmal beschäftigen, aber für jetzt und heute genügt es erst einmal zu wissen, dass die Witwe Oppermann, Zimmer an Junggesellen vermietete und so wohnte seit Jänner 1919 auch der Friseurmeister Yossele Horowitz gebürtig aus Breslau bei ihr und eben auch Harry Breisacher. ( Zwei Zimmer im ersten Stock ). Die Polizei aber verlangte nicht nach Breisacher, sondern verhaftete den Friseur Yossele Horowitz wegen Mordes am Friseur Hans Hansen aus Hamburg, der wie Horowitz Teilnehmer des „Preisfrisierens um die Weltmeisterschaft“ war, die in jenem März vom Berliner Damenfriseur und Perückenmacherverein veranstaltet worden war. Zwei Teile hatte jener Wettbewerb über den in allen Zeitungen berichtet wurde und jeweils 80 Minuten hatten die Teilnehmer um die „modern-schönste“ und „ historisch-echteste Frisur“ zu kreieren. Zum Verhängnis wurde Yossele Horowitz, das jener Hans Hansen nicht nur einen nordischen Namen und eine Ehefrau namens Edda hatte, sondern vor allem, dass Hansen lautstark am Vortag mit Yossele Horowitz gestritten hatte. Es ging so sagten die befragten Friseure um Haarnandeln und ein Nest aus Federn. Horowitz habe Hansen des feigen Diebstahls bezichtigt und sieben Stunden später war Hansen mit der von ihm gefertigten Perücke abzüglich eines Federnestes wie es Marie Antoinette auf einer Feier zu Ehren des Hofmarschalls St. Pierre getragen hatte, auf dem Grunde des Sees gefunden worden. Ein heftiger Wind hatte ihn ans Ufer geschwemmt und der Zeitungsjunge, der auch bei den Villen am See die Runde machte, hatte so markerschütternd zu schreien begonnen, dass nicht einmal Kakao und Butterwecken ihn beruhigen konnten. Für die Berliner Kriminalpolizei war der Fall klar: Horowitz gegen Hansen: Der Wettstreit der Friseure hatte ein tödliches Ende gefunden. Das Mordmotiv war eindeutig und die Nähe des Wohnortes des Friseurs Yossele Horowitz und des Fundortes der Leiche sprachen Bände. Die Handschellen klickten und das letzte was die Witwe Oppenheimer von Yossele Horowitz hörte war ein verdutztes: Na nu.

Dies alles aber verpasste Harry Breisacher, denn Breisacher trank an jenem Abend und er trank nicht aus Vergnügen, sondern um sich zu betäuben, darauf kam es ihm an. Damals konnte man gut und schnell trinken in Berlin und Harry Breisacher kam erst viele Stunden nach der Verhaftung Yossele Horowitz nach Haus. „Pfui, wie Sie stinken“, rief die Witwe Oppenheimer und Breisacher seufzte. Die Witwe Oppenheimer nämlich nahm regen Anteil am Leben ihrer Mieter, aber diesmal hielt sie sich nicht weiter auf am verknitterten Anzug und den blutigen Augen von Harry Breisacher. Sie sagte: „Breisacher, sie haben den Horowitz abgeholt, wegen Mord!“ Die Witwe Oppenheimer machte ein Bühnengesicht, dass sie auch gemacht hatte als sie 1902 einmal eine sterbende Heldin mimte. Breisacher aber musste sich das Lachen verkneifen, denn die Witwe Oppenheimer erschauerte häufig heilig, wenn eine Katze von links kam, wenn der Briefträger die Rechnung für die Milch brachte und wenn die Tarotkarten etwas besonders Schreckliches weissagten. Eine höhere Milchrechnung zum Beispiel. „Von Anfang an“, sagte Breisacher also und die Witwe Oppenheimer begann noch einmal von der Verhaftung und dem Na nu Yossele Horowitz zu erzählen. Breisacher schüttelte den Kopf, nicht wegen des Na nu, sondern weil er zum ersten Mal vom Wettstreit der Friseure hörte und nur dunkel erinnerte er sich, das in den letzten Wochen die Witwe Oppenheimer tatsächlich mit noch alberneren Frisuren als sonst Staub vom Grammophon wischte. War das tatsächlich ein Vogelnest auf ihrem Kopf gewesen? „Haute Couture, Herr Dr Breisacher“ schnappte die Witwe beleidigt, die fand, dass die Frisuren sie um gut zehn Jahre verjüngt hatten.

Breisacher gähnte und zuckte mit den Schultern. „Die Polizei“, fing er an, aber die Witwe Oppenheimer fuhr empört zusammen: „Die Polizei?“ „Sie glauben doch nicht wirklich die Polizei will die Unschuld unseres guten Horowitz beweisen?“ Aber Breisacher hörte ihr schon nicht mehr zu, denn plötzlich erinnerte er sich doch an etwas, aber das sagte er der Witwe Oppenheimer nicht. Am Donnerstag nämlich hatte das Telefon geklingelt, ein altmodischer Apparat im Flur, der immer dann klingelte wenn Breisacher in die Klinik musste, oder der nur klingelte um ihn die Klinik zu rufen, aber am Donnerstag, da sagte eine Stimme am Telefon: „ Yossi? Ich bin es Hans.“ „Wer ist da?“, hatte Breisacher gefragt, aber die Stimme am Telefon war schon verschwunden und Breisacher hatte sich nichts weiter gedacht, war froh gewesen, einmal nicht wieder los zu müssen, diese ewigen Kopfschmerzen. Kopfschmerzen bekam Breisacher auch von der schrillen Erzählung der Witwe Oppenheimer und er sagte: „Genug Frau Oppenheimer, ich will mich einmal umhören.“ Die Witwe Oppenheimer aber kannte Harry Breisacher lange genug, um zu wissen, wann es Sinn hatte auf ihn einzureden und wann man besser schwieg. Sie schwieg also und dann war es still im Haus, nur die beiden Kanari im Käfig unten im grünen Salon pfiffen unverdrossen. Sie hießen Hinz und Kunz und auch sie sollten sich einmal als hilfreich beweisen, bei einem der Fälle, auf die der unfreiwillige Privatermittler Harry Breisacher stieß, der damals in Berlin lebte und dessen erster Fall, der Mord am Friseur Hans Hansen aus Hamburg war.

Schon schließe ich die Tür auf, der Tierarzt stolpert beinahe und sagt: „Und Mädchen, hat Breisacher den wahren Mörder gefunden?“ Ja sage ich, Breisacher hat früher oder später, die Dinge ans Licht gebracht. Eher später als früher, obwohl das vielleicht ungerecht ist, denn oft kam Breisacher etwas dazwischen, die Liebe, die Klinik, der Vater oder auch nur eine Flasche Scotch. Aber damals als Breisacher die Treppe hinauf ging, mehr Seemann als Doktor mit schweren Lidern, da erinnerte er sich jenes alten Reimes, den ihm seine Mutter, die eine Engländerin war einmal vorgelesen hatte, saß sie an seinem Bett: The butcher, the baker, the candlestick maker und daran erinnerte sich Breisacher nun an die Stimme seiner Mutter und den Kinderreim The butcher, the baker, the candlestick maker und wie passt da wohl Yossele Horowitz, der Friseur aus Breslau hinein?

Vergoldeter Dank

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Einen goldenen Dank an Sie alle, die so wunderbar mitreißend, Daumen und Tatzen gedrückt hielten, gute Gedanken, ihre Stimmen und überhaupt ihre Großzügigkeit in die Waagschale geworfen haben und dieses kleine Blog vergoldet haben. Ich danke Ihnen allen sehr und von Herzen, denn ohne sie ist dieses Blog ja nur eine Seite Papier im großen, weiten Internet und füllten Sie es nicht mit Leben, dann gäbe es dieses Blog zwar auch, aber nicht als einen Ort an dem man Tee trinkt, die Stirn runzelt, die Augenbraue hebt, lacht und erzählt, die Türen zu schlägt, doch wiederkommt und so ist dieser Preis, ein Preis für Sie alle, die sich einlassen mögen auf andere und vielleicht ungewohnte Perpsektiven auf die Welt und auf ein Leben. Dafür, dass Sie dies tun und damit das Internet selbst zu einem offenen Ort machen, in dem viele Geschichten, Platz haben, dafür kann es gar nicht genug Gold geben.

Oft ist „das Internet“ eine anonyme Riesenmaschine und auch diesem Blog weht immer wieder und immer anders kalter Wind entgegen, denn die Welt bleibt ja nicht außen vor, sondern findet auch hier statt, oft und mit Recht wird darüber geschrieben und geleitartikelt, dass es um Klicks und Werbung und und und und geht, und Blogs ohnehin tot seien, eine Art Fossil angespült an einem fernen Strand, längst überholt und längst überkommen. Aber dann steht während man dort und überlegt sich unter dem Tisch zu verstecken, da trifft man sie, die Erzähler des Internets. Die großartige, wortgewandte Chronistin der Tage und Dinge, die Kaltmamsell, die unermüdlich engagierte Juna , die fabulöse, zupackende und so herzenswarme Notaufnahmeschwester und kaum hat man sich versehen, schon schwatzt mit der so schnellen wie klaren Barbara Bierach aus Sligo und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Geschichten und ihre Erzähler sehr lebendig und sehr, sehr eindrucksvoll sind und ist das nicht auch schon fast eine Geschichte für sich, dass man einem Abend vom Fröhlichen und Heiteren, zum Traurigen und Ernsten wandern und wechseln kann und die Welt mit anderen Augen sieht. Ein Dank von Herzen auch an die Organisatoren, die mit viel Engagement, Zeit und Kraft seit so vielen Jahren, die Blogs zu Wort kommen lassen und ihnen einen ganzen Abend widmen. Diese Arbeit, neben ihrer eigentlichen Arbeit lässt sich kaum in Gold aufwiegen. Danke.

Ansonsten gilt: Danke und wieder und wieder Danke und natürlich was der Bär sagt!

Da ich im gewinnen wirklich keine Übung habe, habe ich das gemacht, was ich seit 318 Tagen und so viele von Ihnen mir gemeinsam tun, nämlich eine Karte für Deniz geschrieben und  vorgelesen, denn darum geht es auch hier und heute, immer wieder an der Freiheit des Wortes festzuhalten:

Berlin, 29-01-2018 ( Karte No.318)

Merhaba Deniz,

ich habe noch nie etwas gewonnen, nicht einmal eine Papierrose auf dem Jahrmarkt, aber was man nie gewonnen hat, kann man nicht verlieren. Ich bin Meisterin im Verlieren. Gäbe es eine Olympiade ich wäre immer Erste. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich selbst in den Mänteln ohne Taschen noch immer Worte eingenäht habe. Es ist seltsam pathetisch dies zu sagen, aber und man sieht es am deutlichsten blickt man vom Verlieren her, die Wörter erweisen sich am Ende und leider niemals am Anfang als hartnäckiger als alles Andere. 1000 und eine Nacht sprach Sherezade, noch immer gibt es die Zettel, die Briefe fast alle reißen mitten im Satz ab, die Männer und Frauen aus den Deportationszügen warfen, noch immer erzählen Mütter ihren Kindern, Geschichten, die sogar Monster unter den Betten vertreiben, noch immer werden Liebsbriefe geschrieben, meist zu später Stunde, in jedem Einkaufszettel lässt sich Goethe finden und wenn die „Hängt Sie alle auf-Schreier doch nur wüssten wer Karl Kraus wäre, dann da bin ich mir sicher, verstummten sie sofort und Karl Kraus gäbe nicht nach.

So schnell, wie man in ein Wort hineinfällt, so schwer ist es vergifteten Wörtern zu entkommen, jedes Wort hat seinen Preis und ob ein Wort zu spät kommt, weiß man immer erst hinterher oder man ist Harry Heine. Es gibt Wörter, die machen Seitenstechen vor Lachen und es gibt Wörter, die hören niemals auf weh zu tun. Jedes Wort hat Abgründe, einen doppelten Boden, klingt im Sommer anders als im Januar und auch deswegen fürchten sich Diktatoren so vor dem Wort, so vor Menschen, die wie wir hier alle heute Abend, um das Wort ringen, ob in 140 Zeichen oder 2000 Worten, alle hier setzen Worte aus mitten in die Landschaft und die Wörter laufen los, und man glaubt es nicht, aber die Furcht vor den Wortern, vor Postkarten, Liedern, Kochrezepten, Anleitungen für schöne Wimpern, und das Liebesleben der Oktopusse ist schon genug, damit sie zittern und die Worte versuchen zu ersticken, aber schon pfeift einer das nächste Lied und die persische Prinzessin liest auf den Zinnen ein langes Epos vor und der Armeegeneral träumt von langen Fliegenbeinwimpern, während er doch eigentlich Armeen gegen Wörter ins Feld führen soll und so gewinnen am Ende immer die Wörter, auch wenn das Warten einen so bange macht, so unruhig, schon kommen die Wörter, jeden Tag werden die Wände von Silvri und all den anderen Gefängnissen, dünner, immer werden die Wörter lauter und still und einsam wird es um die Diktatoren, die nicht verstanden haben, dass ein Echo immer weiter reicht, noch das kleinste Schlüsselloch brechen die freien Wörter herein. Deniz, die Wörter hören nicht auf und die Freiheit, die Freiheit, die kommt.

Immer herzlich,

Ihr,

Fräulein Read On

Von Fern ist das Meer niemals nah (3)

Hier finden Sie den ersten ersten und zweiten Teil der Geschichte.

Er steht mit dem Rücken zur Tür. Noch immer schlägt der Regen gegen die Fenster, die Straße. Regenschatten liegen über Southall. Kalt ist die Tür gegen seinen Rücken, aber er dreht sich nicht um. Der Laden ist seit Jahren schon der gleiche, selbst in der Dämmerung, kennt er den Laden, wie nicht einmal sich selbst. Eine halbhohe Anrichte mit der Kasse, Kaugummis in zehn Geschmacksrichtungen und das Bild eines Gurus. Er weiß schon seit Jahren nicht mehr, ob dieser Gesundheit oder Geldsegen versprach. Zwei Kühltheken zu seiner Rechten. Cola, Limonaden, Wasser, Milch, Orangensaft in Zwei-Liter Packungen und immer hat eine Packung ein Leck. Jeden Abend, bevor er den Laden zusperrt, wischt er eine Pfütze mit Orangensaft auf. Regale in der Mitte des Ladens. Instant-Nudeln in weißen Bechern, Kekse, klebrige Jalebis in bunten Kartons, Schokolade, Putzmittel, Einwegrasierer, Konservendosen, Lipton-Tea, Backpulver und Sirup. Beutel mit roten Linsen, Kichererbsen, Reis und Öl. Im Lager mehr Säcke, mehr Reis, immer noch mehr Linsen und Kichererbsen, Tüten mit Chilipulver und Pefferkörnern, Lutscher, die den Kindern eine blaue Zunge machen. Das Wasser tropft auf seine Füße, eine Wasserlache auf dem Boden, wie der Orangensaft läuft er leck. „„Du bist Kurta, Kurta der Hund““ hört er sie sagen. Eine weiche Stimme, das harte r von Kurta, das steht ihrer Zunge, „Du bist Kurta, Kurta der Hund“, sagte sie und er verschluckt sich an ihren Worten. „Ist es nicht merkwürdig, denkt er, dass jeder in Southall mich Kurta, den Hund nennt und ich zucke nicht einmal mit den Schultern?“ Und dann steht sie da, sie die Frau an die ich mich kaum noch erinnere und sagt „Du Hund zu mir.“ Und alles ist wieder, wie damals als zum ersten Mal die Kinder mit dem Finger auf mich zeigten und lachten: „Da kommt Kurta, Kurta, der Hund.“
Dann hält er sich die Hand vor den Mund als fürchte er sein Gesicht ein zweites Mal zu verlieren, auch wenn niemand außer ihm im stillen Laden ist, der Frau auf der Straße sieht nur seinen Rücken. Er presst sich die Hände gegen den Mund und die Tür ist kalt gegen seinen Rücken.

„Good morning“, sagt der Radiosprecher, it is 5.20 AM, this is the BBC and now the Shipping Forecast issued by the Met office.“ Viking North 5 to 7, das ist was er behält und Showers at first. Jeden Morgen hört er die Shipping Forecast, dabei hat er noch niemals das Meer gesehen, ein Boot bestiegen, die Füße ins Wasser gehalten und noch niemals auch nur ein einziges Wort der Shipping Forecast verstanden. Nach der Shipping Forecast kommt das Milchauto, das ist sein einziger Grund für Radio BBC 4, das kleine Transistorradio steht hinter der Kasse auf einem schmalen Bord. Er dreht das Radio aus, die Tür ist beschlagen und er sieht nicht, dass die Frau noch immer auf der Straße steht mitten im Regen. Er löscht das Licht und nimmt den Schlüssel vom Haken. Das Closed Schild hängt noch immer an der Tür und heute zum ersten Mal in viel zu vielen Jahren, dreht er es nicht um.

„Bitte“, sagt sie, bitte warte doch, bitte, es tut mir Leid.“ Ihr fällt ein, dass sie seinen eigentlichen Namen nicht mehr weiß. „Kann jemand seinen Namen verlieren?“, fragt sie sich, wie einen Schlüssel? „Aber wir haben ihn ja verloren“, sagt sie sich, der Regen ist ein nasses Tuch über ihren Schultern. „Warte doch“, ruft sie wieder und wieder. Ihm fällt ein wie schnell er laufen kann, er läuft an ihr vorbei, schneller noch, immer noch schneller, er läuft vor ihr davon, er rennt die Straße hinunter, noch immer hält er sich die Hand vor dem Mund, aber seine Beine sind schneller und schneller, schon ist er im Bahnhof. Southall steht auf dem Schild und Transport for London. Sie sieht ihm nach, dann kommt das Milchauto, biegt um die Ecke, fährt durch eine Pfütze, das schlammbraune Wasser spritzt hoch, eine Welle Pfützenwasser läuft über sie hinweg. Um 5.25 Uhr steht sie unter der Dusche und das Wasser das in den Abfluss läuft, ist schwarz. Sie sieht den Milchliferanten, er klopft gegen die Tür des Geschäftes, doch keiner wird öffnen, dass er im Bahnhof verschwindet, sieht sie nicht, als er die erste Stufe des Bahnhofs erreicht, da schließt sie den letzten Knopf ihrer Bluse.

Er kauft eine Fahrkarte. Brighton, sagt der Automat, als er auf B… tippt. Brighton bestätigt er zweimal, steckt Geld in den Schlitz. Gelb und rot ist die Fahrkarte. Ein dünner Streifen Papier ist genug um ans Meer zu kommen, wundert er sich. Platform 5 steht auf der Fahrkarte, und die U-Bahn von Southall nach Paddington ist leer. Ein Liebespaar ist müde von der Nacht und ein alter Mann liest eine alte Zeitung. Eine Werbetafel verspricht, dass das Glück an den Stränden der Karibik wartet, er dreht den Fahrschein in seinen Händen. „Viking North to Five“ flüstert er, in Paddington wechselt er in eine Linie nach London Victoria und auf dem Bahnhof kauft er eine Flasche Orangensaft, ein Sandwich mit Käse und einen grünen Apfel. „The 6.37 train to Brighton via Clapaham Junction, East Croydon, London Gatwick, Hassocks“, leaves from platform 5, sagt die Lautsprecherstimme und er fasst vorsichtig in seine Hosentasche. Aber der Fahrschein ist noch immer da. „Nach Brighton?“, sagt er zum Schaffner, der raucht vor dem Zug und nickt. Er zieht sein Telefon aus der Hosentasche. Sein Vater hat ihm eine Nachricht hinterlassen: „Kurta, wo zur Hölle bist du?“, schreit die Stimme seines Vater blechern vom Anrufbeantworter. Er wirft das Telefon in einen Mülleimer. Er braucht es nicht mehr.

Das Abteil ist noch leer, der Schaffner trinkt Kaffee und nickt ihm zu. „Brighton, ja?“ „Last stop of the train“, sagt er. Er sieht aus dem Fenster, der Orangensaft hinterlässt einen Fleck und er reibt mit einem Daumen über die nasse Stelle. In Croydon setzt sich eine Frau zu ihm ins Abteil. Blasse rötliche Haare, ein rosa Schal, locker um den Hals gelegt, Sommersprossen auf der Nasenspitze. Lange wühlt sie in ihrer Handtasche, dann seufzt sie. „Wenn ich mir ein Brot liege, lasse ich es liegen“, sagt sie, wenn ich mir kein Brot mache, vergesse ich auf dem Bahnhof eine Croissant zu kaufen“ sagt sie zu niemand Bestimmten. Er hört es trotzdem. Er reibt mit dem Ärmel über den Apfel und hält ihn ihr hin. Sie wird rot und für zwei Stunden hört sie nicht mehr auf zu reden. Kurz bevor der Zug in Brighton hält, unterbricht sie sich selbst: „Wie heißen Sie?“, sagt sie und er muss sich räuspern, und zweimal verschluckt er sich fast: Pargat Singh, sagt er mein Name ist Pargat Singh. „Es hat mich sehr gefreut Pargat Singh“, sagt sie und dann hält der Zug. Sie winkt und er winkt zurück.

„Wie komme ich zum Meer?“, fragt er an einem Schalter. Ein rotes Schild: Information. Die Frau gibt ihm einen Stadtplan. Zum Meer führt eine Kugelschreiberblaue Linie. Dann geht er los, seine Beine sind schneller als er, dort liegt das Meer, grauer Nieselregen, die Straße schon riecht nach Salz und Tang und endlich, endlich ist da, das Meer. Das Meer ist blau, trotz des grauen verhangenen Himmels, blau ist das Meer, so wie der Himmel des Punjab, kurz vor Anbruch der Nacht. Vor einem Papierkorb randalieren die Möwen, er geht nach links, der Sand bohrt sich durch die Sohlen in seine Füße hinein. Das Meer ist so weit wie blau und wenn er jemand anders wäre, das weiß er einfach so, könnte er hier lange sitzen und dem Meer zuhören, aber er zieht sich schon den Pullover über den Kopf, legt das weiße T-Shirt sorgfältig zusammen, kickt die Schuhe und Socken von den Füßen, zieht die Hosen aus, legt sie in eine Mulde Sand und dann kommt er dem Meer entgegen. Das Meer hat weiche, weite Arme und gierig ist das Meer, keine schüchterne englische Rose, das Meer zieht ihn die Arme ,weiter und tiefer hinein lässt er sich tragen vom Meer. „Man kann nicht als Hund leben“, denkt er und das Meer reckt sich, komm unter meine Arme flüstert das Meer und das Meer ist so blau, so blau wie der Punjab am Abend, es verschluckt den grauen Himmel und hinter dem Himmel ertrinkt die Sonne, hinter dem Meer ist es hell, will er noch rufen, doch das Meer liegt ihm in den Armen, eisig und tief und dann denkt er nichts mehr und schließt die Augen mitten im Sinken, mitten im Meer.

In Southall verpackt eine Frau eine Urne, es ist ihr Vater, die Asche ihres Vater, ihre Hände sind kalt, die Handtasche lässt sich nicht mehr schließen.“ Nach Brighton“, sagt sie am Fahrkartenschalter. „8. 37 Uhr geht der nächste Zug“, sagt die Frau am Fahrkartenschalter.

Der dritte Teil dieser Geschichte ist ein Beitrag zu Kikis #SepteMeer und der vierte und letzte Teil der Geschichte folgt hier am nächsten Samstag.  

Von Fern ist das Meer niemals nah (2)

Den ersten Teil der Geschichte finden Sie hier.

Sie steht am Fenster und ihre Hände sind kalt. Der Wind fährt durch die Fensterscheiben, mögen die Fenster auch noch so fest geschlossen sein, immer dringt der Wind durch die Ritzen und presst seine Arme gegen das dünne Glas. Seit zehn Jahren ist sie nicht mehr hier gewesen. Southall der Name klingt fremd in ihren Ohren und sie sagt ihn langsam, so als wäre sie hier nicht aufgewachsen und stünde nicht im Zimmer ihrer Kinderjahre, sondern als sei sie fremd hier, der Name liegt ihr schwer auf der Zunge, ihre Fingerspitzen liegen kühl an ihren Schläfen. Kalt ist der Boden unter ihren Füßen und doch steht sie regungslos am Fenster, sieht hinaus auf die stille Straße, die Uhr ein Mickey Maus Plastik Wecker ist stehen geblieben, dreiviertelzwölf zeigt die Uhr, aber dort unten auf der Straße hält ein Lieferwagen. Zeitungsbündel auf dem Trottoir. Die Kälte lässt ihre Füße nicht los, klebt ihr an den Händen. „Geh, Mädchen“, geh fort von hier“, sagte ihr Vater. Ihr Vater ist tot und Leute auf der Straße sprechen sie an. Murmeln Verlegenheitsgrüße und irgendetwas mit Beileid. Sie hat ihren Vater beim Wort genommen und ging. Einmal im Jahr trafen sie sich, aber niemals in Southall. Ihr Vater schüttelte den Kopf. Das letzte Mal, dass sie sich sahen in Brighton, der Wind ähnlich hart und kalt wie heute, aber ihr Vater bestand auf der Sichtweite zum Meer. Marseille. Mumbai. Sogar Venedig. Immer wieder aber Brighton. Ihre Hände sind kalt, ein Jahr ist es her, da verschwand seine Hand noch einmal in ihrer, die Hand ihres Vaters warm und rau, fast zierlich, die Hände ihrer Mutter erinnert sie nicht. Immer eine 99 Cone mit Flake, Vanilleeis in seinem Bart, die Waffel für die Möwen und seine Hand hielt ihre Hand. Die Wellen schlugen hart an den Strand, ihr Vater schloss seine Augen, aber ihre Hand ließ er nicht los. Jetzt ist ihre Hand kalt und leer, fährt über den Fensterrahmen abgesplitterte Farbe, im Augenwinkel die Gurudwara, der unausweichliche Schatten Southalls. Ihr Vater öffnete die Gardinen immer erst am Abend. Er sei Kommunist sagten die Nachbarn, denn ihr Vater verweigerte sich Hochzeitsfeiern, Beerdigungen und der jährlichen Reise nach Punjab. „Kommunist“ flüsterten die Nachbarn und schüttelten den Kopf. Die Kälte zieht über ihren Rücken bis in den Nacken hinauf. „Was ist dein Vater?“, fragte sie der Mann, den sie heiraten wollte, noch vor drei Wochen, rötlich blondes Haar neben ihr auf dem weißen Kissen. „Busfahrer“ sagte sie und er lachte. „Niemand ist doch mehr Busfahrer“ sein Lachen wollte kein Enden finden. Er strich mit dem Daumen über die Unterseite ihrer Brust, milchweiße Finger, à la anglaise auf ihrer dunklen Haut. „Dass dachte ich sei exotisch“, sagte er, noch immer lachend, „aber Busfahrer, proper working class people“,sein Akzent dick und falsch wie immer wenn upper class Söhne Busfahrerväter imitieren. Seine Hand lag kalt auf ihrer Haut. Eine Woche später schickte sie ihm den Ring zurück. Der Umschlag aus schwerem Büttenpapier.

Drei Wochen später war ihr Vater tot. „Streu meine Asche ins Meer Mädchen“, sagte er einmal in Brighton, Sommerlicht, Vanilleis an seiner Nasenspitze, seine Hand fest in ihrer. „Ich habe niemals schwimmen gelernt, Mädchen, aber der Tod, wird mich schon tragen.“ Ihre Antwort erinnert sie nicht mehr. Auf dem Küchentisch steht seine Urne. Sie legt ihre Stirn gegen die kalte Fensterscheibe. Unten auf der Straße die Zeitungsständer. Sie liest:

„ WORLD SEXIEST WEATHER GIRL ( SUN )

PRINCESS ANNE: WE SHOULD EAT HORSE ( DAILY MIRROR )

TIME ON THE COUCH HELPED POPE TO DEAL WITH PRESSURE ( LONDON TIMES )

„BREXIT-ON-SEA“ ( GUARDIAN )

Ein Mann verschliesst den Zeitungsständer mit einem Fahrradschloss. Ein schmaler Rücken, ein verwaschenes blaues Hemd, ein abgetragener Sweater, eine alte fadenscheinige Jeans, ausgetretene Schuhe. Die Fensterscheibe beschlägt, kalter Atem, mit einem Ärmel wischt sie über das Glas. Der Mann aber ist schon wieder im Laden verschwunden. Punjabi Resort“ steht auf dem Schild über dem Laden, rote Buchstaben auf gelbem Grund, zwei Palmen links und rechts, etwas verwaschen schon, blaue Wellen lecken an den roten Buchstaben, am T. des Resort, hängt eine Ankerkette, den Anker selbst sieht man nicht mehr. Was für ein alberner Name denkt sie.

Sie fährt noch einmal mit dem Ärmel über das Fensterglas. Selbst durch das geschlossene Fenster hört sie das Glöckchen des Ladens. Dann beginnt es zu regnen, schwere dicke Tropfen prasseln gegen die Fensterscheiben. Ihr Vater zog sie heraus in den Garten, als sie ein Kind war, so viele Jahre ist das jetzt schon her. Ganz gleich war es ihm ob der Regen eisig und hart über den Garten fegte, oder seltener eben als leichter Sommerregen über den Zaun tropfte und lief, ihnen über die Füße, die Arme das Gesicht, denn ihr Vater zog sie heraus in den Regen, hielt sein Gesicht in den Regen, atmete ein, atmete aus und sagte: Das Meer bringt den Regen mein Mädchen.“ Sie hielt seine Hand. „Kommunisten“ sagten die Nachbarn, die nicht verstanden, warum ein Punjabi, ein Nachbar in Southall zudem das Gesicht in den Regen hielt, als würde er sonst verdursten. Sie sieht in den Regen, der Regen fällt hart gegen das Fenster. Sie läuft die Treppe hinunter, die Treppenstufen sind ausgetreten, die Schlafzimmertür ihres Vaters ist angelehnt. Am Schlafzimmerschrank hängt die Busfahrerunifom ihres Vaters noch klebt die Folie der „Snow White Dry Cleaner Company“ an der Uniform. Ihr Vater ist tot, schon seit drei Wochen, sie zieht die Tür zu, ihr Vater ist eine Urne voll Asche auf dem Küchentisch. Eine schwarz-weiß umrandete Todesanzeige: Transport for London“ weiter kann sie nicht lesen, ihr Vater war Busfahrer. Sie öffnet die Tür, nicht in den Garten sondern zur Straße hinaus und stellt sich hinein mitten in den kalten Regen, der Regen schlägt ihr ins Gesicht, kalte, harte Tropfen. Sie schließt die Augen. „Mädchen, das Meer bringt den Regen“, flüstert sie mit geschlossenen Lippen, der Regen fällt und fällt. Von fern hört sie das „Glökchen des Ladens und bevor sie ihn sieht, riecht sie Druckerschwärze, den scharfen Geruch einer Chili, aber vor allem riecht sie Brighton, den Strand, die salzige Luft. Sie öffnet die Augen. Er sagt: „Sie werden ganz nass.“ Seine Stimme ist eine ferne Erinneurng. 9. Klasse, vielleicht, ein dünner Junge, ein schmales Lächeln, einen Cricket Ball in der Hand, die gleichen Augen wie der Mann vor ihr. „Sie werden ganz nass sagt er, zieht sich seine Fleece-Jacke aus, abgetragene Ecken am Kragen, will sie ihr über die Schultern legen, Regentropfen in den Wimpern. „Du bist Kurta, Kurta der Hund“, sagt sie und hält sich die Hand vor den Mund, will sich die Worte zurückholen, will sich verschlucken an ihnen. Er dreht sich um. „Ja, sagt er ich bin Kurta, der Hund. Er geht über die Straße, das Glöckchen des Ladens ist silberhell, sie steht im Regen, seine Jacke liegt schwer auf ihren Schultern, ihre Hände sind kalt und sie beißt sich auf die Lippen, salzig und bitter liegt das Meer unter ihrer Zunge. Kalte Hände greifen nach der Jacke auf ihren Schultern. „Komm doch zurück“ ruft sie, der Mann im Laden aber lehnt mit dem Rücken gegen die Tür. Die Tür ist beschlagen. Ein schwarzer Schatten nur gegen die Tür, aschgrau ist der Regen, grau schlägt das Meer gegen ihr Gesicht, drei Wochen ist ihr Vater tot, eine Urne mit grauer Asche steht auf dem Küchentisch.

Der zweite Teil dieser Geschichte ist ein Beitrag zu Kikis #SepteMeerund Teil 3 der Geschichte folgt hier am nächsten Samstag.  

Von Fern ist das Meer niemals nah (1)

Southall, England. Häuser, ein Bollywood-Kino, die größte Gurudwara außerhalb Indiens, Markstände ( Jalebis, Gemüse, T-Shirts ), ein Cricket-Feld, eine Straße, seine Straße führt hinunter zum Bahnhof. Southall steht auf dem Schild. Es steht dort in Englisch und in Gurmurkhi. Vor dem Bahnhof Fahrradständer, verrostete Fahrräder, Mülleimer, an der Ecke ein Reisebüro: „Punjab Special Offer.“ Kleben am Fenster.Eine vertrocknete Palme und alte Prospekte: „Jewels of Punjab 2001“liegen auf dem Tisch. Er ist schon weiter. Die Straße endet mit seinem Geschäft. „Punjabi Tresor“ hatte sein Vater damals gesagt, hatte es ins Telefon geschrien, denn sein Vater schrie immer, aber der Contractor am Telefon hatte verstanden: „Punjabi Resort“ und das Schild war teuer genug gewesen, sagte sein Vater und dann blieb das Schild so wie es war. Er lebt das Leben seines Vaters. Er als der älteste Sohn, sagt sein Vater, sei seine rechte Hand, seine Mutter sagt seine linke Hand halte die Ehre der Schwestern, seine vier Schwestern nennen ihn Kurta, den Hund, den Schoßhund des Vater nennen sie ihn. So nennt ihn die ganze Straße. Ganz Southall flüstert, betritt er die Gurudwara: „Da kommt Kurta, der Hund.“ Er ist der Hund seines Vaters. Er steht um 4 Uhr auf und um 4.12 Uhr küsst er die Füße des Vaters, um 4.14 Uhr schlägt die Haustür hinter ihm zu. Er geht die Straße hinunter, am Mittwoch werden die Mülltonnen abgeholt, um 4.30 werden die Zeitschriften geliefert, um 5.25 Uhr fährt das Milchauto vor sein Geschäft. Er öffnet die Tür und im Halbdunkel steht er ganz still, er kann sich atmen hören, dann zieht er den eisernen Rollladen hoch, der Rollladen ist hellblau. Es war noch Farbe übrig, das Zimmer seiner Schwester Preeti hat hellblaue Wände, die Rollläden des Geschäfts jetzt auch. Der Rollladen klemmt und ihm läuft der Schweiß über den Rücken, endlich rastet der Laden ein. Er schaltet das Licht ein, er rollt die Zeitungsständer hinaus, sie klappern auf der stillen Straße. Noch sind die Straßenlaternen an, er sieht sich im Fenster des Ladens. 17 Jahre war er, da kaufte der Vater den Laden, nahm ihn aus der Schule, er war der älteste Sohn, er war der Musterschüler, sein Vater wollte keine Zeit verlieren. Er wischt die Kasse mit einem feuchten Lappen ab, er holt den Besen aus dem Nebenraum, er fegt den Laden. Im Laden von Kurta, dem Hund kann man vom Fußboden essen, sagen die Leute. Es ist nicht als Kompliment gemeint. Seine Hände sind kalt, dabei sagte sein Vater gestern Abend, es würde wärmer werden, er fegt den Laden. An der Wand hinter Kasse hängt ein Bild des Vaters, hängt ein Kalender der Punjabi Pharmacy Southall, hängt eine billige Uhr. Tick-Tack macht die Uhr, er stellt den Besen zurück, er füllt Kaugummi, Cadbury-Riegel, und Bombay-Mix nach, er unterschreibt die Zeitschriftenlieferung. Der Mann, der die Zeitschriften von der Ladefläche des Lasters wirft, hat eine Zigarette im Mundwinkel kleben, sein Kopf ist rot vor Anstrengung, er sieht auf den Zettel in der Hand des Mannes, schwielige Hände hat der Lieferant, schwarz-behaarte Finger, er weiß nicht, ob er mit seinem Namen oder mit dem seines Vaters unterschreibt. Macht das einen Unterschied? Der Lieferant zieht ungeduldig an seiner Zigarette, ihm fällt der Stift aus der Hand, der Mann tritt die Zigarette aus, und noch einmalhält er ihm den Lieferschein hin, ein grauer Zettel, Tabakkrümel und Druckerschwärze zu ihm herüber. Er schreibt einen Namen, die Fingernägel des Lieferanten sind gelb und brüchig, auf dem Ringfinger aber unter den sich kräuselnden Haaren, sieht er das Bild eines Ankers, zwei Buchstaben D und L hängen an der Ankerkette. Er starrt auf den Anker und schreibt seinen Namen auf das Papier. Aber noch immer starrt er auf den Anker und der Lieferant folgt seinen Augen: „ Been a sailor meself“ sagt er und reibt sich über den Finger, „long time ago ye know, in me youth.“ Er nickt. Der Lieferant zuckt mit den Schultern. „Both gettin in me head, the sea and the drink.“ Dann knickt er den Zettel, tippt sich an den Kopf, und sucht nach einer neuen Zigarette, dann blinken die Lichter des Lieferwagens und wieder liegt die Straße still im ersten Licht des Morgens. Er hebt die Zeitungen auf, schneidet die schwarzen Bänder auseinander, sortiert: Des Pardes Weekly nach oben, die Sun, Times, den Guardian und Daily Mirror nach unten. Er holt eine Plastiktüte für die schwarzen Bänder, die Folie und das Papier, er stapelt die Zeitungen sorgfältig in die Fächer:
Er liest:

„ WORLD SEXIEST WEATHER GIRL ( SUN )

PRINCESS ANNE: WE SHOULD EAT HORSE ( DAILY MIRROR )

TIME ON THE COUCH HELPED POPE TO DEAL WITH PRESSURE ( LONDON TIMES )

„BREXIT-ON-SEA“ ( GUARDIAN )

Er dreht sich um, die Zeitungsständer verschließt er mit einem Fahrradschloss, die Straßenlaternen gehen gleich aus, bald kommt das Milchauto, er muss den Bestellzettel aus dem Fach unter der Kasse holen, er geht hinein den Laden, ein Glöckchen über der Tür klingelt, er hört es nicht mehr. „Punjabi Resort“ steht auf dem Schild, rote Buchstaben auf gelbem Grund, zwei Palmen links und rechts, etwas verwaschen schon, blaue Wellen lecken an den roten Buchstaben, am T. des Resort, hängt eine Ankerkette, den Anker selbst sieht man nicht mehr. Der Contractor, ein Mann aus Goa, hatte seinem Vater das Schild mit Stolz überreicht: „Bloody Foreigners“ schrie sein Vater und übermalte den Anker, bis nur noch die Ankerkette am äußersten Rand des T von „Punjabi Resort“ übrig blieb.

Der erste Teil dieser Geschichte ist ein Beitrag zu Kikis #SepteMeerund Teil 2 der Geschichte folgt hier am nächsten Samstag.  

Der Maibaum

„Mädchen, wo bist du in Gedanken?“ fragt der Tierarzt als wir im Auto sitzen, um vom Flughafen zurück in das kleine irische Dorf zu fahren. Ich lege meine Hand auf sein Knie, denn selbst wenn man nur drei Tage weg war, muss man sich versichern, dass der Tierarzt nicht verschwunden ist.

„Einmal vor vielen Jahren, beginne ich, da war der F. noch nicht der ehemalige, geschätzte sondern der ganz und gar geschätzte Gefährte, da waren wir bei Freunden von ihm in einem Göttinger Garten. Damals war mein Deutsch noch viel miserabler als heute und vor lauter Angst einen Fehler zu machen, sprach ich nur wenig und wenn dann seltsam gestelzte Sätze: „Wenn Sie mir bitte das Wasser reichen würden?“ „Dürfte ich Sie wohl um ein Stück Brot ersuchen?“ Die Freunde von F. starrten mich an und starrten ihn an. Was wollte er wohl mit diesem merkwürdig verschrobenen Mädchen, das trotz des heißen Maitages in eine schwarze Strickjacke, ein schwarzes Wollkleid und einen dicken Wollschal gewickelt war. Ausgerechnet F., dem die Mädchen in die Arme fielen und der niemals einem Mädchen seine Arme verwehrte. Die Freunde also und unter ihnen selbstverständlich und strahlend der F. Es ging um Maibäume und ich verstand nicht, denn meine Großmutter, von der ich alle meine deutschen Wörter habe, hatte zwar Ahorn, Buche, den Lindenbaum, Kastanie und Eiche und viele, viele andere Bäume an mich weitergegeben, aber an einen Maibaum konnte ich mich, so sehr ich es auch versuchte einfach nicht erinnern. Erst nach und nach bekam ich mit, dass ein Maibaum keine Mischung aus Rosenstock und Fliederbusch war, sondern eine Liebesgabe, ein mit Schleifen und Herzen und Liebesbekundungen geschmücktes Bäumchen, welches der Herzdame unter das Fenster getragen wurde. Die anwesenden Damen erinnerten sich an Thomas und Michael, die sich besonders hervorgetan hatten, mit Kassetten und Liebesliedern und Kieselsteinen gegen die Fensterscheiben, damit die Angebeteten nicht etwa Andreas und Kai zu den Urhebern des Maibaums erklärten und Andreas und Kai warteten bis zum nächsten Jahr und stellten ihrerseits wiederum prächtig geschmückte Birken mit allerlei Zuckerwerk behängt im Garten der Damen, die allesamt wunderschön, blondgelockt und strahlend heiter seufzend vor Vergnügen an ihre Verehrer dachten, auch wenn keine von ihnen später Andreas, Kai, Thomas oder Michael heiraten würden. Niemals erzählte eine der Damen und sichtlich stolz lächelte sie in die Runde, seien zwischen ihrem 14. und 19. Lebensjahr kein Maibäumchen unter ihr Fenster getragen worden und selbst als sie ein Schuljahr in Missouri verbrachte, seien immerhin noch drei Maibäume in ihrem Garten über Nacht aufgestellt wurden. Ihr Vater habe ihr die Fotografien zugeschickt. Dann sah sie mich an und schüttelte den Kopf: „Du Read On, sagte sie mit Silberlächeln, kannst dir natürlich nicht vorstellen, was das heißt bekommt man einen Maibaum verehrt.“ Mir war schon klar, dass sie damit nicht allein auf meine fremde Herkunft anspielte und ich rückte ein Stück näher an F. heran. Dann aber wandte sie sich schon einer Freundin zu, die obgleich ihr Deutsch makellos war, ebenso wenig gesagt hatte wie ich selbst. Die Frau war wunderschön. Blauschwarze Haare, ein Porzellanteint und Sommersprossen auf den Wangen. Ich versteckte mich noch ein ganzes Stück weiter unter meinem weiten Schal, denn sehr schöne Menschen machen mich immer verlegen. „Na sagte die Blonde, die bestimmt den Rekord im Guinessbuch der Rekorde nach Anzahl der verehrten Maibäume hält, wie viele Maibäume hast du bekommen. Die schöne Frau aber errötete und sah auf ihre Fingernägel: Niemals sagte sie, habe sie einen Maibaum erhalten, stattdessen hätten wohl Michael, Kai oder Thomas, vielleicht auch Jens und Paul, Jahr für Jahr einen vertrockneten Tannenbaum oder einen toten Stecken mit Tampons und Toilettenpapier behängt in den Garten ihrer Eltern gestellt. Einmal hatten die jungen Männer einen ganzen Mistkübel über dem Baum ausgeleert und in einem anderen Jahr, verdreckte Konservenbüchsen in die Zweige gehängt, um deren verdorbene Inhalte sich die Krähen die Augen aushackten. Im folgenden Jahr war die Schandbaum mit Kondomen bestückt und jemand hatte eine stinkende Matratze über den Gartenzaun gewuchtet. Die Frau zuckte mit den Schultern und schüttelte noch einmal den Kopf. „Bis heute wüsste sie nicht, was der Grund für diese Schandmaien gewesen sei. Ob es schon ausreichte, dass sie Cello-Unterricht nahm und ihr Vater in der Bank und nicht in der Fabrik arbeitete, wisse sie nicht. Dann zuckte sie mit den Achseln und sah ins Leere. Ihre laute Freundin aber, die Maikönigin wollte das nicht so stehen lassen, denn schließlich habe sie doch Michael, Kai, Thomas und Andreas gut gekannt, das seien doch niemals herzlose Rabauken gewesen, sondern halt Jungs, die sich eben einmal einen Spaß erlaubt hätten. Überhaupt man müsste doch auch einmal über die Stränge schlagen dürfen und im Grund sei doch so ein Baum mit Kondomen ein irrsinniger Spaß. Die Maibaumkönigin redete sich weiter in Rage und ich sah die schöne Frau an, längst nicht mehr 16 Jahre alt, wie sie da saß im Garten, Sonnenschein und Weißwein, mit zitternder Unterlippe und verschwimmenden Augen, mit dem gleichen klammen Gefühl in der Magengrube wie an jedem 1. Mai Morgen, an dem sie aus dem Fenster sah hinunter auf die Schandmaie des Jahres, um anderntags in die Schule zu gehen, an den kichernden, grinsenden, tuschelnden Gesichtern von Andreas, Kai, Michael und Thomas vorbei und auch an Paul und Peter, die doch die Matheprobe von ihr abschrieben an allen anderen Tagen im Jahr. Vorbei auch an der blonden Königin, mit sechs Maibäumen im Garten und einem Monat Zeit, sich zu überlegen, wer sie wohl auf ein Eis einladen dürfte und wer wohl auf eine Pizza und wer dann im Sommer das Privileg erteilt bekäme, sie zum Baggersee zu kutschieren. Aber die Frau mit den Sommersprossen auf der Nase sagte nichts weiter, schon drehte sich das Gespräch weg vom Maibaum und hin zu fiesen Professoren, und den bevorstehenden Prüfungen. Aber ich, die ich doch nur des F. wegens eingeladen war, mich befiel eine so plötzliche Übelkeit, das ich aufstand und davonlief, weg vom Gartentisch, der Maibaumkönigin, den Freunden hinaus auf die Straße und immer weiter die Straße hinunter, die in einem Parkplatz endete, kein Baum und Strauch weit und breit. Der F. aber fand mich und strich mir über den Rücken. „Wir müssen nicht zurück gehen, hörst du?“ sagte er und ich nickte. Die Maibaumkönigin und auch die wunderschöne Frau mit den blauschwarzen Haaren habe ich wirklich nie wieder gesehen. Ob der F. noch manchmal von ihnen hört, habe ich ihn nie gefragt.“

Schon aber sind wir auf dem Dorf angekommen, der Tierarzt stellt den Motor aus und legt seine Hand auf meine, die noch immer sein Knie festhält. Die Dorfstraße liegt still in der Mittagssonne, die Schafe stehen hinter dem Haus, der Flieder geht langsam auf hoch über dem Dorf allein St Sylvester und nirgendwo in einem Garten ist ein Maibaum zu sehen.

 

Brüchiger Boden

Zwei merkwürdige Tage, ein helles Zimmer, Berlin-Mitte und ich dort eine so Andere als ich es eigentlich bin. So lange schon habe ich die Andere in den Schrank gehängt, dort ist sie geblieben in all den Jahren seit denen mir die Worte auf die Straße fielen und der dem sie gehörten, nicht mehr kam um sie aufzuheben. Ich ließ sie liegen.
Die Zweifel immerhin in die Schuhe geschoben und versucht sie dort liegen zu lassen. Zu viel und zu schnell geredet, ich lerne das nie, die Zweifel kitzeln mich an der Fußsohle. Auf dem Weg zurück an einer obdachlosen Frau vorbei, ihr Schild dreisprachig: „I am homeless, please help.“ Das Elend hört nie auf, es lernt nur die Umstände kennen, hier sind es die Touristen mit ihren Kameras. „Epic“ ruft ein Mann in einer glänzenden Ballonjacke an dem noch das Preisschild baumelt.

Im Garten am Rande der Stadt dann im kalten Gras eine Stunde in den Himmel gesehen. Wolken gezählt, mir Apfelblüten in die Haare regnen lassen, zwei Sonnenstrahlen sahen vorbei, einem Passagierflugzeug gewunken, dem Gras beim Wachsen zugehört und die Kastanien bewundert, die eine nach der anderen beginnt zu blühen, aber trotzdem die Erde hört nicht auf sich zu drehen und ich weiß nicht genau, wo der Boden unter den Füßen eigentlich ist. Eine Amselfamilie geht im Gras spazieren, das Amselpaar sieht in mir wohl ein Beispiel der Warnung. Energisch zwitschern sie und ich verstehe wohl was sie meine: „Der Mensch dort auf dem Boden ist ein schlechtes Beispiel.“ In Amselkreisen ist Mäßigung alles, denn die nächste Katze ist niemals fern. Gern würde ich zum See fahren auf eine halbe Stunde wenigstens, aber dafür bleibt keine Zeit. Hochrapplen also und auf dem weißen Gartenstuhl sitzt meine alte Freundin Wildtaube. „Hast Du einen Rat für mich, Wildtaube?“ frage ich sie und die treue Freundin gurrt beruhigend. „Wird schon Mädchen“ gurrt sie und ich nicke ihr zu. Bis morgen, sage ich und ziehe das Gartentor hinter mir zu.

Der Tierarzt erzählt mir mit überschlagener Stimme vom klugen Kälbchen, das mit Verstand und hängender Unterlippe den Riegel vom Stall gelöst und über die Dorfstraße bis zu uns nach Haus geprescht ist und dem Tierarzt geradewegs in die Arme lief. Es ist schwer zu sagen, welcher der beiden in größere Verzückung geriet über dieses Wiedersehen. „Kälbchen kommt aufs Gymnasium“ beschließe ich und hoffe, dass der Flieder und mein geliebter Holunderbusch Kälbchens Annäherungsversuchen überstehen. Auf den Tierarzt ist dabei nicht zu zählen, denn Liebende kennen keinen Fehl und Tadel. „Komm zurück“ sagt der Tierarzt und ich nicke. Aber erst einmal muss ich weiter, die Stiefmütterchen und den Rhabarberkuchen für die liebe C. nicht vergessen, das Oldsmobile murrt etwas nach langem Winterschlaf und ist sich ohnehin zu schade für gemeine Kutschfahrten über Land und ohne Aussicht. Alle Welt aber fährt in die entgegengesetzte Richtung und noch bevor die Kirchturmuhr 16 Uhr schlägt bin ich in der kleinen Stadt angekommen.
Frau Zingarelli winkt mir freundlich zu, Herr Zingarelli ruft: „Ciao bella“ aber ich bin nicht vermessen genug, um zu glauben, er meinte wohl mich, sondern natürlich meint Herr Zingarelli das Oldsmobile. Die liebe C. und ich tauschen Küsse, Kuchen und Stiefmütterchen, sie beginnt Hausbesuche und ich sehe für einen Moment über den Marktplatz. Die bunte Markise der Eisdiele weht im Wind, zwei Buben jagen sich mit Stöcken und ein Hund hält ein Bein an eine Laterne, zwei alte Damen gehen hinüber zur Konditorei und in ihrem Gesicht steht groß: „Aber bitte mit Sahne geschrieben.“ Ein Mann mit Hut und Aktentasche stopft sich eine Pfeife und schon steigt blauer Rauch auf und der Mann geht raschen Schrittes davon. Eine Frau mit kariertem Rock und gestreifter Bluse steht vor dem Konfektionshaus, der Inhaber ein Mann, den ich nie anders als im Dreihreiher mit Uhrenkette und Einstecktuch gesehen habe, überwacht mit scharfen Handbewegungen und wild gestikulierend das Umkleiden der Schaufensterpuppen. Unbeweglich steht die Frau im Rock vor der Schaufensterscheibe, die Anziehpuppen aber bekommen weder ein kariertes Kleid noch eine gestreifte Hose angezogen, sondern gepunktete Blusen und unifarbene Röcke. Enttäuscht wendet die Frau sich ab. Ein Hochzeitspaar hält sich fest an den Händen und zeiht entschlossen Richtung Rathaus weiter. Die Frau trägt ein wallendes Brautkleid und der Mann einen Anzug der hätte eine Nummer größer sein können. „Der Cousin des Bürgermeisters“ weiß Frau Zingarelli, aber ich wende mich ab, setze mich an den Sekretär meiner Großmutter und ziehe die Lade mit den Briefen auf, denn meine Großmutter hatte eine Korrespondenzschublade und immer lag ein Brief für mich darinnen. Heute ist die Schublade bis auf ein paar vertrocknete Rosenblüten leer. Trotzdem wundere ich mich jedes Mal auf ein Neues, dass wirklich und nie wieder ein Brief von ihr an mich liegt. „Ich brauche deinen Rat“ rufe ich laut ins stille Zimmer. Aber die Standuhr, die Bücherregale und der Flügel antworten nicht. Dafür zeigt der Zeiger bedenklich auf vier Uhr. Aufstehen, umziehen, Mappe nehmen, ein Glas Wasser trinken, der lieben C. einen Zettel hinterlegen, nach dem Kugelschreiber fummeln, wo sind die weißen Pantinen? Den Schlüsselbund in die Tasche werfen, die knarrenden Treppen hinunter, Tür auf, Tür zu, über den Marktplatz laufen, dreimal winken, viermal Hallo, die Praxistür aufschließen, zwanzigmal Salam aleikum und herzlich willkommen, zwei Stunden lang Aufklärungssprechstunde, endlich wieder sicheres Fahrwasser, endlich wieder eindeutig zu beantwortende Fragen, die Wörter Funktion und ohne Fragezeichen. Aussagesätze und klar zu bennende Fakten. Bin das nicht ich? Ich nicke mir zu nach den zwei Stunden, fremder aber sieht mir mein Gesicht entgegen, zurück über den Marktplatz, am Brunnen stehen bleiben, mein Gesicht verschwimmt im dunklen Wasser. Die C. macht die Tür auf und wir wiederholen uns: Küsse und Neuigkeiten, Shabbat Shalom. Später dann, längst ist die Markise der Eisdiele eingerollt, schon liegt der Marktplatz im Dunkeln und nur der Mann mit der Pfeife geht schnellen Schrittes noch einmal vom einen zum anderen Ende der Stadt. Sonst ist da nur die Stille und ich auf der breiten Fensterbank. Noch einmal ist mir als säße hinter mir auf dem roten Sofa meine Großmutter, wie sie es so viele Jahre tat und hielte mich bei den Schultern: „Am Ende sagte mein Großmutter, galt es sich zu konzentrieren.“ Ich fragte sie nie, nicht ein einziges Mal, was das Ende war.

Woanders ist es auch schön.

Frau Coco war auf Malta und nimmt uns mit aufs Boot und zieht uns durch die Straßen. Neben einem Becher warmen Tee hilft das ganz wunderbar gegen den Winter, der hämisch lacht und dem April eine Nase dreht. In Irland dazu noch Regen und Wind von allen Seiten.

Die verehrte Kiki stellt ihre Lieblingsblogs vor und Frau Kelef ist eine grandiose Entdeckung und überhaupt Wien, ach Wien!

Rassisten sind immer nur die Anderen, das ist doch klar.

In Irland geht so schnell nichts verloren.

Andernorts.

Der Tierarzt bringt Lämmer auf die Welt und singt im Moment für Schafe, Hühner, Kälbchen und Mädchen dieses Lied.

Gravuren

IMG_1131 (1).jpgDie Tische an denen wir saßen, mussten vor unendlich langer Zeit einmal braun gewesen sein. Als ich zur Schule ging waren die Tische schon lange dunkelschwarzgrau und fuhr man mit den Fingern über die leicht abgeschrägte Holzplatte zog man sich fast immer einen Splitter in den Daumen. Trotz ihrer langen Benutzung waren die Pultplatten uneben. Eine ganze Armee von Zirkelspitzen hatte die Tischplatten löchrig und porös gebohrt, so als nagten unzählige Holzwürmer nach dem Läuten der Schulglocke sich durch die tintengeschwärzten Tische. Die Tischplatten aber hatten nicht nur feine Zirkelspitzenlöcher, sondern Generationen von Schülern hatten im Kampf gegen die Langweile und die stickige Luft, Gravuren in die Tischplatte geritzt. Die Gravuren waren zum Teil sehr ausgefeilt wie einst die Holzarbeiten norditalienischer Meister. Die Gravuren waren Herzen. Die Gravuren waren Herzen mit durchgeschossenen Pfeilen. Die Gravuren waren Herzen mit Initialen. Ganz deutlich erinnere ich mich, dass ich ein R und ein I unter meinen Fingerspitzen fühlen konnte, häufiger noch waren die Herz-Namen aber mit heftigem Zirkeldruck und wütender Gebärde durchgestrichen oder unkenntlich gemacht. Das Herz irrt oft, das lernten die Schüler und sie gaben ihr Wissen bereitwillig weiter. Tischplatten vergessen nichts. Die Gravuren waren „FUCK U.S.A“ und „Hamda macht’s mit Aydin.“ Lauter Verdächtigungen. Die Gravuren waren Hakenkreuze und Geschlechtsteile. Die Gravuren waren überall. Die Gravuren überzogen die Türen der Toilette wie die Fensterbänke des Direktorats. Tag für Tag, so schien es wurde die Schule weniger und die Gravuren, die Herzen, die Namen, die durchkreuzten Namen, die Hakenkreuze bildeten das eigentliche Fundament der alten noch in die Kolonialzeit des Landes A. zurückreichenden Schule.

Fuhr ich mit meiner linken Hand über die Tischplatte bis fast in die Mitte erreichten meine Fingerspitzen ein Hakenkreuz. Es war mit Sorgfalt und Können in die Tischplatte graviert und korrespondierte mit dem auf paralleler Höhe eingeritztem „La mort aux Juifs“-Tod den Juden. Es waren die beiden Fixpunkte meiner Schulbankjahre, eingebrannt und unauslöschlich warteten Hakenkreuz und Todeswunsch auf meine Fingerspitzen, die wieder und wieder wie magnetisch angezogen an ihnen entlangfuhren. Unter die Haut. Ich das einzige Mädchen in der Klasse ohne Kopftuch blieb stumm. Niemals wäre mir eingefallen zu sagen, dass ich Jude sei. Lieber zogen meine Finger langsam über die Landkarte der Gravuren entlang. Vorsichtig manövriert es sich länger, das hatte ich schon in der Primarschule unter den harten Augen der Nonnen gelernt. Der D.von dem es hieß er habe in der Fremdenlegion gedient, gab Geographie. Irgendwie musste auch er in der Stadt A. gestrandet sein, wahrscheinlich aber verbarg sich hinter seinem Gesicht keine mystische Geschichte, sondern nur seine schlechte verhehlte Trunksucht. Seine Nase war nach harten Nächten blau und sein Atem den er keuchend hervorblies, so streng, das niemand in den ersten beiden Bankreihen sitzen mochte. Der D. sprach nie, sondern schrie immer: „Herrschaften schrie er, obwohl wir doch eine Klasse voller Mädchen waren, Herrschaften, wo der Lehrer steht ist Norden, merken sie sich das.“ Süden, das merkten wir bald, gab es hier gar nicht. Meine Finger fuhren über den Tisch, wo hält man sich fest wenn die Richtung unverrückbar die Falsche ist? Am „FUCK U.S.A“ der Tischplatte etwa? Oder am seltsam bananenhaft geformten Penis gleich daneben? Dessen Präsenz wurde erst durch die markig-militärisch, aber eben auch vollkommen alkoholisch-verwahrloste Anwesenheit des brüllenden D. obszön, unanständig, unangenehm. Einmal glaubte der D. hinterrücks lauernd, wie es so seine Art war, und eigentlich doch mit der verblichenen Landkarte, welche die geologischen Besonderheiten der nordafrikanischen Länder erläuterte, hantierend einen Schmierer erwischt zu haben, der ein Herz in die doch längst von Intarsien bedeckten Tischplatten ritze, entdeckt zu haben. „Was soll das ?“, schrie er lauthals aber die Angeschriene zuckte nur mit den Achseln: sollte sie wissen, was wohl Schülergenerationen vor ihr schon nicht beantworten konnten? Und überhaupt war es nicht vollkommen absurd, dass ausgerechnet der D. das ins Holz geritzte Herz auf der Zunge trug? Der D. aber war nun in Fahrt gekommen und forderte Rückererstattung des Tisches. Aus seinem Mund klang alles immer wie ein Kapitalverbrechen und überhaupt ließ er keine Gelegenheit aus für Sprüche der Fremdenlegion: „mitgefangen, mitgehangen“ schrie er und forderte die Klassensprecherin zum Einsammeln des Geldes auf. Dem Ganzen folgte eine lange Tirade: „in diesem Saustall müsse endlich einmal so richtig aufgeräumt werden“. Dabei sah er mich an. Ich sah zurück. Meine Finger umkreisten wie üblich Hakenkreuz und Todesdrohung. Wir alle schauten nach Norden also zum D. und warteten auf den Moment in dem der D. sich wieder dem äußersten Norden, der schlammgrauen Tafel nämlich zuwenden würde um weiter über Gesteinsvorkommen im Atlas-Gebirge vorzutragen. Dies geschah jedoch nicht, ohne dass der D. einem von uns den Tafellappen auf das Pult warf mit der Aufforderung versehen sich hic et nunc nach Norden zu bewegen und die Tafel zu säubern, was nichts weiteres hieß als neue Schlieren über alte und noch ältere Schlieren zu wischen, denn das Waschbecken rechts von der Tafel, war lange schon Papierkorb geworden. Wasser war knapp in A. Dann fuhr der D. fort und die Klasse, also wir versanken in angespannte Stille, die Q. hinter mir ritzte ein neues Herz in die Pultoberfläche, während feine braune Holzsplitter neben ihr zu Boden rieselten, meine Finger gingen auf ihre übliche Reise, bis sie Hakenkreuz und „La Mort aux Juifs“fanden, und die Sonne durch die Fenster sengte bis der Norden über den der D. gewalttätig herrschte fast bis zur Unkenntlichkeit verschwamm.

Vom eingesammelten Geld indes ist niemals ein neuer Tisch angeschafft haben, sondern der D. kaufte davon wohl Schnaps, wenn am Ende des Monats das Geld nicht mehr reichte, ein paar Jahre später wurde er dann schließlich ganz aus dem Schuldienst entlassen, es hieß er habe trunken wie er war, einer Schülerin „qhabi, qhabi-Hure, Hure“ hinterhergerufen, ob das aber stimmt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, damals ging ich schon nicht mehr zur Schule und über den D. erzählte man sich viele Geschichten und wer kann schon wissen welche wahrer als andere sind? Noch immer und heute, wo meine Tischplatte braun und glatt ist, kann ich blind Hakenkreuz und „Tod den Juden“ unter meinen Fingerspitzen fühlen, eingebrannt in jenen Jahren als selbst der Süden immer nur der Norden war.