Suppentage

Es gibt sone Tage und solche Tage. An solchen Tagen schickt die Auszubildende, trotz fester Vereinbarung- am Morgen eine SMS mit: ’sick, w’nt come in. Sry‘ und ich stehe allein vor einer ziemlich großen Ausgabe, die zu zweit kein Problem ist, allein aber sehr, sehr mühselig, vor allem wenn sich für später Handwerker angesagt haben. Die beste Chefin der Welt ist ja immer noch krank. An solchen Tagen klingelt das Telefon unablässig und niemals sind die Anrufe in zwei Sätzen abzuhandeln. An solchen Tagen, ich ziehe gerade den Mantel an ruft der Tierarzt an-Donnerstage sind Zootage und an Zootagen treffen der Tierarzt und ich uns zu einer gemeinsamen Mittagsstunde. Aber gerade an solchen Tagen klingelt eben das Telefon und der Tierarzt sagt: „Mädchen,die Kinofreundin zieht um und hat doch kein Auto.“ „Das soll heißen Du machst ihr den achten Umzug in zwei Jahren,ja?“, sage ich und das Schweigen am anderen Ende ist an solchen Tagen bleiern und schwer und ich lege auf. An solchen Tagen machen Kolleginnen in der Teeküche meinen Akzent nach und fallen vor lauter Kichern fast in das Spülbecken, an solchen Tagen vergisst sogar die liebe C., das wir auf einen Anruf verabredet waren, Schwesterchen hat zu einem gemeinsamen Wochenende genau die Freundin eingeladen, mit der ich keine halb Stunde verbringen und an solchen Tagen lese ich einen Text, den ich geschrieben habe und möchte ihn in viele, kleine Fetzen zerreißen.

Solche Tage sind eigentlich Aobaba  Tage, aber das Aobaba ist auch recht weit vom Institut entfernt und mir hängen doch die Handwerker im Nacken und so renne ich lieber ins Bun Cha. Denn das Bun Cha ist an solchen Tagen ein echter Lichtblick. Im Bun Cha lacht sie niemand aus, im Bun Cha lächelt man sie an. Im Bun Cha treten sie an den Tresen und suchen sich eine Suppe aus. Man sieht sie an und im Bun Cha sieht man genau, dass heute ein solcher Tag ist und man bedeutet ihnen sich hinzusetzen. Wenig später nähert sich eine dampfende Schüssel und sie umfängt der tröstliche Duft einer heißen Hühnerbrühe. Auch im Bun Cha reicht man Limetten zur Suppe und die Suppe ist keine Suppe, sondern ein kleiner Eimer Trost. Sie schlürfen friedlich ihre Suppe und sehen ihr Telefon gar nicht an. Zu den weiteren Vorzügen des Bun Cha gehört die Musikauswahl: im Bun Cha laufen die aktuellen vietnamesischen und chinesischen   Pophits während ich die hervorragenden Pilze aus der Suppe angle und da bin ich mir sehr sicher, wird in den Liedern mit Tierärzten, die Fräuleins versetzen abgerechnet, blau machende Auszubildende geschmäht, tomatige Schwestern als solche benannt und überhaupt wippt man nach ein paar Minuten mit dem Fuß mit, summt beim dritten Lied mit und gibt mehr Chili in die Suppe, denn die Suppe muss heiß und scharf sein, denn die Welt ist schon kalt genug.

Die Suppe lässt im Bun Cha nichts zu wünschen übrig. Im Bun Cha gibt es neben sehr, sehr guten Suppen, der besten Musikwahl und sehr frischen Frühlingsrollen auch den weltbesten Zuckerrohrsaft, allerdings kann ich Zuckerrohrsaft nicht an solchen Tagen trinken, denn immer wenn ich nach Indien komme, dann trinke ich bei Fräulein Janivapati, die einen Zuckerrohrsaftstand an der Nizamuddin Bahnstation ein großes, kaltes Glas Zuckerrohrsaft und erst dann bin ich zurück in Indien. Obwohl der Zuckerrohrsaft im Bun Cha so köstlich ist, soll man auf solche Tage nicht auch noch Heimweh legen. Das Bun Cha aber ist vor allem ein freundlicher Ort,  im Bun Cha essen Familien mit Kinder, Bauarbeiter aus Rumänien, Friseurinnen aus dem Tschad und ziemlich oft auch ein ziemlich niedergeschlagenes Fräulein. Das Bun Cha aber verlässt man stets aufgerichtet und mit einem warmen Suppenbauch und trifft man später auf den Tierarzt und seine Kinofreundin, die irgendwas von Kaffee um die Ecke murmeln, so zuckt man nur mit den Schultern, hebt etwas spitzig das Kinn, schüttelt die Shetlandponyhaare und sagt mit einer leichten Handbewegung: „Ach geht ihr nur, ich hatte Suppe im Bun Cha.“

Was? Bun Cha , Dublin

Wo? 11 Moore Street , Dublin 1 , Dublin , Ireland

Wie viel? Eine Suppe, die auch einen sehr hungrigen Riesen oder ein Fräulein an solchen Tagen satt macht, kostet zwischen 7, 50 und 9,50 Euro.

Wie stets gilt: Selbstgegessen, Selbstgeknipst, Selbstbezahlt und Selbstgeschrieben ist es auch.

The grocer’s wife won’t have her soup and eat it.

The scene: A small village somewhere in Ireland. A street. A woman in a yellow raincoat enters the grocer’s store. She carries a heavy bag of books and a knapsack on her back ( in the knapsack there are more books). This is the reason why she is known as Miss Read On in the village and beyond. There are more sheep than people in the village and the sheep have constitutional rights. Just so you know. It is however the grocer’s wife who runs the shop and the village. Somtimes that’s the same.

It is half past six and Miss Read who looks slightly ruffled enters the grocer’s store.

Miss Read On: Evening grocer’s wife.

( Miss Read On needs potatoes, milk and baking soda. Miss Read On is not too sure if there is still raspberry jam and yoghurt in the fridge.)

The grocer’s wife: Jesus Read On, I don’t know how you are doing it.

Read On: Doing what, grocer’s wife?

Mrs G: Going up to Dublin every day.

Read On ( slightly distracted because wasn’t it the honey that she used up the other day?) Well, grocer’s wife, we all need to work somewhere.

Mrs G: It’s a mad place. People havin’ no reason. I am tellin ya.The husband and me went to do the last bits of Christmas shopping the other day and ye won’t believe me what happened. By the way got somethin’ very nice for the vet this year.

Read On: Grocer’s wife just so you know the vet won’t be here for Christmas.

The grocer’s wife however is far too agitated to launch a major complaint about the vet’s absensce- for now.

Mrs G: We’ll be talkin about that Miss Read On.

Read On: The flights are booked grocers’s wife.

Mrs G: The last word is not yet spoken on this matter. Will ye let me tellin ye what happened in Dublin, will ye?

Read On: I will grocer’s wife.

Mrs G: Jesus, I find it hard to believin it meself. So we did our shopping. Getting some really nice stuff, ye know. So I said to me husband, let’s grab a bite to eat. So off we went to a café, ye know. Meal deal, ye know needin a rhyme the Dubliners for everythin. Feelin’ like Mr Joyce himself. ( The grocer’s wife chuckles.)

So we sat down. Me sayin’ to the waitress. What soup are ye havin today? The girl said Pea soup with ham. Haven’t had pea soup for ages ye know. Me said: “We are havin’ the soup with bread and butter. Off went the girl. We’ve been waiting ye know. No bother. Finally she came with the soup, ye know. Me took a mouthful. Jeus, Read On I nearly spat the soup out. Ice cold soup, I swear on me mum. Ice-cold soup, I ma tellin ye. I said to the girl: Are ye havin no shame serving an ice-cold soup. Won’t belivin me what she said: Its our specialty, cold pea soup. We won a prize for the soup last year. Never have had single complaint. Would ye believe that Read On, would ye believe that?

Red On: Hard to believe, grocer’s wife.

Mrs G: Jesus, I’d give her a lashin’, if I had a thing to say in that café. I told her, to stop tellin me that nonsense. Will ye warm up the soup I told her, we are not havin all day to sit around, ye know. Jesus Read On, these Dublin girls don’t know how to work. Just lookin out for a fella, ye knew. It is shameful. Just lookin out for the fellas. Would ye imagine she was warmin’ up the soup in a microwave. Would ye belive that. Heatin‘ up soup in a microwave. Me sayin to the girl: Have ye forgotten what a pot is for, here in Dublin? I told her do ye not know that a soup needs to boil? Jesus, Read On, ye wouldn’t believe how she was lookin at me. Didn’t have a clue. Didn’t even know that a soup needs to boil. Imaging all the germs swimming in the soup. All these germs freely floatin’ because these Dubliners don’t know a thing. It is disgusting, I tell ye. Don’t even get me started on the ham. This was no ham, I am tellin’ ye, that was a disgrace. That’s what they are servin ye in Dublin cafés, Miss Read On. It is a shame.

Miss Read On is still unsure what to do about the raspberry preserve. Or was it the apricot preserve she used while baking the other day?

Mrs G: I am tellin ye, this was the worst lunch me ever had in me life. So the husband and I drove back home and I tellin ye, we had a scone and we had cream with the scone and we had cold meats for dinner and I am tellin ye, we won’t be back to Dublin anytime soon.

Read On: Grocer’s wife, I need six eggs as well please.

Grocer’s wife: Six eggs, sure, I’ll give ye six eggs.

Read On pays her groceries. See you, grocer’s wife.

Grocer’s wife:  Servin’cold soup. I am asking ye, will they ever stop behaving like animals up in Dublin?

I really don’t know how ye are doin it.

Das Glück ist eine Suppenschüssel

Es gibt missliche Tage und besonders missliche Tage. An besonders misslichen Tagen, da versuchen sie in aller Früh die Katze davon abzuhalten ihre Schnürsenkel zu zerbeißen und sogleich vergräbt die Katze ihre Zähne tief in ihren Arm. Der Tierarzt sitzt an solchen misslichen Tagen mit festzusammengepressten Lippen am Tisch und keift: Dieses Porridge ess ich nicht und überhaupt will ich nie, nie, nie wieder etwas essen. An besonders misslichen Tagen ruft ihr Vater sie an und sagt: „Süße, ich weiß gar nicht, wie ich es dir sagen soll, aber ich habe alle Chanukkah-Kerzen auf die Geburtstagstorte deiner Schwester getan und wie soll ich es sagen, die Torte war sehr gut und deine Schwester hat alle Kerzen auf einmal ausgeblasen, aber jedenfalls sind die Kerzen jetzt alle weg.“ An besonders misslichen Tagen ist es auf dem kleinen Dorf, in dem ich lebe, eisig kalt, in Dublin aber schwül und warm und noch dazu lacht die Stadt höhnisch und gießt Sprühregen über unseren Köpfen aus, jedenfalls schwitzen sie in den dicken Wollstrumpfhosen und hangeln sich gerade in Feinstrumphosen, da klopft es und sie schreien: „Nein jetzt nicht“, aber die Auszubildende reißt natürlich unbekümmert die Tür auf und vor ihnen steht der Chef eines verfeindeten Instituts und sie stehen in Snoopy-Unterhosen, Bluse und einem Bein in der Strumpfhose da. Oh, diese Auszubildende!

An derart misslichen Tagen, empfiehlt es sich dringend zur mittäglichen Stunde das Aobaba aufzusuchen. Das Aobaba ist nämlich auch an besonders misslichen Tagen eine so derart wohlgeordnete Welt, dass man auf der Stelle ruhiger wird, tritt man an den Tresen und alles was es zu entscheiden gilt, ist ob man die Pho, eine vietnamesische Nudelsuppe mit Rind, Huhn oder Tofu haben will und während man seinen Wunsch über den Tresen ruft, so tönt es gleich hinterher: „Small oder large.“ Hier gilt es auf jeden Fall large zu rufen, dann erhält man ein weißes Papierzettelchen mit einer Nummer und setzt sich an ein Tischen und wenn die Damen sich mit dampfenden Schüsseln nähern, gilt es zu winken und zu rufen, denn das Aobaba ist eng und verwinkelt, die Tische sind dicht besetzt und die Schüsseln groß wie heiß. Das Aobaba wird allein von Frauen geführt- in den drei Jahren in denen ich im Aobaba Suppe schlürfe, habe ich noch niemals einen Mann im Aobaba walten sehen, umsichtig sind die Frauen, niemals verlieren sie ein Wort über unnütze Dinge. Oft ist es im Aobaba voll und man muss einen Moment anstehen, bevor man zu Tisch und Suppe kommt, einmal da begann ein Mann ungeduldig zu werden und plärrte über die Schlange hinweg etwas was verdächtig nach: „Dalli, Dalli“ klang. Eine der Aobaba Damen rief zu ihm herüber: „Soup or no soup“ und damit war alles geklärt, alles gesagt und lammfromm stand der Mann in der Schlange bis er an der Reihe war und so ist die Welt im Aobaba eine vortrefflich geordnete und deutlich unterschieden von der misslichen Außenwelt.Sollte das Matriarchat eines Tages Wirklichkeit werden, so hoffe ich sehr, dass den Damen des Aobaba dort eine Führungsrolle zukommt, denn sie haben lange schon verstanden, dass sich die Übel der Welt nicht ohne einen Teller Suppe lösen lassen.

Die Suppen kommen in großen, weißen Schüsseln, und immer gibt es Zitrone und frisches Chili dazu. ( Auf den Tischen steht zudem sriracha Soja Bohnen Paste, Fischsauce und Töpfe mit minced chilli.) Die Brühe ist so stark wie heiß, dabei niemals ölig, das Huhn ist nicht zäh und auch nicht pappweich, der Koriander ist niemals zu stark, dass alles im Koriander ertrinkt, der Bambus ist knackig und die Nudeln sind ein einziges, langes Glück, die Nudeln sind perfekt zum zuzeln und niemand im Aobaba nimmt Anstoß am schlürfenden Suppengenuss. Aber nicht nur für die Suppen lohnt sich ein Besuch: die vietnamesischen Pfannkuchen sind exzellent und die Frühlingsrollen unübertroffen. Hat man die Suppe ausgeschlürft, so kehrt man gestärkt in die Welt zurück, versöhnter noch mit den misslichsten Tagen und versehen mit der Pho der Damen Aobaba greift man sogar zum Telefon um bei der A. in Jerusalem der Channukka-Kerzen vorzusprechen und auch ihr schroffes und höhnisches Lachen: „Diaspora-Juden“, kann mich nicht weiter schrecken. Auch an misslichen oder schönen Tagen übrigens lohnt sich ein Besuch im Aobaba sehr.

Aobaba,6A Capel St, North City, Dublin 1, Täglich von 12 Uhr- 10 Abends geöffnet.Eine große Schüssel Pho Bo und alle anderen Pho Variationen, wie man mich zu Recht berichtigt, kosten 7,80 Euro.

Wie immer gilt: selbstgeschrieben, selbstgeknipst und selbstbezahlt ist es auch.Das Aobaba spricht für sich.

Vor aller Augen

Der Tierarzt will einen Film sehen. Ich will nicht mit. Die B. will mir von ihrer unglücklichen Liebe zur H. erzählen. Ich mag die H. mehr als die B. und mag die Geschichte nicht hören. Der K. will mit mir in einem Club zu einer Frau, die davon singt wie nah der Winter ist. Ich will nichts vom Winter und seinen kalten Händen wissen. Die J. will mit mir scharfen Thunfisch essen, aber ich habe keinen Hunger. Ich sage allen ab.
Einen Termin außerhalb der Innenstadt habe ich zu dem und als ich das Gebäude endlich verlasse, bin ich so müde, dass ich mir nicht genau vorstellen kann, wie ich wohl zurück in die Stadt komme und ich laufe auf den nächstbesten Pub zu, der Stühle vor die Tür gestellt hat und setze mich einfach hin. Dann stehe ich doch noch einmal auf und bestelle eine große Flasche, kaltes Sprudelwasser und ein Glas mit klirrenden Eiswürfeln und zwei Scheiben Zitrone. Der Mann hinter dem Tresen sieht so müde aus wie ich. Ihm fehlt ein Frontzahn und vielleicht reißt auch deswegen der tätowierte Tiger auf seinem Oberarm das Maul mit den scharfen Zähnen so weit auf, um die klaffende Lücke zu verdecken. Der Mann schneidet Zitronenscheiben auf und nickt mir zu: „Setz Dich doch“ sagt er und wir nicken uns über die Müdigkeit hinweg zu. Ich setze mich hin und sehe auf die Straße. Ein Mann sammelt Zigarettenkippen auf und setzt sich auf die Bordsteinkante, dann zählt er die Stummel, sucht nach einem Feuerzeug und als er es findet, zündet er die längste Zigarettenspitze an. Von der anderen Straßenseite und meinem Stuhl aus betrachtet, sieht es so aus als stiege der Rauch direkt aus seinen Fingerspitzen hervor. Der Mann mit dem Tiger auf dem Oberarm stellt die Flasche, das Glas mit Eis und einen Teller mit Zitronenscheiben vor mir auf den Tisch. Die Tischplatte ist schmierig, und der Aschenbecher voll. Er wischt mit dem Zipfel einer Schürze auf der Tischplatte herum , bis zwei Frauen in bunten, engen Tops und Paillettensandalen Bier bestellen wollen. Der Mann auf dem Bordstein hat inzwischen den zweiten Zigarettenstummel angezündet, zwei Kinder schütten sich Tütchen mit Brausepulver in den Mund. Ein zweiter Mann durchwühlt die Mülltonnen auf der Suche nach Essbarem vielleicht und sein zweiter Schuh hat keine Sohle mehr. Die beiden Frauen haben inzwischen Bierschaum zwischen den Lippen und rufen:“ Mach doch mal Musik an.“ Der Mann hinter dem Tresen dreht das Radio auf, ich lutsche eine Zitronenscheibe und die beiden Frauen auf den Barhockern schnippen mit den Fingern. Die drei Männer aber, die im Innenraum des Pubs sitzen, sehen nicht auf, sondern spielen mit abgegriffenen Karten um einen Stapel Münzen. Eine Frau schreit von der anderen Seite auf einen nur für sie sichtbaren Gegenüber ein, viele Fenster der Häuser haben eine Pappscheibe hinter ein zerbrochenes Fenster geklebt und in den Hauseingängen stapeln sich schwarze Müllsäcke, um die sich die Krähen scharren und hartnäckig mit ihren Schnäbeln die Plastikhülle zerhacken. Der Geruch von Fäulnis und lange schon nicht mehr entsorgten Windeln liegt über der Straße. Die Frauen, die jetzt in den Pub kommen, tragen schweres Parfüm und bestellen süßen roten Wein mit Eiswürfeln und schwarzem Strohhalm. Auf den Dächern der Häuser wachsen Ahornbäume und die Teerpappe wellt sich, eine Frau sitzt auf den Stufen, die zu ihrem Hauseingang führen und raucht, neben sich eine fleckige Kaffeetasse. Die Männer tragen ausnahmelos Jogginghosen und die Frauen tragen alle enge, sehr enge, zu enge Elasthantops. Ich zerbeiße eine zweite Scheibe Zitrone und die Frauen neben mir lachen oder weinen, so genau weiß man es nicht, über einen ‚feckin eejit’. Ich mache die Augen zu, das kalte Glas hinter der Hand und die Zitrone scharf auf den Lippen. Als ich die Augen wieder öffne, steht ein Schatten vor mir am Tisch. Erst einen Schluck kaltes Wasser späte, wird der Schatten zu einer Frau in einem gestreiften Zebraoverall. „Hast Du Make-up dabei?“, fragt die Frau mich. Ich schüttle den Kopf. „Und Puder?“ wieder muss ich verneinen und die Frau starrt mich durchdringend an. „Fünf Euro?“, fragt sie kaum hörbar und ich fische einen zerknitterten fünf Euro Schein aus meiner Hosentasche. Die Frau dreht sich um und geht. Ich mache die Augen wieder auf und zu. Die Eiswürfel schmelzen im Glas und ich gieße Wasser nach. Eine dritte Zitronenscheibe. Die Frau im gestreiften Overall ist zurück, sie ist nicht länger allein, sondern zieht eine Freundin hinter sich her. Die beiden Frauen setzen sich an den Tisch der am nächsten zur Straße steht und der Mann hinter dem Tresen überlegt, ob er die Frauen nach ihrer Bestellung fragen soll. Dann überlegt er es sich anders. Ich sehe die Frauen an. Die Frau im gestreiften Overall redet auf ihre Freundin ein. Die Freundin mit langen, schwarz gefärbten Haaren, billigen Ohrringen und einem grünen Military-Parka über dem Rock hat ihre linke Hand in ein Geschirrhandtuch gewickelt. Je länger ich auf das Handtuch sehe, desto stärker färbt sich das Handtuch dunkelrot. Weder die Frau, noch ihre Freundin aber sind nicht um die blutende Hand besorgt. Die Frauen holen einen kleinen Kosmetikspiegel aus einer Handtasche und dann sehe ich es auch: die Frau im Zebraoverall, die mich nach Make-up fragte, zeigt ihrer Freundin wie sie ihr blaues Auge, die zerplatzte Augenbraue und den grün verfärbten Wangenknochen überschminkt hat. Dann holt sie eine Tube Flüssigmakeup, aus der Tasche, bevor sie noch einmal aufsteht, in den Pub hineinläuft und mit Händen voll Toilettenpapier zurückkommt. Der Mann hinter dem Tresen bringt den Frauen, die zur Radiomusik wippen neuen, süßen Wein. Die Frau mit der blutenden Hand starrt in den Taschenspiegel und dann wischt ihre Freundin ihr das Gesicht mit Toilettenpapier ab. Die Frau blutet aus der Nase, blutet von einer Schnittwunde auf der Wange, und ihr linkes Auge ist fast vollständig zugeschwollen. Ihre Freundin schmiert Makeup über ihr Gesicht und versichert ihr, dass Sie super aussehen würde. Perfect. Pretty and tough. Die Frau starrt noch immer in den Spiegel. Blut tropft vom Handtuch auf den Boden unter dem Stuhl. Dann stehe ich auf und gehe zu den Frauen herüber. „Ich kann mit euch nach drüben in die Klinik gehen, sage ich und deute auf das durchweichte Handtuch. Die Frauen sehen mich entsetzt an. „Warum?“ fragen sie mich, es sei doch alles in Ordnung. Ich lasse ihnen trotzdem eine Karte da. Ein Telefon klingelt. Die Frauen versichern dem Anrufer, dass sie gleich kommen würden. Die Frau im Zebra-Overall versichert ihr Freundin, dass sie perfekt aussähe. Beautiful. „Er liebt mich doch?“ fragt die Freundin. „Natürlich“, erwidert sie, natürlich liebt er dich. Dann sieht auch sie noch einmal in den Spiegel und betastet ihren Wangenknochen. Schließlich klingelt das Telefon wieder und die Frauen stehen auf und gehen davon. Der Mann hinter dem Tresen kommt mit einem Scheuerlappen und wischt das Blut unter dem Stuhl auf. Die Eiswürfel sind längst geschmolzen, die Zitrone ist schal und der Rest Wasser längst warm geworden. Ich stehe auf und nehme die Bahn zurück in die Innenstadt. Der Tierarzt steht vor dem Kino. „Wie war der Film?“ frage ich. Der Tierarzt erzählt mir von Wonder Woman. Unbesiegbar. Hervorragend im Nahkampf. Eine Tiara, die auch ein Boomerang ist. Dann muss ich lachen. Ich lache so lange und so laut bis ich nicht mehr aufhören kann zu weinen.

Regenguss

Schon auf dem Weg zum Bahnhof früh am Morgen werde ich nass. In Irland heißt das immer: nass bis auf die Knochen. Das Wasser tropft mir aus den Ohren, läuft aus den Schuhen und ich ähnle noch weniger als sonst einem respektablen Fräulein, sondern sehe aus wie eine ägyptische Tempelkatze nach dem rituellen Bade durch den Kämmerer des Pharaos selbst. Verkniffen spreche ich mir Trost zu: Immerhin hängt im Büro eine Zweitgarnitur. Im Büro angekommen trockne ich die Barbourjacke auf der Heizung und winde mich aus den durchweichten Sachen. Halbwegs trocken muss ich schon wieder los, denn ich treffe den Tierarzt, der jeden Donnerstag im Zoo den Blutdruck der Affen misst, sich um das asthmatische Zebra bemüht und nach der wunden Pfote des Wolfes sieht. Jeden Donnerstag hoffe ich indes, dass der Löwe doch bitte kein Zahnweh bekommen mag. Aber der Tierarzt und ich verabreden uns eben auch auf halber Strecke auf eine Stunde Gemeinsamkeit. Heute zudem bringt der Tierarzt mir einen Stapel Akten mit, denn am späten Nachmittag habe ich einen Termin in München. Erst einmal und wie könnte es auch anders sein, werde ich auf dem Weg zum Tierarzt nass. Die Regenwolken glaube ich haben sich gegen mich verschworen, kaum das sie sehen, dass ich das Büro verlasse, pfeifen sie sich schrill „Auf Drei“ zu und schon ergießt sich eine ganze Regenwand über mich. Die Regenwolken lachen laut und ich stapfe finster dem Tierarzt entgegen, der Regen läuft mir aus den Wechselschuhen. Mit klappernden Zähnen warte ich auf den Tierarzt, schon quietschen die Reifen des treuen Volvos und der Tierarzt betritt das Café: „Mädchen, Du frierst ja“, sagt er und schüttelt den Kopf und“ nass bist du auch.“ Ich klappere mit den Zähnen wie der Schneider sieben und der Tierarzt deutet auf seinen Wetterfleck. Der Wetterfleck des Tierarztes nämlich ist kein Regenmantel im eigentlichen Sinne, sondern ein als Mantel daherkommendes Zelt und schon sehr, sehr alt, hundertfach geflickt und mit breitem Kragen, 2 Meter hoch ist der Tierarzt und oh wie klein bin ich. Trotzdem mit blauen Lippen bibbere ich: Ja. Der Tierarzt entleert seinen Manteltascheninhalt in meine Barbourjacke und ich wickle mich in den Wetterfleck. Besser der Wetterfleck wickelt sich um mich bis nur noch meine Nasenspitze aus dem Mantelzelt hervorragt. Aber warm, oh wie warm ist der Wetterfleck, eine Kuhwärme hat der Wetterfleck an sich, denn ich weiß nicht wie viele Kälbchen und Lämmchen der Tierarzt schon in diesem Mantel erst auf die Welt gebracht und dann warm gehalten hat. So ausgerüstet, nebst dem alten braunen luggage holdall voller Akten also rase ich zum Flughafen. Unnütz zu Erwähnen, dass ich ein drittes Mal nass werde und wieder läuft mir das Wasser am Mantelsaum herab, meine Haare aber sind schon seit 11 Uhr ein nasser Klumpen der mir am Kopf klebt. Ich sehe inzwischen nicht mehr aus wie eine halbertrunkene Tempelkatze, sondern wie eine sehr, sehr nasse Mary Poppins.
Im Flugzeug bin ich kurz davor die Stewardessen um einen Wasserabtropfeimer zu bitten, zum Glück bleibt der Mittelplatz frei und der Gangnachbar trinkt Rotwein und hört sehr, sehr laut Eros Ramazotti, aber die Liebe soll man laut besingen und der Sitznachbar zeigt mir sogleich das Bild einer Frau, die weder Mary Poppins noch einer zerzausten Fledermaus gleicht, sondern aussieht wie ich mir die amtierende Miss Ukraine vorstelle. Er strahlt. Neapel. Freundin. Good vibes lässt er mich wissen, ich tropfe säuerlich vor mich hin. In München angekommen, sieht der Taxifahrer mich skeptisch an und legt eine Plastiktüte auf den Sitz. Ich tropfe. Der Taxifahrer aber erzählt mir, dass München voller Räuber sei. Nicht aber im herkömmlichen Sinne, keinen Kaninchendiebe mit grünem Seppelhut oder gewiefte Fallensteller mit genagelten Schuhen. Nein, die wahren Münchener Räuber seien die Zahnärzte dieser Stadt. Der Taxifahrer fletscht die Schneidezähne und erzählt eine Horrorodyssee, die weniger von seinen zwei überkronten Schneidezähnen handelt, als von dem mit rythmischen Schlägen auf das Lenkrad begleiteten Versuch die Schlechtigkeit der Welt mit dem Tun und noch mehr dem Lassen der Zahnärzte zu erklären. Er verabschiedet sich mit einem zünftigen: „Saubuan alle!“ Ich steige tropfend aus dem Taxi.
Das Gebäude aber dem ich nun zu eile, möge mich bloß niemand sehen, denn in München sind die Frauen allesamt immer sehr gut angezogen mit passender Handtasche zum Twinset, ist einer dieser typischen Glas-Marmor-Metall Ungetümer und so tropfe ich auf dem blanken Boden hin zur Rezeption, wo sich eine schneeweiße Orchidee, die bestimmt nur mit Morgentau gewässert wird, angewidert von mir abwendet. Die wirklich ausnehmend schöne Dame an der Rezeption aber lächelt zuvorkommend: „Noch einen Moment Geduld Fräulein Read On“ sagt Sie, der Herr C-E-O ist auf dem Weg zu Ihnen. Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen. Ich winde mich aus dem triefenden Wetterfleck und sitze nunmehr in feuchter Bluse und nassem Rock ganz zu Schweigen von den durchweichten Schuhen auf dem weichen Lederpolster. Mir gegenüber sitzt ein geschniegelter Hipster. Ein sorgfältig gemachter Bart, pomadierte Haare, Nadelstreifen mit Anzugträgern, Hornbrille, grasgrüne Socken, ein eng auf Taille geschnittenes Jackett. Mitleidig lächelnd sieht er auf mich herab und zieht die linke Augenbraue nach oben, alles an ihm schreit „Ich bin ein Macher von Morgen.“ Ich hingegen das ewig gestrige Fräulein richte meine Aktenstapel, da klingelt das Hipsterhandy und der Hipster lästert unverholen über meine tropfende Gestalt ihm gegenüber. Eine Lachnummer….Vogelscheuche….ein Trampel…..und vor allem chancenlos. Aha, denke ich der Hipster also sucht einen Job. Aber schon kommt der Herr C-E-O durch die Halle gelaufen und noch bevor ich Aktenstapel auf die Arme gehoben habe, steht der Hipster auf und stramm. Der Herr C-E-O aber sieht ihn nicht, sondern ruft unter der Andeutung eines Handkusses: „Ach mein sehr verehrtes Fräulein Read On, wie schön, dass Sie es einrichten konnten. Dann übernimmt sein Assistent die Aktenberge, wir fahren hinauf in das C-E-O Büro: es gibt Kuchen und harte Verhandlungen. Zwei Stunden später, lächelt der Herr C-E-O: „Fräulein Read On darf ich Sie zum Flughafen fahren.“ Ich nicke beglückt und der C-E-O beauftragt die schöne Assistentin meinen Wetterfleck zu holen, bedauert meine Regenepisoden und der Assisstent holt den Wagen. Der einzige Grund einmal selbst ein Fräulein C-E-O zu werden, wäre die Anwesenheit eines Assistenten, der mir das Auto aus der Gararge holte. Auf dem Weg zum selbigen passieren wir noch einmal das gläserne Entrée. Dort wird der Hipster von einer weiteren schönen und wie ich weiß sehr klugen Frau zur Tür herauskomplimentiert. Als freundlichen Gruss des Hauses erhält er das Firmenmagazin mit dem strahlenden Antlitz des Herrn C-E-O. Ich nicke ihm freundlich zu, mit der Andeutung eines Lächelns bloß, denn der Herr C-E-O hilft mir selbstredend in den Wetterfleck. Der Hipster steht fassungslos danbeben. Aber wir sind schon vorbei. Das Auto, eines jener Autos, die ich nicht einmal anbekäme hat Heizung an allen möglichen Orten und zurück am Flughafen bin ich von der Taille abwärts zerknittert, aber trocken. Der Herr C-E-O und ich verabschieden uns bis zum nächsten Mal und mit der letzten Maschine fliege ich zurück nach Berlin. Mädchen, sagt der am Telefon, vielleicht solltest du ein heißes Bad nehmen, aber mir schaudert, noch einmal von Kopf bis Fuß durchzuweichen, ist mir selbst in warmen Lavendelwasser zu viel. So krieche ich unter das Federbett und nur der Wetterfleck tropft weiter über der Badewanne ab.

Reisenotizen

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Frankfurt im Vorüberwehn

Am Morgen zum siebenten Mal nachsehen: Pass, Schlüssel, Telefon und Bücherstapel. Geschirrgeklapper, die Müllabfuhr kommt, der Priester hat sich ausgeschlossen und sucht Trost. Immerhin bekommt er Tee und Hefezopf. Ich sehe zum achten Mal in die Tasche, der Tierarzt sucht die Autoschlüssel. Dann fahren wir los.

„Komm zurück, sagt der Tierarzt.“ Ich nicke. Für zwei Minuten, meine Hand an seiner Wange, dann hupen Taxifahrer und ich muss los. Im Flugzeug fällt ein Mann schlafend auf meine Schulter und wen die G*tter lieben, der wacht auch nicht auf, erwehrt man sich des fremden Kopfes auf der Schulter. Gläser klirren, eine Frau sucht einen Ring, ich lese in Paul Austers neuem Buch. Immer wieder vergesse ich, wie sehr ich Paul Auster mag.

In Frankfurt kommen zwei Stewardessen mit ernsten Gesichtern auf mich zu. Der Flug nach Berlin ist gestrichen. Ich renne. Zuerst zur S-Bahn zum Frankfurter Hauptbahnhof und dann weiter und schneller, treppauf und treppab, an den Gleisen entlang und schließlich der Zug fährt gerade ein, falle ich dem Schaffner vor die Füße. „Hoppla“ sagt er und ich atme zischend aus. Rückwärts aus Frankfurt heraus, den Blick erst auf die graue Stadt und dann in den Taunus hinein. Deutscher Märchenwald, dichte Tannen und irgendwo zwischen den Hängen ein Haus aus Lebkuchen oder eine Köhlerhütte und des Nachts tanzen die Irrlichter in den Schluchten. Fulda und Kassel und ich erinnere mich genau an die Reisen mit meiner Großmutter. Wir, die wir beide auf Wanderschaft gingen, Göttingen natürlich, wir standen vor dem Haus von Max Planck und in Göttingen strandete meine Großmutter nach dem Krieg, ein paar Wochen bloß, ein DP-Camp, wir suchen den Ort vergeblich. Noch immer sehe ich sie im hellen, gestreiften Sommerkleid auf einem Felsstein sitzend. Noch einmal deutsche Gedichte, deutsche Geschichten, ihre und meine Geschichte. Sie nahm mich bei der Hand und wir liefen und liefen, kilometerweit kaum einmal trafen wir Menschen. Später noch und noch immer noch heute bin ich in dem Versuch gescheitert jemanden zu finden, in dessen Schritt ich einfiel wie in den ihren, selbstverständlich und ohne zu Zögern. Weimar und die Wartburg, Bad Tölz und Kochel am See, wir gingen noch einmal durch Deutschland, ein Land aus ihren Geschichten, das es nicht mehr gab, aber noch einmal zwischen Seen und Tälern, zwischen Rhein und Main waren wir Juden auf Wanderschaft, taten wir so als sei die Liebe der Juden zu Deutschland nicht schon lange nur noch Geschichte. Es waren die Sommer unserer Wanderschaften, die einzigen Male in denen ich in Deutschland nicht die Fremde war und meine Großmutter, die mir Kompass geblieben ist, wurde mir Landkarte. Erst später las ich Lenz’ Spaziergang im Gebirg und noch später Paul Celans Gespräch im Gebirg. Ich verstand sofort.
In Göttingen wird der Zug wieder voller und der Mann, der neben mir sitzt, sieht medizinische Ratgebervideos und fährt sich sorgenvoll wieder und wieder über den Bauch.

Irgendwann endlich hält der Zug in Berlin. Der Bahnhof ist fast menschenleer, in der S-Bahn schließlich bin ich bald allein, nur eine Bierflasche rollt durch den Zug. Schließlich steigt ein Straßenfegerverkäufer ein, ich krame nach einem 2 Eurostück und der Mann erklärt mir er könne Musik machen. Talent soll man bekanntlich loben, wo immer man es trifft und der Mann holt eine Mundharmonika heraus und spielt „Alle meine Entchen“. Ich bedanke mich und schon verschwindet der Mann irgendwo in der Nacht.

Endlich Schlüssel in Schloss und der Bücherstapel auf den Tisch. Müde bin ich, zum Umfallen müde, aber für einen Moment sitze ich doch noch im Sessel. Eine alte Zeitung vor meinen Füßen, die Rosen lange schon vertrocknet, es knarren die noch immer die sechste und die achte Diele, dunkel ist es im Zimmer, nur von der Straßenlaterne fällt Licht herein, still ist es hier am Ende der großen Stadt, eine einsame Katze mag sich hierher verirren, doch kein Wanderer wartet und schon streckt die Nacht ihre Finger aus, findet mich hier im Sessel und zieht mich zu sich heran.

Der Reisende

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Pearse Station Dublin, Abends so gegen Sechs Uhr

Einen Reisenden gilt es zur Bahn zu begleiten. Der Reisende steht schon parat. Hut, Schirm, Mantel und Überseekoffer und ein missmutiges Gesicht gleich mit dazu. Ich bewundere den Überseekoffer. Der Reisende knurrt verächtlich: „Ein sperriges Ding. Besser wäre ich ohne ihn dran.“ Ich bezweifle das, aber so verächtlich wie der Reisende den Koffer durch den Kies zieht, schweige ich mich lieber aus.

Draußen scheint die Sonne. Das ist in Irland immer wieder ein Bemerknis wert. Niemand würde hier über den Regen sprechen, denn der Regen, Wind und Wellen schlagen uns doch ständig über die Füße. Die Sonne aber hier immer vermisst und als wahrhafte G*ttin verehrt, wird euphorisch begrüßt und völlig fremde Menschen auf der Straße werfen sich Sonnenkusshände und Sonnengrüße zu. Der Reisende will aber davon nichts wissen. „Die Sonne könnte ihm egaler nicht sein“, erwidert er auf mein euphorisches Juchzen und holte seine Sonnenbrille hervor und reicht mir Hut, Koffer und Stock an, um die Sicht auf die Dinge zu verdunkeln. Ich halte das Gesicht in die Sonne und einem stummen Diener gleich, Hut, Stock und Koffer. Dann gehen wir weiter. Eine Schulklasse spielt Fangen und der Reisende, nein der Reisende lächelt nicht großväterlich-milde, sondern seufzt und zieht heftiger an seinem Koffer, der den weißen Kies in hohem Bogen spritzen lässt. Der Reisende verzieht keine Miene, nicht über meine Ausführungen zum Bahnhofsnamen und der Irischen Revolution von 1916. Pádraig Pearse von dem man erzählt, er habe auf dem Weg zu seiner Hinrichtung gepfiffen, ist hier Namensgeber. Der Reisende schüttelt den Kopf. „Reichlich morbide, finden sie nicht?“ „Der Tod ist doch ernst genug“, sage ich aber der Reisende verscheucht Tauben mit dem Spazierstock und sorgt sich um den Erwerb einer Fahrkarte. Ich suche ihn zu beruhigen und betone in bester Gouvernantenart, dass ich ihm persönlich zusichere, ihm beim Erwerb einer Fahrkarte beizustehen. Der Reisende packt seinen Spazierstock fester und murmelt Undeutliches. Offenbar sieht er meine Fähigkeiten nicht primär im Erwerb von Fahrkarten. Dabei kann ich dem Reisenden doch versichern, dass ich jeden Tag den Zug benutze und stets eine gültige Fahrkarte in der Tasche habe. Der Reisende grunzt. Meine Ausführungen zur Pendelei zwischen dem kleinen Dorf und Dublin machen auf ihn keinerlei Eindruck. „Was wohnen Sie auch so weit draußen?“ bellt der Reisende und schüttelt den Kopf. Ich lache,“ die frische Luft“ sage ich und schon kommt der Wind mir zur Hilfe und weht den Hut vom Kopf des Reisenden herunter. Leider ist kein Hund zur Stelle, der fröhlich kläffend den Hut mit sich nähme und im hellen Sonnenlicht verschwände. So klopft der Reisende den Hut ab und beschwert sich über den Wind und die Welt, die allein darauf aus seien ihm das Leben schwer zu machen. Ich zucke mit den Schultern. Mit der scharfen Spitze seines Spazierstocks spießt der Reisende ein Stück loses Papier auf, das auf dem Weg vor uns herfliegt auf. „Überall dieser Dreck“ schimpft der Reisende und ich bewundere die Bestimmtheit und Geschicklichkeit mit der der Reisende, das Papier von der Spazierstockspitze in den Mülleimer befördert. Ich denke an Delhi, wo in den kalten Januar und Februarnächten die Menschen, die auf den Müllkippen leben, und sich mit Papierfetzen zu decken und Müll in Brand setzen gegen die Kälte und oft noch bevor sie die Wärme in den Fingern spüren, verbrennen. Der Zündfunken oft nicht größer als ein Bonbonpapier.

Der Reisende aber mahnt zu Eile und verkneift sich nur schwer ein „Was bummeln Sie so? Sie wissen doch, ich brauche noch eine Fahrkarte.“ Also hasten wir weiter. Vorbei an den schönen alten Magnolienbäumen der Universität für die der Reisende keine Augen hat, auch die Liebespaare auf der Bank sind dem Reisenden nichts und schon sind wir vorbei. Hut, Stock und Überseekoffer sind hier eine Einheit, sind Mauer gegen Welt und Sonnenschein. Auf dem Bahnhof sodann bekümmere ich mich um eine Fahrkarte für den Reisenden, der mit Argusaugen über seinen so gescholtenen Überseekoffer wacht und ungeduldig mit dem Spazierstock auf die Bodenplatten pocht. Mit Fahrkarte in der Hand kehre ich zurück, die der Reisende genau prüft, so als fürchte ich er, ich hätte eine Fahrt nach Genua bezahlt und nicht nach Belfast. „Zeitung?, Kaffee?“ frage ich und voller Entsetzen sieht der Reisende mich an. „Geldverschwendung“ erklärt und unterbreitet mir, dass er für schlechte Nachrichten nicht auch noch bezahlen müsse und führt aus, warum Kaffee zu den Nervengiften zu zählen sei und er einzig Getreidekaffee als Stimulanz zu sich nähme. Ich kaufe aus Trotz ein buttertriefendes Croissant und schwöre bei mir einmal ein Parfüm aus Druckerschwärze, Kaffeebohnen und der Großstadt frühmorgens um sechs zu entwerfen. Dann fährt der Zug ein, der Reisende greift erneut nach Hut, Stock und Überseekoffer und eilt dem Zug entgegen- eine Platzreservierung hat er natürlich, aber das heißt doch nur, dass der Reisende mit der ganzen Härte eines Fetzens Papier erworbene Recht mögliche Bösewichte vom Platz zu vertreiben, in Anspruch zu nehmen gedenkt und schon entfernt sich der Reisende aus meinem Blick. Meine Abschiedshonneurs nimmt er mit einem kurzen Nicken entgegen und steigt in den kaum zum Halten gekommenen Zug.

Ich beiße in das Croissant, und sehe in die Zeitung, dann rollt der Zug langsam aus dem Bahnhof heraus und ich nicke noch einmal: „Leben Sie wohl“, sage ich leise, denn nur dazu sind Bahnhöfe eigentlich erfunden worden: für Abschiedsszenen, für ein weißes Taschentuch, für das kurze Zurücktreten von der Bahnsteigkante, für ein geflüstert, gehauchtes, gebrülltes, „Lebewohl“ in dem der Traum von der großen Welt, Schiffspassagen und dem Glück am anderen Ende der Welt, so wirklich ist, wie selten sonst. Erst dann drehe ich mich um, und trete zurück in die Welt in der noch immer die Sonne scheint.Der Zug hat den Bahnhof bereits verlassen.

Bettelmann Hahn

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Dublin sommert. St Stephen’s Green Park Dublin.

Dublin sommert so vor sich hin. Schäfchenwolken und Sonnenstrahlen wohin man auch sieht. Die B. und ich verlagern unsere Mittagspause nach draußen in was auf Deutsch so schön mit städtischer Grünanlage bezeichnet wird und wirklich kein Park ist. Da sitzen wir also mit vielen anderen Anzugträgern, die über Akten ein Sandwich kauen und halten die Gesichter in die warme Sonne. Kinder jagen Tauben. Der Springbrunnen ist angestellt. Schulklassen üben gelangweilte Gesichter. Mütter schieben Kinder spazieren ,alte Ehepaare sammeln Erinnerungen auf , einige Frauen machen Yoga und zwei Mädchen neben uns erzählen sich ihre letzten Romanzen. 15 Grad hat es hier in der Sonne und wärmer wird es in Irland eigentlich nicht einmal im August.
Die B. erzählt mir von ihrem Kuba-Aufenthalt und den sauertöpfischen Beamten, die mit gelangweilten Gesichtern hinter dem Schalter sitzen und sich jeder Zugänglichkeit verweigern und den vielen Buchläden, die für Pfennigbeträge sozialistische Erbauungsliteratur verkaufen: Eintopfrezepte für den Sieg des Kommunismus und Mies van der Rohe und das sozialistische Haus. Bestimmt gibt es dort auch einen Band „Topfpflanzen-Der Bitterfelder Weg“ aber wir essen lieber Tiramisu, die eigentliche Antwort auf die Ideologen aller Coleur ist wohl immer schon Dekadenz gewesen. Die B. seufzt und ich seufze und in der winterlichen Sommerfrische strecken wir die Beine aus und die B. macht für einen Moment die Augen zu. Zur Linken nähert sich eine Frau mittleren Alters und von weitem schon ist zu erkennen, dass sie bettelt. Auf eine Krücke gestützt und in einen unförmigen Umhang gewickelt unter dem verschlissene Jogginghosen hervorsehen, die Füße in dicken Wollsocken, die in einem Paar ausgetretener Sandalen stecken, schiebt sie sich mehr vorwärts, als das sie geht. Unter ihren schlurfenden Füßen wirbelt der trockene Staub auf und die Frau hustet, ein scharfes Krächzen, immer wieder bleibt sie stehen und stützt sich auf der Krücke ab. Help the homeless ruft sie in einem eigentümlichen Sprechgesang, es ist ein Wehklagen, das sie da ausstösst. Help the homeless ruft sie wieder und wieder und dann I want to buy food. Schließlich nähert sie sich auch unserer Bank mit ihrer Klage und dem Pappbecher in dem nichts klimpert und klingelt. Für einen Moment zögere ich unter den halbgeschlossenen Augen, hier in der Sonne, die mir die Wangen wärmt, der lauen Luft, der Mittagsmüdigkeit und der schwebenden Leichtigkeit eines Sommertages mitten im Winter. Aber dann legt sich die Hand meiner Großmutter auf meine Schulter, wie damals in der kleinen Stadt in der ich bei ihr die langen Sommerferien verbrachte und wir auf dem Markt standen und Erdebeeren einholten. Da näherte sich uns ein Bettler, der in der kleinen Stadt von allen nur Bettelmann Hahn geheißen wurde, wohl deshalb weil die bunten zusammengewürfelten Kleidungsstücke, die er trug, zum Beispiel ein violettes Samtjackett über einem grünen Regenmantel und gelben Galoschen, wohl an einen Hahnenkamm erinnerten. Aber wohl auch weil in kleinen Städten niemand einfach so davon kommt. Bettelmann Hahn also näherte sich schlurfenden Schrittes, die Augen auf die Straße gerichtet, denn seine ohnehin schmale Gestalt wurde durch einen Buckel weiter nach unten gedrückt , den Arm hatte er auf einen kaputten Regenschirm gestützt.
Bettelmann Hahn aber hörte man nicht wehklagend singen, sondern da ihm fast alle Zähne fehlten, klang sein „Eine kleine Spende bitte für einen armen Mann“ wie ein Stoßseufzer. Ich obwohl doch in einem Land lebend in dem Armut ein so brutales, ein so zerstörendes Antlitz hatte, so unweigerlich zum Alltag gehörte, ich fürchtete mich vor Bettelmann Hahn und versteckte mich im weiten Sommerrock meiner Großmutter. Meine Großmutter aber ließ Feigheit nicht gelten und zog mich hervor. „Morgen, Bettelmann Hahn“ sagte sie und schob mich nach vorn: „Das ist mein Enkelkind Read On. Sie ist zu Besuch für die langen Sommerferien.“ Bettelmann Hahn nickte und deutete einen Diener an. Mich schauderte, denn ich glaubte Quasimodo selbst, sei hier mitten auf dem hellen Marktplatz auf einmal erschienen. Dann gab meine Großmutter, Bettelmann Hahn die Hand, drehte sich um, nahm meine Hand und legte sie in die arthritisch verkrümmte Hand des alten Mannes. Bettelmann Hahn sprach mit meiner Großmutter und hielt meine Hand, dann wühlte er in dem grünen Regenmantel, fand zwei Karamellbonbons und legte sie mir in die Hand. Für die kleine Mademoiselle sagte er und lächelte zahnlos und ich lächelte endlich zurück. Meine Großmutter legte ihre Hand auf meine Schulter und nickte. Unterdessen hatte sie Bettelmann Hahn ein Fünfmarkstück in die Hand gedrückt, beiläufig fast, als käme es darauf nicht an, als sei einzig das Wetter, die Qualität der Erdbeeren und das Rheuma, das Bettelmann Hahn plagte von Bedeutung. Dann gingen wir weiter, wahrscheinlich aßen wir Eis und hielten die Gesichter in die Sonne. Bettelmann Hahn habe ich noch oft getroffen und stets blieb ich ich die kleine Mademoiselle. Ich hatte verstanden. Zurück in Dublin, auf de rParso mache ich endlich die Augen auf der Bank, die Frau steht unmittelbar vor mir, ich krame nach Münzen und während ich noch suche, lobe ich die Sonne, frage nach ihrer Gesundheit und lege die Münzen in ihre Hand, ganz genau so wie damals als ich begriff, dass man hinsehen muss, wieder und wieder, ob nun im Sonnenschein oder im Schatten. Dann wacht auch die B. auf, die Frau ist längst weiter, nur von Ferne hört man ihr singendes Klagen und die B. und ich müssen zurück ins Büro.

Ein Tag in zwölf Bildern, Dublin

Zum letzten Mal in diesem Jahr. Ein Tag in zwölf Bildern:

Eigentlich ist es ja nur früh und sehr, sehr still und bekanntlich mache
ich ja auch die schlechtesten Bilder der Welt.Aber hier beginnt der Tag,
so als ob es doch eine Glaskugel gäbe und in ihr verborgen die Wunder
der Welt. Es ist kurz nach sieben Uhr und von Wundern nichts zu sehen

Thou shall not speak. #2v12 #12von12 #12v12 #library #tcd #font #books #sobeit

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Die Bibliothek bittet um Ruhe, denn hier dürfen nur die Bücher wispern und
wer weiß, vielleicht wechseln sie Nachts ja die Plätze und tanzen Foxtrott oder eine eilige Polka, denn die Bücher, die ich suche sind nicht an ihrem Platz. Man
weiß nichts über das Leben der Dinge

Eigentlich würde ich gern sagen, dass dies die schlechteste Kartoffel-Lauch-Suppe ist, die ich je aß, aber ich versuche meinen Studenten immer zu sagen, dass sie vorsichtig sein sollen mit Superlativen. Das beste Buch ist noch nicht geschrieben und sehr sicher, die schlechteste auch noch nicht bereitet. Dies aber war eine am wenigsten ansprechenden Kartoffel-Lauch-Suppen, die man sich nur vorstellen kann, klebrig und zäh und von schlieriger Konsistenz. Über den Kuchen will ich gar nicht erst reden.

We make a plan #4v12 #12von12 #12v12 #planning #work #hereyougomonday

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Am späten Nachmittag treffe ich den B. Wir machen einen Plan und der Plan klingt gut, wenigstens auf dem Papier.

Ich brauche Bramley Äpfel und die Frau des Krämers daheim im Dorf hat keine mehr
und so eile ich hinüber und kaufe so viele wie in die Tasche passen. Ich mag die Äpfel sehr gern,ihren Geruch nach nassen Sommerwiesen und die ihnen eigene Schwere, niemals vermutete man, dass diese Äpfel butterweich und zart zerfallen. Aber der Priester hat am Mittwoch Geburtstag und wünscht sich einen Kuchen, der nur mit Bramley Äpfeln gelingt.

Dublin has light up #5v12 #12v12 #12von12 #dublin #lights #streetlife

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Dublin ist hell erleuchtet und alle machen Bilder. Jedes Jahr aufs Neue. Ich mache natürlich mit. Glitter and Gold.

Home bound. #7v12 #12von12 #12v12 #commute #irishrail #countryside #tired #commuterlife

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Schon ist es Abend und ich sitze im Zug. Neben mir sitzt eine Frau, die angeregt telefoniert. Dabei schüttelt sie ihre Handgelenke und ihre goldenen und silbernen Armreifen klirren sehr melodiös, zart und doch sehr durchdringend, noch als die Frau aussteigt, ist mir als hörte ich das leise Klingen noch immer dicht und unmittelbar an meinem Ohr

Finally. #8v12 #12von12 #12v12 #home #nightfall #ireland #strangelight #lantern #glow

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Auf dem Weg nach Haus. Würde ich Kriminalfilme sehen, käme der Weg mir wohl wie ein Krimi vor. Aber ich sehe nie Kriminalfilme und richtig dunkel wird es sowieso erst in 200 Metern.

Donal Ryan ist ein grandioser irischer Schriftsteller. Diesen Tonfall vergisst man nie und immer sind seine Geschichten so leise wie schmerzhaft, die Charaktere sie stolpern und straucheln und fallen und er der Erzähler zwingt uns hinzusehen. Es hat etwas erbarmungsloses diese Literatur, aber auch etwas Zartes und vor allem erzählt von einem Irland jenseits des gängigen Klischees.

Selbst Schwesterchen, die sich aus Keksen nichts macht gibt zu, dass die Dattel-Makronen sehr, sehr gut sind. Sie sind es wirklich.

An fast jedem Abend stelle ich ein Hygiene-Kit zusammen, denn früh am Morgen auf dem Weg zur Arbeit, schlafen so viele Menschen auf der Straße, dass man nicht einfach nur vorbeigehen kann. Vor allem für Frauen ist es schwierig adäquate Monatshygiene zu erhalten und ob auf der Straße ode nicht, es ist ein Recht eines jeden Menschen sich vor sexuell übertragenen Krankheitserregern zu schützen, deswegen sind immer Kondome und Binden und Tampons in den Beuteln neben ganz banalen Dingen, wie Zahnbürsten oder Seife. Trotzdem ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein und es macht mich so müde wie traurig, dass in Dublin so viele Menschen auf der Straße leben.

Nite-nite #12von12 #12v12 #nitenite #sweetdreams #brushedteeth #theend

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Am Ende des Tages noch einmal Zähne putzen. Ihnen eine gute Nacht.

Andere Tage in zwölf Bildern gibt es wie immer bei Draußen nur Kännchen.

Morgengrauen

img_0764-1Alle Menschen, die im ersten Zug nach Dublin sitzen, sehen müde aus. Ich sehe mein müdes Spiegelbild im Fenster und mache lieber die Augen zu. Der Zug erreicht die Stadt um 6. 30 Uhr. Um 6.28 Uhr wickele ich mich in einen sehr, sehr warmen orangenen Schal, setze eine graue Mütze aus Alpaka-Wolle auf und meine Hände verschwinden in kunterbunten Wollfäustlingen. Kalt ist mir trotzdem fast immer. Dann steige ich mit all den anderen müden Menschen aus und die morgenmüden Gesichter verlieren sich bald. 1,8 Kilometer sind es vom Bahnhof bis zur Universität und so wende ich mich nach links in eine tagsüber vielbelebte Straße. Jetzt aber am frühen Morgen ist alles still. Nur ein Lieferwagen mit „Avonmore Milk“ hält, der Fahrer steigt aus, wirft seine Zigarette in den Rinnstein, gähnt und lässt die Laderampe herunter. Das Kopfsteinpflaster ist nass und die gelben Straßenlaternen schimmern nur blass gegen die Dunkelheit. Noch sind die Rollläden der Geschäfte heruntergelassen. Schwere, metallene Gitter, die am Abend herunterrasseln und groteske Schatten auf die andere Straßenseite. Außer mir aber ist niemand unterwegs, aber das heißt nicht, dass niemand außer mir zugegen ist. Tatsächlich ist die Straße nämlich voller Menschen. Vor dem Schuhgeschäft eng an das eiserne Gitter gedrückt, schläft ein Mann. Zwei Pappkartons sind sein Bett und sonst schützen ihn nur zwei Schlafsäcke vor der nassen Novemberkälte, die durch den Boden dringt. Seine Habseligkeiten, die in zwei Lidl Tüten passen, stehen neben ihm, etwas verdeckt nur von den Schuhen, die exakt aneinandergereiht dort stehen, wo in etwa ein Nachtkastel stünde, wäre dies nicht die Straße, sondern ein Zimmer. Der Mann von dem nur der Haaransatz zu sehen ist, hat beide Arme über dem Gesicht verschränkt. Der einzige Schutz wohl gegen den rauen Wind und schlechte Träume. Zehn Schritte weiter aber vor einer Supermarktkette liegen ein junger Mann und seine Freundin. Auch sie liegen auf Pappkartons, die einmal Yoghurt-Behälter waren. Eng umschlungen liegen sie nicht, trotz der nassen Kälte, nur ihre Hände berühren sich, fast zaghaft, als einzige Versicherung wohl, dass zwischen dem Fußboden und dem Abgrund in ihm, noch immer eine Verbindung zur Welt besteht, wenn auch nur noch schwach und kaum mehr mit den Fingerspitzen zu greifen. Aschblondes Haar hat der Mann, der dort zusammengerollt liegt und weiche, fast kindliche Züge. Nichts ist richtig an diesem Bild das mich jeden Morgen begleitet, alles ist falsch, der Mann und das Mädchen dort auf dem kalten, nassen Boden, die feuchten Kartons, die verschlissenen Schlafsäcke, der Dreck der Straße und die greisenhaften Kinderzüge derer die auf der Straße liegen. Jeden Morgen bücke ich mich vorsichtig und lege Geld in den Becher, der neben neben den beiden steht. Sie sind die Einzigen, die einen solchen Becher haben. Vielleicht reicht das für eine Dusche oder ein Frühstück, ich weiß nicht was einem am dringendsten ist, schläft man auf der Straße. Auch neben ihnen stehen die Beutel in Reih und Glied, ist das Kleiderbündel sorgfältig gefaltet, stehen die Schuhe, Kante an Kante. Vor dem polnischen Lebensmittelladen liegt eine ältere Frau, ein Tuch fest um das Gesicht gebunden, in zwei zerlumpte Decken gewickelt keine Kartons, nur Zeitungspapier unter dem Rücken. Halb liegt sie unter einem Wagen, auf dem tagsüber Gemüse und Obst feilgeboten wird, jetzt aber liegen Lauchreste und zermatschte Orangen, neben einer zerweichten Pizzaschachtel und zerdrückten Bierdosen. Inmitten des Unrats die schlafende Frau. Passiere ich die Ecke und biege nach links, bleibt den Schlafenden vielleicht noch eine Viertelstunde bevor der Supermarkt aufsperrt, die Stadtreinigung kommt, Lieferfahrzeuge mit laufendem Motor parken und mehr und mehr Menschen, die Straße hinunterlaufen, die ich noch ganz für mich passiere. An der Ecke, am Zeitungskiosk auch er noch geschlossen, streckt sich ein Mann und gießt Wasser in eine Bierdose in der seine Zahnbürste steckt. In der Hand hält er einen kleinen zerbrochenen Spiegel und einen Plastikkamm. Morgentoilette, ohne Waschbecken, Seife, Handtuch, warmes Wasser und Rasierapparat und ich als schweigender Voyeur, vorbei schon aber doch peinvoll genug ein langer Schatten an all das was auf der Straße schon lange verloren gegangen ist. Es ist inzwischen 6.40. Die Trafik, in der ich an jedem Morgen eine Zeitung kaufe, sperrt auf und wie jeden Morgen schreit der Verkäufer in sein Headset. Hinter der Trafik aber packt wie an jedem Morgen ein Mann seine Sachen in eine blaue IKEA-Tüte, rollt den Schlafsack zusammen und zieht weiter, wohin weiß ich nicht. 500 Meter noch, dann stehe ich vor der Universität. Das große und schwere Holztor ist nur halb geöffnet, der Innenhof mit seinem Glockenturm liegt still vor mir. Die Studenten, die in den angrenzenden Gebäuden liegen, schlafen noch denn nirgendwo brennt Licht. 1, 8 Kilometer sind es vom Bahnhof bis zu meinem Büro. Heute wie jeden Tag, laufe ich die gleiche Strecke, fünfzehn Männer und Frauen lagen heute auf der Straße, regennass und kalt ist die Straße. Schlüpfrig und glatt sind die Steine. Unrat liegt in den Ecken und fröstelnd zog ich die Schultern zusammen, eingehüllt in Wollschall, Mantel, Mütze und dicke Fäustlinge, laufe ich vorbei an den vielen, die auf der Straße liegen wie einem Schlafsaal des Schreckens, den nicht einmal Dickens hat erfinden können und der sich hier Nacht für Nacht und Tag für Tag wiederholt. Ich krame nach der Schlüsselkarte und mache das Licht an. Es ist 7 Uhr.

Im September diesen Jahres haben 168 Menschen in Dublin auf der Straße geschlafen. Die Zahl der Obdachlosen nimmt weiter, wenn auch langsamer zu.