Ein Dorf im Sommer

Neun Monate im Jahr sind wir das Dorf.

Drei Monate im Jahr gehört das Dorf den Touristen.

Die meisten Touristen sind Schülergruppen.

Sie kommen für drei Wochen ins Dorf und sollen Englisch lernen.

Sie kommen aus Deutschland, Italien und Spanien.

Das Dorf und seine Bewohner, das sind wir, verschwinden im Sommer. Man sieht uns kaum

Die Frau des Krämers sagt: BMWVWAUDISIEMENS, die deutschen Kinder kommen aus gutem Hause.

 Die Frau des Krämers sagt: PAELLAMANCHEGOBERNABEU, die spanischen Kinder sind schlimmer als Romeo und Julia

Die Frau des Krämers sagt: FIATBUONGIORNOGELATO, die italienischen Kinder haben es nicht leicht mir ihren Müttern.

Es ist der erste Sommer der Freiheit für die Kinder aus Deutschland, Italien und Spanien.

Sie sind vierzehn und fünfzehn Jahre alt.

Ihnen gehört die Welt und die Welt ist das Dorf.

Im Sommer gehe ich mit der Sonne schwimmen. Die Sonne gähnt und ich schwimme. Wenn ich aus dem Wasser steige, wachen die Vögel auf. Am Ufer wartet der Tierarzt mit dem Handtuch.

Ich ziehe Yogahosen und ein T-Shirt an. Schwer liegt das nasse Haar mir im Nacken. Auf meinem Rücken liegt die Hand des Tierarzts. Das ist schön. Aber wir haben keine Zeit. Im Sommer trifft sich das Dorf mit der Sonne am Strand. Wir haben Plastiksäcke, Schubkarren, Müllschaufeln und Handschuhe. Wir gehen den Strand entlang und sammeln den Müll auf. Flaschen, Schuhe, Fertiggerichtpackungen, Scherben, Chipstüten, Kekspackungen, Tampons, Bonbonpapier, Hundehaufen, Eiscremebecher, Wegwerfgrille, Bierdosen. Im Winter treffen wir uns einmal im Monat um den Strand zu reinigen. Im Sommer reinigen wir den Strand jeden Tag.

Darüber spricht niemand. Der Strand gehört zum Dorf und das Dorf sind wir. Der Nachbar mit dem Traktor fährt den Müll zur Deponie. Der Nachbar mit dem Traktor ist ein zuverlässiger Mann.

Der Nachbar schneidet manchmal Coladosen auf und in Dosen sind Vogeljungen begraben.

Der Nachbar seufzt und begräbt die Vögel.

Wenn wir fertig sind, treffen wir uns bei der Frau des Krämers. Es gibt Tee und einen warmen Scone. Für den Tierarzt gibt es Tee und einen sorgenvollen Blick.

Dann kommen die Segler. Sie holen bestellte Brötchen ab und bekommen ofenwarme Scones.

Die Segler sind schweigsame Menschen.

Wir trinken Tee und sehen den Seglern zu, die zu ihren Booten gehen.

Vertäuen ist ein schönes deutsches Wort.

Der Nachbar mit dem Rosenspalier vor dem Haus sagt: „Das streiche ich erst im September.“ Das ist ein verkohltes Fensterbrett. Die Sommergäste aus Deutschland, Spanien und Italien haben mit dem Feuerzeug Marshmallows gegrillt und ein Junge aus der Stadt G. hat ein Marshmallow in Alkohl getaucht und dann wussten die Sommergäste nicht mehr weiter und schrien dreisprachig um Hilfe. Der Nachbar mit dem Rosenspalier löschte den Brand.

Mehr bemerkt der Nachbar nicht, die erste Freiheit hat ihren Preis. Der Nachbar mit dem Rosenspalier spricht selten. Die Sommergäste hatten wohl ein Donnerwetter erwartet. Der Nachbar stand da mit dem Wassereimer, er sagte: Nun ist das Feuer aus. Let’s call it a night lads. Vielleicht haben die Sommergäste hier eine Ahnung bekommen vom Erwachsen-Sein.

Die Frau des Krämers gießt Tee nach. Die Frau des Krämers trägt im Sommer eine blaue Kittelschürze, wegen der Ventilation sagt die Frau des Krämers und Sie brauchen gar nicht so zu gucken Fräulein Read On. Die Frau des Krämers hat einen Donnerbusen. In den Donnerbusen der Frau des Krämers läuft das Heimweh der Sommergäste hinein. „Ah poor craythur“, sagt die Frau des Krämers, wenn keine Tränen mehr übrig sind und macht den Sommergästen süßen Tee. Am nächsten Morgen weiß die Frau des Krämers nichts mehr, sondern säbelt Brot und stellt Marmelade auf den Tisch.

Für Probleme, die größer sind als der Donnerbusen der Frau des Krämers gibt es den Tierarzt und mich. Wir sind die Studierten im Dorf und von uns erwartet man sich Antworten. Für in Dublin verlorene Geldbörsen, Asthmaanfälle, Wutausbrüche und komplexe Liebesdreiecke sind wir zuständig. Klingelt das Telefon, dann laufen wir ins Unterland. Das Dorf setzt auf das Studiert-Sein und wir setzen uns an Bettkanten, Tischkanten, Stuhlkanten und fahren zur Polizei auf der Suche nach Pass, Telefon und Geldbörse.

Für schwerere Probleme noch, ist der Fischer zuständig. Der Fischer hat seinen Bart seit 1965 und hat sechs Kinder großgezogen. Als in einem Sommer, Sommergäste aus Bochum und Sommergäste vom Garda-See mit Steinen aufeinander warfen, als ein Mädchen aus Remscheid, Geld stahl und ein Junge aus Barcelona einen Nebenbuhler biss, da war der Fischer gefragt. Der Fischer nimmt die Jugendlichen mit aufs Boot. Das ist alles. Allein mit der See sind die Jugendlichen dann für ein paar Stunden. Der Fischer spricht selten, denn für uns alle spricht ja die Frau des Krämers, die Söhne des Fischer sind alle wohlgeraten sagt die Frau des Krämers. Der Fischer fährt mit den Jugendlichen auf das Meer und vielleicht ist das der erste Moment in dem die Jugendlichen sich aushalten müssen.

Keiner der Sommergäste muss zweimal mit dem Fischer auf das Meer fahren.

Thank you very much indeed, sagt die Frau des Krämers zum Fischer.

Der Fischer sagt: No bother at all. Dann tippt er sich an die Mütze und geht davon. Im Winter flickt der Fischer die Netze. Im Herbst streicht der Fischer sein Boot. Das Boot heißt Deborah.

Dann ist der Tee getrunken, die Scones gegessen, der Tierarzt genug besorgt angesehen, bald kommen die Touristen, bald wachen die Sommergäste auf. Der Fischer geht, die Nachbarn verschwinden, der Tierarzt und ich wandern zurück ins Oberland,

Wir lesen unter den alten Bäumen im Garten. Das Licht schimmert. Ich mache Limonade mit Zitrone. Der Tierarzt schläft und ich lese.

Auf dem Kirchhof kichern die Sommergäste und machen dramatische Selfies mit den Grabsteinen im Hintergrund. Hier liegt James O’Hara, died 06.03.1953.

Irgendwann wird den Sommergästen langweilig und sie wandern zum Strand.

Der Tierarzt und ich räumen den Kirchhof auf und später liege ich wieder im Garten.

Man sieht nichts vom Dorf, hört nichts vom Dorf, denn das Dorf gehört den Touristen.

Aber spät Abends da geht der Tierarzt noch einmal durch das Dorf, geht ins Unterland, geht an den Strand, dort trifft er den ältesten Nachbarn des Dorfes, beide sehen nach, ob keiner der Sommergäste betrunken am Strand liegt oder die Flut unterschätzt. Erst dann, wenn sie sicher sind, gehen sie zurück und wenn sie am Laden der Frau des Krämers vorbeigehen, dann steht die Frau des Krämers vielleicht in der Tür und sieht wie Mütter in Remscheid, Perugia und Madrid es tun, noch einmal nach, ob die Kinder wohl geborgen sind.

„Alles gut?“, frage ich den Tierarzt, wenn er wieder kommt.

„Alles gut“, sagt der Tierarzt und löscht das Licht.

 

Wie die Frau des Krämers fast einmal ein Porträt geworden wäre und dann doch nur ein dunkles Omen übrig blieb.

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Seit sieben Jahren schon nimmt ein Künstler in unserem kleinen Dorf irgendwo in Irland, wo es mehr Schafe als Menschen gibt, Quartier. Der Künstler ist ein älterer englischer Herr, der Cordhosen, ein Tweedjackett und robuste Schuhe trägt. Der Künstler logiert im blauen Haus, das nicht etwas so heißt weil es blaue Fensterläden hätte, sondern weil die inzwischen verstorbene Besitzerin schon Vormittags trank. Dörfer wie das unsere verzeihen nichts.
Ihr Sohn aber bietet weiter Fremdenzimmer an. Damals also im ersten Jahr seiner Residenz im Dorfe, betrat der Maler den Laden der Frau des Krämers, die in ihm keinen Künstler, sondern nur einen Engländer erblickte. Nun ist die Frau des Krämers den Engländern an sich feindlich gesonnen, müsste die Frau des Krämers aber zwischen Künstler und Engländer wählen so wählte sie immer einen Engländer.

Die Frau des Krämers hat bekanntlich starke Ansichten und so überzog sie den Mann, der wie wir alle eigentlich nur einen Himbeerscone wollte mit der drohenden Aussicht, dass sich ein Künstler angesagt habe: „Künstler weiß die Frau des Krämers sind allesamt Lotterbuben, liegen bis zehn in den Federn, missachten den Kirchgang am Sonntag, haben eine Geliebte, unbezahlte Rechnungen und Ideen. Ideen sind das Schlimmste. Ideen haben zu Coca-Cola, dem Rückgang der Taufe, der Erderwärmung und Dingen im Bett geführt, die unaussprechlich sind. Schlimmer noch haben Ideen zu Supermärkten geführt. Die Supermärkte sind der Todfeind der Frau des Krämers.

Der Künstler sah mit saurer Miene zur Frau des Krämers herüber und sagte: „Der Künstler bin ich.“

Die Frau des Krämers erlebte einen seltenen Moment der Sprachlosigkeit.

Der Künstler aber nahm Quartier im blauen Haus und seit sieben Jahren trägt er am Morgen seine Staffelei an den Strand und malt das Meer.

Manchmal zieht der Künstler auch zu uns ins Oberland und malt Meer, Wolken und die Ginsterhecken.

Der Künstler ist ein schweigsamer Mann.

Er sagt: Morning und dann Bye.

Manchmal telefoniert er mit einem billigen mobile phone.

Der Künstler hat eine Thermoskanne mit Tee und einen kleinen, silbernen Flachmann bei sich. Immer wenn er den Deckel abschraubt um ihn mit Tee zu befüllen, gibt er einen guten Schluck aus dem Flachmann dazu.

Seine Bilder sehen nicht so aus, als ob er Ideen hätte. Aber der Tierarzt sagt, ich solle das nicht schreiben, denn vielleicht würde der Künstler doch irgendwann Kälbchen porträtieren.

Ich schreibe es trotzdem.

Der Künstler aber ist ohnehin selten im Oberland, noch seltener bei der Kälberweide, fast nie im Laden der Frau des Krämers.

Der Künstler tut das Unaussprechliche und kauft im Tesco das Nötigste ein.

So vergehen die Jahre und die Leinwände vielleicht auch. Aber es nagt in der Frau des Krämers. Nicht nur, dass der Künstler im blauen Haus logiert und nicht in ihrer Scheune ist Anfechtung, aber es ist noch etwas Anderes, denn die Frau des Krämers hatte selbst eine Idee.

Ein Bild von sich und ihrem Laden nämlich. In Öl. Auf Leinwand. Mit einem goldenen Rahmen.

Wäre das nicht ein Werbeträger wie es ihn sonst nirgendwo gibt?

Die Frau des Krämers in ihrer besten Schürze, mit frischer Dauerwelle und den guten grünen Schuhen. Im Hintergrund der Laden mit roter Markise und dem Glöckchen an der Tür. Natürlich die Auslagen ein Füllhorn irischer Landwirtschaft. Rinderhälften neben saftigem Stilton und in einem Korb ofenfrische Scones. Die Frau des Krämers sieht dieses Bild vor sich. Es ist ihr Bild. Es ist der ganze Schluss ihres Lebens. Ihr Laden und Sie.

Das Problem ist nur, wann immer der Künstler ihren Laden betritt, will er nichts wissen von ihren Andeutungen, ihren Hinweisen, ihren Fingerzeigen in Richtung rote Markise, Schaufenster und natürlich auf sich selbst. Die Frau des Krämers ich habe es selbst gehört, ließ sogar einmal das Wort Muse fallen und das will etwas heißen, denn Musen sind weiß G*tt keine Frauen die Bienenstich backen, sondern Frauen, die sich für viel Geld Dummheiten auf die Arme tätowieren lassen. Die Frau des Krämers aber wollte wirklich sehr gern ein Bild vom Künstler gemalt bekommen. Nun ist die Geduld der Frau des Krämers lang, aber nicht unendlich und da der Künstler auf keinen ihrer Zaunpfähle auch nur mit einem Wort reagierte, entschloss sich die Frau des Krämers zum Äußersten. Sie bat den Künstler um ein Portrait.

Der Künstler verneinte und betonte er sei Landschaftsmaler.

Die Frau des Krämers erlebte erneut einen Moment der Sprachlosigkeit. Als ich nach dem morgendlichen Bade aber ihr Geschäft betrat, hatte sie die Worte wieder.

„Kein Künstler, ein Scharlatan ist dieser Mann. Ein Wolkengucker, ein Taugenichts, ein Wurm von einem Künstler, ein Mann ohne Ideen, ohne Visionen, stumpfe Meerbilder, ein kleiner Engländer, der so malte wie ihre Tochter in der dritten Klasse. Ein Amateur, ein Mann der genau ins blaue Haus gehöre und für den der verbrannte Scone, den sie ihm in die Tüte schob noch zu gut sei.“ Die Frau des Krämers sieht mich an und schäumt. Dann sieht sie mich an. „Fräulein Read On sagt sie mit schneidender Kälte, das ist alles ihre Schuld.“ „Nein, Frau des Krämers, das kann nicht sein, sage ich, ich lebe ja noch nicht seit sieben Jahren im Dorf. Ich wusste nichts vom Wollen und Werden des Künstlers. „Dieser Quacksalber“ äfft die Frau des Krämers, ist ein dunkles Omen für unser Dorf gewesen und ich habe es damals gleich geahnt, zweieinhalb Jahre nach dem Künstler kamen sie ins Dorf. Noch niemals ist ein Ausländer im Dorf geblieben. Wären Sie nicht gekommen, wäre meine Tochter längst schon die Frau des Tierarztes, einen Fotografen hätten wir bestellt, ein Bild hänge über der Tür und ich wäre nicht auf diesen Hallodri von einem Künstler verfallen.“

Noch bevor ich aber erwidern kann, klingelt das Glöckchen über der Tür. Herein tritt der Tierarzt: „Mädchen“ ruft er, ich habe eben den Künstler getroffen. Er will gern Kälbchen porträtieren.“

Zum zweiten Mal an einem Tag verschlägt es der Frau des Krämers die Sprache. In der Geschichte des Dorfes, seiner Menschen und Schafe ist dies noch niemals zuvor der Fall gewesen.

Aus südlicher Richtung

Drei Tage schon kommt der Wind aus Süden, sagt der Tierarzt, er lehnt gegen den Volvo, der Wind fährt ihm durch das Haar und ich lege das luggage holdall in den Kofferraum. „Wirklich, schon seit drei Tagen?“ sage ich und der Tierarzt nickt. „Du hast dafür eine goldene Nasenspitze bekommen“, sagt er und ich stecke die Nase schnell so tief ich kann in den Schal. Der Tierarzt sagt: „Ich habe es dir gleich gesagt Mädchen, im Dezember, erinnerst Du Dich kurz bevor wir nach Deutschland fuhren, da hatte Kälbchen auf einmal drei goldene Haare im Fell
(Ich erinnere mich nicht, wohl aber erinnere ich wie Kälbchen sich im Dezember in einer Matschpfütze suhlte und als großer grauer Wolf vor mir stand, einen Weidepflock umriss und noch hämisch blökte und es war auch ein milder Dezembermorgen an dem Kälbchen den Esel zu einem Ringkampf herausforderte, der dem Esel schlecht bekam. Aber der Tierarzt beharrt auf den drei goldenen Haaren und überhaupt dem guten Einfluss den Kälbchen auf Dorf, Land, Welt, Blog und überhaupt hätte. Ich schweige lieber in meinen Schal hinein und hoffe, dass die Esel sich niemals an die UN wenden werden, denn dann sind wir geliefert.

„Wind aus dem Süden also“, sage ich und der Tierarzt nickt und schon liegt der Flughafen hinter uns,“ schon seit drei Tagen. Im Dorf glaubt man, mit dem Wind aus dem Süden käme auch das Unheil zur Tür herein. „Der Wind aus dem Süden kommt auch aus der Fremde“, sagte die Frau des Krämers zu mir, als ich damals vor Jahr und Tag den Schlüssel zum windschiefen Haus von ihr abholte.

Kommt der Wind aus dem Süden überfällt die Frau des Krämers eine Migräne, die sie mit starkem Kaffee und Branntwein behandelt. „Weht der Wind aus dem Süden, sagt der Krämer dann träumt er des Nachts von fliegenden Katzen und einmal hat er den alten Hofhund und der Krämer schwört beim Leben seiner Frau Gemahlin dabei ertappt wie dieser mit gelb glühenden Augen vor dem Spiegel im Flur die Zähne fletschte. „Wenn der Wind aus Süden weht, dann liegen die Haare der Tochter der Frau des Krämers nicht, sondern stehen störrisch zu Berge und die Tochter, die wenn der Wind aus Norden, Osten oder Westen kommt, jedwedes Gemüse links liegen lässt, beißt wenn nur der Südwind gegen die Fenster drückt herzhaft in eine Tomate und ist zum Schrecken ihrer Mutter an jenen Tagen schon mit Bambussprossen in der Hand gesehen worden. Das macht der Südwind mit den Bewohnern des Dorfes und damit noch nicht genug, sagen die Leute im Unterland, wird man schon bei Krämers nervös, die doch Wohl und Wehe des Dorfes in den Händen halten, so sieht man selbst mit Sorge, wie der Südwind die Ordnung des Dorfes, wenn auch nur um wenige Millimeter verändert.

Ein Nachbar berichtet, seine Standuhr begönne seit drei Tagen exakt sechs Sekunden zu spät zu schlagen und ist die sechs nicht die südlichste Zahl des Ziffernblatts?

Eine Nachbarin wiederum, so erzählt der Tierarzt, habe am zweiten Tag der südlichen Winde geschworen, dass sämtliche Wellenspitzen der wogenden See in südliche Richtung wiesen.

Weitere Vorkommnisse, die das Dorf aufmerksam beobachtet habe und die die Frau des Krämers in einer Kladde festhielte, verzeichneten, so der Tierarzt, in den letzten Tagen: ungewöhnliche große Regentropfen, zwei Katzen auf der Quaimauer, die noch niemals im Dorf gesehen wurden, dafür aber über Stunden unentwegt auf die Strandpromenade starrten, nur um dann unauffindbar zu verschwinden. Ein Glas Milch sei vor den Augen der Frau des Krämers sauer geworden, die stille Helene, die den Krämersladen wischt und seit Jahren nicht mehr spricht, habe auf einmal angefangen von Dingen zu reden, über die aus gutem Grund niemals nicht einmal bei Südwind gesprochen werde, Dinge, über die für viele Jahre hat Gras wachsen müssen, Dinge von solcher Ungeheuerlichkeit, dass darüber niemals genug Gras wachsen könne und dann so etwas. Der Tierarzt sagt, die Frau des Krämers sei erschüttert gewesen und habe die stille Helene fortgeschickt. Das sei in all den Jahren noch niemals vorgekommen, aber auch der südliche Wind habe noch niemals so lange das Dorf fest im Griff gehabt.

Nur als die Frau des Krämers angefangen habe zu behaupten, dass auch Kälbchen schon ganz wirr im Kopf sei und irgendwie fremdländisch blöke, habe er sich gegen diesen Unsinn verwehrt, „Kälbchen sei schließlich hochbegabt und Hochbegabte Seelen seien per se erratisch, unabhängig und habe nicht auch die Renaissance im Süden begonnen?“ Die Frau des Krämers aber habe finstere Dinge gemurmelt von Versüdlichung, vom dahergelaufenen Fräulein mit den südlichen Augen, aber dann doch geschwiegen, ein Mann habe den Krämersladen betreten fremd auch er und noch dazu in gelben Hosen, verdächtig ähnlich jener Wüstenregionen mit ihren unheilvollen Winden. Der Tierarzt aber erklärt, er hätte die Ankunft des Fremden zur Flucht genutzt und auch wir biegen schon in die Dorfstraße ein und so flüstere ich lieber zum Tierarzt herüber, dass der Priester mir einmal eine Karte des Dorfes gezeigt habe, eine alte Karte schon fleckig und reichlich zerknittert, doch ganz deutlich sei zu erkennen gewesen, das ausgerechnet das Haus der Frau des Krämers am südlichsten Punkt des Dorfes stünde. Der Tierarzt aber kichert so wie der südliche Wind, der gegen die Fensterläden scheppert, kichert noch immer da sitze ich schon im alten grünen Sessel und sehe zum dunklen Pfarrhaus herüber. „Sie werden schon sehen Fräulein Read On“, sagte der Priester als wir zum letzten Mal im Garten standen, „ich will ihnen den Süden schon vor die Füße legen“ und dann lächelte der Priester ein anderes Lächeln, das Lächeln des Südens und seiner Winde.

Der letzte Sonntag

Vielleicht wird dieses Jahr, das Jahr der Abschiede, denke ich mir und sehe aus dem Fenster in den Kirchhof herüber. St Sylvester läutet 12 Uhr und die Kirchgemeinde läuft durch die Kirchentüren hinaus und die Straße herunter. Gleich wird der Priester die Kirche zusperren, den Talar auf einen Bügel hängen, sich die Hände waschen, in einer halben Stunde wird der Priester im Türrahmen stehen und sagen: Fräulein Read On, ich störe doch nicht?“ Ich werde sagen: „Aber Priester, nur zu, Sie stören doch nie.“ Der Priester begrüßt Katze wie Hund, nur um sich umzudrehen und zu sagen: „Fräulein Read On, wie kommt es, dass es jeden Sonntag noch besser duftet, als am vorherigen Sonntag? Ich werde etwas über das Auge des Betrachters anmerken, der Tierarzt befüllt unterdessen die Wasserkaraffe und ermahnt Hund wie Katze, wenigstens am Sonntag doch etwas Benehmen zu zeigen.

An jedem Sonntag in den vergangenen vier Jahren, an dem ich in Irland war, stand der Priester um 12.30 Uhr im Türrahmen. Gestern kam er zum letzten Mal, heute da kommen die Umzugswagen, denn der Priester verlässt das Dorf und auch Irland. Im Sommer, da kam er an einem gewöhnlichen Dienstag herüber, saß auf dem alten, grünen Sofa und sagte: „Fräulein Read On, Sie sollen es von niemand Anderem erfahren, aber der Orden ruft mich nach Italien zurück. Der Priester zeigte mir ein Bild, ich schluckte und sah auf den blauen Himmel, das Ocker der Häuser, die schneeweiße Kirche, die keine Ähnlichkeit hat mit dem trotzigen Kirchturm St Sylvester, und dachte wie oft der Priester sagte, den Blick zum Meer gewandt: „Es ist eine andere Erde.“ 35 Jahre hat der Priester in Italien verbracht und nun kehrt er zurück, St. Sylvester aber und der kleine Kirchsprengel, bleiben zurück, neu besetzt wird die Pfarrstelle nicht mehr, denn die Gemeinde ist viel zu klein.

Aber noch war die schneeweiße Kirche nur ein Bild und der Priester noch immer da. Aber gestern, da stand ich am Fenster und sah auf den Kirchhof und dachte daran, wie es war, als ich ins Dorf zog und so einsam war, wie nie zu vor. Da gab es den Tierarzt noch nicht, der in der Besteckschublade rumort, in der Uni kannte ich keinen und auch sonst war ich sehr allein und nichts war irisch-heimelig oder romantisch-global oder Expat-exciting. Die Frau des Krämers sagte: „Ausländer sehen wir hier nicht so gern“ und die Katze starrte feindselig zu mir herüber, ich war allein und die Stille war lauter als alles andere, lauter selbst das Meer vor dem Fenster. Eines Nachmittags hängte ich Wäsche im Garten auf und plötzlich rief jemand vor der Kirchenmauer herüber: „Darf ich mich vorstellen?“ „Ich bin der Priester.“ Ich schluckte und rief: „Ich bin der Jude.“ Der Mann am Gartenzaun lachte und sagte: „Hat der Jude auch einen Namen?“ Ich sagte: „Weiß ihr G*tt nicht alles?“ Der Mann auf der Gartenmauer lachte und ich sah ein schmales Gesicht, eine randlose Brille, zu kurz geschnittene Haare und einen schwarzen Rollkragenpullover, das was ich sah gefiel mir und in sein Lachen hinein sagte ich: „Wollen Sie am Sonntag zum Essen herüberkommen?“ Ich wartete auf sein Nein, denn bis zu jenem Nachmittag war nein, das häufigste Wort meines irischen Aufenthaltes gewesen, aber während ich noch auf das Unvermeidliche wartete, sagte er: „Sehr gern. Was darf ich mitbringen?“ „Auf keinen Fall Kochschinken“, sagte ich und der Priester lachte wieder und winkte mir zu. Am Sonntag brachte er Margariten mit. Wir stritten uns von der ersten Minute an, über alles über die Kirche als solche, über die unbefleckte Empfängnis, über alle Päpste, über Straßenbau und seine Affinität zu Nagetieren. Am Ende des ersten Mittagstisches sagte der Priester: „Wissen Sie was, Sie sind schlimmer als die Jesuiten.“ Diesmal lachte ich und sagte: „Kommen Sie wieder?“ Der Priester kam.

An jedem Sonntag kam der Priester, wir aßen, ich kochte seine Kindheitserinnerungen nach ( nur den Schinken ließen wir aus ), und wir stritten kaum waren Kartoffeln und Stew verteilt, stritten so heftig, so beißend, so herzhaft lachend, dass die alte Standuhr quietschte, und während der Priester abwusch, setzte ich Tee auf und dann spielten wir Schach, natürlich nicht ohne fortgesetzte Streitereien über Irland an sich, Angela Merkel, das Konkordat von 1870, und einmal da erzählte mir der Priester von einer Frau im roten Kleid und ich im von einem Schatten in meinem Rücken und wir waren ganz still. Irgendwann, aber dazwischen lagen zwei Jahre, kam der Tierarzt dazu saß mit uns am Tisch und sprach vielleicht nach einem halben Jahr den ersten Satz: „Mir war nicht klar, dass es Menschen gibt, die so viel reden.“ Da lachten wir beide und inzwischen streitet auch der Tierarzt mit, streitet um Kopf und Kragen und der Priester und ich lachten und der Priester flüstert mir zu: „Ein Jesuit.“ Vier Jahre und viele Sonntage und immer öfter auch Mittwochs oder Donnerstags kam der Priester auf einen Sprung herüber und immer hoffte ich er bliebe noch länger.

Gestern stand der Priester noch einmal in der Tür: „Fräulein Read, ich störe doch nicht?, sagte er, ich schüttelte den Kopf. Der Tierarzt stellte die Gläser auf den Tisch, aber sein Platz blieb leer. „I leave you to it“, sagte er und nahm den Hund mit heraus. „Ich kann heute nicht mit Ihnen streiten, Priester“, sage ich und der Priester nickt. Ich schenke dem Priester ein Bild von St Sylvester, dem Kirchhof und dem kleinen windschiefen Haus. „Vergessen Sie uns nicht“, Priester. „Kommen Sie mich besuchen“, sagt er und ich nicke. Der Priester schenkt mir das Bild einer Amsel. „Fräulein Amsel“, so habe ich Sie genannt, bevor Sie erklärten, Sie seien der Jude“, sagt der Priester und legt mir den Schlüssel für St Sylvester in die Hände. „Bei Ihnen ist er in guten Händen“, sagt er. Ich sage: „Der Jude hat den Kirchturmschlüssel.“ Der Priester lacht, lacht so wie damals, als wir uns zum ersten Mal trafen an der Mauer, die den Kirchhof vom Garten trennt, der Priester lacht bis er weinen muss. Das Essen wird kalt und meine Hände sind es auch. Der letzte Sonntag im Jahr ist manchmal schon im Januar.

 

Der große und der kleine Zeiger.

Die Sonne scheint. In Irland ist das immer ein Ereignis. Ich rufe also: „Tierarzt, Katze, Hund, die Sonne scheint.“ Die Katze dreht sich auf den Bauch, der Hund bringt mir einen Schuh, der Tierarzt gurgelt Unverständliches aus dem Badezimmer. Ich schleppe zwei Stühle nach draußen, reiße alle Fenster auf und reiche dem man of the house, eine dampfende Teetasse an und blinzle in die Sonne. Dann blinzeln wir gemeinsam in die Sonne und lesen die Zeitung nach. Bis auf leises Blätterrascheln hört man nichts. Dann aber fällt es mir ein: „Tierarzt, wir müssen die Uhr umstellen.“

Der Tierarzt sieht mich zögernd an: „Mädchen, müssen wir die Uhr jetzt umstellen?“

Ich sehe den Tierarzt an: „Es sind die kleinen Dinge, Tierarzt sage ich: „Stellt man die Uhr nicht mehr um, dann ist das nur die Spitze eines viel größeren Eisberges, der nicht aus gefrorenem Wasser, sondern der Nachlässigkeit besteht: gibt man erst nach, dann schraubt man die Zahnpastatube nicht mehr zu, am nächsten Tag putzt man sich die Zähne nicht mehr, am dritten Tag schiebt man ein gefrorenes Auftaugericht in die Mikrowelle, am vierten Tag kauft man gleich nur noch Zigaretten und drückt die Kippen in den Blechassietten aus, am sechsten Tag raucht man im Bademantel und nagt an kalten Pizzarinden und am siebten Tag stolpert man über die gestapelten Müllbeutel mit den Fertiggerichten in der Küchentür, die fauligen Essensreste laufen über die Fliesen, man glitscht aus und bricht sich das rechte Schienbein und die Sanitäter finden einen mit ungeputzten Zähnen und man hat ja auch die Uhr nicht umgestellt, schreiben Sie die falsche Uhrzeit in den Aufnahmebogen.

Der Tierarzt sieht mich lange an und sagt: Mädchen, warum hast du eigentlich keine Logikprofessur?“

„Lenk nicht ab“, sage ich und ziehe den Tierarzt in die Diele, wo die alte Standuhr steht. Tick-Tock macht die Standuhr und der Tierarzt seufzt: „Dieses störrische Biest.“ Leider hat der Tierarzt Recht. Die alte Standuhr ist wirklich sehr störrisch, das Glasfenster lässt sich nur schwer öffnen und man muss eine Feder an eine Vorrichtung klemmen, um die Zeiger zu bewegen, aber oft springt die Feder ab oder der Stundenzeiger klemmt, es gilt das Pendel zu justieren und so krempelt der Tierarzt die Ärmel hoch.

Tierarzt (T ): Auf geht’s . Der Tierarzt lehnt die Uhr nach vorn, ich halte die Uhr und der Tierarzt öffnet sehr vorsichtig das Uhrenkastel

Ich: YES.

T: Argh.

Ich: A little bit more left.

T: I can feel it.

Ich: You’re nearly there.

T: That’s so damn tight.

Ich: Your fingers are so…

T: Yes…..

Ich: Smooth. Elegant. Strong.

T: Don’t flatter me.

T: G*d I never got in so deep.

Ich: Just a tiny bit more. Can you feel it?

T: Ah. Ah. I don’t want to loose my grip.

Ich: I hold you down. You need to push a tiny bit harder.

T: That’s good. That’s so good.

Ich: You are so close.

T: I am coming closer still.

Ich: That must be it. One last tiny push.

T: Oh yes, yes, yeeeeeees. Here I go. Here I come. Oh yeah.

Ich: Hell yeah.

T: I can still hold it. Can you hold it?

Ich: I can.

T: I let go now. Oh, that’s so good. So damn good.

Ich: You nailed it.

T: I so do. That’s just the right spot. Oh my!

Ich: You do fantastic.

T: I never lasted for so long, didn’t I?

Ich: You really never did. Simply amazing. Yor fingers are so good.

T: G*d. I just did it. That feels so, so good.

Der Tierarzt verschließt das Gehäuse der alten Uhr und sehr vorsichtig kippen wir die Uhr gegen die Wand. Die Uhr macht Tick-Tack-Tock. Ich strahle den Tierarzt an. Der Tierarzt strahlt zurück. Die Uhr glitzert im Sonnenschein. Die Sonne scheint durch die weit geöffneten Fenster. Vor dem Fenster stehen die Frau des Krämers und ihre Tochter. Die beiden Damen kehren so eben vom Kirchgang zurück. Die Frau des Krämers ist kalkweiß. Ihre Tochter ist krebsrot. Sie starren uns an. Der Tierarzt rollt sich die Hemdärmel wieder herunter. „Morgen die Damen Krämer, ruft er herüber, haben Sie schon die Uhren umgestellt. Der Tierarzt zwinkert ihnen zu und hebt neckisch den Zeigefinger: „Nicht, dass Sie noch zu spät kommen.“

Die Damen Krämer eilen wortlos davon. „Die wissen auch nie was Sie wollen“, sagt der Tierarzt kopfschüttelnd. Mädchen, fährt er fort, die Sonne scheint, kommst du mit zu Kälbchen?“ „Klar“, sage ich.

 

Sonntag

„Wir haben gewählt“, sagt meine liebe C. am Telefon und gähnt „ dein Vater trug zur Wahl einen besseren Anzug, als zu unserer Hochzeit“ fährt sie fort. Da ich bei dieser Hochzeit anwesend war, kann ich mit gutem Gewissen sagen: „Du meine liebe C. warst noch strahlend schöner als sonst und alle Anwesenden wünschten sich heimlich, Du hättest ihnen das Ja-Wort gegeben.“ „Süße, sagt die liebe C. Du machst mich ganz verlegen.“ Ich werfe Küsse ins Telefon und meine liebe C. sagt: „jedenfalls habe ich alles gegeben und ich schwöre Dir, wer auch immer aus unserer kleinen Stadt in den neuen Bundestag gewählt wird, der ist auf Aufklärung eingeschworen. Es ist nämlich so, dass Kandidaten aller Parteien bei der lieben C. in Behandlung sind und wann immer ein Kandidat das Sprechzimmer betrat und hollerte: „Na Frau Doktor, Sie wählen doch…..mich?“ Da lächelte Frau Doktor schüttelte ihre goldenen Ringellocken und hielt den Aufklärungsvortrag: bestes Präventionsmittel- so notwendig wie die Luft zum Atmen- starke Männer brauchen keine Gewalt- flächendeckend über Sex reden- schändlich, dass Aufklärung in keinem Wahlprogramm zu finden ist“, spätestens dann schworen die Kandidaten, dass Aufklärung auch ihr Lebensziel sein und die liebe C. ist zuversichtlich, dass wann immer die Kandidaten des Städtchens im Bundestag das Wort ergreifen ihre Reden mit: „Aufklärung, wie brauchen mehr Aufklärung“ beginnen.

Ich applaudiere meiner lieben C. und die C. reicht mich nach vielen weiteren Telefonküssen an meinen Vater weiter: mein Vater teilt mir seine Wahlentscheidung in Form eines Rätsels mit, das ich mit nachtschichtzermatschtem Kopf kaum lösen kann, noch dazu zieht der Tierarzt an meiner Strickjacke und zischt beständig: please Mädchen pass the phone to me. Der Tierarzt aufgeregter als Frau Merkel will nämlich einen Livebericht von der Wahlurne. Dann beraten der Tierarzt und mein Vater sehr lange und als der Tierarzt mir mein Telefon zurückbringt, murmelt er andächtig das Wort „Sondierungsgespräche“ vor sich hin und rennt hinüber zu Kälbchen, um auch dieses in das komplexe deutsche Wahlsystem einzuweisen: ‚no more bad surprises from Germany.“

Ein Fahrradrennen führt auch durch unser Dorf und der Priester muss mit saurer Miene Radfahrer und ihre Drahtesel segnen. Der Priester seufzt und murmelt wahrscheinlich Flüche, aber die Radfahrer lächeln beseelt und fahren klingelnd los. Die Frau des Krämers verkauft Scones auf der Straße und lässt sich mit sehr muskulösen Radfahrern in sehr engen Hosen ablichten und erklärt dem Priester, dass sie bei einem Radfahrer in besonders anziehenden roten Hosen auch einmal hingelangt hätte. Das Gesicht des Priesters wechselt von zahnschmerzgeplagt zu zitronensauer. Dann schreit die Frau des Krämers: „Fräulein Read On, hier gibt es so viele Männer, suchen Sie sich doch einen aus und der Tierarzt ist frei für meine Tochter.“ „Frau des Krämers sage ich ernst, dies ist hier doch ein Radrennen und nicht der Fleischmarkt.“ Die Erwiderung der Frau des Krämers sei hier aus Gründen des Anstandes und der Sittlichkeit nicht wiederholt. Meine Freundin G. und ihr Gefährte fahren auch mit, ich stecke den beiden eine Blume an den Lenker und eine Banane so wie Schokoriegel in die Radfahrerdresstaschen und winke begeistert. Die G. und ihr Gefährte zischen los und der Tierarzt hat mit Kälbchen indes die politischen Entwicklungen Deutschlands diskutiert und kauft mir auch einen Himbeerscone.

Die Radfahrer fahren Rad, und der Priester kommt zu einem sehr späten Lunch-Brunch-Munch-Frühstück zu uns herüber, es gibt sehr viel Rührei und der Tierarzt und der Priester üben sich an der Aussprache des Wortes: Überhangmandat und seufzen über die immer schwierigen, deutschen Dinge. „That’s German Angst“, sagt der Tierarzt und schlürft Sanddornsaft. Der Priester erzählt von einem deutschen Pater, dessen Familie immer geschlossen abstimmte, die Parteistimme wurde dort über Generationen vererbt.“ Der Tierarzt grunzt und murmelt etwas von „irischen Zuständen.“ Der Hund, dieser Gierschlund will natürlich auch vom Rührei abbekommen und benimmt sich noch desaströser als sonst und versucht das Tischtuch vom Tisch zu reißen. Der Hund ißt sein Rührei dann vor der Tür. Die Katze will auch Rührei kann das vor dem Hund aber schlecht zugeben, und atmet erleichtert ob seiner Verbannung auf. Dann speist die Katze Rührei von einer weißen Untertasse und als ihre Hoheit fertig ist, schwenkt sie den Schwanz: „der Teller darf abgetragen werden.“

Der Tierarzt und der Priester waschen ab, ich lege mich schlafen, der Hund kaut verdrossen auf der Fußmatte, die Katze schläft, es regnet, denn es wäre ja sonst nicht Irland, irgendwann kommt der Tierarzt ins Zimmer und streckt sich neben mir aus. Im Halbschlaf höre ich ihn murmeln: Erststimme. Zweitstimme und ich lege ihm die Hand auf die Stirn: „Nach der Wahl ist vor der Wahl.

Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins.

Die Szene: Ein windschiefes Haus irgendwo in Irland. Links der Kirchturm St. Sylvester, im Garten des Hauses eine alte Kastanie. Bewölkter Himmel. Die Dorfstraße, hier steil ansteigend, auf der Straße, ein Fräulein mit Bücherbeutel, Tasche und Einkäufen beladen. Das Fräulein ist angetan mit einem gelben Wetterfleck, robusten schwarze Ankleboots mit denen sich auch Mordor durchwandern ließe, ihre Haare, die von weiten an ein Shetlandpony erinnern, wogen im Wind, ihre Nase tropft und augenscheinlich murmelt sie Flüche. Vor dem Haus: ein alter, klappriger, roter Volvo.

Die Frau kramt nach dem Schlüsselbund und betritt das Haus.
Am Küchentisch sitzt ein mittelalter Mann, (ein blauer Schafwollpullover, kunstvoll gezauste Haare), tief gebeugt über tierärztliche Fachliteratur, auf seinem Schoß schläft eine Katze, zu seinen Füßen hechelt der Hund.

Auftritt Fräulein ( Frl.):

( Der Bücherbeutel fliegt in Richtung geöffnete Küchentür)

Frl.: Man fasst es ja nicht. Man fasst es ja nicht. Dass sich vor Kindergärten und Schulen die Blechlawinen stauen und Eltern in Hupwettkämpfe und Tätlichkeiten verwickelt sind, um ihrem kleinen Wunderkind noch zehn Meter zu Fuß zu ersparen, ist nicht neu. Nein, das ist nicht neu. Aber ( das Fräulein reißt die Arme nach oben ) heute hat mich eine SUV-Mutter, die das liebe Erstsemester zum Semesterbeginn auf den Campus kutschierte, umgefahren. Einfach so, beim Rückwärtsmanövrieren, fuhr sie mich um. Zwar langsam, aber doch ganz bestimmt, fuhr sie mich um und während ich versuchte zur Seite zu hechten , bläkte sie dabei aus dem Autofenster: „Hey Sie, wo geht es denn zur Immatrikulation.“ Ich schrie natürlich: Halten sie das verdammte Auto an.“ Das hat mir den Fuß gerettet, denn so fuhr sie nur über den mir entglittenen Bücherstapel. Man fasst es ja nicht. Diese Impertinenz.

( Der Tierarzt liest die Bücher auf, stapelt sie sorgsam auf dem Küchentisch und starrt auf den deutlich sichtbaren Reifendruck auf dem Buchdeckel)

( Das Fräulein pfeffert ihren gelben Wetterfleck hinterher.)

Frl: „Aber, wenn Du glaubst, das sei es schon gesehen, dann kennst du das Fräulein schlecht. Heute war der australische Delegierte da. Sagt die J. ( die liebenswürdigste Chefin der Welt ) Read On, der ist ein Fall für dich. „Gut, gut“, sage ich und der australische Delegierte bekommt die Spezialführung. Ich erzähle die Geschichte vom Krokodil, lasse die Sache mit Oscar Wildes Griechischprüfung nicht aus, erläutere den Mord von anno 16xx en Detail und spreche dann über Mary Shelley.“ ( Der Tierarzt bückt sich und hängt den gelben Wetterfleck auf einen Bügel.) „Ich stehe also mit dem australischen Delegierten etwas abseits der Erstsemester und rede über Mary Shelley, da knöpft der Mann ohne Vorwarnung sein Hemd auf und zeigt mir einen Fledermausbiss irgendwo auf seiner stark behaarten Brust. (Das Fräulein reißt an einem Ankleboot und schleudert auch diesen in Richtung Küchentür.)
Man fasst es doch nicht! Den Fledermausbiss habe ich nicht gesehen, dafür die Kekskrümel im Brusthaar des Delegierten. „Machen Sie bitte das Hemd zu.“, sage ich also, da setzt der Mann zu einer langen Erklärung über das Leben im australischen Busch an , krempelt sein Hosenbein hoch und zeigt mir zwei Spinnenbisse. Alles noch immer mit offenem Hemd. ( Endlich hat sich das Fräulein auch des zweiten Schuhs erledigt, um diesen dem ersten Schuh hinterherzuschleudern.) Man glaubt es ja nicht. Was für ein Kerl. Ein Kerl, sage ich dir.

( Der Tierarzt hustet, augenscheinlich um nicht Lachen zu müssen. Das Fräulein sucht in der Hosentasche nach einem Haarband. Mit zusammengebissenen Lippen rohrspatzt sie weiter:

Frl: „Dann diese Auszubildende. Sie wird noch der letzte Nagel zu meinem Sarg. Ich schreibe also in allerherzigster Handschrift sechs Einladungen, edelstes Papier, Goldrand, plage mich mit dem blöden Aufziehfüller, habe Tintenflecken an Körperstellen, von denen ich nicht ahnte, dass ich sie habe und lege sie der Auszubildenden hin, damit sie diese in Briefumschläge tut, die ich vorbeschriftet habe, frankiert und auf die Post trägt. Was macht diese Person? Diese Person gießt ihre Wasserflasche über die Einladungen aus. Kann man das denn begreifen? Das kann man doch nicht begreifen! Was für ein Rindviech! Ich setzte also erneut an, der Füller tropft aus purer Bosheit, ich habe Tintenschlieren an der Nase, aber sechs Einladungen sollen es werden, ich lasse die Einladungen in die Briefumschläge gleiten, vorsichtig wie behutsam, ich schreibe die Adressen auf die Umschläge, ich frankiere die Umschläge, ich sage: Auszubildende: Wasser, Kleber, Joghurt, alles fort, hier sind sechs Umschläge bringen sie die zur Post.“ „Jetzt.“ Ich gehe meiner Wege. Ich lasse mich verlachen der Tintenschlieren wegen, ich arbeite wie der Esel sieben, ich raufe mir achtfach das Haar und kehre in das Büro zurück. Da steht die Auszubildende vor meinem Büro: „Fräulein Read On, heult sie, ich habe die Einladungen geschreddert, aber wirklich nur ganz aus Versehen.“ Ich zähle bis 133 und sage: „Gehen Sie mir aus den Augen.“ Ich schreibe sechs, neue Einladungskarten, ich beschrifte, frankiere, ich eile selbst zur Post. Ich habe Tintenflecken auf der Brille und ich schwöre Dir: „Eines Tages da reißt mir die Hutschnur, da reißt mir die Hutschnur und dann wird Schreckliches geschehen. Noch in vielen Hundert Jahren, wird jemand davon erzählen wie einmal dem Fräulein Read On die Hutschnur riß!“

( Der Tierarzt hat inzwischen die Schuhe ins Schuhbord getragen und lehnt gegen den Küchentisch.)

Tierarzt ( leise kichernd) : „Mädchen, ich warte auf den Tag, wo Du Dir auch noch den Kopf abreißt,um ihn über die Schwelle zu schleudern, aber sei gewiss, ich werde ihn fangen.

( Der Tierarzt beginnt haltlos zu lachen.)

Frl: ( bindet sich die Haare zusammen.) „Wenn Du nur lachst!“

Der Tierarzt: „Nicht nur ich“. Zu seinen Füßen grinst der Hund. Auf dem Küchenstuhl johlt die Katze.

Frl: „Ich werde die grinsenden Gesichter nicht vergessen.“

Der Tierarzt küsst die tintenfleckige Nasenspitze des Fräuleins.

Verschlossene Türen.

Der Priester hat sich ausgeschlossen. Der Tierarzt hat den Küchentischkastenschlüssel verlegt, und im Küchentischkasten liegt der Zweitschlüssel des Priesters. Als ich nach Hause komme, fummeln Priester und Tierarzt mit einem Draht im Schlüsselloch herum. „Oh Mädchen“, sagt der Tierarzt. „Ach, Fräulein Read On“, seufzt der Priester. Ich ziehe den Küchenstuhl zu mir heran, steige auf den Stuhl, damit ich bis zum Rand des Küchenschrankes reiche und fahre über das glatte Holz, bis ich die rostige, alte Blechdose ertaste. „Die Lade lässt sich mit der Klinge einer 15er Skalpells öffnen“, sage ich, drehe die Klinge des Skalpells im Schloss herum, die Lade springt auf, der Priester nimmt sehr erleichtert den Zweitschlüssel heraus und der Tierarzt sagt: „Mächen Du bist fast so klug wie Kälbchen.“ Tierarzt sage ich: „Kälbchen hätte natürlich mit einer Butterblume das Schloss geöffnet.“ „Vielleicht“, sagt der Tierarzt sinnend und sieht zu mir herüber. „Man würde doch ganz gern geküsst werden“, sage ich und ziehe die Jacke aus. Der Tierarzt hakt einen Finger in die Schlaufe meiner Jeans und ich lege eine Hand an seine Wange, da klopft es. Vor der Tür steht der Priester. Er rauft sich die Haare. „Fräulein Read On, ich habe mich nicht nur ausgeschlossen, der Schlüssel steckt auch noch von innen und ich kann die Tür nicht aufbekommen“, ruft er verzweifelt.“ Der Tierarzt hakt den Finger aus meiner Jeansschlaufe heraus. Mit einer Taschenlampe tappen wir dem Priester hinterher. Der Schlüsseldienst braucht um diese Uhrzeit Stunden und der Priester ist sich nicht sicher, ob er nicht den Herd angelassen hat. „Scheiße“, sage ich. „Scheiße-sagt-man-nicht- sagt der Tierarzt und klingt verdächtig wie eine kleine Königinnennichte. „Oh my g*d ruft der Priester. „Haben Sie irgendwo ein Fenster offen, Priester?“, fragt der Tierarzt. „Das Badezimmerfenster im Oberstock ist vielleicht angelehnt“, murmelt er. Ich sage nichts mehr, dafür knurrt mein Magen. „Priester“, sage ich, sie halten den Tierarzt fest, ich steige auf die Schultern des Tierarzts, von dort aus kann ich mich auf das erste Fensterbrett hangeln und vielleicht das Badezimmerfenster erreichen.“ „Das ist Wahnsinn“ murmeln Tierarzt und Priester. „Nun los“, sage ich. Der Priester umklammert den Tierarzt, der zu dünn ist um mich allein zu halten, ich steige auf die Holzbank und dann auf die Schultern des Tierarztes. Für einen Moment glaube ich der Tierarzt zerbricht in zwei Hälften aber der Tierarzt schwankt nur ein ganz klein wenig und ich knurre: „oyoyoyooy“ und hangle mich auf das Fensterbrett. Der Tierarzt ruft: „Scheiße“. „Mädchen ist das hoch.“ Ich denke: „Oyoyoyoy, ist das hoch. Der Priester ruft: „Um G*ttes Willen Fräulein Read On ist das hoch.“ Der Tierarzt stellt sich auf das Gartenbänkchen und erreicht meine Knöchel. Ich klammere mit einer Hand am Fensterrahmen und mit der anderen am Weinlaub fest. „Ich will auf keinen Fall ein weißes Kleid im Sarg anhaben“ rufe ich dem Tierarzt zu, denn ich muss noch höher klettern. Der Tierarzt krallt sich in meine Knöchel. „Priester sagt der Tierarzt“ leuchten sie die Wand an, damit wir das Badezimmerfenster sehen. Die Pfarrhausmauer ist aus groben Felssteinen und mit Weinlaub berankt und um an das Badezimmerfenster zu gelangen, müsste ich nur meine Füße in zwei Steine neben dem Fensterbrett auf dem ich klammere haken und mich zum Badezimmerfenster hieven. „Du musst meine Knöchel jetzt loslassen sage ich zum Tierarzt.“ Der Tierarzt sagt: „Ich werde mir das nie vergeben.“ Dann schüttle ich seine Hände ab und suche mir einen Felssteinvorsprung. „Ich denke bloß nicht umsehen, bloß nicht umsehen, oy oy oyoy, dann lasse ich den Rahmen los, und tripple wie eine Feldmaus nach links, kralle mich ins Weinlaub und meine Finger tasten sich langsam zum Badezimmerfensterbrett. Der Tierarzt ruft: „Mädchen zieh!“ Der Priester ruft: „Oh my g*d“. Ich mache: Ächz, ääääääächz, argh, würg, und dann rumpf weil ich mit dem Kopf gegen die Fensterscheibe knalle. Bumm. Die Fensterscheibe ist nur angelehnt und ich rufe: Tierarzt, mehr Licht nach links und fummle mit den Haken, die das Fenster vor dem Zuklappen bewahren sollen. Schnapp macht das Fenster, ich gebe mir einen letzte Ruck und purzle sehr unfräuleinhaft in das priesterliche Badezimmer. „Bin drin“, rufe ich nach unten. „Sie ist drin“ ruft der Tierarzt. „Halleluja“ ruft der Priester. Ich rapple mich auf, taste nach dem Lichtschalter und der Tür. Die Badezimmertür ist zu. „Priester“ rufe ich, die Badezimmertür ist zu.“ „Oh my g*d“ ruft der Priester. „Tierarzt das Fünfzehner Skalpell“ schreie ich. „Scheiße“ ruft der Tierarzt. Der Tierarzt wirft das Fünfzehner Skalpell in eine Gießkanne, ich löse den Gürtel aus dem priesterlichen Bademantel und hänge mich aus dem Fenster. Der Bademantelgürtel ist nicht lang genug. Der Tierarzt knüpft seinen Gürtel an die Gießkanne, steigt auf das Gartenbänkchen, ich lehne mich so weit ich kann aus dem Badezimmerfenster, aber die Gießkanne ist zu schwer. Der Priester wickelt das Skalpell in den Gürtel und schleudert den Gürtel zu mir hinauf. Bumm. Der Gürtel verhakt sich im Weinlaub, aber bis zum Weinlaub reichen meine Fingerspitzen. „Ich hab ihn“, rufe ich. Der Priester ruft: „Tanks be to g*d. Der Tierarzt seufzt. Meine Finger zittern so sehr, dass ich das Skalpell nicht in das Schloss bekomme. Einmal ausatmen.

Unten auf dem Kirchhof Geräusche. „Guten Abend, hier ist die Polizei. Die Frau des Krämers hat einen Einbruch gemeldet. Was machen sie hier, und wer sind sie?

Der Priester sagt: Ich bin der Priester und wohne hier.

Der Tierarzt sagt: Ich bin der Tierarzt und wohne nicht hier.

Und der Einbrecher ist noch drinnen? fragt der Polizist.

„Nein, rufen der Tierarzt und der Priester, das ist das Fräulein Read On, sie öffnet mit dem 15er Skalpell die Badezimmertür. Hmm, sagt der Polizist.

Ich habe endlich meine Hände beruhigt, das Skalpell dreht sich im Schloss, der Badezimmertürschlüssel fällt klirrend zu Boden, ich öffne die Tür, renne die Stiege hinunter, auf dem Herd ist die Milch eingebrannt und öffne die Haustür.

Vor mir stehen: zwei Polizisten, ein aufgelöster Priester, ein erregter Tierarzt und die Frau des Krämers: „Einbrecher“ kreischt sie aufgeregt, habe ich es doch gesagt. Dann fällt ihr Blick auf mich: „Fräulein Read On“ sagt sie erschreckt.

„Sie sind also das Fräulein Read On?“, sagt der Polizist. Ich nicke. „Angenehm“ sage ich. In einer Hand halte ich ein Skalpell, in meinen Haaren hängt Weinlaub und meine Wange hat zwei dicke Schrammen. „Ist das Fräulein Read On keine Einbrecherin?“ fragt der Polizist. „A nuisance she is“, sagt die Frau des Krämers, der Priester und der Tierarzt schütteln den Kopf. „Keine Gefahr im Verzug“, räuspert der Polizist in sein Funkgerät. „Ähm, sagt er, ich müsste einmal Ihren Ausweis sehen. Die Frau des Krämers wird rot, der Priester ist es schon, der Tierarzt blinzelt wütend und der Polizist und ich gehen zu mir herüber. „Es tut mir wirklich leid“, sagt er, 2die Umstände und so“. „Alles gut“ sage ich. Dann endlich fallen der Tierarzt und ich auf das Sofa. „Was machen eigentlich normale Menschen am Mittwoch Abend?“, frage ich ihn. „Vielleicht küssen die sich auf dem Sofa?“ sagt der Tierarzt. Ich hake meine Finger in seine Jeansschlaufen, der Tierarzt knöpft meine Bluse auf. Ich küsse einen Mundwinkel und er meine Nasenspitze. Dann klopft es. „Wir machen einfach nicht auf“, sagt der Tierarzt. Ich nicke. Es klopft fester. Der Hund beginnt zu kläffen. Der Tierarzt und ich rappeln uns hoch. Vor der Tür steht der Priester mit hochrotem Kopf: „Fräulein Read On, sagt er, ähm mein Schlüssel, ist der noch bei Ihnen?“ „Oh Priester“, sage ich natürlich, und fummele den Schlüssel aus meiner Tasche. Der Priester verlässt mit Schlüssel und hochrotem Kopf das Haus. „Warum ist er so rot?“, frage ich den Tierarzt. Der Tierarzt starrt auf meine Bluse. “Oh“, sage ich und wir müssen lachen. „Ausgeschlossen“, sage ich. Der Tierarzt pflückt Weinlaub aus meinen Haaren und ich lege eine Hand an seine Wange.

Der Tierarzt, die Frau des Krämers und die Sache mit Deutschland.

Die Ladenglocke klingelt noch schriller als sonst. „Ha, sagt die Frau des Krämers. Fräulein Read On, ich dachte sie hätten den Tierarzt nun endgültig entführt.“ Die Frau des Krämers wirft mir einen Blick zu, der schon stärkere Fräuleins aus den Schuhen geworfen hätte, aber die Frau des Krämers weiß nicht, dass es da einmal einen Oberarzt gab, der mit Skalpellen warf und so laut brüllte, dass unten in der Pathologie Tote nach ihren Schlüsseln suchten. Ich wünsche der Frau des Krämers also auch einen guten Abend.

Schon aber schellt die Glocke erneut und Tierarzt steht auch im Geschäft. Die Frau des Krämers streicht sich die Haare hinter ihr Ohr und hätte sie eine Puderdose, jetzt käme sie zum Einsatz und flötete: „Ach Tierarzt, ihr Kälbchen hat sie ja sooooo vermisst, und wir Sie natürlich auch.
Der Tierarzt hat feuchte Augen, denn natürlich hat er den ganzen Nachmittag ( das Fräulein arbeitete ) mit Kälbchen im Heu gelegen und ihm Karottenblumen geschnitzt.

„Na Tierarzt, nun erzählen Sie doch mal, sagt die Frau des Krämers, wie ist es Ihnen den ergangen in Deutschland?“ und ich suche derweil nach Vanille und Backpulver

„Deutschland ist schön!“, sagt der Tierarzt und Rügen noch schöner.“

„Aber Irland ist auch schön“, sagt die Frau des Krämers und holt tief Luft.

„Irland ist anders“, sagt der Tierarzt und schaut die Frau des Krämers trotzig an.

„Aber das Wetter muss fürchterlich gewesen sein, überall Wolken und Regen!“ schnarrt die Frau des Krämers, sie habe das alles im Internet nachgesehen.

 Der Tierarzt aber schüttelt den Kopf: „Man muss selbst dort gewesen sein“, sagt er: „In Deutschland, Frau des Krämers ist selbst der Regen warm“ und der Tierarzt zwinkert mir zu, denn zwei kleine Nichtenkinder haben mehr als einmal einen Eimer sonnenwarmen Wassers über ihm ausgegossen. „Die Wolken in Deutschland müssen Sie wissen, sind alle Schäfchenwolken und sehen Sie doch nur das Mädchen ist ganz braun.“

Die Frau des Krämers rümpft ihre Nase. „Die Bäuerinnen waren früher auch immer alle ganz braun, knurrt sie und lobt die blasse Eleganz ihrer Tochter und zeigt dem Tierarzt auch ihre fast perlweißen Arme. Der Tierarzt aber schüttelt den Kopf: „Je dunkler, je besser.“ Ich versuche nicht zu kichern und staple, Milch, Eier und saure Gurken auf die Ladentheke.

„Aber, und nun ist die Frau des Krämers wieder siegesgewiss, das Essen in Deutschland muss schauderhaft sein: Sauerkraut und Sausages und dicke Kuchen und sie rudert mit den Armen: Kartoffelsalat.“ Der Tierarzt aber schüttelt wieder und deutlich energisch den Kopf: „Aber Frau des Krämers, die Deutschen lenken den Rest der Welt nur ab mit Wurst und Kraut. Die Deutschen haben Sanddorn. Die Frau des Krämers versucht das Wort zu wiederholen. S-A-N-D-D-O-R-N wiederholt der Tierarzt noch einmal. The best in the whole wide world. „Wir haben eine ganze Kiste Sanddornsaft mitgebracht“, sage ich und lege Äpfel und ein Stück Parmesan zu den restlichen Dingen. Die Frau des Krämers starrt den Tierarzt fassungslos an- Sanddorn krächzt sie und der Tierarzt sagt: Am Besten ist Sanddornsaft lauwarm. Der Tierarzt aber ist schon weiter und fügt hinzu, was er noch alles gegegssen hat: Matjes in Buttermilch, ein Viertel Stück Geburtstagskuchen, Pfannkuchen mit Johannisbeeren frisch vom Strauch, eine Marzipankartoffel, ein halbes Samosa, grüne Haribo Frösche und Spinat mit Ei ( singen Sie an dieser Stelle bitte ein Loblied auf meine liebe C. die Kinder und den Tierarzt ) mit ihrer Sanftmütigkeit aus Eisenstahl an den Tisch bekommt. Die Frau des Krämers aber stößt noch einmal Sanddorn hervor wie ein Stoßgebet und der Tierarzt ist gleich dabei ein neues Loblied auf den Wundersaft anzustimmen. „So gesund,Frau des Krämers.“ Ich bringe Senf und Schokolade an und der Tierarzt strahlt die Frau des Krämers an, die ganz gegen ihren Willen natürlich doch weiche Knie bekommt, denn nicht umsonst sind die Damen Krämer ja dem Tierarzt und seinem 200 Watt Lächeln verfallen und man sagt zwischen Dublin und Dingle sind selbst Hühner von der Stange gefallen, nur weil der Tierarzt sie anstrahlte und sagte: Mesdames, Sie hatten eine Wurmkur bestellt?

Die Frau des Krämers aber hält sich mit beiden Händen am Ladentisch fest und holt zu einem letzten Schlag aus: „Aber Tierarzt, Deutsch muss doch eine schreckliche und schrecklich schwere Sprache sein und dann äfft sie ein kläffendes Gebell nach, dass sie sich bei deutschen Touristen abgeschaut hat. Aber der Tierarzt ist nun ernstlich empört und baut sich vor ihr auf und rattert alle seine Vokabeln herunter: Hallöchen-Moin-Mädchen-Sanddorn- Eis- nech-Hund-Katze-Maus-Mädchen-bittedankegerne-Bötchen-Kälbchen-Mädchen-Kreidefelsen-ihrMäuseEssenSchlafenBaden-Hier Mädchen-Dort Mädchen, Küsschen-JonnyguterJunge-Halt-Mädchen weiß Deutsch- herunter und die Frau des Krämers ist indessen zu einer Salzsäule erstarrt. Aber der Tierarzt ist noch nicht fertig und zieht mich zu sich heran und sagt: Listen: „Deutsch ist Mädchensprache.“ Dann küsst der Tierarzt mich ziemlich eindeutig und mir fällt fast die Milchflasche aus der Hand. Die Frau des Krämers atmet schwer. Aber der Tierarzt strahlt und dann fällt dem Tierarzt noch ein Wort ein: Leuchtturm und als die Frau des Krämers wenigstens den 2. Weltkrieg ins Feld führen will, erklärt der Tierarzt der Frau des Krämers, dass die Deutschen ihre Hunde in Wägelchen und gepolsterten Körben spazieren fahren und fährt sich durch das Haar. Wenn der Tierarzt sich durch das Haar fährt, sieht er immer ein bisschen so aus wie der Mann aus der Davidoff Cool Werbung nur eben sehr, sehr viel dünner und die Frau des Krämers wird immer sehr rot, wenn der Tierarzt sich durch die Haare fährt, wie auch die Hühner, Schafe und Kälber zwischen Dublin und Dingle, nur das Fräulein kramt nach Haferflocken und versäumt das Spektakel, als die Haferflocken auf der Theke liegen, sagt der Tierarzt mit Dustin Hoffmann Lächeln noch einmal: Germany is so sexy.

Die Frau des Krämers ist kurz vor der Ohnmacht, ich krame nach dem Geldbörsel und das letzte was wir von der Krämersfrau für heute hören ist: 28, 93 Euro, bitte.

„Germany is so sexy?“, sage ich zum Tierarzt als wir wieder auf der Straße stehen. Der Tierarzt fährt sich noch einmal durch sein Haar und nickt: „so sexy Mädchen.“ Zwei Frauen mit Kinderwagen bleiben stehen und starren dem Tierarzt unverhohlen hinterher. Die Frau des Krämers steht noch immer unbewegt hinter dem Tresen und hebt matt die Hand und wir kichern erst als die Haustür im Oberland sich knarrend hinter uns schließt.

 

 

Morgenstunde

Am Morgen aber früh aufwachen, der alte Reisewecker meiner Großmutter zeigt dreiviertelfünf. Vorsichtig eine kleine Königin von meinem Bauch herunterschieben und wieder zudecken mit dem bunten Plaid. Den Tierarzt sieht man kaum, denn zwei Nichten und ein Neffe liegen kreuz und quer auf ihm herum. Die Luft anhalten, ein Kleid und die Schuhe nehmen und auf Zehenspitzen die alte, knarrenden Bodentreppe heruntertappen. Die Treppe schläft zum Glück wie das ganze Haus. Dem Tierarzt lege ich einen Zettel unter den blauen Milchtopf. Dann drehe ich den Schlüssel noch immer mit angehaltenem Atem im Schloss herum. Regennass ist das Gras und vom Reeetdach taumeln noch immer Wassertropfen herunter, die Stockrosen lehnen schwer gegen den Zaun und ich hole ein Fahrrad aus dem Schuppen. Aber noch immer mit angehaltenem Atem, denn es gilt weder den Hofhund der Nachbarn zur Rechten noch den Hahn der Nachbarn zur Linken zu wecken. Denn wenn der Hofhund erwacht, kläfft er den Hahn auf der Stange wach und ist der Hahn wach, so steigt er schnurstracks auf den Misthaufen und steht der Hahn auf den Misthaufen, dann verwandelt er sich augenblicklich in Enrico Caruso und schmettert eine Arie und dann eine zweite und spätestens dann ist das ganze Dorf wach, vor allem aber springen dann auch drei Nichten und ein Neffe aus dem Bett und krakeelen und niemals käme ich allein an die See. Der Hofhund aber schnarcht noch selig und der Hahn und mit ihm seine Hühnerdamen schlummert heiter. Ich springe endlich aufs Rad und atme aus. Die Kühe, die der Tierarzt so schätzt, haben noch Schlaf in den Augen und blinzeln ins frühe Sonnenlicht, die Straße ist menschenleer und kein einziges Auto fährt mir entgegen. Ich fahre Schlangenlinien und pfeife ein Lied. Links von mir liegt der See, das Schilf macht Morgengymnastik und wiegt sich taktvoll von links nach rechts und wieder zur Seite und in die Mitte und dann wieder von vorn. Im Wasser schwappen Segelboote, weiß und blau, Masten knarren und die Taue gähnen müde. Ich jedoch, ich fahre weiter, schneller, schneller ruft der Wind und klingt ganz entfernt wie eine kleine Königin, die unter einem bunten Plaid selig weiterschläft. Zum Meer fährt man durch ein Kiefernwäldchen. Auf dem Boden Sand und Tannennadeln, über mir rauschen die Wipfel der Bäume. Auch sie sind noch immer reichlich verschlafen und gähnen mir Nadeln ins Haar. Am Strand liegen Fischerboote. Schwere Kähne, schwarz von Teer, alte Bohlen, am Bug klebt fester Muschelkalk. Die Boote heißen Undine, Suntje und Margarethe. Feste Namen für schweren Seegang. Die Netze der Fischer trocknen schon und nur zwei gelbe Kisten erzählen noch vom Sturm der Nacht. Ich aber fahre noch ein Stück weiter, noch ein Stück tiefer hinein in den Kiefernwald, und lehne schließlich das Rad an einen Stamm. Im Stamm sind zwei Herzen eingeschnitten: R. und J. und ein grobes Herz. Immer lehne ich hier das Rad an den Baum aber noch niemals habe ich R und J getroffen und wer weiß vielleicht hat J. R. schon aus dem Herzen gestrichen und R. J. nicht einmal mehr im Adressbuch zu stehen. Dann werfe ich die Pantinen in den Fahrradkorb, und unter meinen Füßen knacken Tannennadeln, Kienäpfel liegen im kühlen Sand, der Strandhafer und das Dünengras wiegen die Köpfe, ich streife mir das Kleid über den Kopf und renne schon los und hinein in das schäumende Wasser, kalt schlägt die Ostsee über meinem Kopf zusammen und für einen Moment sind da nur noch Meer und Luft und kalte Seligkeit. Dann aber doch auftauchen und weit und weiter hinaus in die See hinein, die See schimmert flaschengrün und weißer Schaum tanzt auf den Wellen. Bis zu den weißen Bojen schwimme ich, der Strand ist nur noch ein schmaler Streifen, fast vergessen lässt sich das Land, fern und fern entschwindet die Welt und ich schwimme nur langsam ans Ufer zurück. Zurück durch den Kiefernwald, ein letzter Blick auf die Fischerboote, die Straße zum See einschlagen an den alten Bädervillen vorbei mit ihren Verranden auf denen noch niemand sitzt mit einer Tasse Tee in der Hand, zurück an der Kuhweide vorbei, die Kühe sehen gutmütig zu mir herüber und schon biege ich ein in das Dorf und von fern schon blitzt das Reetdach herüber. Natürlich kläfft der Hofhund schon wie von Sinnen, fahre ich die Dorfstraße entlang, der Hahn schreit als ginge es ihm ans Leben und auf dem Walnussbaum übt der Krähenchor für das nächste Sängerfest. Ich lehne das Fahrrad gegen den Schuppen und schließe vorsichtig die Haustür auf. Ich komme bis zur Küchentür. Auf dem Küchenstuhl sitzt eine kleine Königin mit strengem Gesicht. Die kleine Königin sieht finster zu mir herüber: „Wer sich wegschleicht, der muss in den Kerker.“ Ich fasse mir erschrocken ans Herz. „Aber wenn ich im Kerker lande, kann ich dir keinen Kakao mehr machen und keine Waffeln backen.“ Die kleine Königin zieht sich zur Beratung mit Kanzler Bär zurück. Ich koche einen riesigen Topf Kakao und rühre Waffelteig an. „Knarrend öffnet sich die Küchentür. „Dir sei vergeben, murmelt eine kleine Königin.“ Ich bin sehr erleichtert nicht im Kerker zu landen und siebe vorsichtig Kakao und Puderzucker auf die königliche Waffel. In Ermangelung eines Gongs schlägt die Königin mit einem Löffel gegen einen Topf. Dreißig Sekunden später rennen zwei Nichten und ein Neffe, gefolgt vom gähnenden Tierarzt die Treppe hinunter und stürzen sich wie die jungen Raubtiere auf Waffelberge und Kakaobecher, dazu singen sie so schief wie schön Räuberlieder und die kleine Königin schlägt den Topf dazu. Endlich verstummen der bellende Hofhund und der kreischende Hahn gegen die Kinder aus der Krachmacherstraße haben sie nicht den Hauch einer Chance.