Kurze Notizen

Am Morgen mit den Füßen im Garten stehen.

Tau an den Fußsohlen.

Nur vorsichtig auftreten. Was weiß man schon über die Feen, die morgens im Garten tanzen?

Die alte Freundin Wildtaube schlief noch.

So früh. Immer so früh.

Dem Tag, die Minuten aus der Tasche ziehen.

Manchmal frage ich mich doch, wie lange der Tag sich das noch gefallen lassen wird.

Im See geschwommen.

Auf dem Rücken gelegen und langsam, langsam im Kreis gedreht.

Dann bricht der Tag hinein.

Mit dem Tag kommen die Zweifel, aber das stimmt nicht. Ich habe auch Zweifel in der Nacht. Es sind nur andere Zweifel.

Zum ersten Mal die roten Birkenstock-Sandalen angezogen.

Große Liebe und pinke Zehennägel.

In der S-Bahn stadteinwärts sitzen sieben Männer mit weißen Hemden. Zwei haben die Hemdsärmel aufgekrempelt, einer trägt das Hemd weit offen, seine Freundin krault ihm das Brusthaar. Mein Bärchen sagt sie. Die anderen weißen Hemden sind hochgeschlossen.

Berlin-Mitte ist voller Leihfahrräder. Leihfahrräder sind das Letzte was Berlin-Mitte noch braucht. Die Fahrräder sind gelb und heißen ofo. An der Ampel sitzt eine Frau auf dem Boden. Sie sammelt Geld in einem alten Becher. Ein Mann wirft sein leeres Brotpapier in den Becher. Sie zuckt nicht zusammen.

Eine Frau in einem Erdbeerhäuschen schminkt sich die Lippen nach.

Dunkellila.

Es ist merkwürdig. So viel in Mitte hat lange schon geschlossen, aber der Bubble-Tea Laden ist immer noch da. Eine Schulklasse trinkt dort bunten Tee aus riesigen Plastikbecher. Die Jungen stecken sich die Perlen in die Nase. Die Mädchen kreischen.

Im Bioladen klärt eine Frau ihre Beziehung vor der Stiege mit Süßkartoffeln. Sie sagt: „Verkauf mich nicht für dumm!“ Sie würgt eine Kartoffel und gleich darauf packt sie den Lauch und schreit: „Das mit deiner Mutter werde ich dir nie verzeihen.“ Man kann den Lauch weinen hören. Ich gehe ohne Süßkartoffeln aus dem Bioladen.

Auf einer Bank gesessen.

Einen Apfel gegessen. Apfelschorle getrunken.

Ich bin jetzt Verkaufsberaterin sagt eine Frau zu ihrer Freundin.

„Wo?“, fragt die Freundin.

„Bei Primark“, sagt sie.

Ihre Freundin schnaubt. „Da kaufen doch nur Assis ein.“

Alle Frauen in Berlin-Mitte sind so schön.

Ich seufze und nehme meine Tasche.

Mein Vater ruft an. Er hat den Kashmirpullover der lieben C. zu heiß gewaschen. Verzweiflung. Er übt Gesprächsanfänge: „Oh Du Tausendschöne, kein Pullover reicht an Deine Augen.“

Lieber nicht, sage ich.

„Sagst du es ihr?“

„Ja“, sage ich.

„Süße, mein Vater hat deinen Kashmirpullover zu heiß gewaschen.“

Die liebe C. lacht.

„Ich weiß, dein Vater ist wie ein zahnschmerzgeplagter Bär umher geschlichen.“

Niemand lacht so wie die liebe C.

Ein Lachen für die Dunkelheit.

In der S-Bahn weiter in David Sedaris Tagebüchern gelesen. Auf der Rückseite, loben die Kritiker den Humor und die Ironie.

Im Buch wird auf jeder zweiten Seite, eine Frau erschlagen, bedroht, vergewaltigt, gedemütigt, bestohlen. Nicht von Sedaris selbst, sondern in dem Leben, dessen Teil er ist. Schwer ist es das zu lesen. Eine gewaltige Welle aus Tätlichkeiten, Seite für Seite. Bedrückend und bleischwer fällt das Buch zurück in die Tasche.

Ein Mann starrt mich an, als ich ihn bitte seinen Rucksack vom Sitz zu nehmen, damit ich sitzen kann. Er seufzt über mein Anliegen, als müsse er einen Stein einen Berg hinaufwälzen. Eine ältere Dame sagt zu mir: Dass Sie sich das trauen!

So habe ich das noch nie gesehen.

Endlich zurück im Wald.

Erdbeeren kaufen, aber nicht aus einem Erdbeerhäuschen. Das Wort schon ist mir unbehaglich. Die Verniedlichung von Landwirtschaft ist mir immer seltsam gewesen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich im Garten auch Erdbeeren ziehe. Ob für mich oder die Schnecken ist weiter fraglich.

Barfuß über die Dielen.

Eine Dreiviertelstunde Klavier.

Mehr Arbeit.

Wasser der alten Freundin Wildtaube gereicht.

Das Fenster weit aufgemacht, um der Geigenschülerin der Nachbarin zuzuhören.

César Franck.

Zwei Postkarten geschrieben.

Einen Vortrag gelesen.

Ein Fenster geputzt.

Auf dem Fensterbrett sitzt die Müdigkeit und schaukelt mit den Beinen.

Ein Fuchs auf der Straße.

Eine durchgebrannte Glühbirne.

Auf meinem Zeigefinger: ein Marienkäfer.

Windschatten

Der Tierarzt besucht seine Vergangenheit und L. sagt: „Komm wir sind am See.“ Ich komme spät, Freitag Nacht, eine Handvoll Schlaf, zu mehr reicht es nicht. Am Morgen mit dem Oldsmobile zu Herrn Yilmaz. Vier Kilo Orangen, eine Tüte voll Mispeln, Erdbeeren, Schafskäse, Ziegenkäse, warme Sesamkringel. Herr Yilmaz sagt: „Fräulein Read On, Sie sind ja noch eiliger als sonst. „Weintrauben“, sage ich brauche ich noch. Herr Yilmaz nickt: „Fräulein Read On, was machen wir nur mit Ihnen?“ Ich zucke mit den Schultern und Herr Yilmaz poliert einen Apfel an seiner Schürze. Ich winke und bevor ich wieder ins Oldsmobile steige, kaufe ich einen Arm voller Pfingstrosen. Die Ampel ist rot. Das Restaurant Dubrovnik hat während der Bauarbeiten geöffnet, lese ich. Dann durch die Stadt auf den Friedhof. Zwei irische Steine, ein Großmuttergrab.

Lange stehe ich dort und dann fahre ich weiter. Autobahn. Ein Polizeiauto, dann Stau. Motor aus. Ein Buch in der Tasche. Links eine Baustelle. Geröll und ein hellblaues Dixieklo. Patrick Melrose nimmt Drogen in New York. Ich rufe die L. an: „Mach langsam“, sagt sie. Aber wir stehen ohnehin. Der Verkehrsfunk sagt: „Das dauert länger.“ Neben mir legt ein LKW-Fahrer den Kopf auf das Lenkrad. Vor mir steht ein Wohnmobil. Der Mann und die Frau klappen Campingstühle auf, sitzen am Rand, sie pellt Eier, er beißt in eine Stulle. Sie hält das Gesicht in die Sonne. Die Eierschalen werfen sie an den Straßenrand. Ein Mann steigt aus dem Auto aus und zieht an seiner Krawatte. Er schreit in sein Telefon. „Ich nehm noch Käffchen“, ruft die Frau. Der Mann verschwindet im Wohnmobil. Der Mann mit dem Telefon, blafft das Ehepaar an: „Wie blöd kann man sein mitten auf der Autobahn.“ Der Mann aber mit der Butterstulle in der Hand sagt: „Hier bewegt sich nüscht, junger Mann.“ Der Mann reißt sich die Krawatte herunter und dreht sich um. Der Mann mit der Stulle hebt den Daumen. Eine Stunde später geht es weiter. Autobahn der Freiheit steht auf einem Schild. Kiefernwälder, ich nehme die Landstraße. Vor vielen Jahren, da fuhr meine Großmutter noch im Oldsmbile mit. „Komm, sagte sie, Kind ich zeige Dir Deutschland.“ Wir hatten Fontane im Rucksack. Kremmen steht auf einem Schild, ich biege links ab.

Einmal lagen wir auf einer Wiese, märkischer Sand, ich hatte eine Schwäche für Innstetten, aber sie habe ich geliebt. Ich halte nicht an am Schild. Ich wandere schon lange nicht mehr mit Fontane unter weißem Sand entlang. Aber ich sehe sie und mich noch immer dort liegen, mein Kopf auf ihrem Arm. Ihre Hände waren immer kühl. Meine Großmutter war ein Gebirgsbach.

„Tust du mir eine Liebe?“, fragt die L. „Immer“, sage ich. Die L. hat Butter vergessen. Der Supermarkt heißt Norma. Kerrygold heißt die Butter. Ein Mann schreit eine Frau an: „Scheiß Wessis- kaufen uns das ganze Grillfleisch weg.“ Die Frau starrt den Mann an und eilt zur Kasse. Auf dem Parkplatz fotografieren Touristen das Oldsmobile. Ein Mann erklärt mir etwas über ein Oldtimer-Museum, wo er einmal war und dann sagt er plötzlich und unvermittelt: „Seit zehn Jahren hatte ich keinen Sex mehr.“ Erst dann sehe ich das Bier in seiner Hand und die Pfeffi-Flaschen in der Jackentasche. „Alles Gute“, sage ich. Der Mann nickt. 1990er Party mit DJ Katze steht auf einem Schild. Ich fahre weiter. Die Straßen werden schmaler, Einfamilienhäuser neben Plattenbauten. Die, die es geschafft haben, sehen auf die, die zurückblieben. Die Grenze verläuft nicht zwischen West und Ost, sie verläuft zwischen Poetenweg und der Straße des Friedens. „Drauf geschissen“, neue Sonderausstellung steht auf einem Plakat und eine Burg ist auf dem Plakat abgebildet.

Noch fünf Kilometer bis Neu-Boston, ich fahre weiter. Links blühen die Akazien. Weiße Tränen als Blüten. Militärisches Übungsgelände steht auf dem Schild. Eine merkwürdige Vorstellung, dass den Soldaten Blüten in die Augen fallen, während sie durch den Sand rennen oder ein Panzer zerdrückt die Blüten. Die Bundeswehr übt im Kiefernwald. Eine Akazienarmee. Meine Großmutter hätte gelacht. „So, so, Kind“ und ich weiß noch wie ich vor den Fontanewanderungen, viele Jahre früher, als wir durch Deutschland fuhren und ich die Bäume zählte, sie immer fragen wollte, warum sie als man sie holte, sie sich nicht in dem dichten deutschen Wald versteckte. Aber ich habe die Frage heruntergeschluckt bis ganz zuletzt.

An der Ampel links abbiegen, hat die L. mir aufgeschrieben, fast hätte ich es verpasst. Das Oldsmobile aber, der treue Freund aber seufzt nur ein kleines bisschen. Das Tor ist offen. Schloss Hubertushöhe. Einmal ging hier der Kaiser jagen. In der DDR Lehranstalt für Binnenfischerei. Für ein paar Jahre Hotel. heute ist es leer. Die L. und der O. haben hier eine Ferienwohnung. Ich stelle das Oldsmbile in den Schatten. Die L. läuft mir entgegen. „Halt mich fest, bitte halt mich fest“, denke ich. Ich sage: „Schön Dich zu sehen“, sage ich. Die Einkäufe nach oben.

Mit bloßen Füßen auf den Steg. Schon immer Wasser. Kalt ist das Wasser. „Halt mich fest“, denke ich, „halt mich fest.“ Eine Kanufahrerin erschrickt sich vor mir im Wasser. „Nein“, sage ich, kein Krokodil. Auf dem Steg sitzen schließlich, Wassertropfen auf dem Rücken, in den Haaren, blaue Lippen. Am See werden Forellen geräuchert. Kaffee und Kuchen macht 4, 50 Euro. Die L. legt mir das Handtuch über den Rücken, die Sonne legt ihre Arme um mich. Von rechts dann ein Segelboot. Flatterndes Segeltuch, von fern schon winkt der F. Die Arca, das Boot meiner Mutter ist schon im Süden. Bald geht auf der F. auf große Fahrt. Heute legt er an. Why not, heißt sein Boot. „Why not, sage ich“, als er anlegt und mir die Hand hinhält. Der Wind steht gut.

Woanders ist es auch schön

Ein Wort.

Kikeriki.

Schlecht wird einem beim Lesen,unaufhaltbar kalt wird die Welt angesichts dieser Geschichte von Missbrauch und Gewalt.

Bauwerke haben ja heute immer oft größenwahnsinnige Preise und dann sind sie da und groß und fertig, aber das hier ist anders, leiser, schöner und wie ich glaube auch klüger .

Das klingt nach einem Buch, das ich unbedingt lesen will.

Ich muss zugeben, ich bin der letzte Mensch, de noch nie etwas von Stephen King gelesen hat, aber grusle mich mich sehr vor Büchern, in denen hinter der nächsten Tür immer schon einer mit dem Messer lauert. Ich bin aber überhaupt im 19. Jahrhundert stecken geblieben und manchmal fragen mich Studenten, ob ich nicht Benedict Cumberbatch super hot finden würde und ich muss dann ein intelligentes Gesicht machen und weiß doch nicht, ob der Mann singt oder schauspielt. Stephen King jedenfalls hat eine Geschichte geschrieben, die Ihnen nicht vorenthalten werden soll und vielleicht raten Sie mir in den Kommentaren, ob es ohne Messer ausgeht.

Oldie but Goldie, aber sowas von.

Magnus Hirschfeld war unbeirrt und bleibt ein großes Vorbild in Sachen Sexualaufklärung.

Tierarzt, wir brauchen noch Musik. Der Tierarzt nickt und und schon singt whenyoung in mein Ohr. Eines dieser Lieder bei denen man mitsingen muss.

Graue Ränder

Am Morgen ist alles grau. Das Meer ist nur ein grauer Fleck, Nebel über den Wiesen, die Spitze des Kirchturms St Sylvester fast verschwunden, die Kastanien auch sie grau und verlegen am Straßenrand. Der Hund ist ein grauer Fleck im Garten. Der Tierarzt sucht seine Uhr, ich nehme die Tasche vom Stuhl. Wir fahen ins Krankenhaus. Grau liegt die Straße vor mir, das Unterland ist nur noch ein grauer Fleck im Augenwinkel, schon sind wir vorbei gefahren, die Straße führt am Meer vorbei. Das Meer ist ein grauer Spiegel, blind geworden in den Jahren in denen sich niemand mehr die Haare machte vor dem teuren venezianischem Glas. „Bitte nimm mich wieder mit“, sagt der Tierarzt, verdreht seine Hände. „Ja“, sage ich, das Milchauto hupt. „Versprich es mir“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich und das Milchauto biegt nach links ab und ich fahre immer weiter geradeaus. Im Radio graue Nachrichten, das Radio an, das Radio aus.

Im Krankenhaus warten wir. Grüne Stühle, graues Linoleum, der Tierarzt grau im Gesicht, aber vielleicht ist das auch nur eine Metapher, auf dem Flur sitzen sonst nur Mädchen, die Mädchen sind jung und so dünn und sofort beginne auch ich abzuwägen, ob ein Mädchen wohl dünner ist als der Tierarzt, aber der Tierarzt ist ein Schatten, längst außerhalb der Hungerkämpfe der Mädchen auf dem Flur. Sie alle halten Wasserflaschen in den Händen. Sie erkennen den Tierarzt als einen von ihnen.Sie nicken ihm zu. Der Tierarzt hält meine Hand. „Lass mich nicht hier“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich. Der Tierarzt ist dünner als sie. Sie sind noch keine Schatten. „Lauft möchte ich Ihnen sagen, lauft vor dem Hunger davon.“Die Mädchen haben müde Augen. Ich sage nichts. Die Ärztin kommt. „Tierarzt“, sagt sie und der Tierarzt lächelt. Es ist ein graues Lächeln, hilflos, neblig, es verbirgt ja nichts mehr. „Kommen Sie“, sagt sie und nickt mir zu. „Wollen Sie hier warten?“, sagt sie zu mir. „Ja“, sage ich.

Mir fällt an diesem Ort nichts anderes ein. Die Mädchen trinken aus den Wasserflaschen. Heute wird gewogen. Ich habe noch nie eine Waage besessen. Als ich so alt war, wie die Mädchen wollte ich wissen, wie man ein schönes Mädchen wird, wie man richtige Brüste bekommt, wie man. Ich habe es nicht herausgefunden, ich weiß nicht was die Mädchen herausfinden wollen. Sie tragen Trainingsanzüge aus rosa Plüsch. Die Trainingsanzüge sind alle zu groß, sie reden über Bauchfett. Der Tierarzt hatte drei Waagen. „Warum Drei?“, fragte ich ihn damals. „Die vierte Waage ist kaputt“, sagte er. Dann sagte ich nichts mehr.

Das Linoleum wellt sich unter meinen Füßen. Grau ist das Meer. Ich lese die Zeitung und lese die Zeitung nicht, ich trinke Tee, den Tee bringt die Krankenschwester. „Here hun“, sagt sie und sie lächelt als ich sage: „Ja.“ „Mit Zucker?“ „Ja“, sage ich. Sie strahlt. Ich trinke den Tee und zerdrücke den Plastikbecher. Ein Telefon klingelt. Niemand antwortet. Nach jeder Minute macht der schwarze Zeiger der Uhr: Tock. Viele Tock später kommt der Tierarzt zurück. „Kann ich Sie einen Moment sprechen?“, sagt die Ärztin zu mir. „Ja“, sage ich und sehe den Tierarzt an. Der Tierarzt nickt und versteckt seine Hände. „Ich will nur wissen, ob es Ihnen gut geht“, sagt die Ärztin. „Ja“, sage ich. Was soll ich sagen? „Die Verantwortung“, sagt sie. „Sie haben meine Mutter nicht gekannt“, sage ich. Sie sieht mich an. Graue Augen, vielleicht auch grün wenn die Sonne scheint. „Oh“, sagt sie. „Ja“, sage ich und sie nickt und wir schweigen. „Hier ist meine Nummer“, sagt sie. „Rufen Sie mich an, wenn.“ „Ja“, sage ich und sie lächelt und ich lächle und dann gehe ich zurück.

„Komm“, sage ich und wir gehen hinaus auf den Parkplatz und dann sitzen wir im Auto. Der Tierarzt zittert. Kalte Hände. Die Heizung an. Die Scheiben beschlagen. Der Tierarzt atmet aus, ich atme ein. „Du hast mich nicht zurückgelassen“, sagt er. „Nein“, sage ich. „Nein.“ Neben uns hält ein Auto, eine Mutter bringt ein Mädchen in die Klinik. Dann fahren wir nach Haus. Der Tierarzt nimmt den Wetterfleck vom Haken. „Weiteratmen“, sagt er. „Ja“, sage ich.

Ich mache Tee, telefoniere, lese die Zeitung doch, schreibe etwas auf, streiche etwas durch, hänge Wäsche ab, hänge Wäsche auf, mahle Kaffee, setze Reis auf, sehe in den Nebel hinaus und suche nach den Kronen der Kastanien, der Hund sucht einen Ball. Der Tierarzt kommt zurück. Im Radio verliest ein Nachrichtensprecher den Tod von Thomas Wolfe. „Irgendwann, sagt der Tierarzt habe ich einmal „Schau Heimwärts Engel“ gelesen. Ich erinnere fast nichts mehr. Nur das Eine noch, die Beschreibung einer Speisekammer. Eine prächtige, gefüllte Speisekammer mit allen möglichen Dingen war das. Dinge, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, Käsesorten und Obst, Weinbrand, alle möglichen Dinge, die niemand in Tipperary jemals gesehen hat. Dinge, die es bei uns nicht gab. Zu einem richtigen, vollständigen Leben, stellte ich mir ein Haus, vor mit genau so einer Speisekammer, ein Leben in dem man eine Speisekammer hat, wo niemand schreit, wo keine Stühle fliegen, wo und dann bricht der Tierarzt ab. Er lacht, er lacht so laut und hohl, wie er niemals lacht, er lacht so lange bis er weint.

Immer schon habe ich geglaubt, das Lachen und Weinen eigentlich dasselbe sind.

„Ja“, sage ich schließlich, denn mehr fällt mir nicht ein.

Unter den Ärmeln

Am Dienstag Abend spät ist es da schon, im Flugzeug zurück auf dem Weg nach Irland da erinnere ich mich wieder an jenen Satz den ich vor Jahren einmal auf einer Konferenz hörte: „Den Hunger sieht man an den Handgelenken.“ Unsinnig kam mir der Satz damals vor, noch dazu auf jener Konferenz auf der es um nichts anders ging als die Offensichtlichkeit, dass Menschen vielerorts hungern und zwar so hungern, dass man nicht erst ihre Handgelenke besehen muss, um sich dessen gewahr zu werden. Menschen hungern. Punkt. Das dachte ich damals und ich verwarf den Satz als eine Überflüssigkeit. Ich war jung damals und hochnäsig wohl auch, denn mir schien der Satz pure Verschwendung.

Aber so viele Jahre später holt der Satz mich dann doch ein. Im Flugzeug nämlich sehe ich aus dem Fenster, unter mir verschwindet die Stadt Berlin und wir fliegen hoch und höher in die Dunkelheit hinein. Der Tierarzt neben mir schläft, tief fällt ihm das Haar and die Stirn und sein Kinn liegt dort wo mein Ohr beginnt. Der Tierarzt atmet ganz leise und ich zähle mit. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen und wieder von vorn. Dann sehe ich auf seine Handgelenke. Seine Handgelenke sind dünn, aber das ist nicht neu, das weiß ich doch, aber dann fällt mir etwas auf, was ich nicht gesehen habe oder nicht sehen wollte, dass ist ja oft ein und dasselbe. Seine Handgelenke sind so dünn, dass die Haut die Knochen nicht mehr hält und die Haut über den Handgelenken ist so dünn, so dünnes Pergamentpapier, dass sein Hemd sich durch die Haut scheuert und die Knochen sich durch die Haut drücken. Blutige Ringe hat der Tierarzt, wo andere Menschen und vielleicht auch Sie und ich Handgelenke haben. So kommt der Satz zu mir zurück in dem dunklen Flugzeug in dem zwei Frauen Gin trinken, ein Mann ein Buch von Idriss Aberkane liest und eine andere Frau den Verlust ihres linken Fingernagels beklagt. Sie sagt zu ihrer Freundin: „Ich habe ihn mir so lange heran gezüchtet und jetzt ist er einfach abgebrochen.“ Sie spricht über ihren Fingernagel wie über einen lange verlorenen Freund. Ihre Freundin will sie trösten, aber sie und ihr Verlust wollen nicht getröstet sein. Der Tierarzt schläft und ich starre auf seine Handgelenke und dann fällt er mir wieder ein jener Satz: „Den Hunger sieht man an den Handgelenken.“ Man entkommt einem Satz nicht einfach so.

Kurz vor der Landung wacht der Tierarzt auf. „Alles gut?“, sagt er und ich nicke und packe mein Buch ein, suche mein Tuch, dann den Mantel, sehe nach ob der Hausschlüssel wirklich in der Tasche ist. „Komm“, sagt der Tierarzt und hält mir die Hand hin und wir gehen aus dem Flughafen heraus und suchen auf dem Parkplatz nach dem Volvo. „Fahr Du, sagt der Tierarzt, ich bin so müde.“ Das ist der Hunger, der Hunger lacht und der Hunger schläft nie. Ich fahre durch die dunklen Straßen, Wald, Kurven, dann das Meer, schließlich die Dörfer, endlich dann unser Dorf. Erst Unterland, dann vorbei am Kirchturm St Sylvester. Motor aus.

Das luggage holdall, ein Rucksack, meine Tasche. Die Katze liegt auf dem Fensterbrett, der Tierarzt umarmt den Hund, ich trinke ein Glas Wasser. „Es ist schon spät“, sagt der Tierarzt. „Ich habe Deine Handgelenke gesehen“, sage ich. Ich fange nicht an zu schreien. Ich schreie nie. Aber der Hunger hörte ohnehin nicht zu. Ich sage nicht mehr: „Warum muss das so sein?“ Denn es ist ja schon vier Jahrzehnte so. Der Tierarzt sagt: „Es tut mir leid.“ „Du solltest das nicht sehen.“ Ich hole den Verbandskasten und der Tierarzt nickt. Dann trägt der Hunger Mullbinden um die Handgelenke und ich gehe ins Bad. Es ist ja schon spät. Vor dem Fenster da rauscht das Meer und manchmal dachte ich, das Meer wäre lauter als der Hunger, aber ich hätte besser zuhören müssen auf jener Konferenz damals als mir der Hunger zu offensichtlich schien, als das ich auf Handgelenke geachtet hätte. Der Hunger zieht einen hinein, der Hunger macht einen, macht auch mich zum Komplizen, der Hunger schläft nie, er ist wach, er frisst sich durch die Knochen, die Haut, durch die Vorhänge, die dunkle Nacht im Zimmer.

Der Tierarzt wickelt eine Hand in mein Haar. Aber der Hunger tobt auch unter meinen Haaren und seinen Händen weiter. Ich denke an die all Jahre, in denen ich in Indien mit dem Hunger rang, nur um neben dem Hunger im Bett zu liegen, die Ironie des Hungers ist grenzenlos. „Du kannst gehen Mädchen“, sagt der Tierarzt mit den Händen in meinem Haar.“ „Nein Tierarzt“, sage ich und drehe mich zu ihm um, „der Hunger allein ist nicht genug.“ Ganz still liegt der Tierarzt und wer weiß vielleicht gibt für eine Nacht, der Hunger noch einmal nach. „Lassen Sie sich vom Hunger nicht täuschen“, sagte der Dozent damals auf jener Konferenz, den Kopf habe ich geschüttelt damals und dann hat der Hunger mich doch getäuscht, gut versteckt unter den Hemdsärmeln, Manschettenknöpfen an den Handgelenken, Wollpullovern und Leinenhemden.

Den Hunger sieht man an den Handgelenken.

Sonntag

Am Ende der Woche ist es endlich einmal still. Am Ende der Woche sitze ich mit dem Rücken zu einer richtigen Wand. Die Wand ist aus roten Backsteinen und gehört zum Garten meiner Großmutter. Irgendwo im Hau liegt mein Telefon, aber ich höre nicht hin, die liebe C. und der Tierarzt spazieren ohne mich los und mein Vater ist ohnehin aushäusig. Alles ist still und die Wand schweigt ohnehin. Nur der Flieder, der weiße, der blaue, der dunkellila Flieder rauscht über mir und irgendwo besprechen sich die Krähen. Einen Moment lang, denke ich über die Krähen nach und was Sie wohl wissen über uns und die Dinge der Welt, aber dann schlafe ich ein in der Stille unter dem blauen Himmel und gut verborgen in der Fliederhecke. So viel Flieder.

Irgendwann später wache ich auf, vielleicht weil Herr Zingarelli etwas über den Marktlatz ruft, vielleicht weil die Amsel ein Liebeslied singt, vielleicht weil der Wind mich hinter den Ohren kitzelt, vielleicht weil eine Katze durch den Garten schleicht, vielleicht auch einfach so. Noch immer ist alles himmelblau und ich bleibe liegen. Eine Hummel tanzt einen langsamen Walzer, die Schwalbenfamilie streitet wie ich vermute über Dekorationsfragen beim Nestbau unter dem Dachfirst, eine Schnecke kehrt vom Kirchgang zurück, auf einem alten Schornstein zwei Häuser weiter, zupft sich ein Storch sich sein Gefieder zurecht und unverändert krächzen die Krähen, wie ich glaube fordern sie ein Herrengedeck in der Schenke „Zum kühlen Grunde“, die betreibt Familie Kröte schon in dritter Generation. An mir dort hinten im Gras, hinter dem Fliederbusch stören sie sich nicht. Menschen im Fliederrausch sind keine Gegner, die Katze schon.

Später noch bückt sich die liebe C. unter dem Fliederbusch. Der Tierarzt dreht auf der Schaukel Kreise, die liebe C. aber singt mir vom „Weißen Flieder“ vor. „Den ganzen Winter über, vergesse ich wie schön Du singst“, sage ich ihr und die liebe C. lächelt verlegen. Im Winter singt die liebe C. nie, sie summt nur an Shabbat, aber wenn der Flieder blüht dann singt sie wieder, singt bis die Blätter im Herbst zu Boden fallen, aber jetzt sind die Blätter, jung und zart und wunderschön. Der Tierarzt schaukelt mit weiten Armen, die Schaukel knirscht und zerrt an den Seilen, hoch und höher und schwerelos. Vielleicht ist j selbst der Tierarzt an einem solchen himmelblauen Nachmittag für eine Sekunde wirklich frei.

Noch später, Tee im Gras und Erdbeerkuchen, dann die Zeitung, ein Buch, wieder ruft Herr Zingarelli, Reisegruppen wollen Eis und Frau Zingarelli schleppt die schweren Kübel von der Kühlung zu ihm herüber. Herr Zingarelli singt nun auch. Die Reisegruppe aber lehnt sich an die andere Seite der Gartenmauer, nichts ahnen die Besucher aus Baden oder Riesa, dass hinter dem Fliederbusch, dessen obere Zweige sie fotografieren, jemand liegt, mit geschlossenem Augen und Buch auf der Brust, dass hinter der Mauer Krähen trinken, Amseln träumen und die Hummeln Wiener Walzertanzen. Sie wissen nichts von zwei paar langen Tierarztfüßen, über die in 3,2, 1 Sekunden eine graue Katze stolpert und auch nichts von dem Krötenpaar, die gemächlich und gediegen Krüge zu den schwarzen Krähen schieben.

Auf der anderen Seite der Mauer, sagt ein Günther zu einer Erika: Na wir haben unseren Flieder ja vor vielen Jahren schon runtergeholzt.
War der Hella nichts mehr, sie wollte nen Zen-Garten. Alles Ton in Ton. Siebenmal hat der Laster Kies gefahren und dann nur noch die Koniferen und den ganzen Kies in so Kreisen, weißte wie ich meine, Erika? E
rika sagt: Die haben hier sogar Joghurt im Eis. Das ist ganz was Dolles.
Günther sagt: Joghurt ist auch weiß, das ist auch richtig für einen Zen-Garten.“ Erika findet: Du musst dir nen Bambus hinmachen in deinen Garten. Das ist auch so zen und so.
Günther weiß: So ein Bambus wächst wie Unkraut und dann die Blätter auf den Kieselsteinen, nee, das ist nichts.
Erika schweigt.
Günther seufzt: So viel Kies und der abgeholzte Flieder. Ist schon schade drum.
Erika sagt: Günther, Du musst jetzt abschließen mit der Sache mit Hella. Sind doch jetzt schon vier Jahre wo sie rübergemacht ist in Westen.
Günther aber ist in Gedanken: Sogar den Teich hat ich ihr gemacht wie im Zen. Nur Koi-Fische, teuer sind die gewesen. Auch weiß wie der Kies. Geharkt hab ich ihr den Kies und dann war sie doch weg. Ich sage dir Erika, das wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht.
Erika sagt: Mensch Günther, die Erika wollte schon in der Schule, was Bessres sein. Du musst jetzt mal nach vorne sehen. Wenigstens haste jetzt keine Arbeit mehr mit den blöden Garten.
Jeden Morgen, harke ich den Kies, sagt Günther. Sonst ist des auch nichts.
Erika sagt: Mensch Günther, was machen wir denn nun mit so nem Trauerkloß wie Dir?
Günther weiß es doch auch nichts.
Nicht ma Nummer hat se mir hinterlassen, die Hella. Ich kann se ja nicht ma mehr fragen ob sie es gut hat, bei ihrem Neuen und ob der auch so zen ist.
Erika sagt: Es ist schade mit dem Flieder, aber die Hella der würde ich keine Träne nachweinen.
Günther seufzt: Davon verstehste nichts Erika.
Aber dann ruft die Stadtführerin und Erika hat ihr Eis erst halb fertig und Günther hatte Stracciatella wie immer.

Dann bin ich wieder allein mit dem Flieder, dem Tierarzt, der lieben C. den Amseln und Schwalben, dem himmelblauen Flieder und dem stillen Nachmittag unten im Garten an der roten Backsteinmauer, am Rande des Marktplatzes einer kleinen Stadt.

Professor mit Panther.

Der Tierarzt schleicht wie ein nervöser Panther zwischen Küche und Arbeitszimmer hin- und her. Selbst die Katze, die durch nichts außer einer nassen Hundezunge, vielleicht aus der Ruhe zu bringen ist, sieht irritiert zum Tierarzt herüber.

Ich sitze am Küchentisch und schreibe an etwas herum und während ich das tue, tauche ich Schokoladenkekse in ein Milchglas.

Der Tierarzt findet diese Praktik ähnlich irritierend wie die Katze die Hundezunge.

Der Hund lechzt indes ebenfalls nach einem Keks.

Die Katze ist sicher unsicher, ob sie nach etwas nach lechzen sollte, was den Hund erfreut. Auf der anderen Seite ist Milch im Spiel. Die Katze würde eine Kralle opfern für die gute Milch.

Aber der Tierarzt bemerkt nichts zum getauchten Keks, sondern rennt ins Arbeitszimmer zurück. Dort liegt sein Habilitationsvortrag. Ich kann den Titel nicht buchstabieren, aber es geht um Parasiten, die bei Kühen zu Augenkatarakten führen.

Ich ziehe meine Augenbraue in die Höhe und sage: „Tierarzt Du schleichst wie Rilkes Panther umher.“

Der Tierarzt bleibt abrupt stehen. „Diese Deutschen“, sagt er und dann sagt er etwas was verdächtig nach Hasardeure klingt. „Rilke hatte tatsächlich einen Panther?“, fragt der Tierarzt mich dann doch noch einmal.

„Jein, sage ich, Rilke hatte ein lyrisches Ich, welches sich als Panther herausstellte.“

„Das sagst Du doch nur weil Du Rilke nicht leiden kannst, sagt der Tierarzt, der natürlich weiß, dass ich wenn andere Menschen heimlich Pornografie konsumieren, ich mit schlechtem Gewissen Rilke-Gedichte lese, den ich doch von ganzem Herzen verachte, weil er gegen Karl Kraus und Sidonie von Nadherny intrigierte.“ „Bestimmt hatte Rilke wirklich einen Panther auf dem Teppich liegen“, murmelt der Tierarzt und wäre nicht sein Habilitationsvorrtrag so bin ich mir sicher, hätte der Tierarzt eine Rilke-Gesellschaft mit der Frage ersucht, ob Rilke seinen Panther vielleicht in einem sehr großen Hundewägelchen durch den Bois de Boulogne gefahren hat.

So aber rauft sich der Tierarzt verzweifelt das Haar und sagt: „Mädchen, es wird ein Katastrophe.“

„Tierarzt“, sage ich, da Du Kälbchen nicht mit in den Hörsaal nimmst, in dem Du die Antrittsvorlesung hältst, kann nichts schief gehen.

Der Tierarzt knurrt böse: „Ich hatte mir von Dir Trost und Hoffnung versprochen und Du hackst wieder nur auf Kälbchen herum.

Ich lege den Stift aus der Hand und sage: „Tierarzt, ich habe noch nicht einmal angefangen Kälbchens Untaten der letzten zwei Tage aufzuzählen, Du hast Dir zu dem nicht Hoffnung und Trost versprochen, sondern in mir ein Mietklageweib gesehen, welches mit Dir zusammen den Vortrag zerreißt, um dann in Heulen und Zähneklappern auszubrechen. Aber da mir meine Zähne lieb sind und ich deinen Vortrag eh kopiert habe und ich verweint schauderhaft aussehe, würde ich gern darauf verzichten und lieber wohl geordnet im Hörsaal erscheinen.

Der Tierarzt starrt mich an und selbst die Katze sitzt irgendwie straffer als sonst auf dem Sessel.

Nur der Hund sieht die günstige Gelegenheit einen Keks zu erhaschen.

Der Tierarzt murmelt etwas von in der Stunde höchster Not verlassen, aber vielleicht sagt er auch etwas über ein Mädchen in Gestalt eines schwarzen Panthers, so genau habe ich es nicht gehört, denn das Tuten des 14-Uhr Schiffs kam dazwischen.

Der Tierarzt schüttelt seine Notizen.

„Was ist wenn alle anfangen zu lachen?“

„Tierarzt sage ich, niemand würde über bedauernswerte Kühe lachen, die schlecht sehen.“

Der Tierarzt sieht zweifelnd zu mir herüber: „Darf ich dich daran erinnern, dass Du sehr laut gelacht hast, als Kälbchen in die Schlammpfütze rauschte und mitleidserregend blökte?

„Darf ich Dich daran erinnern, dass Kälbchen mir anderthalb Minuten zuvor mit voller Absicht eine Ladung gut durchgekautes Gras ins Gesicht gespuckt hat?“

Der Tierarzt schweigt beleidigt.

Dann aber sehe ich auf die Uhr und der Tierarzt bindet sich die Krawatte, wählt eine andere Krawatte, verwirft alle Krawatten und ich binde schließlich einen englischen Knoten.

Dann fahren ein bleicher Tierarzt und ich in die Uni.

Der Tierarzt trägt über Kuhaugen vor.

Der Tierarzt fährt sich vor lauter Nervosität viermal durchs Haar und danach sind die kritischsten Gesichter voller Swoon und Swish und Wow.

Applaus, ein Blumenstrauß, Händeschütteln, bekannte Gesichter, neue Kollegen, der Tierarzt blass, erleichtert und immer, immer schattenschmal. Irgendwann später fahren wir nach Haus. Das heißt erst einmal zur Kälberweide. Ich stecke dem Tierarzt ein Geschenk in die Jackentasche, wir liegen im Gras und zählen Wolkenschafe, dann klettern wir doch auf den Zaun und Kälbchen fischt nach Mohrrübenstücken und Apfelvierteln. Aber Kälbchen wäre nicht Kälbchen, stieße es mit seinem breiten Schädel nicht den Tierarzt vom Zaun herunter.

Lachend halte ich dem Tierarzt meine Hand herunter: „ Herr Professor brauchen Sie eine Hand?“

Der Tierarzt japst: „Wenn ich bitten darf Fräulein Doktor?“

„Aber von Herzen gern Herr Professor“ sage ich und ziehe den Tierarzt wieder nach oben.

Selbst Kälbchen grinst verschlagen und der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Mädchen, weißt Du, dass ich bei meinem Account bei Seriöse Singles bei Vorlieben, Humor angegeben hatte?“

„Weißt Du, dass ich wenn ich einen Account bei „Seriöse Singles“ gehabt hätte unter Haustier: Panther angeben würde?“

Diesmal muss der Tierarzt lachen und fällt prompt ein zweites Mal vom Zaun.

Aber so ist das wohl, mit jedem Titel kommen neue Bürden oder neue Tiere. Wer weiß das schon.

Wie der April riecht

Vorbemerkung: Da der April außergewöhnlich arbeitsintensiv war, verzögerte sich die olfaktorische Monatsnotiz um zwei Tage. Bitte sehen Sie es mir nach.

Der April riecht nach der ersten Sonnencreme und Schokoladeneis. Der April riecht nach Wäsche unten auf der Leine im Garten. Die Wäscheleine ist zwischen Apfel- und Kirschbaum gespannt, der April riecht nach Sonnenflecken und auch nach Staub: die Nachbarin klopft die Teppiche aus. Der April riecht nach Holzkohlefeuer und offenen Schuhen, der April riecht nach Scheuermilch und klarem Wasser. Der April riecht süßlich nach der ersten Runde Rasen mähen aller Nachbarn. Am Morgen riecht der April nach den modrigen Resten des Winters am See. Der April riecht nach süßen Kaubonbons und nach frischer Minze. Der April riecht nach Rosmarin. Der April riecht nach feuchter, schwerer Erde und der April riecht nach Buschwindröschen versteckt tief im Wald, hinter dem Moos verborgen, selbst die Sonnenstrahlen sind dort nur mehr mattes Gold. Der April riecht nach der Teermaschine, die die Winterrisse auf den Straßen überklebt und nach dem Zigarettenrauch mit dem die Bauarbeiter sich vor dem Teergeruch verstecken. Der April riecht nach leichtem Riesling und Rhabarberschorle. In meiner Kindheit roch der April nach Gries mit Rhabarbergrütze, einmal stahl die Nachbarskatze die Schale vom alten, gelben Küchentisch meiner Großmutter, seitdem hat die Schale einen Sprung und die Katze leckte sich noch lange ihre Pfoten. Der April riecht nach der Müllabfuhr und nach frischer Druckerschwärze. Der April riecht nach langen Arbeitstagen, Müdigkeit und Achselschweiß. Der April riecht nach der ersten, frischen Kresse und nach dem letzten Rest Zitrone, der an den Eiswürfeln klebt. Der April riecht nach Kaffeelikör, den gibt Herr Zingarelli an den Eiskaffee und alle loben Herrn Zingarelli, der weiß wie man den Sommer näher lockt. Der April riecht nach Grillanzünder und dem festen Willen das endlich alles besser wird. Der April riecht nach Kontaktanzeigen und jungen Kälbern, Hunden, Schafen. Der April riecht nach dicken Regentropfen, die lange an den jungen Blättern hängen, der April riecht nach der bangen Frage: „ob wohl Hölderlin im Abitur dran kommt?“ Der April riecht nach frischgemahlenen Kaffeebohnen und den allerletzten Lageräpfeln hinten in der Speisekammer. Der April riecht nach Spargel Hollandaise. Der April riecht nach gestärkten Hemden. Der April riecht nach Birkenpollen und der arme Nachbar niest: Zwölfmal Hatschi! Der April riecht nach kaputten Tennisschlägern und vertrockneten Lavendelbüschen. Der April riecht nach guter Hoffnung und nach der Frühjahrsmüdigkeit. Der April riecht nach kalten Nächten und dem Frösteln einer Dame, deren Tischherr nicht mehr kommt, nicht an diesem und auch an keinem anderen Abend. Der April riecht manchmal doch noch mal nach Schnee und denen, die schimpfen denen dreht er eine lange Nase und wirft gleich Hagel hinterher. Der April riecht in Berlin nach frischer Hundescheiße und in Dublin nach zu viel Cider in einem dunklen Pub. Der April riecht nach dem letzten Osterei und auch nach dem letzten Löffel Hustensaft. Der April riecht nach Reiseplänen, nach der Hoffnung auf ein Wochenende in Italien und nach den leichten Sommerbetten. Der April riecht nach Mascarpone und nach einer Prise Zimt. Der April riecht nach Urin in dunklen Ecken, nach Blasenpflastern und nach den dichten Busbaumhecken. Der April riecht nach Bluebells und Bräunungscreme, der April riecht nach Kardamom und den letzten Krümeln Tee in der grünen Dose.

Der April riecht nach Sonnenschein im Regen.

Kurze Kosmologie des Kusses.

Es gibt viele Küsse. Es gibt Sonntagmorgenküsse, Küsse, die man sich lieber noch einmal überlegt hätte, es gibt feuchte Küsse, es gibt Nasenküsse, es gibt Küsse, die viele Kilometer weit fliegen und Küsse, die im Nebel verschwinden. Es gibt Küsse für Hinter-die-Ohren, Küsse für die Manteltaschen, es gibt die knallenden Küsse von Tanten im Flur und an manchen Küssen bliebt der Lippenstift kleben. Manche Küsse gibt es nur in Gedanken und über andere Küsse macht man sich lange Gedanken. Es gibt Küsse für zwischen die Beine und Küsse auf Nasenspitzen. Es gibt Küsse aus dem Himmel und immer wieder cheek to cheek. Es gibt Küsse zum Niederknien.

Es gibt den Bruderkuss. Es gibt Politikerküsse, sie sind dem Bruderkuss nicht unverwandt. Es gibt Filmküsse und dann gibt es diesen Kuss. (Oh ja, immer noch swoon). Es gibt Küsse für gute und schlechte Tage, es gibt Zungenküsse und leider gibt es nur noch sehr wenige Handküsse. Es gibt Küsse zwischen Augenbraue und Schläfe und es gibt Küsse, die fallen manchmal doch wieder herunter und lassen sich nicht wiederfinden. Es gibt Küsse, die finden sich nicht und manche Küsse finden sich doch wieder. Es gibt Küsse mit Zitronengeschmack und manche Küsse sind bitter wie Wacholder. Es gibt Küsse für den Hausflur und Küsse auf dem Küchentisch. Es gibt Küsse mit Zähnen und Küssen geht auch ganz ohne Gebiss. Es gibt Küsse für nach dem Zähneputzen und Küsse mit Kuchen im Mund. Es gibt Küsse, die gegen schlechte Träume helfen. Es gibt Geschwisterküsse, es gibt Kollegenküsse und es gibt Küsse auf der Weihnachtsfeier. (Die zählen aber nicht im Ganzen). Es gibt Küsse, die mehr flüstern und es gibt Küsse, die nach weniger schreien. Es gibt dunkelrote und hellgrüne Küsse. Es gibt Küsse, die auf Kinderlachen folgen, es gibt Kinderweinen, auf das Küsse folgen müssen, es gibt Trostküsse und Küsse mit Unruhe in den Mundwinkeln. Es gibt Küsse für wenn der wenn der weiße Flieder wieder blüht. Es gibt Küsse, die schleichen sich an und es gibt Küsse, die rennen einen um. Es gibt Küsse für Diplomarbeiten und es gibt Küsse nach dem Ja-Wort. Es gibt Küsse unter der Laterne, Küsse am Bahnhofsvorplatz und Küsse zwischen den Igeln im Geräteschuppen.

Es gibt Küsse auf einer roten Picknickdecke und Küsse mit Salzgeschmack. Es gibt Küsse, die brennen wie alter Whiskey ( so erzählte man mir), es gibt lange Kälberzungen, die einem   über das Gesicht schlecken ( das weiß ich leider), nur Katzen küssen sich nicht. Es gibt Küsse über Rohweinflaschen und dann waren da ja auch noch Susi und Strolch. Es gibt Küsse, die verändern alles und es gibt Küsse, die ändern nichts. Es gibt Küsse, die sind besser als Creme Catalan, es gibt Küsse aus zweiter Hand, es gibt Küsse, die sind schlimmer als Sellerie. Es gibt Klimas Kuss.  Es gibt Kino-Küsse und Küsse im Kajak, es gibt Küsse, die triefen vor Spott und Hohn, es gibt Küsse mit scharfen Kanten und es gibt Küsse, die sind ein schlaffer roter Luftballon. Es gibt Küsse, die sind aus gutem Grund verboten, es gibt die Küsse der Kardinäle, es gibt Küsse für jede und Küsse für keine Gelegenheit. Es gibt Küsse, die knallen und Küsse zum Ausruhen, die gibt es auch.

Aber dann gibt es auch den Herrn Rotkehl, der am Morgen auf dem Fensterbrett sitzt und nach Frau Rotkehl tschilpt, kommt sie dann zu ihm aufs Fensterbrett, dann legt er den Kopf zu Seite und ich bin mir sicher er heißt Humphrey Rotkehl und sieht sie an, zwinkert, einmal, zwinkert zweimal und dann küsst er sie Schnabel an Schnabel mit derartig zärtlicher Innigkeit, das Tierarzt, Katze, Hund und ich mit feuchten Augen hinter der Fensterscheibe seufzen. Was für ein Kuss! Frau Lauren Rotkehl Bacall aber legt nach zwei Küssen den Kopf nach rechts und lässt sich vor dem dritten Kuss Brotkrumen reichen, die der Verehrer sorgfältig prüft, bevor er ihr die schönsten und besten Krumen in den Schnabel legt und küsst und küsst und küsst. Es gibt Küsse, die enden nie.

Vom Suchen und Finden

Manche Tage so glaubt man können gar nicht mehr schlimmer werden und während man so vom Bahnhof zurück ins Oberland mehr schwankt als geht, murmelt man vor sich hin: „Immerhin kann es heute nicht mehr schlimmer kommen“ und dann kickt man wie ich einen Stein vor sich hin und stößt sich den Zeh und lässt es lieber bleiben.

Aber als ich mit der Nasenspitze schon fast gegen den Kirchturm St Sylvester stoße, läuft mir der Tierarzt in offenen Hemdsärmeln entgegen. Der Tierarzt ist aufgelöst. Der Tierarzt ruft: „Der Hund ist verschwunden.“ Ich sage: „Hast Du gerade gesagt der Hund ist verschwunden?“ Man muss nämlich wissen, dass der tierärztliche Hund sehr alt ist. Der Hund hat eine graue Nasenspitze, graue Ohren und graue Pfoten. Am liebsten liegt der Hund auf dem Teppich vor dem Fenster mit Meerblick und ruht. Man muss dazu aber auch wissen, dass der tierärztliche Hund zwar wie alle tierärztlichen Tiere sehr eigensinnig, aber auch sehr gefräßig ist. Klappert man mit einer Schüssel, in der sich beispielsweise Weintrauben befinden, hat man sieben Sekunden später eine Hundeschnauze im Knie und siebzehn Sekunden später ist man in der Tat davon überzeugt, dass der tierärztliche Hund wirklich kurz vor dem Hungertod steht, bekommt er nicht sofort etwas zu fressen angereicht. Man muss weiter wissen, dass der tierärztliche Hund anders als alle anderen Tiere des Haushaltes, sehr viel Gefallen daran findet sich wie ein Mehlsack auf jedes Paar Füße in Reichweite fallen zu lassen, um dann sehr lange und ausgiebig gestreichelt zu werden. Ansonsten gibt es über den tierärztlichen Hund zu sagen, dass er eine Vorliebe für alle Form von Schlappen hat, die er mit Hingabe und großem Enthusiasmus zerkaut. Man kann also sagen für einen so seltsamen Haushalt wie den unsrigen ist der tierärztliche Hund wie gemacht. Der Hund ist immer da.

Aber der Hund ist nicht da.

Der Hund kommt nicht als wir gegen alle Töpfe im Küchenschrank klappern.

Der Hund liegt nicht halb unter dem grünen Sofa verborgen, wo er sich so gern am Abend die Pfoten im letzten Sonnenlicht wärmt.

Der Hund liegt nicht unter den Bettdecken vergraben, die er so liebt, nicht zuletzt auch deshalb weil es dem Hund strengstens untersagt ist, auf das Bett zu springen. Aber den Hund kümmert das natürlich nicht, wie alle Tiere im Haus und auf der Wiese ohnehin tun, was ihnen in den Kopf kommt.

Der Hund balgt sich nicht mit der Katze um eine Untertasse Milch.

Die Befragungen derselben Katze über den Verbleib des Hundes bleiben ergebnislos.

Der Tierarzt ruft: Oh liebster unter den Hunden so komm doch zurück.

Die Katze grinst hämisch.

Ich verwarne die Katze streng.

Die Katze springt eingeschnappt auf den Sessel und krallt sich in meine Lieblinsgsstrickjacke, ich fauche, die Katze faucht, die Katze gewinnt und dreht mir den Rücken zu.

„Müsst ihr immer streiten?“, schluchzt der Tierarzt.

Ich renne in den Garten.

Im Garten ist kein Hund.

Wir rennen auf die Schafweide hinter dem Haus.

Auf der Schafweide blöken die Schafe, aber unter den weißen Wollkugeln blitzt nirgendwo Hundefell hervor.

Ich habe Seitenstechen.

Wir rennen zum Strand.

Ich sage dem panischen Tierarzt lieber nicht, dass der Hund einen noch schlechteren Orientierungssinn hat als ich. (Das ist keine gute Nachricht.)

Am Strand ist kein Hund.

Wir rennen panisch ins Oberland zurück.

Wir drehen das Haus um und suchen auch im Eisschrank nach einem großen Retriever.

Im Eisschrank ist kein Hund. Auch nicht in der Speisekammer, im Bettkasten, oder im Kleiderschrank.

Der Tierarzt schluchzt nach seinem Hund.

Ich schlucke.

Inzwischen ist es dunkel.

Der Tierarzt schluchzt: „Vielleicht wollte der Hund ja Kälbchen besuchen?“

Aber ich glaube das nicht. Denn aus Kälbchens Kindertagen,als Kälbchen auf dem Sofa ruhte, da erinnere ich noch zu gut, wie der Hund glaubte in Kälbchen einen großen Hundebruder gefunden zu haben glaubte, nur um herauszufinden , dass von Kälbchens Dickschädel nicht nur metaphorisch zu sprechen ist.

 
Ich greife nach einer Taschenlampe und springe über die Gartenmauer. Stellen sie sich keine Gazelle vor, denken Sie an ein Shetlandpony, das mit gebleckten Zähnen über einen Wassergraben hechtet und weil es ja schon dunkel ist und der Tag besonders schrecklich war, bleibe ich an einer Mauerkante hängen. Rums. War das mein Kinn oder Knie? Knie entscheide ich, das ist nicht so schlimm.

Dann renne ich durch den Pfarrgarten und als ich wieder umdrehen will, stolpere ich über eine große Wurzel beim Fliederbusch. Diesmal ist es wirklich das Kinn. Die Wurzel ist ein großes Fellbündel. Für einen kurzen und sehr langen schrecklichen Moment fürchte ich, der Hund sei tot. Dann höre ich es schnarchen. Der Hund schnarcht. „Mäuschen“, rufe ich und kitzle den Hund unter dem Kinn. Der Hund rollt sich zur Seite und schleckt mir freudig mit der Zunge über die Hand und dann realisiert der Hund, dass er doch tatsächlich das Abendbrot verschlafen hat. Der Hund und ich tappen zurück in unseren Garten. Der Tierarzt wirft sich dem Hund entgegen, der Hund ist begeistert von so viel Aufmerksamkeit und der riesige Hund liegt auf dem Schoß des schmalen Tierarztes und der Hund ist außer sich vor Glück, denn das grüne Sofa ist für Vierbeiner strengstens verboten, vor allem scharfen Katzenkrallen ist dortiger Aufenthalt untersagt und der Hund wälzt sich triumphierend vor den Augen der Katze auf dem Sofa umher und kaut auf einem Pantoffel. Der Tierarzt schluchzt vor Seligkeit. Die Katze starrt mit ganzer Verachtung auf Tierarzt und Hund. Denn die Katze liebt den Tierarzt, aber gerade liebt die Katze den Tierarzt ganz und gar nicht.

 
Ich lasse dem Tierarzt die Seligkeit und der Katze die Eifersucht. Im Badezimmer besehe ich mein Kinn. Es ist ein angeschlagenes Kinn, morgen früh wird das Kinn blau sein, es ist ein Kinn wie gemacht für das Ende eines schrecklichen Tages. Dann mache ich das Licht aus, denn wer weiß ob einen ein schrecklicher Tag nicht auch noch unter der Bettdecke findet.