Kurze Notizen

Am Morgen im See geschwommen.

Weich ist der See, der See ist ein Mantel, ein Handtuch, vielleicht ein Seidentuch. Eines jener Tücher, die ich manchmal bei Hermes im Schaufenster bewundere. Außer Reichweite also. Aber der See ist da.

Vor dem See ist eine Wiese. Auf der Wiese sitzt ein Mann. Er hat einen Einkaufswagen bei sich. Im Einkaufswagen ist seine ganze Habe. Tüten und eine alte Reisetasche. An den Einkaufswagen sind lauter Schnüre gebunden, an den Schnüren hängen Schuhe und andere Beutel. An einer Schnur hängt eine Dose. Erasco. Erbseneintopf steht auf der Dose. Der Mann holt einen Einwegrasierer aus der Dose hervor und ein Stück Seife. Die Seife ist schon grau. Er läuft zum See hinunter, es ist noch früh. „Guten Morgen sagt er, nicht erschrecken. „Ich will mich nur etwas frisch machen.“ Ich schwimme, der Mann rasiert sich. Der See ist ein Spiegel, der See hält ganz still. Der Mann konzentriert sich. Der Rasierer stumpf und die Seife flockt. Aber der See ist da.

Ich kaufe ein. Brot und Käse und was man so braucht. Ich kaufe Seife, Rasierer, Rasiercreme und laufe zum See zurück. Der Mann it nicht zusehen. Ich lege Rasierer, Seife und Creme in die Büchse, die am Einkaufswagen hängt.

Ich trinke mit Milch mit Kaffee.

Der Tierarzt trinkt Tee.

Die alte Freundin Wildtaube frühstückt Rosinen. Ich habe den Teller mit dem kaputten Rand ausgetauscht. Der Tierarzt hatte Recht. Freunden stellt meine keinen angeschlagenen Dinge hin. Die alte Freundin Wildtaube gurrt. Der Tierarzt sagt: „Mädchen. Mädchen. Ach Mädchen.“

„Keine Rührung vor elf Uhr“, sage ich.

Der Tierarzt bekommt den gelben Eimer. Ich den blauen Eimer.

Wir pflücken Johannisbeeren und Stachelbeeren. Der Tierarzt schaukelt. Ich gieße die Beete.
Das Gras ist warm unter den Füßen, das Gras wispert, aber ich bin zu müde für die Geschichten aus dem Gras. Die graue Katze springt auf den Apfelbaum. Der schöne Nachbar hackt Holz. Oy!

Ich bringe einen Umschlag mit Besserungswünschen zur Post.

Der Tierarzt hängt Wäsche auf. Die Bettwäsche weht im Wind. Für einen Augenblick ist der Garten eine Straße in Neapel. Der Tierarzt schläft ein.

Ich lese in der Zeitung. Das Nachbarmädchen möchte einen Papierflieger haben. Wenn sie einen Papierflieger hat, will ihr Bruder auch einen und auf einmal ist die Zeitung keine Zeitung mehr, sondern die Kinder rennen mit den Papierfliegern durch den Garten und über die Straße und schon ist die Straße keine Straße mehr, sondern ein Dschungel oder die Arktis, die Kinder haben leuchtende Augen, die Kinder sind Piloten und Eisbärenforscher.

Wie gut, dass Wassereis im Gefrierschrank ist. So viel Abenteuer macht Durst.

Die lachenden Kinder wecken den Tierarzt auf.

Der Tierarzt kaut Nägel. Heute spielt England und der Tierarzt und seine englische Mutter sind kurz vor der Ohnmacht. Der Tierarzt hält ich alle zwei Minuten ein Kissen vor das Gesicht.

Ich höre Martha Argerich und Mischa Maisky zu.

Der Tierarzt nimmt das Kissen vom Kopf und wirklich England ist weiter.

Der Tierarzt tanzt.

Ich mache einen Krankenbesuch.

Es ist still im Zimmer.

Ich stelle ein Glas Johannisbeeren auf den Tisch.

Kann man den Sommer einfach so in ein Krankenzimmer tragen?

Zuhause werden die Schatten länger, jemand liest die Nachrichten vor, ich schneide Brot, grüner Tee auf dem Tisch, auf dem Balkon Sand aus dem See, die Wäsche ist trocken. Die Papierflieger lange schon gelandet, ich lese, der Tierarzt sieht Fußball. Irgendwo ist immer Fußball, denke ich und mehr denke ich nicht. Ich bin müde. So viele Jahre schon. It adds up sagt man und es ist wohl wahr.

Ich beziehe das Bett und lege mir eine Hand über die Augen. Vor dem Fenster singt die Kiefer ein Wiegenlied.

Rettungsleiter

Früh am Morgen gehört der See nur mir und den Enten in den Flegeljahren.
Die Enten in den Flegeljahren üben Wasserski fahren.
Früh am Morgen gähnen die Entenmütter, die Fische und ich.
Im Schilf baut ein Reiher ein Nest.
Sonst ist der See still.
Am Ufer liegen Scherben.
Ich hebe die Scherben auf.
Der See seufzt über die Menschen, die Scherben, die vom Ufer ans Land getragene Rettungsleiter, die jetzt am Fahrradunterstellplatz lehnt. Ich trockne mir das Haar ab. Der See schimmert blau und grün. Als ich ein kleines Mädchen war, vor vielen Jahren, da brachte mir meine Großmutter das Schwimmen bei. Meine Großmutter glaubte an stetes Üben, ich glaubte an ihre Hände unter meinem Bauch und noch mehr als ich glaubte meine Großmutter an die Macht der Geschichten. Lass mich dir von Lore Hellmann erzählen, sagte meine Großmutter. Das war an einem anderen See, aber ein Sommertag war es auch. Ich lag neben ihr im Gras. Meine Großmutter trug ein Kleid mit farbigen Streifen. Grün, rot und blau.

Das Kleid war aus Leinen, es raschelte wie der See vor uns im hellen Licht, ich lag in ihrem Arm und sah in die Bäume, es waren andere Bäume als die Bäume unter denen ich mir die Haare trockene, früh am Morgen so viele Jahre später.

Lore Hellmann, sagte meine Großmutter war ein beliebtes Mädchen damals in der kleinen deutschen Stadt in der meine Großmutter aufwuchs. Meine Großmutter wuchs im Marschland auf, dicht an der See, salzige Luft, die Landschaft dort im Norden war blau, grün, rot wie die Streifen auf dem Leinenkleid. Lore Hellmann war ein beliebtes Mädchen, mein Großmutter war es auch. Darin unterschieden sich meine Großmutter und ich. Meine Großmutter war zum Geburtstag bei Lore Hellmann selbstverständlich eingeladen, es gab Kakao und Erdbeerkuchen, dicken Rahm dazu und rote Grütze. Lore Hellmann hatte blonde Locken, ein Fahrrad von einem Onkel aus Frankfurt und alle Mädchen wollten so sein wie Lore. Im Sommer zogen die Mädchen zum See, ein dunkler, ein tiefer, auch im Sommer kalter See, ein See, der schon nach dem Meer schmeckte, salzig und nach dem Ozean.

Ein See in dem der Nöck selbst im Sommer nicht nach gab, sondern den See in der Hand behielt. 1930 war meine Großmutter, war Lore Hellmann acht Jahre alt. Der Sommer war lang und die Mädchen,so mutig wie die Mädchen noch heute. Lore und die Mädchen schwammen weit hinaus auf den See, am weitesten hinaus schwammen Lore und meine Großmutter. Wie es begann, wusste meine Großmutter nicht mehr, nur dass Lore anfing nach Atem zu ringen, dass sie ihre Beine nicht mehr bewegen konnte und Lore schlang ihre Arme mit letzter Kraft um den Hals meiner Großmutter. Meine Großmutter versuchte mit den Füßen Wasser zu treten, das Gewicht des anderen Mädchens zog sie nach unten. „Hilfe, Hilfe“, schrie meine Großmutter so laut sie konnte, herüber zum Ufer, wo die anderen Mädchen noch immer Wasserball spielten. Aber dann rannten die Mädchen los und holten meinen Urgroßvater, denn er konnte schwimmen und wie meine Großmutter mir, hatte er seinen Töchtern das Schwimmen beigebracht. Mein Urgroßvater kam mit einer Leiter. Der Leiter vom Spritzenhaus und rannte ins Wasser. Meine Großmutter sagte: „In seinem guten Anzug.“

Der Nöck holte sich seine Taschenuhr. „Schiebt die Leiter in den See, so weit ihr könnt“, rief mein Urgroßvater zu den Männern, Frauen und Mädchen, die am Seeufer standen und dann schrie er seiner Tochter zu. Zähl so laut du kannst, denn meine Großmutter und Lore sanken immer tiefer in den See. Meine Großmutter zählte. Bei 35 erreichte mein Urgroßvater sie, legte sich Lore über die Schultern, aber seine Tochter konnte er nicht auch noch schultern.

Er sagte zu seiner Tochter: „Du musst bis zu der Leiter schwimmen.“
Meine Großmutter sagte: Papa ich kann nicht mehr.
Ihr Vater sagte: Du kannst. Ich schwöre Dir Du kannst.

Meine Großmutter schwamm und meine Großmutter erreichte die Leiter. Da war ihr Vater schon am Ufer mit der blauen Lore und drückte auf ihren Brustkorb bis sie das Wasser ausspuckte, anfing zu husten und sich fürchterlich übergab. Aber der gute Anzug ihres Vaters, war ohnehin ruiniert, sagte meine Großmutter.
Mein Urgroßvater, aber zog seine Tochter mit der Leiter aus dem Wasser und trug sie nach Haus. Drei Tage hatte meine Großmutter so hohes Fieber, dass die Ärzte sagten, man solle sich auf das Schlimmste einstellen. Mein Urgroßvater aber blieb am Bett meiner Großmutter sitzen und nach drei Tagen wachte meine Großmutter auf und hatte kein Fieber mehr, dafür aber großen Hunger. Mein Urgroßvater weinte noch als er mit ihr in der Konditorei saß. „Du bist geschwommen“, sagte er immer wieder.
Meine Großmutter liebte ihren Vater und seit jenem Nachmittag liebte auch Lore Hellmann meinen Urgroßvater. Bevor Du schwimmen gehst, sagte meine Großmutter zu mir vor vielen Jahren im Gras, musst du sehen, wo eine Rettungsleiter ist und wo Rettungsringe hängen und dann ging meine Großmutter mit mir ins Wasser, schwamm eine unendlich weite Strecke von mir weg und rief: „Schwimm“ und ich schwamm jedes Mal weiter, ich hustete, keuchte, ich fiel in den Sand, aber meine Großmutter gab nicht nach, bis sie sich sicher war, dass ich wirklich schwimmen konnte. Damals sagten die Männer, Frauen und Kinder, dass der Vater meiner Großmutter ein Held sei.
1932 trat der Vater von Lore Hellmann in die NSDAP ein, und mein Großvater wurde zur Judensau. Meine Großmutter wurde nicht mehr zu den Geburtstagen, zu Kakao und Erdbeerkuchen eingeladen und als meine Urgroßeltern und ihre Töchter deportiert wurden, da kam niemand zu Hilfe. Aber das erzählte mir meine Großmutter erst viel später, damals erzählte sie mir von der Leiter, dem drückenden Strudel des Sees, dem Versuch den Kopf über Wasser zu halten, ihrem Vater mit der Leiter und den starken Armen und ich lag in ihren Armen und ihre Arme waren die stärksten Arme die ich mir vorstellen konnte.

In Berlin aber ziehe ich Hose und T-Shirt an, nehme Handtuch und Bikini und gehe zu meinem Fahrrad zurück. Ich suche am S-Bahnhof nach einem Mitarbeiter. „Die Rettungsleiter sage ich muss zurück ans Ufer.“ Der Mann sagt: „Bin ick nich für zuständig.“ Sonst sehe ich keinen, außer einem Jogger. „Können Sie mir helfen die Rettungsleiter zurück an den See zu tragen?“, frage ich ihn. „Rettungsleiter?“ sagt er, „so nen Schwachsinn“ und dann rennt er weiter. Aber dann sehe ich zwei BSR-Mitarbeiter, die ihre Reinigungsrunde um den See beginnen. „Wir kümmern uns junge Frau“, sagen sie und ich nicke. „Danke“, sage ich und der See hinter mir schimmert blau und dunkelgrün.

Vom Schlingern und Rutschen

Anderntags aber auf dem Weg von Berlin zurück nach Irland, im Wartesaal von Terminal C., spätabends, es ist der letzte Flug, kippt die Stimmung plötzlich und unvermittelt. Kippt so wie eine Geburtstagsfeier auf der eben die Gäste noch fröhlich sangen, doch plötzlich und unvermittelt fliegen Fäuste, zerbrechen Stuhlbeine, geht eine Vase und zwei Freundschaften auf immer zu Bruch. Oder eine Hochzeit auf der eben noch Brautvater und die Mutter der Braut Brüderschaft tranken, doch schon nach einem weiteren Lied, fehlen dem Bräutigam drei Zähne, die siebenstöckige Hochzeitstorte liegt zermatscht im Gras und einem Cousin dritten Grades wächst ein Veilchen über dem linken Auge. Die Braut weint leise. Im Wartesaal von Terminal C da ging es ganz ähnlich zu.Auf einmal war dort ein Spalt in der Welt. Einen Würstchenstand gibt es dort neben den langen Reihen mit schwarzen Stühlen. Hungrige Reisende bekommen dort Bockwürstchen mit Löwensenf, Coca-Cola und belegte Wecken.

Das Flugzeug aber ist verspätet und die Würstchenstandverkäuferin ruft durch den Wartesaal: „Hier ist jetzt gleich Schluss, wa!“ Vielleicht begann es das. Einer Reinigungsfrau entglitt der schwere Wagen, ein scharf riechendes Reinigungsmittel lief aus, lief den Reisenden über die Schuhe, die Frau sah auf den umgekippten Wagen, starr und unbewegt, als könne sie sich nicht mehr erinnern, wofür der Wagen gedacht sei und warum sie hier stünde mit einem Kehrbesen in der Hand spät in der Nacht. Zwei Frauen und ich heben den Wagen auf, sortieren die Müllbeutel zurück, Zewa für die blaue Lauge auf dem Boden. „Ist alles in Ordnung?“, frage ich die Frau. Sie sieht mich an und sagt: „ich weiß es nicht.“ Eine der anderen Frauen sagt einem Sicherheitsmann Bescheid. „Sie kommen jetzt mal besser mit“, sagt er zu der Frau. Sie läuft ihm hinterher. Der Wagen bleibt zurück. Ihm fehlt ein Rad, das fällt mir auf. Ausgerechnet das. Eine Gruppe von Männern, Iren, hat Bier gekauft, zischend und klackernd öffnen sie die Büchsen. Gulp. Ihre Stimmen werden mit der Menge der Büchsen lauter, aber auch verzerrter, Betrunkenengespräche, aber seltsam undeutlich, sie klingen als sprächen sie in eine kaputte Lautsprecheranlage, ein unangenehmer Hall ihrer zigfachen Wiederholungen von Feckin Joe I told you like its just bullshit, like, ye know, there was this Lady like Sue or Jo who put me on the facebook. Einer der Männer knackt mit den Fingern, seine Finger machen das gleiche Geräusch wie die aufschnappenden Bierdosenlaschen. Eine Gruppe italienischer Männer vergleicht Tinder-Photos von Frauen. Sie lachen über die Frauen. Die Frauen sehen alle gleich aus. Die Männer finden die Frauen seien höchstens Durchschnittsware. Dann lachen sie wieder. Ein langes, ausdauerndes Lachen, seltsam uferlos und ziellos, blechern so als fiele es in die Bierdosen. Die Bierdosen liegen neben den Sitzen. Die trinkenden Männer beginnen zu rülpsen. Dann aber schleißt die Würstchenverkäuferin wirklich ihren stand. Rasselnd zieht sie den Rollladen herunter. Schnapp. Dann klingelt ihr Telefon und nach den ersten Worten beginnt die Frau zu schreien. Ein schreckliches, hohes, grauenvolles Schreien, ein Schreien aus der Unterwelt, ein Schreien wie von Dante erfunden. Hoh und schrill und lang schreit die Frau in das Telefon hinein und wir alle starren die Frau an.
Die Männer mit den Bierbüchsen beginnen zu lachen. Sneering laughter, mir fällt keine deutsche Entsprechung ein. Die Frau schreit und nur manchmal passen einzelne Worte in ihre Schreie hinein. „Wenn du wieder lieb bist, dann bin ich auch wieder lieb.“ Das ist ein ganzer Satz zwischen den schrillen, sich an das Dach des Wartesaals heraufschraubenden Schreien.
Aber dann verlässt die Frau die Kraft und sie beginnt zu weinen, ein Weinen das eigentlich ein Heulen, ein Howl, Howl, Howl ist und die Männer mit den Bierbüchsen lachen immer lauter, als wollen sie das Weinen der Frau übertrönen. Die Frauen mit denen ich den Putzwagen aufhob und ich wir nicken uns zu und dann gehen wir zu der Frau herüber. Aber die Frau am Telefon will nichts von uns wissen, will auch nichts hören, stößt uns weg und rennt davon. Sie kehrt nicht zurück, auch nicht als jemand sie knarrend ausrufen lässt: Frau G. an den Würstchenstand. Die lachenden Männer werfen Bierbüchsen in die Richtung. „What a bitch“ schreien sie. Schließlich kommt das Flugzeug doch noch, an der Tür streiten sich ein Mann in einer gelben Weste, der vage etwas mit Sicherheit zu tun haben scheint und ein Mann, der die Bordkarten kontrolliert. Erst schimpfen sie nur miteinander, dann boxen sie sich, einer fällt hin, Tritte dann stürmt der Mann mit der gelben Weste davon.

Im Flugzeug müssen wir noch einmal eine Dreiviertelstunde warten. Es ist still. Eine beunruhigende Stille, eine Stille doppelt und dreifach so laut, wie die schreiende Frau, nur das Knacken der Fingernägel des einen trinkenden Mannes ist zu vernehmen. Dann hebt das Flugzeug ab.

Fahl und müde sieht der Mond auf uns herunter, ein langer Schatten, kalte Arme, so als rauchte er langsam eine Zigarette, als bräuchte er etwas um seine Hände zu beschäftigen während er uns zu sieht, wie wir kippen und brechen, wie unsere Welt keineswegs so stabil und geordnet ist, wie wir es uns einreden hier und dort, so als hätte der Mond etwas über uns gelernt, was wir im Sonnenschein vor uns und auch vor ihm verbergen. Lange sehe ich ihm zu dem Mond und seinem dünnen, fahlen Schatten, der uns folgt, unwillig, bitter und wohl auch von heftiger Traurigkeit erfasst. Über Manchester schließlich, das Flugzeug senkt sich schon nach Dublin herüber, verliere ich den Mond aus dem Auge und 30 Minuten später, trete ich vor dem Flughafen auf die Straße. Im Auto neben dem Tierarzt aber schließe ich die Augen, zuhause fahre ich vorsichtig mit dem Finger über Stuhl, Tisch und Bett, die Standuhr tickt, der Hund reibt seinen Kopf an meinen Beinen und noch einmal sehe ich zum Mond herüber, der sich die kalten Hände vor die Augen legt. Erst zwei Tage später aber kann ich dem Tierarzt von der Nacht erzählen, in der die Welt plötzlich und unverhofft aus den Fugen geriet und auch ich schwankte und schlingerte wie auf feuchten und glatten Bohlen zwischen dem Lachen der Männer und der schreienden, weinenden Frau.

Kurze Notizen

Am Morgen mit den Füßen im Garten stehen.

Tau an den Fußsohlen.

Nur vorsichtig auftreten. Was weiß man schon über die Feen, die morgens im Garten tanzen?

Die alte Freundin Wildtaube schlief noch.

So früh. Immer so früh.

Dem Tag, die Minuten aus der Tasche ziehen.

Manchmal frage ich mich doch, wie lange der Tag sich das noch gefallen lassen wird.

Im See geschwommen.

Auf dem Rücken gelegen und langsam, langsam im Kreis gedreht.

Dann bricht der Tag hinein.

Mit dem Tag kommen die Zweifel, aber das stimmt nicht. Ich habe auch Zweifel in der Nacht. Es sind nur andere Zweifel.

Zum ersten Mal die roten Birkenstock-Sandalen angezogen.

Große Liebe und pinke Zehennägel.

In der S-Bahn stadteinwärts sitzen sieben Männer mit weißen Hemden. Zwei haben die Hemdsärmel aufgekrempelt, einer trägt das Hemd weit offen, seine Freundin krault ihm das Brusthaar. Mein Bärchen sagt sie. Die anderen weißen Hemden sind hochgeschlossen.

Berlin-Mitte ist voller Leihfahrräder. Leihfahrräder sind das Letzte was Berlin-Mitte noch braucht. Die Fahrräder sind gelb und heißen ofo. An der Ampel sitzt eine Frau auf dem Boden. Sie sammelt Geld in einem alten Becher. Ein Mann wirft sein leeres Brotpapier in den Becher. Sie zuckt nicht zusammen.

Eine Frau in einem Erdbeerhäuschen schminkt sich die Lippen nach.

Dunkellila.

Es ist merkwürdig. So viel in Mitte hat lange schon geschlossen, aber der Bubble-Tea Laden ist immer noch da. Eine Schulklasse trinkt dort bunten Tee aus riesigen Plastikbecher. Die Jungen stecken sich die Perlen in die Nase. Die Mädchen kreischen.

Im Bioladen klärt eine Frau ihre Beziehung vor der Stiege mit Süßkartoffeln. Sie sagt: „Verkauf mich nicht für dumm!“ Sie würgt eine Kartoffel und gleich darauf packt sie den Lauch und schreit: „Das mit deiner Mutter werde ich dir nie verzeihen.“ Man kann den Lauch weinen hören. Ich gehe ohne Süßkartoffeln aus dem Bioladen.

Auf einer Bank gesessen.

Einen Apfel gegessen. Apfelschorle getrunken.

Ich bin jetzt Verkaufsberaterin sagt eine Frau zu ihrer Freundin.

„Wo?“, fragt die Freundin.

„Bei Primark“, sagt sie.

Ihre Freundin schnaubt. „Da kaufen doch nur Assis ein.“

Alle Frauen in Berlin-Mitte sind so schön.

Ich seufze und nehme meine Tasche.

Mein Vater ruft an. Er hat den Kashmirpullover der lieben C. zu heiß gewaschen. Verzweiflung. Er übt Gesprächsanfänge: „Oh Du Tausendschöne, kein Pullover reicht an Deine Augen.“

Lieber nicht, sage ich.

„Sagst du es ihr?“

„Ja“, sage ich.

„Süße, mein Vater hat deinen Kashmirpullover zu heiß gewaschen.“

Die liebe C. lacht.

„Ich weiß, dein Vater ist wie ein zahnschmerzgeplagter Bär umher geschlichen.“

Niemand lacht so wie die liebe C.

Ein Lachen für die Dunkelheit.

In der S-Bahn weiter in David Sedaris Tagebüchern gelesen. Auf der Rückseite, loben die Kritiker den Humor und die Ironie.

Im Buch wird auf jeder zweiten Seite, eine Frau erschlagen, bedroht, vergewaltigt, gedemütigt, bestohlen. Nicht von Sedaris selbst, sondern in dem Leben, dessen Teil er ist. Schwer ist es das zu lesen. Eine gewaltige Welle aus Tätlichkeiten, Seite für Seite. Bedrückend und bleischwer fällt das Buch zurück in die Tasche.

Ein Mann starrt mich an, als ich ihn bitte seinen Rucksack vom Sitz zu nehmen, damit ich sitzen kann. Er seufzt über mein Anliegen, als müsse er einen Stein einen Berg hinaufwälzen. Eine ältere Dame sagt zu mir: Dass Sie sich das trauen!

So habe ich das noch nie gesehen.

Endlich zurück im Wald.

Erdbeeren kaufen, aber nicht aus einem Erdbeerhäuschen. Das Wort schon ist mir unbehaglich. Die Verniedlichung von Landwirtschaft ist mir immer seltsam gewesen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich im Garten auch Erdbeeren ziehe. Ob für mich oder die Schnecken ist weiter fraglich.

Barfuß über die Dielen.

Eine Dreiviertelstunde Klavier.

Mehr Arbeit.

Wasser der alten Freundin Wildtaube gereicht.

Das Fenster weit aufgemacht, um der Geigenschülerin der Nachbarin zuzuhören.

César Franck.

Zwei Postkarten geschrieben.

Einen Vortrag gelesen.

Ein Fenster geputzt.

Auf dem Fensterbrett sitzt die Müdigkeit und schaukelt mit den Beinen.

Ein Fuchs auf der Straße.

Eine durchgebrannte Glühbirne.

Auf meinem Zeigefinger: ein Marienkäfer.

Zwei Schwestern

In der S-Bahn sitzt ein Mädchen neben mir. Das Mädchen ist vielleicht acht Jahre alt. Das Mädchen wippt mit den Knien, es trägt lila Ballerinas und einen pinken Rock mit großen Blumen. Um den Rock beneide ich das Mädchen. Das Mädchen hat einen Schulranzen neben sich stehen, aus dem Schulranzen lugt ein abgewetzter Bär heraus. Dem Bären fehlt ein Ohr, aber er lächelt dem kleinen Mädchen zu.

Das Mädchen wippt mit den Knien und sieht aus dem Fenster der Bahn, das Mädchen hat fünf Gummibären in der Hand, die lutscht das Mädchen sehr langsam und sehr genießerisch. Die S-Bahn fährt an einem See vorbei und als die S-Bahn hält und die Türen sich öffnen, steigt eine Gruppe von Jugendlichen ein. Sie sind vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt.
Drei Mädchen und drei Jungen, die Jungs tragen kurze Hosen und viel zu viel Deodorant. Die Mädchen tragen kurze Tops und viel zu süßes Parfüm. Ein Mädchen hat einen glitzernden Stein im Bauchnabel. Die Jungs machen Fotos mit den Mädchen, die Mädchen strecken die Zunge heraus und die Jungen lachen. Die Mädchen kichern, ein Telefon klingelt, der Junge mit weißen Hosen und schwarzen Sneakern öffnet eine Cola-Flasche zu schnell, in der S-Bahn ist jetzt auch ein See.
Die Jungs lachen, die Mädchen kreischen, ein Mädchen schüttelt sich die Haare, Cola- Schaum tropft aus ihren Haaren, sie hat wilde, schwarze Locken, der Junge mit den schwarzen Schuhen starrt sie an. Er starrt mit weit offenem Mund.

Vielleicht wird er sich in vielen Jahren nicht mehr an das Mädchen erinnern, eine andere Frau heiraten, in der Arktis mit Eisbären leben, aber dieser Moment, der wird ihm bleiben, ein warmer Tag im April und das lachende Mädchen, die Locken, die tropfende Cola.

Aber dann ist der Moment vorbei. Das kleine Mädchen neben mir nämlich ruft: „Mia!“ Sie ruft es so wie kleine Schwestern nach ihrer großen Schwester rufen. Es liegt etwas von jener ehrfürchtigen Bewunderung in ihrer Stimme, die jüngere Schwestern ihren großen Schwestern entgegenbringen und das weiß ich genau, denn ich bin auch eine kleine Schwester. Das Mädchen neben mir ruft noch einmal: „Mia“ und sie ruft es mit so viel Vorfreude, so viel Spannung, so viel Glück und Leichtigkeit, denn da ist ihre große Schwester und ganz bestimmt klettert das Mädchen nachts zu Mia ins Bett und lässt sich etwas erzählen von der großen Welt in die Schwester sich über eine fiese Physiklehrerin beklagt, ihr etwas ins Ohr flüstert von Hamdis grünen Augen und Andrés Sommersprossen, vielleicht schluchzt sie vor Gemeinheit darüber, dass Tina ein Piercing darf und sie nicht und ihre kleine Schwester wird ganz sicher den abgewetzten Bären in die Hand ihrer großen Schwester schieben, obwohl sie selbst sich manchmal fürchtet wenn die Dielen knacken nachts halb zwei. So und nicht anders ruft das kleine Mädchen, das neben mir sitzt nach Mia.

Der Junge mit den schwarzen Schuhen sieht zu dem kleinen Mädchen herüber, dreht sich zu Mia herüber und sagt: Kennst Du das Baby etwa?

Für einen Moment sieht Mia zu ihrer kleinen Schwester herüber und noch immer strahlt das kleine Mädchen ihre große Schwester an, will fast schon aufspringen und auf sie zu rennen, sich in ihre Arme fallen lassen und sagen: „Ich bin kein Baby und wenn Du das noch mal sagst, dann bekommst Du Ärger mit Mia, meiner großen Schwester. Aber Mia sieht auf den Fußboden, holt ein Bubblegum aus ihrer Hosentasche, kaut zwei oder dreimal und macht eine große, pinke Blase und dann sagt: „Nee, kenne ich nicht, wie kommst du denn darauf?“ Der Junge zuckt mit den Schultern: „Nur so“, sagt er, weil die halt deinen Namen kannte. Aber jetzt zuckt Mia mit den Schultern: „Die verwechselt mich halt mit jemanden den sie kennt.“ Dann dreht Mia sich weg und der Junge stolpert ihr hinterher, er will ihr etwas auf dem mobile phone zeigen und sie lacht. Das Mädchen mit dem Piercing im Bauchnabel verdreht die Augen, aber tanzen der Junge und Mia zu der Musik aus dem Telefon: If you are under him / you ain’t getting over him.
Sie singt schöner als er und er tanzt sicherer als sie und das Mädchen das Mia heißt schließt die Augen als könnte sie nicht glauben, dass der Junge mit dne schwarzen Schuhen wirklich mit ihr tanzt.

Aber was sie nicht sieht, hinter dem Rücken des Jungen und den Fahrgästen, die einsteigen an der nächsten und übernächsten Station ist wie ihre kleine Schwester den Bären aus dem Ranzen zieht und ihren Kopf im abgewetzten Bärenfell vergräbt, damit niemand sieht, dass sie weint. Das sitzen das kleine Mädchen und der alte Bär und obwohl Mia ihre große Schwester nur sieben Meter entfernt steht, ist das kleine Mädchen ganz allein und hat zum ersten Mal keine große Schwester mehr. Zwei Stationen später steigen die Jugendlichen aus, denn sie wollen zusammen zu Vanessa, deren Eltern sind nicht da und das Haus ist groß. Mia fällt ein bisschen zurück als die anderen nach ihren Rucksäcken, Taschen und der Cola-Flasche suchen und sieht zu ihrer kleinen Schwester herüber. „Hey“ ruft sie, obwohl es kein Rufen ist, sondern ein zartes Flüstern, es ist ein Große Schwestern Flüstern, aber das kleine Mädchen sieht nicht auf, sondern presst die Hände fest in den Bären und starrt aus dem Fenster. „Mia, was machst du denn rufen?“ rufen ihre Freund und Mia dreht sich und geht. „Du kennst das Baby doch!“ ruft der Junge mit den schwarzen Schuhen, aber Mia schüttelt den Kopf und läuft ihm hinterher.

 

Sonntag

Früh am Morgen aufwachen. Zu früh selbst für die Vögel. Verschlafene Schatten in den Bäumen sind die Vögel. Ich putze mir die Zähne, die Schatten in den Bäumen tauchen die Schnäbel in eins, zwei, drei Tropfen Regenwasser, schütteln das Gefieder, frühstücken auf dem Balkon, plustern das Gefieder, nicken sich zu, einer stimmt an, alle stimmen ein. Ein singender Baum vor dem Fenster. Das Haus schläft, Kater Maus Ohren zucken, die Vögel singen ein Spottlied auf die schläfrigen Katzen. Warme Socken, einen alten Pullover, selbstgestrickt, schon lange ist mir die Geduld dafür schon abhanden gekommen, aber den Pullover gibt es noch immer, warm ist der Pullover, ein ganzes Schaf auf meinem Rücken. Im Türrahmen steht der Tierarzt gähnt erst, lächelt mir zu, legt die Ohren ans Fenster, die Vögel sind schon in der achten Strophe des Katzenchorals angekommen. Morgen Mädchen, sagt der Tierarzt, legt mir die Hand auf die Wange, Pfefferminz in meinem Atem, der Tierarzt riecht von fern nach Osterlamm, von Nahem immer nach Orangen und Muskat, der Tierarzt erzählt mir von einem Traum. Die ganze Nacht hindurch habe er komplizierte Gleichungen gelöst. Atemlos und immer sei schon die nächste gefolgt. Dann sitzen wir beide auf der breiten Fensterbank, meine Füße liegen in seinen Händen.

„Vermisst Du Ostern?“, frage ich ihn. Das habe ich mich gefragt in der Nacht, in der der Tierarzt Gleichungen löste, ob es ihm nicht fehlen würde, die Messe, ein Osterlamm auf dem Frühstückstisch, wenigstens zum Ansehen, Ostereier an grünen Sträuchern, Messdiener, eine Osterkerze und all das was ich nicht weiß über Ostern. Ich bin über Ostern niemals in Deutschland gewesen, auch meine Großmutter, die über mich lachte, wenn ich das Brot über Pessach aus dem Haus verbannte, stand Ostern fern, die einzige Erinnerung, die ich an Ostern habe, ist ein Buch. Das Buch hieß: „Die Häschenschule“ und ich gruselte mich vor der Stimme meiner Großmutter, die den gestrengen Hasenlehrer mit Rohrstock unter dem Arm mimte und Hasenhans und Hasengrethe und nicht zuletzt der böse Fuchs machten mich über Wochen schauern vor den Abgründen der Welt in den Wiesen. Aber mehr verbinde ich nicht mit Ostern, keine Bräuche, keine Lieder, außer Bach, die Liebe meines Vaters zu Marzipan und meinen Unwillen einen Goldhasen zu schlachten.

Der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Nein, sagt er, er vermisse nichts. Damals als er ein Kind war, da buk seine Mutter Hot Cross Buns, sein Vater trank nach der Messe mit Freunden und immer weinte seine Mutter irgendwann Abends, weil der Stew ansetzte und der Vater noch immer trank. Seine Großmutter aber habe den ganzen Tag in einem Stuhl am Ofen geschlafen. Ich lege meinen Kopf auf seine Knie und der Tierarzt legt seine Hände auf meinen Rücken. Tee, und Matzot mit Honig, die Mali-Tant kommt dazu, Mau schlürft Milch, die Mali trinkt schwarzen Kaffee.

Grau ist der Himmel, wir legen bunte Eier für die Nachbarskinder ins Gras. Kinderlachen, die alte Freundin Wildtaube macht einen Osterspaziergang im Gras. Die Mali-Tant aber will etwas erleben. Wir laufen zur Bahn, es ist nicht weit bis nach Potsdam, die Mali läuft schneller als wir beide zusammen, Schneeregen, der Atlas mit der Welt auf seinen Schultern leuchtet über den grauen Dächern der Stadt.

Wir gehen ins Museum Barberini hinüber. Dort kann man Max Beckmann sehen. Welttheater heißt die Ausstellung. Max Beckmann hat überall auf der Welt Circus-Vorstellungen und Varité Abende besucht, hat in den Kneipen und Cafés der Städte seines Lebens gesessen und die dünnen Kulissen gezeichnet und gemalt und wir stehen vor seinen Bildern. Er, der Maler mit den traurigen Augen, der im Ersten Weltkrieg in Belgien fast den Verstand verlor, er der Maler, der die Huren zeichnete, denen das Gesicht in den Spiegel fällt, er der die Trinker malte mit den Scherben im Glas und den Auegnklappen, er malte die großen Ganoven und die Hütchenspieler, er der Maler, der der Welt nicht auswich, nicht den Mietskasernen, nicht den Varietés, die eigentlich Bordelle waren und auch nicht den Gescheiterten, den Verbogenen, den Zerbrochenen, die seine Bilder bewohnen, er verkleidete sich in Weimar einmal als Jesuit und malte sich später als einen traurigen Clown. Gemalt hat Beckmann auch (1868-1935) Sie war die erste deutsche Luftschifferin- was für ein Wort-und wohl auch ein ausgestorbener Beruf. Aber damals im Kaiserreich als in Potsdam ein König lebte, da wurde sie Ballonfahrerin und Fallschirmspringerin und ein Talent hatte sie für den freien Fall und so wurde sie auch Luftakrobatin, stürzte sich aus dem Fallschirm in die Tiefe und irgendwo im Publikum stand der Maler Max Beckmann und zeichnete sie in sein Skizzenbuch. In der Vitrine vor dem Bild, sieht man Käthe Paulus in Pluderhosen und mit Schiffermützchen, wie sie dabei ist sich aus dem Ballonkorb zu hangeln, eine zierliche Frau sieht man auf dem Foto, aber auf dem Bild von Max Beckmann sieht man eine entschlossene Frau, eine Frau, die ohne zu Zögern Atlas seine Kugel abnähme und auch ihn auf dem Rücken trüge und Atals vielleicht wäre die Last seines Lebens endlich los.

In einer anderen Vitrine liegt eine Broschüre des Hotel Hotel Eden. Grün ist die Broschüre auf dem Bild sieht man einen Wintergarten und am rechten Rand steht eine Flasche Champagner. Max Beckmann soll dort gewesen sein, aber die Mali-Tant steht lange vor der Broschüre, lehnt sich an meinen Arm, zieht meinen Kopf zu sicher herunter und sagt: Geh Mädi, hier haben meine Eltern Logis genommen, nach ihrer Hochzeit, damals im 13er Jahr und dann stehen wir beide vor der Broschüre und die Hände der Mali in meiner sind kalt. Das Hotel Eden, aber wie die Welt von Max Beckmann und der Mali aber gibt es schon lange nicht mehr. Dann gehen wir weiter, ich gehe noch einmal zurück, um ein Bild anzusehen auf dem ein Seiltänzer über ein Seil balanciert, unter dem Seil liegt ein Mann auf dem Boden. Er trägt ein rotes Trikot. Als ich zurückkomme, da steht der Tierarzt mit der Mali vor einem anderen Bild, Quappi und Max Beckmann haben sich in einem Fasching als Pferd verkleidet und vor dem Bild stehen der schmale Tierarzt, der nur noch Schatten ist, nur noch Augen und Haar, wie die Vögel vor Anbruch des Tages, und die zierliche Mali, 96 Jahre alt, sie legt ihm die Hand an den Rücken und sie hält ihn fest.

Lange sehe ich auf das Bild der beiden und durch sie das Bild von Max Beckmann und Mathilde von Kaulbach, seiner zweiten Frau und dieses Bild, die Hand der Mali auf dem Rücken des Tierarztes, das werde ich mitnehmen durch die Jahre, die kommen werden ohne sie.

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In der Bahn zurück in den südlichen Vorort der großen Stadt sind wir fast allein, eine Mutter mit ihrem Kind, und vier Russen. Sie trinken klaren Schnaps und einer der Männer beginnt erst mit schwerfälligen Bewegungen, dann aber mit schneller kreisenden Hüften eine Art trunkenen Lap dance an der silbernen Stange, langsam vor und zurück kreisen seine Hüften, seine Zunge schnalzt leckend und immer wieder nimmt er einen Schluck aus der Flasche. Es ist als habe eine Figur von Max Beckmann den Rahmen verlassen und führe nun mit uns durch die Lande, aber als der Mann sich kreiselnd an die Stange hängt, steigen wir aus, gehen zurück in den Wald, dort rauschen die Kiefer. Die Mali schläft, der Tierarzt macht Tee, ich lese ein Buch aus und dann sehen wir in die tropfenden Bäume hinaus und warten auf die Eule, die am späten Nachmittag in der Kiefer erwacht. Heiß ist der Tee an unseren Lippen, der Winter will nicht enden in diesem Jahr.

Die Stadt ist ein Schiff

Am Stadtrand ist der Himmel ein grauer Fluss. Schuhe, Schlüssel, die Tasche ist rot. Der Himmel ist ein Fluss. Feine Tropfen in den Haaren und im Gesicht. Ich fahre auf dem Meeresgrund, der Vorort ist eine versunkene Stadt, ein gelbes Licht in der Straße, hier liegt das Schiff noch im Hafen. Das Fahrrad fährt gut auf dem Meeresgrund. Es wunderte sich nicht, wenn die Fische neben ihm durch die Pfützen schwömmen. Es ist still auf dem Rad, auf der Straße, im Vorort, die Stadt auf dem Meer ist nur ein fernes Glucksen.

Die Treppe hat viele Stufen. Die Stufen sind nass, der graue Himmel, der ein Fluss ist führt von hier aus zum Meer. Das Schiff ist die Stadt, ein Koloss, das Schiff liegt schwer auf den Wellen. Die Wellen sind grau, angekettet ist das Schiff auf dem Meeresboden, der heute grau ist, grau wie das Meer an kalten Tagen. Vielleicht ist es auf dem Meeresgrund, wo niemals Licht ist, so sagt man, heute ein blauer Teppich ausgerollt. Die S-Bahn fährt über den Meeresgrund, ich lehne den Kopf gegen die Scheibe, die rote Tasche ist schwer, die Tannen sind keine Tannen mehr, sondern große und schwere Seegrasgewächse, ein umgestürzter Baum bei näherer Betrachtung ein Kalkriff, die Autos schnelle, kleine Unterseeboote, die S-Bahn, die Fähre zum alten Kahn. Der Himmel ist ein grauer Fluss.

Die S-Bahn wird voller. Eine Frau und ihre Söhne essen frittierten Fisch aus roten Pappen, die S-Bahn ist eine Fähre, die Fischfabriken der Stadt laufen auf Hochtouren, zwei Männer mir gegenüber wollen in ein Konzert, eine Premiere sagen sie. Die Männer haben alte Hände, sie können nur noch schwer aufstehen, die S-Bahn, die eine Fähre ist, schwankt über den grauen Wellen. Die Männer schwanken, fallen fast wieder zurück auf die Sitze. Wollen keine ausgestreckte Hand, sie wollen sich erinnern an die Nächte in denen sie jung waren und tanzten auf dem Schiff. Jede Premiere kann einmal die letzte sein, sagt der eine Mann zum Anderen. Der andere Mann sagt nichts. Dann stolpern die Männer in die Nacht hinaus. Der Himmel ist fast schwarz. In der Stadt endet der Fluss. Die Stadt ist ein Schiff, das Schiff liegt an einer langen Kette auf dem Meer, die Kette hat viele Ösen, die Kette zieht sich durch den Fluss, zieht sich bis an die Ränder der Stadt, vielleicht zieht die Kette sich noch viel weiter, das weiß ich nicht. Das Ende der Kette hat noch niemand gesehen.

Die schwere rote Tasche und ich wir wechseln, die Bahnen, der Bahnhof ist glitschig, der Bahnhof ist ein verrostetes Wrack, auf dem Boden liegen zerschlagene Flaschen, das Bier riecht süßlich und herb, fauliger Tanggeruch, ein Mann spuckt auf den Boden, ich balanciere vorsichtig über die Pfützen, die Spucke, den glitschigen Tang, der Bahnhof ist eine lange schon verlassene Mole. Von hier aus fährt keiner mehr nach Amerika, hier sind schon alle am Ende, halten sich fest am Schiff. Die Stadt ist ein Schiff. In der nächsten Bahn schält ein Mann eine Mandarine, die Schale fällt auf den Boden, ein kringelnder Seestern, bald wird auch er neben den Kaugummiblasen eingewachsen sein, in das Riff, das das Schiff umgibt sich durch die Kette frisst, die das Schiff hält. „Brauchen sie eine Tüte?“, frage ich den Mann, der die Mandarine schält. Der Mann starrt mich an, ein müder Segler vielleicht, bis er versteht, was ich meine mit der Tüte und den Schalen auf dem Boden. „Was bist denn du für eine?“, fragt er und klingt wie Ringelnatz. Dann aber springt er auf und rennt zur Tür, die Mandarine schmeißt er auf den Bahnhof, ich hebe die Schale auf, der Mülleimer auf dem Bahnhof ist voll, oben auf dem Müll liegt jetzt die Mandarinenschale, das Meer liest man in den Zeitung ist voller Plastikflaschen, das Schiff kann den Müll nicht mehr bei sich behalten, denke ich in jeder Nacht verliert das Schiff Flaschen, Scherben, Papierboxen mit den Resten vom Fisch in Asia-Sauce, vielleicht schwimmt bald auch die Mandarinenschale davon.

Der Himmel ist schwarz, je tiefer die Bahn in das Meer hineinfährt, um so dunkler und schwerer wogt auch das Schiff. In derr Bahn sitzt mir nun ein Paar gegenüber. Ein Mann, der etwas zu sagen hat, eine Frau, die sich auf den Mann verlässt. Sie sagt: „Ohne Dich stehe ich das nicht durch.“ Er sagt: „Ich werde für dich da sein.“ Sie seufzt. Er lacht. „Frauen brauchen einen richtigen Mann“, sagt er und sie sagt: „Du bist so ein starker Typ“ und dann öffnet er eine Flasche Bier und der Deckel springt von der Flasche auf sein Knie und dort bleibt es liegen, bis der Mann es mit der Fingerspitze wegschnippt, der Deckel dreht sich fällt auf den Boden, die Fähre hält an, der Mann und die Frau steigen aus und seine Hand liegt auf ihrem Po und breitbeinig wie ein Matrose am Kai zieht er die Frau hinter sich her und trinkt aus der Flasche und schon fährt die Bahn weiter, nur noch der Deckel auf dem Boden liegt, wo er hinfiel.

Ein Mann steigt ein, er wirft seine Zigarette unter der Tür hindurch kurz bevor die Türen schließen. Düdelüt macht die Fähre, das Schiff ist ganz nah, ein schwarzer Schatten schon, keine Möwen, der Mann sagt er heißt Dieter und wünscht den Passagieren eine wunderschöne Reise. Er sei vor dreieinhalb Wochen aus der Haft entlassen und jetzt sei er auf der Straße, etwas mit einem Amt habe nicht geklappt und dann hält er die Hände nach oben. Die Hände von Dieter sind schwarz und gerissen und ich krame nach Geld. Das Schiff ist die Stadt. Das Schiff hat tiefe Maschineräume, dunkle Gänge und wer erst einmal in den Maschinenräumen angekommen ist, ganz weit unten auf dem Grund des Schiffes, der findet nur schwer zurück an das Deck, wo die Frauen stehen in kurzen Kleidern, die Frauen sind schön, sie singen und Dieter starrt sie an und dann sieht er weg, seine schwarzen Hände, ich lege Geld in seine Hände und ich weiß nicht, ob das reicht für eine Nacht fern der Maschinenräume und Dieter ist schon wieder verschwunden, die Frauen lachen, sie rufen: „Was für ein Assi.“ Die Frauen wollen an Deck. Dann steige ich aus, die schwere rote Tasche und ich, die Treppen sind glitschig, ein Mann zieht sich am Geländer entlang, zwei Jungen rappen an der Ecke, ihre Stimmen sind gedämpft, eigentlich kommen nur Blasen aus ihrem Mund, die Fische singen ähnlich wie sie, das Radio ist zu laut für ihre Stimmen.

Am Bahnhof kaufen Touristen Drogen, die Drogen braucht man für die Party sagt ein Mann zu einem Anderen. Sie haben rosige Gesichter, sie wollen Drogen, aber erst noch etwas essen. Eine Grundlage schaffen. Sie kommen aus Landau, das sagen sie den Drogenhändlern, die wissen nicht wo Landau ist, auf dem Schiff kennt man sich besser nicht zu sehr, die Männer gehen vor mir die Straße hinunter. Sie sagen: Ey ist das geil hier, die Bahnen kommen alle fünf Minuten und das mit den Drogen voll easy und dann gehen sie zu einem Mexikaner und der Mann mit dem blauen Hemd über der Hose sagt: „Ey, das heißt „Los Banditos“ wie in Landau. Die Männer haben Heimat gefunden auf dem Schiff und ich gehe weiter, eine Frau wird von ihrer Freundin in einem Einkaufswagen geschoben, sie halten Sektflaschen in den Händen, aber dann rumpelt der Einkaufswagen gegen eine Bordsteinkante und die Frau heult auf: „Das tut voll weh, pass doch auf und die Freundin lässt sie einfach stehen und setzt sich auf den Bordstein und trinkt Sekt.

Das Schiff zieht seine Kreise durch die Nacht, zieht an der Kette und ich verschwinde in einem Haus und die rote Tasche wird leichter und Stunden später kehre ich zurück aus dem Haus in das Schiff, es ist spät und ich laufe auf dem Meeresgrund entlang, denn der Himmel ist das Meer und die Straße ist feucht und ich laufe an der Kette entlang an der Schiff zieht und wieder warte ich auf eine Bahn und die Bahn kommt und ein Mann kommt zu spät und will die Tür aufdrücken mit beiden Armen, aber das Schiff ist stärker als der Mann, der sich täuschen lässt von dem Bier und den Cocktails nur 3,90 Euro und die Tür drückt ihn weg und die Tür zerbricht seine Brille. Die Brille hätte auch seine Nase sein können, aber er schreit Scheiße und seine Frau fotografiert ihn und lacht: „Was für ein Idiot“, sagt sie und setzt sich hin und dann sagt sie: „Ich weiß nicht, wo ich hinfahren wollte, das weiß nur er.“ Aber er ruft Scheiße und die Bahn fährt durch das Schiff und das Schiff ist die Stadt.

Am Zoologischen Garten steige ich aus und auf dem Platz, der eine Mole ist, denn das Wasser, das der Himmel ist schwappt über uns hinweg und am Rand des Hafens, da erleichtert sich ein Mann, einer der Männer aus dem Maschinenraum des Schiffes, nämlich, so ist das auf dem Schiff und eine Gruppe von Frauen filmen den Mann, unter Gelächter und das Schiff an der Kette, dem fehlt der Steuermann vielleicht oder vielleicht hat das Schiff auch aufgehört zu zählen, wie viele es verliert in der Nacht, aber da in diesem Moment, da zerbricht etwas auf dem Schiff und ich rufe zu den Frauen hinüber: „Lassen Sie das. Lassen Sie den Mann in Ruhe“ und die Frauen kichern und schreien: „Da scheißt einer auf die Straße“ und ihr Lachen ist unbändig und das Schiff verschluckt ihren Lachen nicht, das Echo des Meeres reicht weiter als andere und der Mann verschwindet mit halb hochgezogenen Hosen und es ist spät und die Bahn fährt weit hinaus, schon rückt das Schiff ferner, einmal hält die Bahn noch auf dem Meeresgrund, ein Mann trinkt allein in einer Bar.

Ringelnatz vielleicht, ein Bruder, der kein Bruder ist, Ringelnatz, der das Schiff kannte, auch den Maschinenraum, manchmal weiß ich nicht, ob der Maschinenraum nicht näher ist, als wir glauben und ich frage mich öfter noch, wie viele über Bord gehen könne, ohne das wir es merken müssen und dann steige ich aus, der Himmel, der das Meer ist liegt schwarz auf den Stufen, eine schmale Kante zischen Fluss und Schiff und die lange, verrostete Kette die Kette wird dünner und schmaler durchgerieben ist sie schon fast, wo sie Hoffnung heißt mit der Verzweiflung berührt sie die Brücken zwischen dem Meer und dem Fluss und ich liege im Bett und ich höre das Rauschen und die knarrende Kette und die Stadt ist ein Schiff und der Himmel, der Fluss.

Wie die Sache mit Harry Breisacher, dem unfreiwilligen Privatermittler begann.(1)

Mit den letzten Sonnenstrahlen aber wandern der Tierarzt und ich um den kleinen See herum, der nicht mein Badesee ist, aber der Spaziersee im kleinen Ort am Rande der großen Stadt Berlin. Der Tierarzt reckt sich und seufzte der Sonne entgegen. „Mädchen ist das schön.“ Die Sonne funkelt, das Eis knackt, der Nöck gurgelt, ein Schwanenpaar tappt vorsichtig über das Eis. „Diese Idylle“ schwärmt der Tierarzt. Das ist Deutschland.“ Dann gehen wir weiter und der Tierarzt lobt den deutschen Wald, die deutsche Sonne und die deutsche Autobahn, denn die sieht man und hört man vom See aus. Aber die lobt der Tierarzt eher aus Versehen.

Ich räuspere mich und sage: „Ja, ja, das könnte man meinen, dass hier die Idylle zu Hause sei.“ Der Tierarzt sieht zu mir herüber: „Was meinst Du Mädchen?“ Na ja sage ich, weißt du im März 1923 geschah hier ein Mord am See.
Der Tierarzt bleibt stehen. „Ein Mord hier?“ Ja, sage ich am 20 März 1923 zog man hier eine Leiche aus dem Wasser.“ Der Tierarzt erschauert und sieht hinter die Bäume, ob nicht dort auch eine finstere Gestalt mit einem Revolver lauert. Aber da ist niemand außer den beiden Schwänen. „Hmm“, sage ich, dann kennst Du wahrscheinlich auch nicht Harry Breisacher, den berühmten, wenn auch unfreiwilligen Berliner Privatermittler, der den Fall schließlich aufklärte, wenn es auch etwas dauerte, denn Harry Breisacher war eigentlich Arzt in der Charité, unglücklich verliebt, das heißt unglücklich entlobt und ein schwerer Trinker.

Der Tierarzt murmelt: Harry Breisacher, Privatermittler. „Oh ja, sage ich,Bremischer war der wohl bekannteste jüdische Privatermittler.
Aber schon greife ich vor, denn alles beginnt ohne Harry Breisacher, denn der trinkt ja wie gewöhnlich und ist nicht zu Hause, als es bei der alten Witwe Oppermann am 21. März 1923 so gegen halb sechs Uhr Abend klingelt. Die Witwe Oppermann muss man wissen, war keine richtige Witwe, sondern eine gescheiterte Opernsängerin mit Liebhabern, die sie irgendwann aufhörte zu zählen. Einer hinterließ ihr eine Villa, im damals neu gegründeten Vorort von Berlin. Auch sein Tod sollte in einem anderen Zusammenhang Harry Breisacher noch einmal beschäftigen, aber für jetzt und heute genügt es erst einmal zu wissen, dass die Witwe Oppermann, Zimmer an Junggesellen vermietete und so wohnte seit Jänner 1919 auch der Friseurmeister Yossele Horowitz gebürtig aus Breslau bei ihr und eben auch Harry Breisacher. ( Zwei Zimmer im ersten Stock ). Die Polizei aber verlangte nicht nach Breisacher, sondern verhaftete den Friseur Yossele Horowitz wegen Mordes am Friseur Hans Hansen aus Hamburg, der wie Horowitz Teilnehmer des „Preisfrisierens um die Weltmeisterschaft“ war, die in jenem März vom Berliner Damenfriseur und Perückenmacherverein veranstaltet worden war. Zwei Teile hatte jener Wettbewerb über den in allen Zeitungen berichtet wurde und jeweils 80 Minuten hatten die Teilnehmer um die „modern-schönste“ und „ historisch-echteste Frisur“ zu kreieren. Zum Verhängnis wurde Yossele Horowitz, das jener Hans Hansen nicht nur einen nordischen Namen und eine Ehefrau namens Edda hatte, sondern vor allem, dass Hansen lautstark am Vortag mit Yossele Horowitz gestritten hatte. Es ging so sagten die befragten Friseure um Haarnandeln und ein Nest aus Federn. Horowitz habe Hansen des feigen Diebstahls bezichtigt und sieben Stunden später war Hansen mit der von ihm gefertigten Perücke abzüglich eines Federnestes wie es Marie Antoinette auf einer Feier zu Ehren des Hofmarschalls St. Pierre getragen hatte, auf dem Grunde des Sees gefunden worden. Ein heftiger Wind hatte ihn ans Ufer geschwemmt und der Zeitungsjunge, der auch bei den Villen am See die Runde machte, hatte so markerschütternd zu schreien begonnen, dass nicht einmal Kakao und Butterwecken ihn beruhigen konnten. Für die Berliner Kriminalpolizei war der Fall klar: Horowitz gegen Hansen: Der Wettstreit der Friseure hatte ein tödliches Ende gefunden. Das Mordmotiv war eindeutig und die Nähe des Wohnortes des Friseurs Yossele Horowitz und des Fundortes der Leiche sprachen Bände. Die Handschellen klickten und das letzte was die Witwe Oppenheimer von Yossele Horowitz hörte war ein verdutztes: Na nu.

Dies alles aber verpasste Harry Breisacher, denn Breisacher trank an jenem Abend und er trank nicht aus Vergnügen, sondern um sich zu betäuben, darauf kam es ihm an. Damals konnte man gut und schnell trinken in Berlin und Harry Breisacher kam erst viele Stunden nach der Verhaftung Yossele Horowitz nach Haus. „Pfui, wie Sie stinken“, rief die Witwe Oppenheimer und Breisacher seufzte. Die Witwe Oppenheimer nämlich nahm regen Anteil am Leben ihrer Mieter, aber diesmal hielt sie sich nicht weiter auf am verknitterten Anzug und den blutigen Augen von Harry Breisacher. Sie sagte: „Breisacher, sie haben den Horowitz abgeholt, wegen Mord!“ Die Witwe Oppenheimer machte ein Bühnengesicht, dass sie auch gemacht hatte als sie 1902 einmal eine sterbende Heldin mimte. Breisacher aber musste sich das Lachen verkneifen, denn die Witwe Oppenheimer erschauerte häufig heilig, wenn eine Katze von links kam, wenn der Briefträger die Rechnung für die Milch brachte und wenn die Tarotkarten etwas besonders Schreckliches weissagten. Eine höhere Milchrechnung zum Beispiel. „Von Anfang an“, sagte Breisacher also und die Witwe Oppenheimer begann noch einmal von der Verhaftung und dem Na nu Yossele Horowitz zu erzählen. Breisacher schüttelte den Kopf, nicht wegen des Na nu, sondern weil er zum ersten Mal vom Wettstreit der Friseure hörte und nur dunkel erinnerte er sich, das in den letzten Wochen die Witwe Oppenheimer tatsächlich mit noch alberneren Frisuren als sonst Staub vom Grammophon wischte. War das tatsächlich ein Vogelnest auf ihrem Kopf gewesen? „Haute Couture, Herr Dr Breisacher“ schnappte die Witwe beleidigt, die fand, dass die Frisuren sie um gut zehn Jahre verjüngt hatten.

Breisacher gähnte und zuckte mit den Schultern. „Die Polizei“, fing er an, aber die Witwe Oppenheimer fuhr empört zusammen: „Die Polizei?“ „Sie glauben doch nicht wirklich die Polizei will die Unschuld unseres guten Horowitz beweisen?“ Aber Breisacher hörte ihr schon nicht mehr zu, denn plötzlich erinnerte er sich doch an etwas, aber das sagte er der Witwe Oppenheimer nicht. Am Donnerstag nämlich hatte das Telefon geklingelt, ein altmodischer Apparat im Flur, der immer dann klingelte wenn Breisacher in die Klinik musste, oder der nur klingelte um ihn die Klinik zu rufen, aber am Donnerstag, da sagte eine Stimme am Telefon: „ Yossi? Ich bin es Hans.“ „Wer ist da?“, hatte Breisacher gefragt, aber die Stimme am Telefon war schon verschwunden und Breisacher hatte sich nichts weiter gedacht, war froh gewesen, einmal nicht wieder los zu müssen, diese ewigen Kopfschmerzen. Kopfschmerzen bekam Breisacher auch von der schrillen Erzählung der Witwe Oppenheimer und er sagte: „Genug Frau Oppenheimer, ich will mich einmal umhören.“ Die Witwe Oppenheimer aber kannte Harry Breisacher lange genug, um zu wissen, wann es Sinn hatte auf ihn einzureden und wann man besser schwieg. Sie schwieg also und dann war es still im Haus, nur die beiden Kanari im Käfig unten im grünen Salon pfiffen unverdrossen. Sie hießen Hinz und Kunz und auch sie sollten sich einmal als hilfreich beweisen, bei einem der Fälle, auf die der unfreiwillige Privatermittler Harry Breisacher stieß, der damals in Berlin lebte und dessen erster Fall, der Mord am Friseur Hans Hansen aus Hamburg war.

Schon schließe ich die Tür auf, der Tierarzt stolpert beinahe und sagt: „Und Mädchen, hat Breisacher den wahren Mörder gefunden?“ Ja sage ich, Breisacher hat früher oder später, die Dinge ans Licht gebracht. Eher später als früher, obwohl das vielleicht ungerecht ist, denn oft kam Breisacher etwas dazwischen, die Liebe, die Klinik, der Vater oder auch nur eine Flasche Scotch. Aber damals als Breisacher die Treppe hinauf ging, mehr Seemann als Doktor mit schweren Lidern, da erinnerte er sich jenes alten Reimes, den ihm seine Mutter, die eine Engländerin war einmal vorgelesen hatte, saß sie an seinem Bett: The butcher, the baker, the candlestick maker und daran erinnerte sich Breisacher nun an die Stimme seiner Mutter und den Kinderreim The butcher, the baker, the candlestick maker und wie passt da wohl Yossele Horowitz, der Friseur aus Breslau hinein?

Eisläufer viele Jahre nach Pieter Breughel

Ein sonniger Nachmittag ist es, trotz der klirrenden Kälte und der Mantel ist wattiert und dunkelblau und der Schal ist lila und ich kann ihn mir zweimal um den Hals wickeln und dann stehe ich am See, in dem ich das ganze Jahr schwimme. Aber jetzt ziehe ich die dicken gefütterten Stiefel nicht aus, sondern stehe am Rand des Wassers und da ist das Eis. Ein sonniger Freitagnachmittag ist es und dann ist mir als kippt die Welt ein bisschen und es ist nicht mehr 2018, sondern ich stehe an einem anderen Ufer, in einem anderen Land und neben mir sitzt der Maler Pieter Breughel und er sieht auf das Eis des Weilers Sint-Anna-Pede bei Bruxelles. Das Bild, dieses Jahres 1565 aber ist das Spiegelbild zum sonnigen Nachmittag am Rand von Berlin so viele Jahrhunderte später.

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Wirklich aber sind sie alle noch da, die Menschen seiner Bilder, sie gleiten über das Eis, sie tragenähnliche Mützen, sie lachen und jauchzen, sie rufen: „Vorsicht“, Obacht oder auch „Autsch“, ganz wie die Menschen die 1565 mit einer falschen Drehung auf dem Eis landeten und sich den Steiß rieben. Schon aber kommt ein anderer und zieht den Freund wieder hoch. Damals wie heute haben die Kinder rote Wangen-

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Ein Vater hat sich ein Seil um den Bauch gebunden und am Seil entlang zieht er das Kind über das Eis. Eine Mutter richtet ein schluchzendes Kind wieder auf, vielleicht kam ein Zweig zwischen die Kufen und schon schlug es hin. Zum Glück gibt es auch 2018 noch immer offene Arme. Ein Liebespaar hält sich bei den Händen und vielleicht sind sie  gerade erst vierzehn Tage zusammen und teilen sich später andächtig Kakao. Jetzt aber hält sie seine Hände, denn es ist klar, er holpert auf den Kufen während sie ganz andächtig, federleicht und schwungvoll über das Eis fährt, aber ihre Hände sind warm, denke ich mir und er lächelt mit roter Nasenspitze, der Frau zu, über die er jetzt schon mehr weiß, als er dachte und schon gleiten sie vorüber. Ihr roter Schal leuchtet noch lange und dann fahren zwei Mädchen vorüber mit schwarzen Ohrenschützern aus Plüsch und Glitzerjacken und eines der Mädchen hat eine Tasche mit Katzenohren. Selbst die Eishockeyjungs sind sehr beeindruckt. Einer von ihnen, fährt plötzlich ruckwärts, einen eleganten Bogen schlägt er, das sollen natürlich die Mädchen bemerken, aber schon stolpert er, schlittert auf dem Eis entlang, die Mädchen kichern, die Freunde grölen, er ist hochrot und ruft: „Na nun macht doch mal Tempo“ und schon ist der Puck wieder auf dem Eis und die Mädchen drehen sich doch noch einmal um.

Eine Mutter hat einen grünen Kinderwagen, ein Sportwagen und den Kinderwagen und sie trägt einen eleganten blauen Mantel. Vielleicht Jil Sander oder so und ihre Schlittschuhe erinnern eher an Anna Karenina, mit langen ausgreifenden Bewegungen aber schiebt sie das Kind über das Eis, schneller ist sie, selbst als die großen Männer, die doch mit Kraft über das Eis fahren, alle hängt sie ab, schon ist sie hinter einer Kurve gefunden, aus meinen Augenwinkeln fährt sie genau so schnell wie die Dame auf Pieter Breughels Bild. Neidisch sehen ihr diejenigen hinterher, die Kinder und Proviant auf Schlitten über das Eis ziehen, mühsam ist da, im Eis sind schon tiefe Rillen und die Kinder wollen natürlich kein Käsebrot sondern Kuchen. Ein anderer Mann älter schon ruft: „Hannelore!, Dir ist doch ganz kalt, sie stehen unter zwei Bäumen und haben keine Schlittschuhe dafür aber Schneeeisen unter die Füße geschnallt, aber jetzt gibt es Tee mit Schuss, der Mann holt nämlich einen kleinen silbernen Flachmann hervor und ruft: „Hannelore Du wirst gleich sehen!“ Hannelore pustet über den Tee und wärmt sich die Hände. Ihr Mann genehmigt sich noch einen Schluck. Diesmal ohne Tee.

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Ein Hund läuft auf das Eis, kläglich versagen seine Pfoten und verdattert schlittert er einem Kind hinterher, welches doch auch so gerne mit den Großen Eishockey spielen möchte, aber die Großen wollen nicht und so kickt es den Puck zum Hund, aber dem Hund ist das Eis unheimlich, er jault, bemauzt über die kalten Pfoten, aber zurück kommt er auch nicht und schließlich schleppt sein Herrchen ihn vom Eis. Mit finsterer Miene sitzt der Hund schließlich am Ufer. Auf einer Bank sitzen  zwei Jungs mit Musik, sie sind zu cool für das Eis und vielleicht können sie auch nicht Schlittschuh laufen und so sitzen sie ähnlich bedropst wie der Hund am Ufer, immerhin im Sonnenschein. Eine andere Gruppe hat keine Hockeyschläger, aber schon gibt es Holzstöcker und wieder nickt Pieter Breughel mir zu. Ich aber wandere weiter, am anderen Ufer ist es still, denn hier planschen die Enten und das Eis ist dünn und brüchig, der See ist nicht ganz zugefroren und immer wieder gleiten die Menschen auf dem Eis gefährlich nah an die Bruchkanten heran.

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Immer habe ich mir den Styx, der in die Unterwelt führt und auf dem Charon rudert so vorgestellt, als teilte jener Fluss, in die Welt mit festem Grund und jenen Teil ohne Boden und so gluckert das Wasser und in der Luft liegt das Geräusch der Kufen, die in weiten Bögen über das Eis gleiten. Vielleicht aber ist es auch der Nöck, der hämisch lachend mit den Fingerknöcheln gegen das Eis klappert, denn der Nöck sieht es nicht gern steigt man ihm zu sehr auf die Zehen und nicht zum ersten Mal hat der Nöck mit kalten Händen einen Hund, ein Kind oder einen Mann tief unter das -Eis gezogen. Aber dann erreiche ich nach einer dreiviertel Stunde wieder das Ufer an dem Pieter Breughel sitzen könnte, um die lachenden, verschwitzten, kreischenden Kinder, Eltern, Tanten und auch die ältere Damen einzufangen, die wagemutig wie vielleicht keiner mit zwei Krücken und Schlittschuhen auf das Eis geht und erst trippelnd, dann aber sicherer werdend davongleitet, ein Schwan unter vielen, zwei Männer haben Drachen aufgespannt, die sie über das Eis ziehen, dicht heran an das dunkel-dräuende Wasser. Noch einmal Glück gehabt und am Ufer sehe ich noch einmal Anna Karenina im blauen Mantel, die Sonne lacht golden und ein Mann vor mir da bin ich mir sicher, packt gerade sein Skizzenbuch ein, zwinkert mir zu. „Au Revoir Mademoiselle“ und in vielen Jahren wird in einem großen Museum ein Bild enthüllt. Ein später Pieter Breughel wird es dann heißen und die Szene ist diesmal der Schlachtensee am Rande der großen Stadt Berlin.

Ein fehlendes Bett

Immer ist die Müdigkeit schon da, wartet auf mich und in der S-Bahn zurück in den südlichen Vorort der großen Stadt Berlin, da legt die Müdigkeit ihre Arme um mich. Die Müdigkeit ist ein Schal aus undurchdringlicher Wolle. Auf dem Bahnsteig gefriert der Atem, die Männer trinken Bier, die Frauen trinken aus kleinen Flaschen mit grünem Verschluss. Die Frauen und Männer sind nicht müde, sie wollen etwas erleben, die Nacht fängt doch gerade erst, halb eins ist, die Müdigkeit drückt sich mir in die Rippen. Auf der anderen Seite, mir gegenüber sitzt eine Frau. Älter schon, vielleicht Ende Fünfzig, neben ihr steht ein Paar roter Lackschuh. Billige Schuhe, das sieht man auch von weitem, der rote Bezug hat Risse, die Hacken sind abgetreten, die Riemen mit Tesa-Film geflickt. Es ist zu kalt für rote Schuhe, denke ich mir und wieder steigen Leute aus. Die Frau hat dunkelrot gefärbtes Haar, aber das stimmt nicht, die Frau hatte einmal dunkelrotes Haar, die Farbe ist lange schon herausgewachsen, nur ein paar Strähnen sind noch dunkelrot. Die Frau trägt einen Mantel, aber den zieht sie aus, sie trägt eine Strickjacke aus Wolle, die vielleicht einmal weiß war, vor ein paar Jahren in einem anderen Leben, jetzt ist die Strickjacke fleckig und grau. Die Frau seufzt, die S-Bahn fährt durch die Nacht, die Frau massiert sich ihre Zehen, vorsichtig reibt sie sich über die Ballen, vielleicht ist das Paar Socken an den Füßen das letzte Paar Socken, welches sie hat, dann kramt sie in einer Tasche, eine kleine Reisetasche, nicht viel größer als eine Tasche in die man Schuhe, ein Handtuch und ein neues T-Shirt wirft, geht man zum Sport.

Aber die Frau mir gegenüber, hat nur noch diese Tasche und vielleicht irgendwo noch einen Koffer. Sie zieht sich ein Paar Schlafanzughosen über die Leggins. Die Frau trägt ein Kleid unter dem Mantel und jetzt trägt sie Schlafanzughosen über den Leggins. Kleine Bären mit einem roten Herz sind dort draufgedruckt und der Bär hat ein Pflaster über dem Ohr. Dann wühlt die Frau noch einmal in ihrer Tasche und zieht ein paar Bettpuschen hervor, auch sie waren einmal rosa oder pink, jetzt sind sie grau und dann legt die Frau sich über die Sitze, streckt sich aus, schüttelt den Mantel auf, als sei er ein Deckbett, schüttelt ihn auf so gut sie kann, sie langt nach einem Pullover in ihrer Tasche, faltet ihn in ein Quadrat, jetzt ist er kein Pullover mehr, sondern ein Kissen,sie murmelt etwas, was ich nicht hören kann: „Lieber G*tt mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm“, sagten die Kinder, mit gefalteten Händen, vielleicht erinnert sie sich daran noch, das weiß ich nicht, meine Großmutter legte mir die Hand auf die Stirn als ich ein Kind war, ich fürchtete mich vor Frau Holle, die im Himmel, die Kissenbezüge aufschüttelte, deren Bettdecken so schwer waren, dass es schneite, klopfte sie nur heftig genug. Selbst der Mond mein alter Freund, fürchtete sich vor Frau Holle und dem Zorn ihrer Nächte.

Es ist kalt draußen, das Thermometer, auf dem Balkon, das sehe ich nach, später Zu Hause auf dem Balkon, es zeigt minus 8 Grad, aber vielleicht sagt die Frau auch jemanden Gute Nacht, den es nicht mehr gibt, oder nur noch in Gedanken, dann schläft sie ein und die S-Bahn fährt durch die Nacht und ich sehe nur noch ihre Beine, die über dem Sitz hängen, die Beine in den Schlafanzughosen mit den Bären und den Herzen.

Sie schläft, unter dem Mantel, der keine Decke ist, auf zwei Sitzen, die kein Bett sind, in einer S-Bahn, die eine Endstation hat und ich weiß nicht, ob die Frau dann aufwacht, ob ein Bahnmitarbeiter kontrolliert, ob alle Fahrgäste ausgestiegen sind, ob sie auf einen anderen Zug wartet, in dem sie sich wieder ein Bett macht, ob Betrunkene sie anrempeln, ob eine Hand nach ihrer Tasche greift, und dann sehe ich noch einmal auf ihre Schuhe, rote Lackschuhe aus Plastik oder so, keine Schuhe für eine kalte Nacht. Ich lege sieben Euro in ihre Tasche, ich weiß nicht, ob sieben Euro einem helfen in der Nacht, lege das Geld ganz vorsichtig in die Tasche.Schlafende soll man nicht stören, aber ich bin beschämt, Frau Holle aber lässt keine Daunen vom Himmel fallen, der kleine Häwelmann steht nicht mit seinem Bett am Bahnhof, da wie man sich bettet so liegt man, ist ein deutsches Sprichwort, es verheißt nichts Gutes.

Die S-Bahn hält an, ich steige aus, die Frau schläft, es ist dunkel, hier leuchtet die Stadt nicht, die Häuser sind dunkel, auf meinem Bett liegt eine dunkle Decke, es ist kalt und ich kann nicht schlafen, die Müdigkeit ist ein graues Tuch. 52.000 Menschen habe ich neulich gelesen, leben in Deutschland auf der Straße, eine Frau liegt in der S7 und schläft, für zwanzig Minuten vielleicht, ich sehe auf den Wecker, viertel nach eins, zeigt die Uhr, ich sehe die Frau und die Nacht ist dunkel und kalt.Die Frau hat kein Bett.